Im Leiden gleichgestaltet

Apostelgeschichte 7, 54 – 8,3

 54 Als sie das hörten, ging’s ihnen durchs Herz und sie knirschten mit den Zähnen über ihn.

             Zum dritten Mal in der Apostelgeschichte: Es ging ihnen durchs Herz. Nicht nur: sie wurden ganz und gar erbittert (Übersetzung G. Schille) oder es ging ihnen durch und durch. (Üersetzung J. Roloff) Das Herz, καρδα,  ist die Mitte der Person. Es ist nicht nur, wie wir das leicht hören, der Ort der Gemütsbewegungen, der großen Gefühle. Es ist der Ort, an dem die Entscheidungen fallen, an dem der Wille sich formt. Und hier nun eben: Wütender Zorn. Sie finden keine Worte mehr. „Sie haben Schaum vor dem Mund“ würde man heute vielleicht sagen. Sie sind so gründlich provoziert, dass es wohl keine Halten mehr gibt. Sonst besonnene Leute verlieren jede Beherrschung.

 55 Er aber, voll Heiligen Geistes, sah auf zum Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehen zur Rechten Gottes 56 und sprach: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.

In diesem Meer von Emotionen steht Stephanus. Er ist seltsam unberührt. Er ist irgendwie diesseitig schon jenseitig. Lukas deutet: Voll Heiligen Geistes. Was er sieht, sehen seine Verkläger nicht. Sie hören es nur aus seinem Mund: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Das ist, für sich genommen, noch kein  so schlimmer Satz, auch nicht für einen streng-gläubigen Juden. Auch Daniel hat den Himmel offen gesehen und er ist einer der Propheten Israels: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.“ (Daniel 7, 13-14) 

         Aber: Es ist eben nicht nur ein Propheten-Zitat, was Stephanus sagt. Es ist die Gleichsetzung, die Identifikation: Jesus ist der Menschensohn zur Rechten Gottes, die in seinen Worten liegt. Zugleich rückt ihn seine innere Schau, seine geistliche Erfahrung ganz eng an Jesus heran. „Aber von nun an wird der Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft Gottes.“(Lukas 22,69). Dieses Wort hat gereicht, um Jesus zum Tod zu verurteilen.

Wenn Stephanus dieses Wort jetzt aufnimmt in seinem Wort, wenn er es sieht als seine Vision, dann setzt er dieses Urteil ins Unrecht. Stephanus hat gesehen, was Jesus als seine Zukunft angesagt hat – den erhöhten Christus zur Rechten Gottes. Das muss für die zuhörenden Juden eine unentschuldbare Grenzüberschreitung sein. Was Stephanus sagt ist mehr als nur ein visionärer Satz: „Die Schau des Weltregenten ist gleichzeitig die Anrufung des Weltrichters.“ (G. Schille Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; Berlin 1983, S.188) Das verstehen seine Zuhörer: mit diesem Wort ruft Stephanus Jesus zum Gericht über sie.

57 Sie schrien aber laut und hielten sich ihre Ohren zu und stürmten einmütig auf ihn ein, 58 stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn.

Das ist zu viel. Das wollen sie nicht mehr hören. Hier ist nichts mehr zu sagen. Aus Menschen, die von Zorn und Wut geschüttelt werden, werden Menschen, die ihrem Zorn und ihrer Wut freien Lauf lassen. Sie werden, so verschieden sie sonst auch sein mögen, eins in ihrem Zorn, einmütig. Sie treiben Stephanus vor sich her, aus der Stadt heraus. In der Stadt Gottes kann kein Raum sein für solche Worte und solche Gotteslästerer. Er muss weg, darum wird er aus der Stadt getrieben.

Darin sind die Glieder der scheinbaren Lynch-Justiz seltsam gesetzestreu. „Die Exekution eines Verurteilten darf nicht in der heiligen Stadt vorgenommen werden.“(G. Schille, aaO.; S. 189) So steht es geschrieben:Der HERR aber sprach zu Mose: Der Mann soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen draußen vor dem Lager. Da führte die ganze Gemeinde ihn hinaus vor das Lager und steinigte ihn, sodass er starb, wie der HERR dem Mose geboten hatte.“(4. Mose 15, 35-36) Und draußen vor der Stadt wird er gesteinigt.  

