Gott spannt leise feine Fäden

Apostelgeschichte 10, 1 – 23a

1 Es war aber ein Mann in Cäsarea mit Namen Kornelius, ein Hauptmann der Abteilung, die die Italische genannt wurde. 2 Der war fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus und gab dem Volk viele Almosen und betete immer zu Gott.

               Eben noch war Joppe Schauplatz des Geschehens. Und jetzt lenkt Lukas den Blick weiter nach Cäsarea am Meer, nicht allzu weit von Joppe entfernt. Der Ort ist „Garnisonsstadt“. Eine Einheit des römischen Heeres ist dort stationiert. In dieser Einheit, deren Namen Lukas zu nennen weiß, die Italische genannt, ist ein Hauptmann mit Namen Kornelius. Nicht nur sein Name ist bekannt, sondern auch seine innere Einstellung: fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus. Einer, der, obwohl Besatzungssoldat die Nähe zum jüdischen Volk sucht. Einer, der wohl auch angezogen ist vom Glauben Israels an den einen Gott.

Fromm wird er von Lukas genannt, ευσεβής steht da im Griechischen. Das Wort ist im NT nicht durch den christlichen Glauben gefüllt. Es ist mehr eine noch schwebende, suchende Religiosität. So ist also Kornelius einer, der auf dem Weg ist, auf der Suche, eben, einer der gottesfürchtig ist, aber noch nicht wirklich dazu gehört. Diese Einstellung „brachte ihn an die Schwelle des Judentums: Er ist nicht nur persönlich fromm., sondern gehört auch mit seinem ganzen Hauswesen dem Kreis der „Gottesfürchtigen“ an, Da diese nicht beschnitten waren, galten sie für die Juden dennoch als unrein.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 168) Da ist also eine Grenze im Spiel.

  3 Der hatte eine Erscheinung um die neunte Stunde am Tage und sah deutlich einen Engel Gottes bei sich eintreten; der sprach zu ihm: Kornelius! 4 Er aber sah ihn an, erschrak und fragte: Herr, was ist? Der sprach zu ihm: Deine Gebete und deine Almosen sind vor Gott gekommen und er hat ihrer gedacht.

  „Gott spannt leise feine Fäden.“ Nach der Beschreibung kommt die Geschichte in Gang.  Sie wird durch Gott in Gang gesetzt. Das ist wichtig für die ganze folgende Erzählung: Gott ist hier initiativ. Die Menschen, sowohl Kornelius als auch Petrus kommen immer nur nach.

          Ein Engel Gottes tritt auf. Es wird nicht gesagt, dass Kornelius gerade im Gebet ist. Erst später im Fortgang der Erzählung (10,30) erfährt der Leser aus dem Mund des Kornelius, dass er tatsächlich betete. Kornelius hat sich an der jüdischen Gebetspraxis orientiert. Sie ist ihm vertraut, wohl auch eine Hilfe. „Das Nachmittagsgebet… wurde in der Regel um die neunte Stunde, gegen 15 Uhr, verrichtet.“ (J.Roloff, aaO.; S. 168)

              Gleichwohl ist Kornelius erschrocken über diese Unterbrechung seines Betens. Auch fromme Beter rechnen in der Regel nicht damit, dass sie Engelbesuch erhalten. Dieser Engel bringt gute Nachricht für Kornelius. Deine Gebete und deine Almosen sind vor Gott gekommen und er hat ihrer gedacht. Du kommst im Himmel vor. Mit Deinem Beten. Mit Deinem Leben.   

          Es gibt viele, die das Gebet für ein Selbstgespräch halten. Es ist gut, für sich selbst einmal Dinge zu benennen, Gedanken auch nur für sich selbst auszusprechen. Gebet sei so eine Art innerer Klärungsprozess ist die Idee dahinter. Aber weiter als bis zur eigenen Zimmerdecke reicht unser Beten nicht.

