Gottes Handeln klärt

Apostelgeschichte  11, 1 – 18

 1 Es kam aber den Aposteln und Brüdern in Judäa zu Ohren, dass auch die Heiden Gottes Wort angenommen hatten.

          Es hat schon einen merkwürdigen Klang, wie hier formuliert ist. Es hat sich herum gesprochen. Es ist den Leuten in Jerusalem zugetragen worden, den Aposteln und Brüdern in Judäa. Sie wurden informiert. Es klingt alles sehr reserviert. Denn mit diesem Geschehen stellt sich eine Grundsatzfrage: „Das Grundprolem der jungen Kirche meldet sich an: Was wird aus „Israel“, was ist mit dem „Alten Bund“ und mit dem „Gesetz“, wenn Heiden ohne eschneidung gleichberechtigte Gliederder Messiasgemeinde werden können?“(W. de Boor Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1965, S.209)Einzelfälle sind Einzelfälle – aber hier haben sie es nicht mehr mit Einzelnen zu tun – die Heiden haben das Wort Gottes angenommen. 

  2 Und als Petrus hinaufkam nach Jerusalem, stritten die gläubig gewordenen Juden mit ihm 3 und sprachen: Du bist zu Männern gegangen, die nicht Juden sind, und hast mit ihnen gegessen!

                  So wie der Einleitungssatz ist dann auch die Reaktion, als Petrus zurückkehrt. Es gibt Streit. Es kommt zu Vorhaltungen. Du hast dich mit Heiden eingelassen! Unter ein Dach und an einen Tisch. Merkwürdig: Die Tischgemeinschaft wird hervorgehoben, nicht die Taufe. Durch sie hat sich Petrus verunreinigt. „Ein Dienst am Evangelium, der zu solchen von Gott verbotenen Handlungen führt, kann nicht dem Willen Gottes entsprechen!“(J.Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S.175) Wissen sie das nicht, dass die Heiden getauft worden sind oder spielt es keine Rolle für die in Jerusalem? Es scheint nur zu zählen, dass Petrus mit ihnen gegessen hat. Ist das der Grund? Die Taufe ist nur Kultus, das Essen Lebensalltag.

Die so mit ihm streiten, sind gläubig gewordene Juden. Sie glauben an den Herrn Jesus als den Messias Israels. Aber sie sehen (noch) nicht, dass er der Herr über alle (10,36) ist. Sie hängen fest in der Exklusivität der Erwählung Israels. Und sie halten fest an der Unterscheidung rein – unrein. Sie sind wie Petrus vor seiner Reise nach Lydda, Joppe und Cäsarea. Petrus steht in ihnen seiner eigenen Vergangenheit gegenüber.                          

 4 Petrus aber fing an und erzählte es ihnen der Reihe nach und sprach: 5 Ich war in der Stadt Joppe im Gebet und geriet in Verzückung und hatte eine Erscheinung; ich sah etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen vom Himmel; das kam bis zu mir. 6 Als ich hineinsah, erblickte ich vierfüßige Tiere der Erde und wilde Tiere und kriechende Tiere und Vögel des Himmels. 7 Ich hörte aber auch eine Stimme, die sprach zu mir: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! 8 Ich aber sprach: O nein, Herr; denn es ist nie etwas Verbotenes oder Unreines in meinen Mund gekommen. 9 Aber die Stimme antwortete zum zweiten Mal vom Himmel: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. 10 Das geschah aber dreimal; und alles wurde wieder gen Himmel hinaufgezogen.

           Die Antwort des Petrus ist keine Verteidigungsrede im Stil: Was werft ihr mir vor. Die Antwort ist Erzählen. So erzählt er ihnen seine Vision in Joppe. Er erzählt von dem Gesicht, das er hatte, von dem Tuch mit dem Getier. Und er kann gewiss sein, als er erzählt, wie er sich weigert: O nein, Herr; denn es ist nie etwas Verbotenes oder Unreines in meinen Mund gekommen. da hat er sie alle auf seiner Seite. Das hätten sie auch so gemacht. Und als sie den Satz der Stimme hören aus seinem Mund: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. zucken sie innerlich zusammen. Wie kann eine Himmelstimme so etwas verlangen. Und es fragt in ihnen wie es in Petrus fragte: Was soll das?

