Neustart in Antiochia

Apostelgeschichte  11, 19 – 30

19 Die aber zerstreut waren wegen der Verfolgung, die sich wegen Stephanus erhob, gingen bis nach Phönizien und Zypern und Antiochia und verkündigten das Wort niemandem als allein den Juden.

                    Lukas greift in seiner Schilderung zurück auf vorher Erzähltes. Seit der Steinigung des Stephanus waren Glieder der Jerusalemer Gemeinde unterwegs – in Phönizien und Zypern und bis nach Antiochia. Nicht freiwillig, auch nicht aus missionarischem Eifer für die Sache, sondern  zerstreut wegen der Verfolgung Sie können nicht schweigen von dem, was sie als Glauben neu entdeckt haben.

Sie „redeten das Wort“ – so könnte man λαλοντες τν λγον wiedergeben. Die ganze Wendung fällt mir auf. Es scheint so, dass die Wendung das Wort schon etwas von einer vorläufigen Definition des Inhaltes christlicher Vorkündigung in sich trägt. Was da weitergegeben wird, ist eben das Wort. Mag sein, hier wirkt schon ein Anklang zu der Art, wie im  Johannes-Evangelium das Wort gebraucht wird. Gleichzeitig aber hat λαλέω  – „lallen, schwatzen, reden, lehren, anweisen“(Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul-u.-Handwörterbuch; München 1957, S. 464) noch nicht die religiöse Färbung wie das Wort verkündigen. Es kann also sein, hier schwingt für die Leser noch das Urteil der ungläubigen Zuhörer mit: das ist doch alles nur schwatzen, nur dummes Zeug lallen.

 Diese wandernden Jerusalemer verstehen sich noch nicht als Missionare in der Heidenwelt. Sie halten sich an „ihre Leute“, sie  verkündigten das Wort niemandem als allein den Juden. Die Verkündigung ist an Israel gerichtet, weil Jesu der Messias Israels ist. „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“( Matthäus 15,24) Auf dieses Wort Jesu könnten sie sich berufen. Es ist ein Herrenwort, das sie leitet.

 20 Es waren aber einige unter ihnen, Männer aus Zypern und Kyrene, die kamen nach Antiochia und redeten auch zu den Griechen und predigten das Evangelium vom Herrn Jesus. 21 Und die Hand des Herrn war mit ihnen und eine große Zahl wurde gläubig und bekehrte sich zum Herrn.

           Aber schreibt Lukas. Es gibt auch Andere. Es gibt Abweichler von dieser Linie, die bis dahin auch die Gemeinde in Jerusalem eingehalten hatten, Männer aus Zypern und Kyrene, Leute, die selbst aus der Diaspora kommen, selbst Hellenisten sind, so wie die sieben Diakone um Stephanus und Philippus. Vielleicht hat die größere Offenheit für die Griechen genau damit zu tun. Sie gehen nicht nur in die Synagogen, sie gehen auch zu den Griechen. Sie haben eine eindeutige Botschaft, sie predigten das Evangelium vom Herrn Jesus. Nicht irgendetwas, nicht Freiheit vom jüdischen Gesetz, nicht die Überlegenheit des Monotheismus – der Herr Jesus steht in der Mitte. Erstaunlich: Sie finden offene Ohren. Die Begründung ist schlicht: Die Hand des Herrn war mit ihnen. Das heißt doch: Gott selbst öffnet und bestätigt diesen Weg.  Die offenen Ohren und Herzen sind das Werk Gottes, nicht die Folge ihrer Rede- und Rednerkunst.

Was in dem großen Bericht über den Weg des Petrus zu Kornelius schon sichtbar wird, das ereignet sich hier sozusagen unter der Hand. In der Sprache von heute: es sind Leute, die aus dem Milieu kommen, das sie mit ihrer Botschaft ansprechen. Weil sie selbst so denken wie ihre Gesprächspartner, deshalb können sie die Griechen erreichen. Ihr „Erfolg“ kommt nicht von ungefähr. Gott bedient sich ihrer, um eine Brücke zu den Griechen zu schlagen.

