Sind wir noch unterwegs?

Apostelgeschichte 7, 1 – 16

 1 Da fragte der Hohepriester: Ist das so?

                  Es ist die Eröffnung einer Verhandlung, die dem Hohen Rat aufgedrängt worden ist. Er ist ja nicht durch eine Verhaftung selbst aktiv geworden. Eine aufgeregte Menge von Diaspora-Juden hat Stephanus vor den Rat gezerrt. Das mag erklären, weshalb der Hohepriester so zurückhaltend fragt: „Stimmt die Anklage? Was sagst Du dazu, Stephanus?“ So klingt das. Distanziert. Neutral. Überparteilich. Immerhin: „Der Hohe Priester gibt mit seiner Frage Stephanus Gelegenheit, zu den Beschuldigungen Stellung zu nehmen.“ (J.Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S.119) Stephanus ist jetzt Gefordert  sich zu verhalten zu dieser doppelten Anklage, dass er Gott lästert und nicht aufhört, den Tempel in Frage zu stellen.

 2 Er aber sprach: Liebe Brüder und Väter, hört zu. Der Gott der Herrlichkeit erschien unserm Vater Abraham, als er noch in Mesopotamien war, ehe er in Haran wohnte, 3 und sprach zu ihm (1.Mose 12,1): »Geh aus deinem Land und von deiner Verwandtschaft und zieh in das Land, das ich dir zeigen will.« 4 Da ging er aus dem Land der Chaldäer und wohnte in Haran.

                    Der erste Satz des Stephanus ist der Versuch, eine Brücke zu schlagen. Liebe Brüder und Väter. Wir gehören zusammen, sagt Stephanus – ihr seid mir Brüder und Väter. Ich achte euch. Das alles schwingt in dieser Anrede mit. Und die Bitte hört zu lässt schon ahnen: Es wird länger werden. Keine Ungeduld. Seine Bitte um Zuhörern wehrt schon im Voraus die Zwischenrufe ab: Komm zur Sache: Das steht doch gar nicht zur Debatte.

Es folgt die mit Abstand längste Rede der Apostelgeschichte. Man hat gemeint beobachten zu können, dass diese Rede irgendwie in der Luft hängt. Sie geht nicht direkt auf die Vorwürfe ein. Sie ist auch keine klassische Verteidigungsrede mit den Worten: „Ich bin unschuldig, weil….“ Sie könnte, so lese ich, überall gehalten worden sein, weil der Bezug zur Gerichts-Situation so völlig fehlt. Vielleicht greift sie auf Material zurück, das es schon lange vor Lukas gibt.

Ich lese anders. Der Gott der Herrlichkeit erschien unserm Vater Abraham. Das ist eben nicht nur ein ehrwürdiges Zitat, das zu Beginn einer Rede gut klingt. Das ist im ersten Satz die Widerlegung der Anklage „Gotteslästerer“. Ich glaube doch an den Gott der Herrlichkeit. Ich glaube an den Gott der Väter. Ich sehe seinen Weg mit den Vätern, beginnend mit Abraham. Wie kann mich einer der Gotteslästerung beschuldigen, wenn ich Gott von Anfang an am Werk sehe? Das muss Stephanus nicht fragen. Aber es ist seine „Verteidigung“ – der Gott der Väter, der Herr der Herrlichkeit – ihn sehe ich handeln im Weg unseres Volkes.

Freilich: Dieser Gott ist nicht ortsgebunden! Auch das sagt Stephanus. Ist ihm ein Fehler unterlaufen, wenn er die Gotteserfahrung des Abraham nach Mesopotamien verlegt, die der Text 1. Mose 12 in Haran lokalisiert? Oder ist es Absicht, Leuten gegenüber, die auf den Ort fixiert sind und die so dabei sind, aus Gott einen bloßen Lokal-Gott zu machen, der nur im Tempel in Jerusalem wohnen darf?

Gott, so erzählt Stephanus, setzt Abraham in Bewegung. „Schon Abraham wird durch Gott selbst zum großen Wanderer und Fremdling gemacht, ebenso dann das alte Gottesvolk, und das wird auch Auftrag und Schicksal des neuen sein.“(G. Stählin, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 106) Wie können wir da immerzu auf unseren Standpunkten verharren? Der Weg mit Gott geht nur unterwegs. Auch innerlich unterwegs. Wer innerlich sesshaft werden will, versäumt den Weg.