 11 Und siehe, auf einmal standen drei Männer vor dem Hause, in dem wir waren, von Cäsarea zu mir gesandt. 12 Der Geist aber sprach zu mir, ich solle mit ihnen gehen und nicht zweifeln. Es kamen aber mit mir auch diese sechs Brüder und wir gingen in das Haus des Mannes. 13 Der berichtete uns, wie er den Engel in seinem Haus gesehen habe, der zu ihm sagte: Sende Männer nach Joppe und lass holen Simon, mit dem Beinamen Petrus;14 der wird dir die Botschaft sagen, durch die du selig wirst und dein ganzes Haus.

                      Petrus erzählt weiter. Der Geist, gemeint ist deutlich der Geist Gottes, hat mich mit ihnen gesandt. Und Petrus war nicht alleine auf diesem Weg. Es war kein Alleingang. Sechs Brüder sind mitgegangen, sind Zeugen dieses Geschehens. Sie sind gerufen worden, weil der, der sie hat rufen lassen, durch einen Engel den Auftrag dazu hatte – und eine Verheißung: Der wird dir die Botschaft sagen, durch die du selig wirst und dein ganzes Haus. Kurz: Petrus hat es mit einem Auftrag Gottes zu tun. Ihm musste er folgen, denn „das Handeln Gottes war absolut zwingend und übermächtig, es kam jeder menschlichen Initiative zuvor.“ (J. Roloff, ebda.)

             Der Name des Kornelius wird nicht genannt, dass er Hauptmann ist, wird nicht gesagt. Es zählt nicht. Es zählt nur: Ein Engel hat ihm gesagt, was geschehen wird. Die Hinweise auf  den Geist und auf den Engel bezwecken nur eines: Es ist nicht Petrus, der sich diesen Weg erdacht hat. Es ist, Schritt für Schritt, ein Weg, auf dem Gott die Führung übernommen hat. Wenn die Kritik der Jerusalemer einen trifft, dann diesen so führenden Herrn! Sie kritisieren Gott.

 15 Als ich aber anfing zu reden, fiel der Heilige Geist auf sie ebenso wie am Anfang auf uns. 16 Da dachte ich an das Wort des Herrn, als er sagte: Johannes hat mit Wasser getauft; ihr aber sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden.

           Nach seiner Erzählung kommt Petrus nicht weit mit seiner Predigt. Kaum hat er angefangen, schon sendet Gott seinen Geist. Und nun greift der Jünger zurück in seine Erinnerung, greift zurück auf ein Wort Jesu. „Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen.“ (1,5) Es ist ein Herrenwort aus der letzten Stunde, dem er sich anvertraut hat.

Die junge Christenheit hat in Fragen, in denen sie Orientierung suchte, immer wieder genau so gefragt. Gibt es ein Wort Jesu zu der Sache? Was hat Jesus dazu gesagt? Paulus unterscheidet zum Beispiel sehr deutlich. „Über die Jungfrauen habe ich kein Gebot des Herrn; ich sage aber meine Meinung als einer, der durch die Barmherzigkeit des Herrn Vertrauen verdient.“(1. Korinther 7,25) Es ist für die erste Gemeinde eine wesentliche Unterscheidung, ob einer seine Glaubens-Überzeugung ins Feld führt oder ob es ein Wort, ein Gebot des Herrn gibt. Petrus ist sich sicher: Ich habe nach dem Wort des auferstandenen Herrn gehandelt.

17 Wenn nun Gott ihnen die gleiche Gabe gegeben hat wie auch uns, die wir zum Glauben gekommen sind an den Herrn Jesus Christus: wer war ich, dass ich Gott wehren konnte?