             Draußen vor der Stadt starb Jesus am Kreuz. Draußen vor der Stadt stirbt Stephanus, der erste Märtyrer der Christenheit. „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“ (Hebräer 13, 13-14) Darum ist auch für die Christen der richtige Platz draußen vor der Stadt. Das ist noch keine Märtyrer-Gesinnung, die sich da breit macht, schon gar nicht eine, die aufs Martyrium drängt. Aber es ist das Wissen um eine grundsätzliche Fremdheit in der Welt, die nicht übersprungen werden darf. Wer sie überspringt, verleugnet die Distanz zur Welt. Wer sich einfach so eingliedert, der beraubt die Welt einer Stimme, die sie unbedingt braucht.

Wenn man die Signale emotionaler Erregung abzieht, bleibt übrig: hier wird ein Urteil vollstreckt. Die Steinigung ist kein wilder Akt eines wütenden, aufgehetzten Pöbels. Sie ist ordnungsgemäße Hinrichtung. Nach den strengen Regeln des Judentums. Die Zeugen der Gotteslästerung sind, vollziehen auch die Strafe für Gotteslästerung – Steinigung. Während Jesus „römisch“ hingerichtet wird –   sein Tod am Kreuz ist ein römisches Signal -, wird Stephanus „jüdisch“ zu Tode gebracht.

 Und die Zeugen legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines jungen Mannes, der hieß Saulus, 59 und sie steinigten Stephanus; der rief den Herrn an und sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! 60 Er fiel auf die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Und als er das gesagt hatte, verschied er.

Stephanus stirbt, wie es sich für einen Jünger Jesu „gehört“. Darf man das so sagen? Es ist sicherlich die Absicht des Lukas, den Tod des Stephanus als ein leuchtendes Beispiel zu zeigen. Er hat sich noch im Tod als einer erwiesen, der von seinem Geist beseelt ist. Er ist auch in seinem Sterben einer, in dem das Bild Jesu aufleuchtet.

Die letzten Worte des Stephanus sind ja Worte, die im Lukas-Evangelium ganz ähnlich von Jesus am Kreuz erzählt werden. „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34) und wenig später: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ (Lukas 23, 46) Die Reihenfolge ist bei Stephanus umgekehrt, fast so, als würde das Wort der Bitte um Vergebung erst möglich, wenn er sich und seinen Geist Gott anbefohlen hat.

Hinter dieser Gleichgestaltung des Sterbens steht eine theologische Grundüberzeugung, die Paulus gleich mehrfach aussagt: „Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.“ (Römer 6,5) Und an anderer Stelle schreibt der Apostel: „Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.“ (Philipper 3, 10-11) Zu Christus gehören im Leben und im Sterben schließt die Gleichgestaltung mit ein – im Leben und im Sterben.

Das meint ja auch das große Wort „Nachfolge“. In der Nachfolge geht es nicht um ein Nachmachen, auch nicht um ein sich in Sachen Handeln inspirieren lassen. Es geht um Schicksalsgemeinschaft, die aus dieser Verbundenheit entsteht. Das lebt Stephanus. Er ist ein Nachfolger Jesu, obwohl er ihn wohl nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.

1 Saulus aber hatte Gefallen an seinem Tode.

            Beim Tod des Stephanus tritt ein junger Mann namens Saulus zum ersten Mal auf den Plan.  Er hat noch keine große Aufgabe, er fängt klein an. Er bewacht die Kleider  der Zeugen. Das ist ein winziger Hinweis, dass sich nicht nur blinde Wut bei dieser Steinigung ausgetobt hat. Die Zeugen haben das Urteil vollstreckt, so wie es das Gesetz befiehlt. Es hatte seine Ordnung mit dem Tod des Stephanus. Die Zeugen haben sich nicht mit dem Blut dieses Gottlosen beschmutzt.