Und als sein Vater gestorben war, brachte Gott ihn von dort herüber in dies Land, in dem ihr nun wohnt, 5 aber er gab ihm kein Eigentum darin, auch nicht einen Fußbreit, und verhieß ihm, er wolle es ihm und seinen Nachkommen zum Besitz geben, obwohl er noch kein Kind hatte. 6 Denn so sprach Gott (1.Mose 15,13-14): »Deine Nachkommen werden Fremdlinge sein in einem fremden Lande, und man wird sie knechten und misshandeln vierhundert Jahre lang. 7 Aber das Volk, dem sie als Knechte dienen müssen, will ich richten«, sprach Gott, »und danach werden sie ausziehen und mir dienen an dieser Stätte.« 8 Und er gab ihm den Bund der Beschneidung. Und so zeugte er Isaak und beschnitt ihn am achten Tage, und Isaak den Jakob, und Jakob die zwölf Erzväter.

                     Auch in den folgenden Sätzen bleibt Stephanus beim Thema „Abraham“. Gott führt ihn. Gott sorgt für ihn. Gott gibt ihm seine Verheißungen, die er auch erfüllt. Aber: Abraham bleibt ein Leben lang ein Fremder im Land. Er gab ihm kein Eigentum darin, auch nicht einen Fußbreit. Der Diaspora-Jude Stephanus weiß, wovon er redet. In Griechenland ist er der „Jude“, in Jerusalem für die Einheimischen der „Grieche“. Stephanus „formuliert aus dem Blickwinkel des Diasporajuden, der selbst das Land Palästina nicht als seine Heimat begreift.“(J. Roloff, aaO.; S.120) Er sieht sein Leben im Leben des Abraham gespiegelt. Auch er ist einer, der im Land, in dem er wohnt, kein Eigentum hat. Er ist ein Wanderer zwischen den Welten.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13, 14). In diesem Satz ist eben nicht nur von der himmlischen Heimat, dem Ort unserer Sehnsucht die Rede. Da ist auch davon die Rede, dass wir Fremde bleiben, womöglich auch in der eigenen Kirche, womöglich auch im Gottesdienst. Wer beanspruchen will, dass „sein Gottesdienst“ seine Heimat zu sein hat, übersieht, dass er damit anderen wohl auch Heimat nimmt. Es ist ja oft so: Wo dem Einen ganz heimelig ist, ist es Anderen eher un-heimlich. Und er übersieht, dass kein Gottesdienst unser Zuhause für alle Zeit sein darf, sondern dass er uns immer auf den Weg stellen muss.

Mit diesen Hinweisen auf die Fremdlingschaft Abrahams stellt Stephanus in indirekter Weise seine Zuhörer in Frage, zumindest die, die nirgends anders daheim sein wollen als im Gewohnten, als in Jerusalem, als im Tempel. Sie vergessen das Unterwegs-sein, das zum Glauben gehört, ja, ihn ausmacht.

Auch das mag in diesen Sätzen schon anklingen – diesmal als eine Botschaft an die Christen: Wenn Gott seinem Volk damals nicht erspart hat, in der Fremde Knechtschaft zu erfahren, Bedrängnis zu erleben – womöglich wird er es ihm auch heute nicht ersparen. Diese so grundsätzlich verstandene Fremdheit führt dann auch zur entsprechenden Anrede. „Petrus, ein Apostel Jesu Christi, an die auserwählten Fremdlinge, die verstreut wohnen in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien.“(1.Petrus 1,1) Es ist das Wesen Gottes, dass seine Wege nicht an der Bedrängnis vorbei führen, sondern durch sie hindurch.

Mit diesen Überlegungen verbinden sich wie von selbst kritische Anfragen an ein Konzept von Volkskirche, in dem die Fremdheit der Botschaft, des Glaubens und der Christen in ihrer Lebensführung irgendwie unsichtbar gemacht werden. Aus den Tagen meiner Studienzeit erinnere ich mich an ein Plakat, auf dem stand: „Ich erschrak, als ich merkte, dass ich bin, wie man ist.“  Es ist die Differenz zur Welt, die Welt-Fremdheit (!), die  Christen Salz und Licht sein lässt.