Hier höre ich eine andere Botschaft: Das ist die Chance, die Verheißung, die über der Zeit des Gebetes liegt: Wo Menschen sich zu Gott kehren, da will Gott in ihr Leben hinein wirken. Wo Menschen mit Gott sprechen, zu ihm beten, da kann Gott das Wort nehmen.

5 Und nun sende Männer nach Joppe und lass holen Simon mit dem Beinamen Petrus. 6 Der ist zu Gast bei einem Gerber Simon, dessen  Haus am Meer liegt.

Dann wird es ganz konkret. Der Bote Gottes bleibt nicht im Allgemeinen. Er hat einen klaren Auftrag. Sende Männer nach Joppe. Zu Simon mit dem Beinamen Petrus. So sorgfältig erzählt Lukas und erinnert damit an die Namensgebung, die Simon erfahren hat, als ihn Jesus zum Jünger unter den Zwölfen erufen hat. (Lukas 614), Und damit es mit der Suche nach dem richtigen Simon nicht zu lange dauert, wird auch die Adresse mitgeliefert: Bei einem Gerber Simon, dessen  Haus am Meer liegt. Nichts wird den Zufall überlassen durch diesen himmlischen Boten.

7 Und als der Engel, der mit ihm redete, hinweggegangen war, rief Kornelius zwei seiner Knechte und einen frommen Soldaten von denen, die ihm dienten, 8 und erzählte ihnen alles und sandte sie nach Joppe.

                        Es zeichnet den Militär aus, dass er diesen Auftrag sofort weitergibt. Es zeichnet diesen besonderen Militär aus, dass er einen in seiner Truppe hat, der wie er fromm ist wie er selbst und dass er seinen Soldaten erzählt, was ihm widerfahren ist. Hier ist eine religiöse Erfahrung keine intime Privatsache. Sie kann mitgeteilt werden. Ob sich darin auch etwas von der menschlichen Qualität dieses Soldaten zeigt?

  9 Am nächsten Tag, als diese auf dem Wege waren und in die Nähe der Stadt kamen, stieg Petrus auf das Dach, zu beten um die sechste Stunde.

                   Noch einmal:Gott spannt leise feine Fäden.“ Jetzt verknüpft der meisterhafte Erzähler Lukas die Orte und die Personen. Die Soldaten des Kornelius sind auf dem Weg zu Petrus. Und der – betet. Es ist nicht die ganz gewöhnliche Gebetszeit. Um diese Zeit wird eigentlich gegessen. Aber es liegt Lukas wohl daran zu zeigen, wie sich diese Gebete an verschiedenen Orten schon, ohne dass die Beteiligten es wissen, zu einem Netz verknüpfen. Ich denke, dass wir als Leserinnen lernen sollen durch die Erzählung: Es ist Gott, der hier als Netzwerker mit seinen betenden Leuten am Werk ist.

10 Und als er hungrig wurde, wollte er essen. Während sie ihm aber etwas zubereiteten, geriet er in Verzückung 11 und sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. 12 Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. 13 Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! 14 Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen. 15 Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. 16 Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das Tuch wieder hinaufgenommen gen Himmel.

Weil Petrus um die Essenszeit betet, ist es kein Wunder, dass er Hunger bekommt. Er wartet auf Essen. Eine „Ekstase überfällt ihn, während für ihn das Essen vorbereitet wird“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  S. 338) Er sieht den Himmel offen. Das erinnert an Stephanus. Aber hier ist es nicht der Herr, den er sieht. Der Hungrige sieht, was den Hunger stillen könnte. Aber es nicht darf, weil alles, was er da in diesem himmlischen „Tischtuch“ sieht ihm, dem Juden, unrein ist. Darum ist die Stimme, die er hört und ihr Befehl, den sie ausspricht, eine einzige Zumutung:  Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus antwortet, wie es sich für den gesetzestreuen Menschen, der er auch als Jesus-Jünger immer noch ist, gehört: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen.