Auch das mag eine Rolle spielen. Antiochia ist eine Riesen-Stadt, die drittgrößte der Zeit damals. „Das Evangelium kommt in die Weltstadt.“ (O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 153) Offen für viele Einflüsse. „Auf den Straßen ein buntes Völkergemisch, ohne Bodenständigkeit, ohne Verwurzelung in eine feste Tradition“  (O. Dibelius, ebda.) In Städten kann eine neue Bewegung leichter Fuß fassen als auf dem Land.  

             Man wagt es ja kaum zu denken, aber die neue Glaubensbewegung ist eher ein städtisches als ein ländliches Phänomen. Wobei selbst eine große Zahl darf nicht dazu verführen zu denken: Antiochia sei jetzt eine christliche Stadt geworden.  

Ich erlaube mir einen gedanklichen Ausflug ins Heute. Wer Menschen erreichen will, muss ihre Sprache sprechen – und muss dazu ihr Leben teilen. Milieu-Grenzen werden nicht so überwunden, dass man sich eine Sonnenbrille aufsetzt, seine Frisur ändert, Lederklamotten anzieht und eine vermeintlich coole Sprache einübt. Wer ein Milieu erreichen will, wird das nur tun, wenn er selbst in diesem Milieu „heimisch“ wird oder heimisch ist. Alles andere ist zu kurz gedacht, auch wenn es strategisch noch so gut eingefädelt erscheint.

Es gibt eine innere Grenze der Glaubwürdigkeit für den Satz des Paulus: „Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin -, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne.“ (1.Korinther 9,20) Diese Grenze ist das eigene Leben. Es redet lauter als alle missionarischen Anpassungsstrategien.

 22 Es kam aber die Kunde davon der Gemeinde von Jerusalem zu Ohren; und sie sandten Barnabas, dass er nach Antiochia ginge. 23 Als dieser dort hingekommen war und die Gnade Gottes sah, wurde er froh und ermahnte sie alle, mit festem Herzen an dem Herrn zu bleiben;24 denn er war ein bewährter Mann, voll Heiligen Geistes und Glaubens. Und viel Volk wurde für den Herrn gewonnen.

                  Was in Antiochia entstanden ist, spricht sich bis nach Jerusalem herum. Barnabas wird geschickt, um sich ein Bild von den Ereignissen zu machen. Er ist einer, der das Vertrauen der „Kirchenleitung“ in Jerusalem hat. Wer sind die sie? Die Apostel? Die Säulen in Jerusalem? Fragen, die sich stellen, die Lukas aber nicht beantwortet. Und noch eine Frage: Steckt Misstrauen hinter dem Satz: Sie sandten Barnabas. Wird Barnabas als Visitator gesandt, der auf die richtige Linie achten soll? Soll er anschließend Bericht erstatten, damit man in Jerusalem weiß, was zu tun ist?

                 So kann man denken, wenn man die Jerusalemer Gemeinde milieu-verengt und juden-christlich festgelegt denkt. Es kann aber auch anders sein. Barnabas, das hatte sich schon gezeigt, als er Saulus zu den Aposteln brachte, ist einer, der ein weites Herz hat. Einer, der positiv denkt, sich freuen kann an dem, das es mit dem Evangelium vorwärts geht, unabhängig davon, ob es alten Regeln folgt. Dann wäre gerade seine Sendung ein Zeichen der Apostel: Wir trauen euch.

Barnabas sieht die Gnade Gottes und wird froh. Hier gibt es ein Wortspiel im griechischen, das auf Deutsch nicht wiederzugeben ist. Χάρις, Charis, die Gnade und εχάρη, er wurde froh, hängen vom Wortstamm her unmittelbar zusammen. Aus dieser Freude am Handeln Gottes kommt dann auch sein Ermahnen, sein Ermutigen. So lässt sich das entsprechende griechische Wort auch übersetzen.