Und Saulus? Er ist kein Sadist, wenn es heißt: Er hatte Gefallen an seinem Tode. Er findet das Urteil in Ordnung. Und: Wer A sagt, muss auch B sagen. Es gefällt dem jungen Mann, dass hier konsequent gehandelt wird, dass das Gesetz Gottes ernst genommen wird.

Es erhob sich aber an diesem Tag eine große Verfolgung über die Gemeinde in Jerusalem; da zerstreuten sich alle in die Länder Judäa und Samarien, außer den Aposteln.

            Der Tod des Stephanus ist Auftakt einer Verfolgung der Jerusalemer Gemeinde. Nichts mehr ist zu spüren von der Akzeptanz des Anfangs. Nichts mehr ist zu spüren vom friedlichen Miteinander im Tempel. Nichts mehr ist zu spüren vom Staunen über die großen Taten Gottes, die durch die Apostel geschehen.

Jetzt wird sichtbar, was von Anfang an gegolten hat: Sie sind mit ihrem Glauben Fremde in der eigenen Stadt, im eigenen Volk. Vielleicht kann man sagen: Es ist die Verkündigung der hellenistischen Christen, die die inneren Widersprüche zwischen dem Glauben Israels und dem Glauben der neuen Sammlungsbewegung ans Licht gebracht haben.

Und: Jetzt beginnt sich das Wort Jesu an seine Jünger zu erfüllen. Sie zerstreuten sich alle in die Länder Judäa und Samarien. Es ist keine Sache missions-strategischer Überlegungen, dass die Christen über Jerusalem hinausgehen. Es ist auch nicht ihr Gehorsam gegen das Wort Jesu, das sie gehen lässt. Es ist der Druck der Verfolgung. Manchmal, so könnte man sagen, nötigt Gott seine Gemeinde durch äußere Umstände, seinem Wort zu folgen.

Nicht auszudenken, was das für uns heute heißen kann, angesichts der Veränderungen, die uns als Kirche ins Haus stehen. Auf welche neuen Wege schiebt Gott seine Gemeinde heute, hier in unserem Land, die sich seit Jahrhunderten in ihrer Existenz als Volkskirche eingerichtet hat?

 2 Es bestatteten aber den Stephanus gottesfürchtige Männer und hielten eine große Klage über ihn.

Trotz der Verfolgung ist noch Raum für die Totenklage über Stephanus. Es gefällt mir, dass keine Siegesfeier angestimmt wird. Es gefällt mir, dass sie dem Schmerz Raum geben und ihn nicht überspringen. Wenn etwas zu Ende gebt, darf man darum klagen. Mehr noch: Vielleicht muss man erst einmal klagen, damit der Weg nach vorne frei und gangbar wird.

3 Saulus aber suchte die Gemeinde zu zerstören, ging von Haus zu Haus, schleppte Männer und Frauen fort und warf sie ins Gefängnis.

Die Steinigung des Stephanus wird zur Initial-Zündung für Saulus. Er hat sein Thema, seine göttliche Aufgabe gefunden. Er will diese Gemeinde, die den Gott Israels so in Frage stellt, zerstören. Vernichten. Ausrotten. Er macht Jagd auf diese Störenfriede, die den alten Glauben so neu und andersartig verstehen und leben. Für sie ist – das weiß Saulus – kein Platz in Israel. Weil er konsequent ist in seinem Denken und Glauben, wird er zum „Staatskommissar.“

 

Jesus, ich möchte zu Dir gehören – im Leben und im Sterben. Ich möchte in Dir geborgen sein – im Leben und im Sterben. Ich möchte Deinen Weg nachgehen in meinem Tun, mit meinem Handeln. Ich möchte Dir dienen mit meinen Worten.

Und doch spüre ich; Das Alles ist bei mir anders als bei Stephanus. Ich bezahle nicht mit meinem Leben für den Glauben. Ich muss nicht fürchten verfolgt zu werden, gehasst, gesteinigt, getötet.

 Ich darf  ein bürgerliches Leben leben so wie viele. Manchmal schäme ich mich dafür.

Ich will Dir danken, dass Du mich in diese Zeit jetzt gestellt hast und willst, dass ich in ihr Dein Zeuge bin. Amen