Fußwege der Klärung

Apostelgeschichte 10, 23 – 33 

 Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm. 24 Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea.

         Zwei Tage dauert der Weg von Joppe nach Cäsarea. Kein Wort über die Beschwerlichkeiten des Weges. Kein Wort über die Gedanken, die sich Petrus auf diesem Weg macht. Er hat reichlich Zeit zum Nachdenken. Wie schnell eilen wir dem gegenüber von Ort zu Ort. So rasch wechselt bei uns der Platz, an dem wir sind, dass unsere Seele kaum nachzukommen vermag.

 Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. 25 Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an.

Petrus wird erwartet. Es klingt so, als habe Kornelius die ganze Zeit schon am Fenster gestanden. Aber er hat die Zwischenzeit genützt. Verwandte und nächsten Freunde sind da, gerufen von ihm, der sich sicher war: Meine Boten werden Erfolg haben. Sie bringen diesen Petrus mit. Und als Petrus nun endlich kommt, erweist Kornelius, der Besatzungssoldat, ihm, dem Juden, kniefällig Ehre. Meine Vermutung: er sieht in Petrus den heiligen Menschen, der von Gott gebraucht wird, aber nicht unbedingt eine göttliche Erscheinung. Auch damals sind Götter keine gewohnter Umgang.

Mag sein,  dass es Petrus schon peinlich ist, dass er überrascht ist. Die Machtverhältnisse in Israel sind ja genau umgekehrt. Da kann ein Römer einen Juden in den Staub treten. Fängt hier eine neue Zeit an?

26 Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch.

         Petrus wehrt ab, wehrt einem Missverständnis. Ich bin kein heiliger, kein himmlischer Bote. Ich bin einer wie du, ein Mensch, ἄνθρωπός. Nicht mehr. Mir steht es nicht zu, dass ich angebetet werde. Denn das war der Kniefall des Kornelius, ein Akt der Anbetung. προσεκύνησεν steht da: Er betete ihn an. Das ist es, was die Jünger tun, als Jesus zum Himmel auffährt. „Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder.“(Matthäus 28, 17) Da steht genau das gleiche griechische Wort. Das ist es, was Christen erwarten für das Ende der Zeiten: „Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.“ (Offenbarung 15,4) Solche Anbetung gebührt dem Herren Jesus. Aber Petrus steht sie nicht zu.

Manchmal höre ich diesen Satz  Ich bin auch nur ein Mensch auch heutzutage. Er ist dann eher eine Entschuldigung für Fehlleistungen. Nach dem Motto: `Jeder macht Fehler. Ich auch.’ Er ist eine Abwehr von Erwartungshaltungen. Er soll bitteren Enttäuschungen und womöglich Anklagen wehren. Denn wer „hoch gejubelt wird“, der steht unter besonderer Beobachtungen und wird oft genug geradezu genüsslich demontiert, wenn es sich zeigt: Fehlbar!  Hier geht es nicht um die Abwehr übersteigerter Erwartungen, sondern um die Zurückweisung einer Ehre, die Petrus nicht zusteht.

 27 Und während er mit ihm redete, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren. 28 Und er sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll. 29 Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen.

           Unter diesen Worten betreten sie das Haus. Und es sind viele da, die auf Petrus warten. Petrus macht es sich und diesen Leuten nicht leicht. Er spricht aus, was sie alle wissen – er spricht von der Grenze, die zwischen ihm, dem Juden und ihnen, den Heiden, wenn auch gottesfürchtigen Heiden ist.  Er benennt die Differenz. Er überspringt sie nicht.

Mir hilft dieses ehrliche Eingeständnis der eigenen Grenzen. Mir hilft dieses „Mein Glauben erlaubt mir nicht alles.“ Petrus muss nicht eine Weite vorspielen, die er in seinem Herzen nicht hat. In seinem Herzen geht es nach wie vor wohl noch ein wenig enger zu. Aber er lässt es sich gesagt sein durch sein Gesicht in der Verzückung: Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll. Er erzählt nicht sein Gesicht. Aber er zieht hier eine Schlussfolgerung, die zeigt: die Ratlosigkeit ist einer klaren Sicht gewichen. Und: Was er als eine sehr persönliche Erfahrung gemacht hat, das lässt ihn neue Schritte tun.

Und dann, diesmal fragt Petrus. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen. Diesmal weiß er, dass es wichtig ist, das Motiv zu erfahren. Äneas musste er nicht fragen. Den Lahmen an der schönen Pforte muss er nicht fragen. Da war ihm beidemal klar, was er zu tun hatte. Aber hier muss er fragen. Und indem er so fragt, gesteht er seinen Gastgebern zu, dass sie ihm sagen, was sie wollen, dass sie ihre Hoffnung und Erwartung und Sehnsucht zur Sprache bringen. Es ist die gleiche Art Frage, die Philippus dem Kämmerer stellte: „Verstehst du auch, was du liest?( 8, 30) Eine Frage, die die Tür aufmacht.

30 Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand 31 und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. 32 So sende nun nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer. 33 Da sandte ich sofort zu dir; und du hast recht getan, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist.

Kornelius hingegen erzählt seine Vision. So wird für alle sichtbar, hörbar, dass es hier um ein Handeln geht, das in Gottes Plan und Willen seinen Ursprung hat. Kornelius hat Petrus rufen lassen, weil Gott es ihn geheißen hat durch seinen Engel. Und Petrus ist seinen Weg gegangen, weil Gott ihn auf diesen Weg gestellt hat. Und nun sind sie alle hier vor Gott zugegen, weil Gott es so will.

Mein Eindruck: ein wenig fremdeln beide Seiten. Darum ist es notwendig, dass sie sich sagen, wie es zu dieser Begegnung kommt. Petrus wird über seine Grenzen geführt. Kornelius glaubt, dass sich seine Frömmigkeit endlich „auszahlt“. Und beide sehen: Gott hat seine Hand im Spiel. Er hat uns zusammengeführt.

Es ist wie ein Hausgottesdienst, versammelt in der Gegenwart Gottes. Und alle, die da sind, warten darauf, dass ihnen von Gott gesagt wird. Sie warten darauf, dass ihnen Petrus von Gott erzählt. „So hat Kornelius mit diesem Wort ohne sein Wissen dem Petrus den Auftrag Gottes ins Herz gerufen: Sage hier die ganze Botschaft. Sie wollen und sollen sie hören.“(W. De Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; Wuppertal 1975, S. 202)

 

Mein Gott, Wege zu Fuß können lange Wege werden. Sie verlangen uns Anstrengung ab, Aufmerksamkeit, körperliche Kraft und Geduld.

Wege zu Fuß können Klärungswege werden. Sie lassen uns Zeit zu sehen, zu sinnen, sich mit einem Gedanken zu befassen. Schritt für Schritt ihn durch zugehen.

Auf den Wegen zu Fuß ist das Evangelium weiter getragen worden bis hin zu uns.

Ich danke Dir für alle, die sich so auf den Weg gemacht haben, damals nach Cäsarea und später bis zu uns.

Gib, dass auch wir die Fußwege mit dem Evangelium auf uns nehmen. Amen,