 9 Und die Erzväter beneideten Josef und verkauften ihn nach Ägypten. Aber Gott war mit ihm 10 und errettete ihn aus aller seiner Bedrängnis und gab ihm Gnade und Weisheit vor dem Pharao, dem König von Ägypten; der setzte ihn zum Regenten über Ägypten und über sein ganzes Haus. 11 Es kam aber eine Hungersnot über ganz Ägypten und Kanaan und eine große Bedrängnis, und unsre Väter fanden keine Nahrung.

               Die Erzählung des Stephanus geht weiter. Seine Zuhörer hören das nicht zum ersten Mal. Sie hören es wohl immer wieder gerne, wird doch vom Weg Gottes mit seinen Leuten erzählt. Aber das Erzählen vom Weg Gottes bei Stephanus lässt nicht aus, dass auch Licht auf die Menschen fällt. Die Erzväter beneideten Josef. Nennt damit Stephanus nur das Motiv der Brüder des Josef? Oder ist es auch ein Hinweis auf das Motiv, das er bei seinen Verklägern sieht? Jedenfalls: Teil der Geschichte Gottes zu sein macht nicht immun gegen allzu menschliche Gefühle.

Gott aber nimmt auch diese Neid-Aktion für seinen Weg in Anspruch. Er errettet Josef und bereitet mit seiner Errettung die Rettung der Brüder vor. Dass Josef mit Gnade und Weisheit begabt wird, dass er eine Machtposition in Ägypten gewinnt, das alles ist kein Selbstzweck zur persönlichen Glückserfüllung des Josef oder zur Bestätigung seiner Fähigkeiten. Es ist Vorbereitung  dessen, das Jakob und seine Söhne gerettet werden in der Hungersnot und großen Bedrängnis.

12 Jakob aber hörte, dass es in Ägypten Getreide gäbe, und sandte unsre Väter aus zum ersten Mal. 13 Und beim zweiten Mal gab sich Josef seinen Brüdern zu erkennen; so wurde dem Pharao Josefs Herkunft bekannt.

Es ist nicht ohne Ironie – und durchsichtig auf Christus hin: Der Verworfene wird zum Retter derer, die ihn verworfen haben. Die Brüder erkennen ihren Bruder, weil er sich zu erkennen gibt. Und unausgesprochen steht die Frage im Raum: Warum erkennt ihr – heute in Jerusalem – nicht den, der sich zu erkennen gegeben hat als der Christus Gottes, den Gott in seiner Auferstehung zu erkennen gegeben hat als seinen Sohn?

Ich bleibe hängen bei dem Satz, den ich heute wie zum ersten Mal lese: So wurde dem Pharao Josefs Herkunft bekannt. Wusste der Pharao also vorher nicht, mit wem er es zu tun hat? Wusste er nichts davon, dass Josef der Sohn des Gesegneten Gottes war? Es könnte – so übertrage ich – also sein, dass wir Seite an Seite mit einem leben, der Teil der Segensgeschichte Gottes ist und wir haben keine Ahnung davon. Wenn das so ist, gilt es, wacher zu werden für den Hintergrund und nicht immer am Vordergründigen fest zu hängen.

 14 Josef aber sandte aus und ließ seinen Vater Jakob holen und seine ganze Verwandtschaft, fünfundsiebzig Menschen. 15 Und Jakob zog hinab nach Ägypten und starb, er und unsre Väter; 16 und sie wurden nach Sichem herübergebracht und in das Grab gelegt, das Abraham für Geld gekauft hatte von den Söhnen Hamors in Sichem.

               Erst im Tod kommt Jakob im Land der Väter an. Bis dahin war er fremd, unterwegs. Fremd in Palästina, fremd in Ägypten. Aber geborgen in der Hand Gottes.  Ist das nur frommer Schmus oder ist es das, worauf es in Wahrheit ankommt: Dass einer in der Fremde doch um sein geborgen Sein weiß – und selbst, wenn er nichts mehr davon weiß, dass der bergende Gott ihn unendlich sanft in seinen Händen hält.

 

Herr Gott, ich sitze in meinem Haus und lebe hier gern. Ich weiß, dass es geliehen ist, das Haus, die Zeit, das Leben.

Jeder Augenblick meines Lebens geliehen, Gabe aus Deinen Händen, nicht zum Festhalten, zum Empfangen und Loslassen

Lehre mich unterwegs zu sein. Amen