Ausgerechnet der!

Apostelgeschichte 7, 30 – 43

 30 Und nach vierzig Jahren erschien ihm in der Wüste am Berge Sinai ein Engel in einer Feuerflamme im Dornbusch. 31 Als aber Mose das sah, wunderte er sich über die Erscheinung. Als er aber hinzuging zu schauen, geschah die Stimme des Herrn zu ihm (2.Mose 3,5-10): 32 »Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs.« Mose aber fing an zu zittern und wagte nicht hinzuschauen. 33 Aber der Herr sprach zu ihm: »Zieh die Schuhe aus von deinen Füßen; denn die Stätte, auf der du stehst, ist heiliges Land! 34 Ich habe gesehen das Leiden meines Volkes, das in Ägypten ist, und habe sein Seufzen gehört und bin herabgekommen, es zu erretten. Und nun komm her, ich will dich nach Ägypten senden.«

                So gut kennt Stephanus „seine Bibel“,  dass er weiß: es dauert lange, bis Mose  neu gerufen wird. Nach vierzig Jahren geschieht Neues, von Gott her.  Wieder sucht Stephanus durch die Nacherzählung der Geschichte vom Dornusch, von der Gottteserfahrung, die alle kennen, den Zugang zu den Hörern. Darauf kommt es dem Erzähler an: Gott hält auch in dieser Zeit an seinem Willen fest. Er will sein Volk retten. Dazu beruft er – in der Fremde – ausgerechnet diesen Mose, den Israeliten vorher in die Flucht getrieben hatten. Die Erzählung erinnert noch einmal daran: Es ist Gott, der sich erbarmt über das Schreien seines Volkes. Israel verdankt sich, seine ganze Existenz dem Erbarmen Gottes. Es wird gerettet, weil Gott der Erbarmer ist.

Es ist offenkundig: Es leigt dem Redner Stephanus daran: die Gottesoffenarung am Sinai wird dem zuteil, ausgerechnet dem, den die Israeliten von sich getrieben haben. Er hört »Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs.« und er wird gesandt. Den Israel verworfen hat, abgelehnt hat, verjagt, den erwählt Gott. Für die ersten christlichen Leserinnen und Leser der Apostelgeschichte ist diese Rede des Stephanus durhsichtig auf Jesushin, den Ecksteim, den die Bauleute verworfen hatten.

35 Diesen Mose, den sie verleugnet hatten, als sie sprachen: »Wer hat dich als Aufseher und Richter eingesetzt?«, den sandte Gott als Anführer und Retter durch den Engel, der ihm im Dornbusch erschienen war. 36 Dieser Mose führte sie heraus und tat Wunder und Zeichen in Ägypten, im Roten Meer und in der Wüste vierzig Jahre lang. 37 Dies ist der Mose, der zu den Israeliten gesagt hat (5.Mose 18,15): »Einen Propheten wie mich wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern.« 38 Dieser ist’s, der in der Gemeinde in der Wüste stand zwischen dem Engel, der mit ihm redete auf dem Berge Sinai, und unsern Vätern. Dieser empfing Worte des Lebens, um sie uns weiterzugeben.

                        Der Ton in der Rede wechselt. Aus der ruhig fließenden Erzählung wird Stakkato: Dieser! Dieser! Dieser! Gott hat Mose erwählt, berufen gesandt. Wie große Dinge hat Gott an Mose getan. Wieder verteidigt sich Stephanus nicht. Aber wer im Ohr hat: Wir haben ihn Lästerworte reden hören gegen Mose und gegen Gott.(6,11) der versteht, wie hier diese Anklage ad absurdum geführt wird, widerlegt, ohne dass sie auch nur eines Wortes gewürdigt wird. Dieser empfing Worte des Lebens, um sie uns weiterzugeben. Mehr und Größeres kann doch von Mose wahrlich nicht gesagt werden. Damit ist die Anklage widerlegt.

 39 Ihm wollten unsre Väter nicht gehorsam werden, sondern sie stießen ihn von sich und wandten sich in ihrem Herzen wieder Ägypten zu 40 und sprachen zu Aaron (2.Mose 32,1): »Mache uns Götter, die vor uns hergehen; denn wir wissen nicht, was diesem Mose, der uns aus dem Lande Ägypten geführt hat, widerfahren ist.« 41 Und sie machten zu der Zeit ein Kalb und opferten dem Götzenbild und freuten sich über das Werk ihrer Hände.