Er, der vor dem Hohen Rat gesagt hat: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (5,29), er leistet der Himmelsstimme Widerstand. Es ist für Petrus noch nicht ausgemacht, wer da mit ihm spricht. Stimmen hören – das passiert öfters. Ekstase ist noch nicht wie von selbst von Gott. Und es ist noch nicht ausgemacht, wie das gemeint ist, ob er nicht geprüft werden soll. Petrus ist offensichtlich niemand, der sofort jeden Traum, jeden Gedanken in der heißen Mittagssonne für Gottes Reden hält. Er ist eher nüchtern, zurückhaltend und hält es so: Statt an Träume oder Gesichte hält er sich lieber an das, was seine Schriften ihm sagen und da gibt es klare Sätze zum Thema, was nicht gegessen werden darf.

Dreimal wiederholt sich der Vorgang, der Befehl vom Himmel und der Widerspruch des Petrus. Petrus ist kein leichtgläubiger Mensch. Es ist gut zu lesen: Der Himmel ist geduldig mit Petrus. Die Stimme vom Himmel befiehlt nicht nur, sie „argumentiert“ auch: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. Sie gibt Petrus ein Argument an die Hand, das ihn nicht gleich umstimmt, das ihm aber zu denken geben wird. Ist es nicht in Gottes Souveränität, die Grenzen von rein und unrein zu verschieben? Später wird ein christlicher Autor, wohl ein Paulus-Schüler, schreiben: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“ (1. Timotheus 4,4). So weit ist Petrus in Joppe noch lange nicht.  Vision hin oder  her.

17 Als aber Petrus noch ratlos war, was die Erscheinung bedeute, die er gesehen hatte, siehe, da fragten die Männer, von Kornelius gesandt, nach dem Haus Simons und standen an der Tür, 18 riefen und fragten, ob Simon mit dem Beinamen Petrus hier zu Gast wäre. 19 Während aber Petrus nachsann über die Erscheinung, sprach der Geist zu ihm: Siehe, drei Männer suchen dich; 20 so steh auf, steig hinab und geh mit ihnen und zweifle nicht, denn ich habe sie gesandt.

Die Vision ist nicht strittig. Aber sie hat für Petrus noch nichts geklärt. Sie hat ihn eher in große Ratlosigkeit gestürzt. Aber nun stehen Menschen vor der Tür und fragen nach ihm. Petrus kennt sie nicht. Und er ist auch noch gar nicht offen für sie. Er ist noch völlig befasst mit dem, was ihm da in seiner Verzückung als Erscheinung widerfahren ist.

Es braucht ein neues Wort des Geistes an ihn, das ihn auf den Weg bringt. Er bekommt einen Auftrag. Geh mit ihnen und zweifle nicht, denn ich habe sie gesandt. Das muss für ihn eindeutig sein. Hier hat der Geist des Herrn das Wort. Das entspricht dem Bild, das der Autor Lukas insgesamt in seinem Werk hat: was da in der jungen Christenheit geschieht, ist Wirkung des Geistes. Die Apostelgeschichte ist die Geschichte der Wirkungen des Geistes Gottes.

         Petrus wäre von sich aus nie und nimmer nach Cäsarea gegangen. Er wäre wohl auch nicht aufgrund seines Gesichtes gegangen, wenn da nicht Menschen vor der Tür gestanden hätten, die nach ihm fragten. Und auch als er dann mitgeht, ist er wohl noch voller Zweifel und Fragen und. Ausgesprochen skeptisch, ob denn das wirklich der Wille Gottes ist.

„Petrus hält einer Offenbarung stand, die ihm aus einem langen jüdischen Leben heraus ganz „unmöglich“ vorkommen muss.“(W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; Wuppertal 1975, S. 200) Es ist viel, was Gott hier von Petrus verlangt: dass er ihn auf einen Weg stellt, der ihn jetzt schon über seine Grenzen hinausführt. Und doch: Nur auf diesem Weg wird Petrus erfahren, wie groß sein Gott ist.

