Blind für Gottes Pläne

Apostelgeschichte 7, 17 – 29

17 Als nun die Zeit der Verheißung sich nahte, die Gott dem Abraham zugesagt hatte, wuchs das Volk und mehrte sich in Ägypten, 18 bis ein andrer König über Ägypten aufkam, der nichts wusste von Josef. 19 Dieser ging mit Hinterlist vor gegen unser Volk und misshandelte unsre Väter und ließ ihre kleinen Kinder aussetzen, damit sie nicht am Leben blieben.

Gott behält seinen Plan im Auge. Er ist ja der Herr der Zeiten. Als nun die Zeit der Verheißung sich nahte, die Gott dem Abraham zugesagt hatte… Stephanus wechselt von der Geschichte Gottes mit Abraham und den Erzvätern zur  Geschichte des Volkes. Das Volk in der Fremde gerät in Bedrängnis. Es ist der fremde König, der Pharao, der sie bedrückt, der nichts wusste von Josef. Der Pharao hat keinen Blick für die verborgene Geschichte Gottes, der in Israel sein Volk hat. Und wieder stellt sich wie von selbst die Frage an die Zuhörer des Stephanus: Seid ihr genau so blind für Gottes Geschichte wie der Pharao damals?

  20 Zu der Zeit wurde Mose geboren und er war ein schönes Kind vor Gott und wurde drei Monate ernährt im Hause seines Vaters. 21 Als er aber ausgesetzt wurde, nahm ihn die Tochter des Pharao auf und zog ihn auf als ihren Sohn. 22 Und Mose wurde in aller Weisheit der Ägypter gelehrt und war mächtig in Worten und Werken.

Mose wird bewahrt. Weil er ein schönes Kind vor Gott war? Geht es hier um Ästhetik, um Schönheit – aber es sind doch alle Kinder schön, solange sie klein sind! Oder deutet das schlicht an: Gott hatte Wohlgefallen an Mose – längst bevor der irgendetwas geleistet hatte. Mit einem Einzelnen, einem Kind, fängt die Rettungsgeschichte Gottes an. Mit einem Kind, das in einem fremden „Vaterhaus“ aufwächst. Mose gilt als der Sohn der Pharao-Tochter, so wie Jesus für den Sohn des Josef gehalten wurde. Lese ich zu viel, wenn ich das mitlese?

Josephus Flavius als jüdischer Historiker – * 37 oder 38 in Jerusalem als Joseph ben Mathitjahu ha Kohen, † nach 100 vermutlich in Rom – weiß noch mehr: Da Mose „nun von so herrlicher Gestalt und hoher Begabung war, nahm Thermuthis, weil sie ohne rechtmäßigen Nachkommen war, ihn an Kindesstatt an. Und als sie ihn einst zu ihren Vater brachte, sprach sie den Wunsch aus, ihn zum Erben einzusetzen, falls Gott ihr keinen anderen Sohn schenken würde.“ Jüdische Altertümer, Buch 2, Kap 1.2, Wiesbaden o. J. S. 112) Mose bleibt kein Kind. Er hat alle Voraussetzung zu einem glanzvollen Leben, unterwiesen in aller Weisheit der Ägypter. Er wird zum Mann, mächtig in Worten und Werken. Der geborene Volksführer.

 

        Mächtig in Worten – das steht im krassen Gegensatz zur Erzählung der hebräischen Bibel. „Mose aber sprach zu dem HERRN: Ach, mein Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen, auch jetzt nicht, seitdem du mit deinem Knecht redest; denn ich hab eine schwere Sprache und eine schwere Zunge“(2. Mose 4,10). Es gibt aber im Raum des Judentums andere Traditionen, die Stephanus aufgreifen könnte, ein Versprechen Gottes an Mose bei seiner Berufung: „Wo er der Worte bedürfe, werde er ihm Überredungsgabe verleihen, Kraft aber, wo er Taten brauche.“ (Josephus, Jüdische Altertümer, Buch 2, Kap 1.2, Wiesbaden o. J. S. 120)

Vielleicht aber gibt es noch einen anderen Weg zu verstehen. Stephanus selbst wird ja dargestellt als einer, der Wunder und große Zeichen unter dem Volk wirkt. Auch als einer, der so wortgewaltig ist, dass es kein Widerstehen gibt. Ist das nur eine zufällige Parallele zu dem großen Führer Israels? Oder ist es nicht vielleicht doch so: auch Stephanus ist einer, der seine Brüder auf den Weg der Freiheit rufen möchte. Aber ihm droht, wie sich bald zeigen wird, das gleiche Schicksal wie Mose. Die Ablehnung der Brüder.