                Umso schärfer tritt der Gegensatz hervor: So wunderbar hat Gott an Mose und durch Mose gehandelt – und so undankbar ist die Reaktion des Volkes. Das Volk hat sich ihm ständig verweigert. Sie stießen ihn von sich und wandten sich in ihrem Herzen wieder Ägypten zu. Sie sind rückwärtsgewandt. Sie verlieren die Zukunft Gottes in dieser Kehrtwende. Das ist die Gefahr, wenn man Gottes Retter ablehnt: Man verbaut sich die eigene Zukunft in der kindischen Freude  über das Werk der eigenen Hände.

Das Volk, nein, unsere Väter haben den Retter abgelehnt. Noch einmal schließt sich Stephanus mit seinen Anklägern zusammen. Wir gehören zusammen. Ich bin einer von euch. Diese Geschichte der Ablehnung des Retters ist auch meine Geschichte.

42 Aber Gott wandte sich ab und gab sie dahin, sodass sie dem Heer des Himmels dienten, wie geschrieben steht im Buch der Propheten (Amos 5,25-27): »Habt ihr vom Hause Israel die vierzig Jahre in der Wüste mir je Opfer und Gaben dargebracht? 43 Ihr trugt die Hütte Molochs umher und den Stern des Gottes Räfan, die Bilder, die ihr gemacht hattet, sie anzubeten. Und ich will euch wegführen bis über Babylon hinaus.«

            Jetzt kommt das Aber Gottes, das die Geschichte Israels auch prägt. Gott hat zugewartet, hat Boten gesandt, hat Rettung angeboten. Aber irgendwann ist die Geduld Gottes erschöpft. Wenn der Ruf zur Umkehr kein Echo in den Herzen findet, dann kommt es zum Gericht: Gott gab sie dahin. Da steht im Griechischen das Wort παρέδωκεν, Es ist das gleiche Wort, das Paulus verwendet, wenn er davon spricht, wie die Heiden unter die Herrschaft der Sünde geraten. „Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit, sodass ihre Leiber durch sie selbst geschändet werden, sie, die Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient haben statt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen.“ (Römer 1, 24-25) Dahinter steht ein tiefe, gesamt-biblische Einsicht: „Man wird mit dem gestraft, womit man sündigt.“ (Weisheit 11,16) Nichts anderes sagt Stephanus hier.

Es ist kein Zweifel – Stephanus sieht das Volk, das sich gebärdet wie die Heiden. Aus der scheinbar neutralen Schilderung ist urplötzlich eine scharfe Anklage geworden. Stephanus ist offensichtlich bei den Propheten Israels „in die Schule gegangen“. Er sagt nichts, was nicht schon bei den Propheten nachzulesen wäre. Man muss es schon so sehen: es ist die selbstkritische Sicht Israels, der Propheten, der Schriften aus dem Umfeld derer, die den Untergang Jerusalems und das Exil als die Folge des fortwährend verweigerten Gehorsam gegen Gottes Weisung verstehen und beschreiben.  Das Bußgebet des Nehemia (Nehemia 9, 7-37) legt den Finger auf die gleichen Wunden, auf die Stephanus hier zeigt.

Spätestens jetzt müssen die Zuhörer unruhig werden. Denn sie können spüren, worauf das alles hinaus läuft. Die engagierte Erzählung des Stephanus spitzt zu und ist nur dem einen Zweck unterworfen, den gegenwärtigen Hörern zu sagen: Ihr seid von der gleichen Art, die in Israel immer schon da war. Ihr lehnt den ab, den Gott euch zur Rettung gesandt hat. Ihr verweigert euch dem Weg, den Gott euch in Christus aufgetan hat.

Nachdenklich macht mich die Überlegung: Der Autor Lukas liefert mit dieser Rede des Stephanus die Begründung für die Distanzierung der werdenden Christengemeinde von ihrem jüdischen Mutterboden Und er lässt keinen Zweifel: die Schuld an dieser Distanzierung, an dieser Entfremdung liegt auf der Seite der Juden. Sie verweigern sich den Gesandten Gottes in der Weise, wie es die Art dieses Volkes eh und je war.

Wenn man es gut meint mit Stephanus, muss man sagen: Du handelst dir mit diesen scharfen Worten vielleicht, wahrscheinlich sogar, auch das Schicksal der Propheten ein

 

Heiliger Gott, von Deinen großen Taten kann ich nie genug hören und erzählen. Auf Deine großen Taten zu schauen, erhebt das Herz, tröstet, stärkt, ermutigt.

 Du hast Menschen dazu gebraucht, Dein Werk vorwärts zu bringen. Du hast oft genug dabei auch den Widerstand erfahren, den Kleinglauben, Unglauben, Eigensinn.

 Gib Du in unsere Zeit hinein ein neues Sehen Deiner Taten, ein neues Hören auf Dein Wort, ein neues Gehen Deiner Wege. Amen