21 Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach: Siehe, ich bin’s, den ihr sucht; warum seid ihr hier?

 

         Das war nicht immer so, dass Petrus sagt: Siehe, ich bin’s, den ihr sucht. Er hat auch schon einmal gesagt: Ich bin’s nicht. Er hat sich auch schon von seiner Furcht klein machen lassen. Seit Pfingsten aber scheint seine Furcht kleiner geworden und sein Mut größer. So macht er die Tür auf und stellt sich und lässt sich erzählen.

22 Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein frommer und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast. 23 Da rief er sie herein und beherbergte sie.

Und was er hört, muss ihn staunen lassen. Da stehen Boten vor ihm, weil ein heiliger Engel mit ihrem Hauptmann gesprochen hat. Es zeigt sich, wie wichtig das Vertrauen des Kornelius zu seinen Leuten ist. Sie können sagen, was „himmlisch“ hinter ihrem Auftrag steht.

Aber sie sagen auch, was „irdisch“ für ihren Auftraggeber spricht: Er ist ein frommer und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden. Das klingt sehr wie ein Empfehlungsschreiben: er hat es verdient, er hat sich verdient gemacht. Ganz ähnlich wird auch im Evangelium argumentiert – und auch da geht es um einen römischen Hauptmann, den von Kapernaum. Über ihn  sagen die Juden zu Jesus: „Er ist es wert, dass du ihm die Bitte erfüllst; denn er hat unser Volk lieb, und die Synagoge hat er uns erbaut.“ (Lukas 7,4-5)

Es ist eine Argumentation, wie sie bei uns gang und gäbe ist. Man verwendet sich für einen Menschen, indem man seine Vorzüge herausstreicht. So soll gezeigt werden: Er/sie ist ein wertvoller Mensch, den/die darf man nicht hängen lassen. Es ist so menschlich, denen zur Seite zu stehen, Bitten zu erfüllen, die es „verdienen“ und die anderen, die es nicht verdienen, links liegen zu lassen.

Gott aber wendet sich ohne Voraussetzung, ohne „alles Verdienst und Würdigkeit“ (Martin Luther, Kleiner Katechismus, Erklärung zum 1. Artikel)  zu. Das ist ja gerade die Lektion, die Petrus gezeigt bekommen hat, gelehrt worden ist, an seinem „Tischtuch“: Gehe heraus aus deinen angelernten und ererbten Werturteilen.

Petrus hört die Gesandten an. Einen Kommentar gibt er nicht ab. Aber er macht  einen winzigen Schritt als Anfang, den wir kaum hoch genug schätzen können. Er beherbergte sie.

„Er durchbricht die jüdische Theorie, die dem Heiden das Betreten des jüdischen Hauses aus Reinheitsgründen untersagt.“(G. Schille, aaO.  S 246) Gastfreundschaft für die, die doch nach seinem Denken unrein sind. „Petrus hat also anfangsweise den Sinn der Vision verstanden. Der Gehorsam gegenüber der Führung des Geistes bringt ihn ins Verstehen.“(R. Pesch aaO. S. 340)

            Man kann es leicht überlesen. Aus der Geschichte wird das Tempo herausgenommen. Das Geschehen wird verlangsamt. Es kommt eine Nacht, um darüber zu schlafen, über dem Gehörten und den Erschauten. Die Verknüpfung von Lebenswegen braucht Zeit, auch Zeit zum Verweilen.

 

Heiliger Gott, unverhofft und unvermutet berührt uns Dein Engel, erreicht uns Deine Wirklichkeit. Unverhofft und unvermutet weitet sich die Welt um uns. Was früher gegolten hat, wirkt überholt, veraltet, aus der Zeit gefallen.

Aber es erschüttert uns auch, macht ratlos, stellt Fragen.  Und wir sollen doch weiter gehen.

Gib Du uns in alle Ratlosigkeit und alles Fragen hinein Deine Nähe, Deinen Geist. Amen