23 Als er aber vierzig Jahre alt wurde, gedachte er, nach seinen Brüdern, den Israeliten, zu sehen. 24 Und sah einen Unrecht leiden; da stand er ihm bei und rächte den, dem Leid geschah, und erschlug den Ägypter. 25 Er meinte aber, seine Brüder sollten’s verstehen, dass Gott durch seine Hand ihnen Rettung bringe; aber sie verstanden’s nicht. 26 Und am nächsten Tag kam er zu ihnen, als sie miteinander stritten, und ermahnte sie, Frieden zu halten, und sprach: Liebe Männer, ihr seid doch Brüder; warum tut einer dem andern Unrecht? 27 Der aber seinem Nächsten Unrecht getan hatte, stieß ihn von sich und sprach (2.Mose 2,14): »Wer hat dich zum Aufseher und Richter über uns gesetzt? 28 Willst du mich auch töten, wie du gestern den Ägypter getötet hast?«

                Als Mose sein Volk führen will, wird es kompliziert. Stephanus erzählt die Geschichte des Mose als eine Geschichte der Ablehnung durch sein Volk. Er stößt auf Widerstand. Während die Erzählung im Exodus-Buch eher kritische Töne gegenüber Mose andeutet, weil er auf eigene Faust handelt, das Recht in die eigenen Hände nimmt und sie dabei beschmutzt, nicht den Zeitpunkt Gottes erwarten kann, klingt hier eher Kritik an Israel an. Er meinte aber, seine Brüder sollten’s verstehen, dass Gott durch seine Hand ihnen Rettung bringe; aber sie verstanden’s nicht. Der Gedanke liegt nahe: Die Israeliten haben damals den Befreier Mose genauso abgelehnt wie sie heute den Messias Jesus ablehnen.  Auch er bringt ja die Rettung Gottes und auch ihn verstehen sie nicht. „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche.“(Lukas 9,14) 

             Wobei auch diesmal wieder die Brücke gebaut wird, die Lukas seinen jüdischen Leserinnen und Lesern gerne zeigt: Sie verstanden’s nicht. Es ist nicht Bosheit, es ist Unverständnis, Blindheit, die sie Mose nicht erkennen lässt. Aber: Die Zeit der Blindheit, der entschuldbaren Unwissenheit geht mit der Christus-Predigt der Apostel zu Ende!

29 Mose aber floh wegen dieser Rede und lebte als Fremdling im Lande Midian; dort zeugte er zwei Söhne.

Es ist das Wort der Brüder aus dem eigenen Volk, das Mose die Flucht ergreifen lässt, dass ihn zum Fremdling werden lässt. Mose geht in die Wüste, führt eine „bürgerliche Existenz“, wenn auch als Fremdling im Lande Midian. Hier wird die Schilderung des Exodus-Buches deutlich verlassen: „Und es kam vor den Pharao; der trachtete danach, Mose zu töten. Aber Mose floh vor dem Pharao und hielt sich auf im Lande Midian.“ (2.Mose 2,15) Hier sind es die eigenen Leuten, die Mose in die Fremde treiben. Das ist eine aktualisierende Interpretation: So wie Mose durch sein Volk, das den Weg Gottes verweigert, zum Fremden wird, so ergeht es Stephanus und seinen Brüdern. Sie werden Fremde, weil Israel nicht hört, hören will, hören kann.

 

Heiliger Gott, wie oft sind wir blind für Dich, für die Wege, auf denen Du unser Heil suchst. Wir sehen Akteure, aber wir sehen nicht Dich hinter den Akteuren. Wir verweigern ihnen das Vertrauen und wissen nicht: Wir verweigern darin Dir das Vertrauen.

Gib Du uns geöffnete Augen, die Deine Wege sehen, auch dann, wenn wir nur ihren menschlichen Vordergrund vor Augen haben. Amen