Barnabas ist eine der zentralen Figuren in diesem Geschehen. Der „Visitator“ aus Jerusalem stammt aus Zypern. Er ist auch materiell großzügig, freigiebig (4,37) Er ist nicht eng, sondern weit, nicht ängstlich, sondern gelassen, nicht auf die eigene Bedeutung bedacht, sondern einer, der andere stärkt. Es ist eben nicht der warnend erhobene Zeigefinger, der Barnabas kennzeichnet, sondern die Fähigkeit, Rückenwind zu geben. Wertschätzen können. Ermutigen. Bestärken. Darin zeigt sich, dass Barnabas ein bewährter Mann, voll Heiligen Geistes und Glaubens ist. Er macht seinem Namen „Sohn des Trostes“ (4,36) alle Ehre. Ein Glücksfall für die Gemeinde. Eine Gabe Gottes.   

Ganz nebenbei: was hier erzählt wird, stellt gewohnte Bilder bei uns in Frage. Wir sind gewöhnt, Paulus als den „Erfinder“ der Heidenmission zu sehen. Er ist der große Grenzüberschreiter, über das Judentum hinaus, hin zu den Heiden. Hier entsteht ein anderes Bild: die Gemeinde in Antiochia, die für Saulus zur Trägergemeinde werden wird, ist schon vor ihm eine Gemeinde aus Juden und Griechen. Saulus, so gesehen, eben nicht der erste, der Erfinder. Er ist nur der, der diesen Weg zu den Griechen, den Heiden als ein Grundsatzprogramm verankert. Der diesen Weg aus der Zufälligkeit herausführt in die sachliche Notwendigkeit, die sich aus dem Evangelium ergibt.

Nur so wird man dem Evangelium von Jesus Christus gerecht, wenn man es als Botschaft für alle versteht und weitergibt. Wer es auf die eigen Gruppe beschränkt und einengt, auf das eigene Milieu, auf die eigene Nation, Rasse, das eigene Geschlecht, wer daraus ein Exklusiv-Rechtmacht, der verfälscht es  – und verliert es damit. Ob ich, das schon wirklich in der Tiefe meines Herzens verstanden habe? Ob wir, Kirchen auf dem Rückzug aus der Volkskirchlichkeit diese grundsätzliche Ausrichtung schon verstanden und verinnerlicht haben: wir haben ein „Bringschuld“(C.H.Ratschow) allen gegenüber und nicht nur denen gegenüber, die noch kommen.  Wir werden das Evangelium nicht anders „behalten“ als im Weitergeben an alle.

  25 Barnabas aber zog aus nach Tarsus, Saulus zu suchen. 26 Und als er ihn fand, brachte er ihn nach Antiochia.

                    Eine lapidare Festellung: Barnabas aber zog aus nach Tarsus, Saulus zu suchen, die aber bei mir Fragen auslöst. Warum sucht Barnabas Saulus? Ich versuche es mit Begründungen: Eine könnte sein: Er braucht fähige Mitarbeiter. Er erinnert sich beeindruckt an das, was er in Jerusalem mit Saulus erlebt hat, wieder in Damaskus aufgetreten war. Er hat Gespür für „junge Talente“. Das sind gute Erklärungen. Menschlich einleuchtend. So würden wir heute denken.

Aber es geht auch anders. Hinter diesem Suchen des Barnabas steckt der Herr, auch wenn er nicht ausdrücklich benannt wird. Das auserwählte Werkzeug Gottes kann auf die Dauer nicht in Tarsus bleiben. „Hier, in Antiochien ist für diesen Man der Platz, der ihm von Gott bestimmt ist.“(O. Dibelius, aaO.; S.156) Wenigstens vorläufig. So gehen sie nach Antiochia. Das ist der Ort mit der Öffnung. Das ist die „progressive Gemeinde“.

 Und sie blieben ein ganzes Jahr bei der Gemeinde und lehrten viele. In Antiochia wurden die Jünger zuerst Christen genannt.

