Abgestürzt und aufgestanden

Apostelgeschichte 9, 1 – 9

 1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester 2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.

               Die Szene wechselt. Vom Küstenstreifen nach Jerusalem. Von Philippus zu Saulus. Zuletzt war Saulus erwähnt als der Jäger der Gemeinde. Das ist er hier immer noch, nur intensiver. Mit Drohen und Morden ist er unterwegs. Es ist ein Vernichtungsfeldzug gegen die Christen. Kein Privat-Unternehmen. Im öffentlichen Auftrag, wenn denn der Hohepriester öffentliche Aufträge erteilen kann. Lukas fragt nicht danach, ob seine Erzählung rechtlich stimmig ist. Es ist das Wissen der Christenheit: Saulus war ein Verfolger der Gemeinde.

Auffällig ist die Wendung, mit der die Christen beschrieben werden: Anhänger des neuen Weges. Damit wird der neue Glaube charakterisiert. Er ist kein christlicher Standpunkt, den man einnimmt. Es ist ein Weg, eine Bewegung, man darf wohl sagen: eine Lebensbewegung.  Es gibt Lebensäußerungen, die sich mit diesem Weg verbinden – Einstehen füreinander, Gütergemeinschaft, füreinander Beten, Helfen und Heilen. Diese so Bewegten will Saulus zur Strecke bringen.

Er jagt sie im Land, bis nach Syrien, um sie nach Jerusalem zu bringen. Vor Gericht. Für diese Irrlehrer ist kein Platz auf der Welt. Saulus hat es gelernt und wohl auch oft genug geetet und mit gesungen:

 „Die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden                                                                 und die Gottlosen nicht mehr sein.                                                                                     Lobe den HERRN, meine Seele! Halleluja!“            Psalm 104,35

                 Es ist nicht blanker Machtwille oder Ehrgeiz, der Saulus treibt, sondern die ernsthafte Sorge um den reinen Glauben. Nach Jerusalem geht er darum wohl auch deshalb, weil es der Ort ist, an dem der jüdische Glaube seinen Grund und seine Klarheit hat. Dort, in Jerusalemn wird er mit weitreichenden Vollmachten ausgerüstet und macht sich auf den Weg nach Damaskus. Auch „die Damaszener Christen deutet Lukas als Juden innerhalb der jüdischen Jurisdiktion Jerusalems.“(G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 220)                                 

3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; 4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?

         Mitten in der Aktion wird Saulus gebremst. Um die auf dem neuen Weg zu fangen, ist er  auf dem Wege und wird selbst zwar nicht gefangen, aber gestürzt, zu Boden geworfen. Es muss kein hohes Ross sein, von dem er stürzt, wie es christliche Bildkunst gerne dargestellt hat. Es genügt, dass er zu Boden fällt. Er, der gerade im Höhenflug war, landet hart auf dem Boden.

Lichtglanz vom Himmel umleuchtet ihn und eine Stimme spricht ihn an. „Die Audition, die der zu Boden liegende Saulus erfährt, setzt eine Vision voraus, in der Saulus im blitzenden Licht den erscheinenden Christus sah, ihn aber nicht zu identifizieren vermochte.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  S. 303) Vielleicht ist es abwegig, aber ich denke, hier wiederholt sich am Tag, was Lukas früher so erzählt: „Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.“ (Lukas 2, 9) Saulus findet sich in einem Glanz wieder, dem er nicht standhalten kann. Und er hört eine Stimme, die ihn fragt, in Frage stellt:  Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es ist eine Frage, die Saulus in seiner Tätigkeit trifft. Er ist ja wirklich auf Verfolgungsjagd. Es ist ein Vorwurf, keine Frage nach seinem Motiv.

5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.

        Was soll Saulus auch sonst fragen? Und doch überrascht seine Anrede Herr, κριε. Das ist ja die Anrede der Glaubenden an Jesus – und Saulus ist doch noch kein Glaubender! Er weiß es ja nicht, wer die Stimme aus dem Lichtglanz ist. Wenn einer ihn fragt, wen er verfolgt, könnte er sagen: Die Christen. Aber wer ist das hier? Wer tritt ihm in den Weg? Die Antwort ist eindeutig:  Ich bin Jesus, den du verfolgst. Im Griechischen noch nachdrücklicher geformt wie in der Gottesoffenbarung am brennenden Dornbusch: γ εμι ησος. Der den Saulus anspricht sagt: Ich bin und gibt seinen Namen zu erkennen.

Er, dessen Gegenwart Saulus für eine große Lüge hält, weil er doch am Kreuz gestorben ist, ins Unrecht gesetzt, verflucht am Holz, der tritt ihm in den Weg. Der, dessen Macht er für ein Lügengespinst gehalten hat, der tritt ihm hier in den Weg. Und er, der Herr, der „Ich bin“ identifiziert sich mit den Leuten, die Saulus jagt. „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.“(Lukas 10,16) Zwischen die Christen und Christus passt kein Blatt Papier – so könnte ich salopp formulieren.

Schließlich: Er gibt dem zu Boden Geworfenen zu wissen: Auf dich wartet ein Auftrag. Ein neuer Auftrag, Mein Auftrag. Es ist wie ein Einspruch gegen den bisher so selbstsicheren und selbstherrlichen Verfolger: Er muss warten, in der Stadt, bis man dir sagen wird, was du tun sollst. Es ist wie eine erste Einübung der Abhängigkeit von den Wegweisungen, die er sich nicht mehr selbst gibt, sondern die er empfängt.

7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden.

                Die Gefährten des Saulus verstehen nichts. Sie sehen nur ihren Anführer auf dem Boden. Sie hören nur eine Stimme. Ob sie verstehen, was sie hören, wird nicht gesagt. Es  ist ja auch nicht für sie bestimmt, was gesagt wird. Sie sind sprachlos. Es fällt ihnen nichts mehr ein.

8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; 9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.

           Saulus steht auf. Aber er sieht nichts mehr. Erst ist er geblendet, jetzt ist er erblindet. Er, der so klar zu sehen wusste, was richtig und falsch ist, gut und böse, Glaube und Irrglaube, sieht nichts mehr. Kein Überblick, kein Durchblick. Aus dem Mann, der alles scharf im Blick hat, wird einer, der nicht mehr weiß, wie er die Welt sehen soll. Der Anführer muss geführt werden. Das ist der Anfang seines Apostolates: „Blinde müssen fremde Hilfe in Anspruch nehmen.“ (G. Schille, aaO.; S 221) Vielleicht kann man erst dann Werkzeug Jesu werden, wenn man das gelernt hat: sich helfen zu lassen. Sich fremde Hilfe gefallen zu lassen, sich führen zu lassen.

Das bisherige Bild des Saulus von der Welt, von sich selbst ist in die Brüche gegangen. Kein Wunder, dass die Lebensgeister auf Null gestellt sind. Der Zugang zur Welt ist verstellt – was soll er da noch essen und trinken?

 

Mein Gott, wie oft habe ich geglaubt, ich wüsste was richtig ist, falsch, gut und böse. Wie oft habe ich geurteilt und wohl auch verurteilt.

Mein Gott, es ist nicht der Wille zur Macht, der einen Saulus treibt. Es ist der Wille Dir zu dienen und die Sicherheit, genau zu wissen, wie das aussieht.

Manchmal schmerzt mich, dass ich diese Sicherheit verloren habe. Manchmal freue ich mich, dass ich nicht mehr so sicher bin. Dieser Verlust an Sicherheit macht barmherziger, geduldiger, demütiger und führt ein wenig näher zu Dir. Darauf hoffe ich. Amen