Eine Provokation

Apostelgeschichte 7, 44 – 53

44 Es hatten unsre Väter die Stiftshütte in der Wüste, wie der es angeordnet hatte, der zu Mose redete, dass er sie machen sollte nach dem Vorbild, das er gesehen hatte. 45 Diese übernahmen unsre Väter und brachten sie mit Josua in das Land, das die Heiden innehatten, die Gott vertrieb vor dem Angesicht unsrer Väter, bis zur Zeit Davids.

                Die Wüstenzeit ist in der Erinnerung Israels eine gute Zeit. Sie ist eine Zeit, in der der Gehorsam gegen Gottes Leiten eingeübt wird. Es ist die Zeit der Stiftshütte. Sie ist der Ort der Offenbarungen Gottes an Mose. Sie ist der Ort Anbetung, leicht zugänglich. Dieses „leichte Zelt“ (H. von Lehndorff, 1968, EG 428) ist der Ort nach dem Willen Gottes. Ort genug, um Gott zu begegnen und zu dienen. Die Stiftshütte entspricht einem Gott, der mitgeht.

Es gibt einen himmlischen Bauplan für die Stiftshütte. Das hält Stephanus ausdrücklich fest. Was er nicht sagen muss: Es gibt keinen himmlischen Bauplan für den Tempel! Denn der Bauplan des Tempels geht auf David zurück – 1. Chronik 28,11ff. Wenn ich weit über die Apostelgeschichte hinaus schaue, in die Offenbarung des Johannes, fallen mir zwei Sätze auf:  „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“ (Offenbarung 21,3) Diese Hütte, σκηνή, ist ein „Zelt“ und wohnen heißt im Griechischen „zelten“. Und der andere Satz, wenig später: „Und ich sah keinen Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm.“ (Offenbarung 21, 22) So weit geht die früh-christliche Tempelkritik. Zelt ja, Tempel nein.

 46 Der fand Gnade bei Gott und bat darum, dass er eine Stätte finden möge für das Haus Jakob. 47 Salomo aber baute ihm ein Haus. 48 Aber der Allerhöchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, wie der Prophet spricht (Jesaja 66,1-2): 49 »Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße; was wollt ihr mir denn für ein Haus bauen«, spricht der Herr, »oder was ist die Stätte meiner Ruhe? 50 Hat nicht meine Hand das alles gemacht?«

                Israel ist nicht für immer in der Wüste geblieben. Es folgt die Zeit der Könige. Unter ihnen ragt David heraus, der Gnade fand bei Gott. Er schon will Gott ein Haus bauen. Aber er darf nicht.  Erst sein Sohn Salomo baut tatsächlich den ersten Tempel. Stephanus übergeht die Freude über diesen Bau, die tiefe Freude an seiner Einweihung, die Freude daran, dass Israel für lange Zeit ein „geistliches Zentrum“ hat, einen Ort der Gottesbegegnung.

               Aber der Allerhöchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Das ist ein völlig kompromissloser Satz. Es klingt, als sei der Tempel immer schon ein gott-loser Ort gewesen. In den Augen des Stephanus scheint dieser Tempelbau von Anfang an mit zwei Fehlern behaftet. Er ist der Versuch, Gott einen Platz im Leben anzuweisen, ihn dort „festzusetzen“. Gott aber will nicht einen Platz im Leben – er will das Leben. Durch den Tempel wird Gott „kultisch ruhig gestellt.“ Der andere Fehler: Der Tempel ist ein Zeichen der Sesshaftigkeit, der fehlenden Bereitschaft, Gott in seinem Reden in die Zeit zu hören und zu folgen.

Es ist völlig unangemessen, dem Gott der Herrlichkeit (7,2), dem Allerhöchsten ein Haus zu bauen, mit Händen gemacht. Ein Blick in die Bibel zeigt, wie dieser schneidend scharfe Satz die jüdischen Zuhörer treffen muss. Für sie ist der Tempel der Ort, an dem Gott wohnt, an dem die Seele Zuflucht findet, an dem einer sich bergen kann in Zeiten der Not. Er ist auch – allem Vorbehalt zum Trotz – der Ort großer Gotteserfahrungen – beispielhaft erzählt: „In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch.“( Jesaja 6, 1 – 4) Stephanus zieht seinen Zuhörern den Boden unter den Füßen weg mit seiner Tempelkritik. Es scheint, als sei für ihn der Tempel nur ein Haus wie alle anderen.

Es ist bemerkenswert. Der gleiche Satz ist in der Areopag-Rede des Paulus (17,24) ein Brückenschlag hin zu seinen Zuhörern. Er holt sie ab mit ihrer Kritik an den athenischen Götterbildern, ihrer Kritik an einem leer gewordenen Kult. So unterschiedlich können Sätze sein – sie können Brücken bauen und sie können das Ende aller Verständigung sein.