                    Der erste Auftritt des Saulus erfolgt an der Seite des Barnabas: Sie sind in einer Art Zweierschaft Lehrer in der Gemeinde. Hinter ihrem langen Aufenthalt in Antiochia steckt der Wille Gottes – im Griechischen angedeutet durch das Wort  γνετο, es begab sich, das bei Lukas ganz oft das unauffällige Einwirken Gottes in die Geschichte signalisiert. Leider wird das in den meisten deutschen Übersetzungen nicht sichtbar. Ausnahme: „So ergab es sich“ (J.Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S.176) So ähnlich auch die Schlachter-Bibel und die Elberfelder Übersetzung. „Dass die beiden sogar (καί) ein ganzes Jahr in der antiochenischen Gemeinde als Lehrer zusammenwirkten, wird als eine besondere Fügung bezeichnet, als ein besonders Gnadenjahr der Gemeinde.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  S. 353) In dieser Zeit kommt ein Name für die Leute auf, die sich zur Gemeinde halten. Christen. Χριστιανούς. Der Name kommt wohl daher, dass sie dauernd von Jesus als dem Christus reden. Es ist eine Bezeichnung von außen, nicht eine Selbstbezeichnung.

 27 In diesen Tagen kamen Propheten von Jerusalem nach Antiochia. 28 Und einer von ihnen mit Namen Agabus trat auf und sagte durch den Geist eine große Hungersnot voraus, die über den ganzen Erdkreis kommen sollte; dies geschah unter dem Kaiser Klaudius. 29 Aber unter den Jüngern beschloss ein jeder, nach seinem Vermögen den Brüdern, die in Judäa wohnten, eine Gabe zu senden.

            Es ist nicht sonderlich aufregend, dass Propheten von Jerusalem nach Antiochia kommen.  Es gibt Propheten in der Urgemeinde. Wohl nicht nur in Jerusalem Paulus rechnet wie selbstverständlich mit der prophetischen Gabe. Einer von ihnen, Agabus, kündigt eine Hungersnot an. Unter Kaiser Klaudius, das wissen wir aus römischen Quellen, gab es in den Jahren 46- 48 n. Chr. mehrere Hungersnöte.

Diese angekündigte Hungersnot löst einen Gemeindebeschluss aus. Es sind nicht Einzelne, die sich verantwortlich fühlen. Es ist die Gemeinde, die eine Kollekte für Jerusalem sammelt! Dahinter steht der Gedanke: Wir hängen aneinander. Wir sind füreinander verantwortlich. „Wenn “ein” Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“(1. Korinther 12,26) Das gilt nicht nur Gemeinde-intern. Das gilt auch für die Gemeinden untereinander. – gilt auch für Gemeinden!  Alle beteiligen sich, jeder nach seinen Möglichkeiten.

30 Das taten sie auch und schickten sie zu den Ältesten durch Barnabas und Saulus.

Der Beschluss wird ausgeführt. Ob es sich bei dieser Kollekte schon um einen frühen Vorläufer der Kollekte handelt, für die Paulus später unter anderem in Korinth eindringlich wirbt (2. Korinther 8-9), ist nicht klar. Als Überbringer der Kollekte werden Barnabas und Saulus ausgewählt. Sie sind  Vertrauensleute, auch, was die Finanzen angeht.

Ich erinnere mich – ein wenig amüsiert – an meine Anfangszeit als Pfarrer. Einer unserer Kirchenvorsteher, im Alltagsleben Bankdirektor, hat über mich den schönen Satz gesagt. „Predigen kann er ja. Ob er auch mit Geld umgehen kann, wird sich zeigen müssen.“ Es ist ein Ding, sich den Worten eines Menschen anzuvertrauen und ein anderes, ihm Geld anzuvertrauen. Saulus wird auch Geld anvertraut.

 

Herr Jesus, Du gibst alles, was es dafür braucht, dass Deine Gemeinde Menschen erreicht mit dem Evangelium.

Du gibst Deinen Geist. Du wählst Menschen als Zeugen. Du öffnest Ohren. Du erreichst Herzen. Du bereitest die vor, die die Botschaft von Dir hören. Du schließt Herzen auf, so dass neuer Glaube entsteht

All das hast Du damals getan und willst es heute wieder tun bei uns, durch uns.  Gib, dass wir Dir unser Leben öffnen, so dass Du uns gebrauchen kannst. Amen