           Dazu kommt noch das Andere. Gott hat doch durch die gleiche Gabe wie an die Gemeinde an Pfingsten eindeutig seinen Willen kundgetan. Die Gabe – δωρεά – ist Geschenk, und Ehre. An die Heiden in der gleichen Weise wie an Pfingsten gegeben. Geschenkt und darin ihnen Ehre Gottes. Das Wort des Herrn Jesus hat sich an den Heiden erfüllt. Es ist, so hat man das ja auch dann gerne genannt, das „Pfingsten der Heiden“, das Petrus miterlebt hat. Auvh nut zu versuchen, sich hier zu verweigern, „wäre ein Akt menschlicher Selbstbehauptung gegen Gott und damit Ungehorsam gegen den Auftrag des Apostels gewesen.“(J. Roloff, aaO.; S.176)

Ist Petrus der, der sagt: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (5,29), so gilt ihm dieser Satz auch den Satzungen gegenüber, auch den Forderungen derer gegenüber, die ihn kritisieren für seinen Weg zu den Heiden.

18 Als sie das hörten, schwiegen sie still und lobten Gott und sprachen: So hat Gott auch den Heiden die Umkehr gegeben, die zum Leben führt!

               „Die Kritik kommt zur Ruhe. An ihre Stelle tritt die Anerkennung und Bejahung der neuen Ordnung. Das Gotteslob signiert den positiven Ausgang.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 148) So friedlich sieht ein Kommentar diesen Schluss. Ein anderer Kommentar, geschrieben von einem in unzähligen Synodal-Debatten erprobten Kirchenführer ist skeptischer: „Im Fall Cornelius ist die große, grundsätzliche Entscheidung zum ersten Mal gefallen. Sie ist gefallen, sozusagen von außen her, durch ein Gebot Gottes, das alle Widerrede niederschlug. Aber das innere Widerstreben ist geblieben. So musste die Entscheidung immer von neuem vollzogen werden.“ (O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 151)

                     Und der gleiche Autor schreibt: „Entscheidungen dieser Art fallen niemals so, dass durch ein einziges Ereignis oder durch einen einzigen Beschluss ein für alle Mal reiner Tisch gemacht wäre…. Auch die feierlichsten Entscheidungen führen nur zu immer neuen Kämpfen, wenn sie nicht innerlich bejaht – in der gelehrten Sprache unserer Zeit würde man sagen: wenn sie nicht ständig „integriert“, also innerlich stets von Neuem vollzogen werden.“ (O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 151)

           Es ist eine der Auseinandersetzungen, die ich staunend wahrnehme, weil sie mit einer großen geistlichen Kraft geführt worden sind. Wenn die Annahmen der Exegeten zur Entstehung der Evangelien richtig sind, die ja fast alle auf eine Zeit nach 70 n. Chr. als Abfassungszeit hinzielen, dann wird deutlich: Diese Streitfrage ist über den Zeitraum von weit über 20 Jahren offen gehalten worden. Die unterschiedlichen Positionen mussten sich gegenseitig aushalten, geschwisterlich annehmen, um beieinander bleiben zu können. Ich weiß nicht, wie die gegenwärtigen Kirchen mit einer so vitalen Frage zurechtkommen würden, wenn sie durch einen so langen Zeitraum mit zwei extrem unterschiedlichen Positionen – hier: Das Evangelium für die Heiden – dort: Jesus, der Messias allein für Israel – zurecht kommen müssten. Es ist geistliche Kraft, die diesen Widerspruch so lange durchhalten lässt und die Gemeinschaft nicht aufkündigt.

 

Herr Jesus, Deine Leute sind nicht immer einig. Deine Leute sind oft in wirklich wichtigen Fragen unterschiedlich – offen und weit die Einen, festgelegt auf einen Standpunkt die Anderen, eindeutig die Einen, eindeutig anders die Anderen.

Und es ist schwer zueinander zu finden, es miteinander auszuhalten, gerade wenn es um viel geht.

Hilf Du uns, die Wahrheit der Anderen ehren zu lernen, in ihr das eigene Denken noch einmal in Frage stellen zu lassen.

Stärke Du in uns die Zuversicht, dass Du Deine Gemeinde leitest, auch in aller Unterschiedlichkeit und offene Fragen Dich nicht daran hindern. Amen