 51 Ihr Halsstarrigen, mit verstockten Herzen und tauben Ohren, ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist, wie eure Väter, so auch ihr. 52 Welchen Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Und sie haben getötet, die zuvor verkündigten das Kommen des Gerechten, dessen Verräter und Mörder ihr nun geworden seid. 53 Ihr habt das Gesetz empfangen durch Weisung von Engeln und habt’s nicht gehalten.

            Stephanus bricht seinen bis dahin ruhigen Vortrag ab, als hätte er das Gefühl: alles ist gesagt. Was folgt, ist eine selbstmörderische Bilanz. Seine Rede steigert sich zu einem Frontalangriff. Diese Worte am Ende der Rede lassen nur einen Schluss zu: Stephanus sieht keinen Raum mehr zur Umkehr bei seinen Hörern. Es bleibt nichts übrig von Suchen nach Verständigung. Es bleibt nichts übrig von Werben um seine Hörer.

Stattdessen zwei zentrale Vorwürfe, die alles vorher Gesagte unermesslich steigern.  Von Anfang an verstockt. Ihr seid in der Spur der Rebellen gegen Gott Von der Art der Väter in ihrem Ungehorsam, eine Bande von Verrätern und Mördern. Alle Wohltaten Gottes haben sie – so Stephanus – in den Wind geschlagen. Die Propheten haben umsonst gemahnt, sie haben mit dem Leben bezahlt für ihren Ruf zur Umkehr. Gott hat sein Gebot umsonst gegeben. Es war alles vergebliche Liebesmühe. „Hier wird nichts weniger als (1) falsche Stellung zu den Propheten, (2) Justizmord an Jesus und (3) Versagen im (4) falschen Gottesdienst behauptet.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 185) Eine Bankrott-Erklärung auf der ganzen Linie, aber nicht aus dem eigenen Mund, sondern als Angriff  eines Angeklagten.

                Ich frage mich: Wie würde ich reagieren auf solche Angriffe? Würde ich sie noch ernst nehmen? Würde ich sie wirklich noch ruhigen Blutes auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen können? Würde ich sagen können: Das ist einer, der in der Spur der Bußprediger zur Sache ruft? Es braucht starke Worte, damit etwas passiert? Hätte ich so besonnen reagieren können? Wäre hier noch Raum gewesen für den besonnenen Gamaliel und seinen Rat?

Oder muss man nach diesen Sätzen nicht sagen: Stephanus provoziert geradezu einen unkontrollierten Wutausbruch bei seinen Hörern, dem Hohen Rat und denen, die ihn vor dieses Tribunal geschleppt haben?

„In der Zeit der frühen Christenverfolgungen gab es eine lebhafte Diskussion darüber, ob man sich zum Martyrium „drängen darf”. Das wird natürlich abgelehnt – aber ebenso gut bezeugt ist auch die Sehnsucht nach dem Martyrium und die Sorge vieler Zeugen, sie könnten dieses „Opfer der Liebe” versäumen. So schrieb Ignatius von Antiochien als Gefangener auf dem Weg nach Rom an die römische Gemeinde: „Gestattet mir, Nachahmer des Leidens meines Gottes zu sein!… Gewährt mir nicht mehr, als Gott geopfert zu werden, solange noch ein Altar bereitsteht.“(Fundstelle: www.gym-hartberg.ac.at.) Ist Stephanus ein früher Vorläufer, gar das Vorbild dieser Praxis?

Auch das noch: ich sehe die Schärfe der Auseinandersetzung, die Eskalation und in verunsichert. Stehe ich auf der Seite der so hart Beklagten, selbst mit vielen Kompromissen unterwegs, halbherzig? Oder stehe ich auf der Seite des Stephanus, dessen Schärfe mich am Ende nur noch erschreckt, abschreckreckt, auf Abstand gehen lässt. Ich wittere Fanatismus und das ist nicht mein Ding, gleich, ob es islamischer oder christlicher Fanatismus ist. So wie Stephanus möchte ich nie Menschen, auch nicht Gegnern, begegnen.

Vielleicht aber lese ich hier einfach mehr, als der Autor Lukas mich lesen lassen will. Seine Schilderung lässt an keiner Stelle ein Unbehagen an Stephanus erkennen. Er sieht in ihm offensichtlich nur den authentischen Christus-Zeugen, freimütig und wahrhaftig bis zum letzten Wort.

 

Heiliger Gott, stärke meinen Mut, für Dich einzustehen in einer Welt, die so oft ohne Dich auszukommen meint.

Stärke mich für Dich das Wort zu nehmen, wo nur noch Worte zu hören sind, die Dich bestreiten.

Stärke mich so zu leben, dass sichtbar wird, was Vertrauen auf Dich ist, wie Hoffnung einen langen Atem gewinnt, dass Erbarmen und Vergeben dem Leben dient.

Bewahre mich davor, Leiden zu suchen, weil ich meine, Dir so ähnlicher zu werden und so den Himmel zu gewinnen. Amen