Durchblick tut not

Offenbarung 13, 11 – 18

11 Und ich sah ein zweites Tier aufsteigen aus der Erde; das hatte zwei Hörner wie ein Lamm und redete wie ein Drache. 12 Und es übt alle Macht des ersten Tieres aus vor seinen Augen und es macht, dass die Erde und die darauf wohnen, das erste Tier anbeten, dessen tödliche Wunde heil geworden war.

             Es ist, als wollten die Schrecken keine Ende nehmen. Ein zweites Tier – ähnlich wie ein Lamm. Eine Nachahmung, Nachäffung Christi. „Es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen.“(Matthäus 24,5) Damit hat die erste Gemeinde immer gerechnet, dass sich Leute als falscher Christus seinen Namen anmaßen. seine Werke nachahmen.  Und das zweite Tier erreicht tatsächlich,  dass die Erde und die darauf wohnen, das erste Tier anbeten. Es erweist sich als der große Verführer, der den Glauben in der Anbetung der Macht missbraucht

  13 Und es tut große Zeichen, sodass es auch Feuer vom Himmel auf die Erde fallen lässt vor den Augen der Menschen; 14 und es verführt, die auf Erden wohnen, durch die Zeichen, die zu tun vor den Augen des Tieres ihm Macht gegeben ist; und sagt denen, die auf Erden wohnen, dass sie ein Bild machen sollen dem Tier, das die Wunde vom Schwert hatte und lebendig geworden war. 15 Und es wurde ihm Macht gegeben, Geist zu verleihen dem Bild des Tieres, damit das Bild des Tieres reden und machen könne, dass alle, die das Bild des Tieres nicht anbeteten, getötet würden.

             Dieses Pseudo-Lamm weist sich aus durch große Zeichen, wie Feuer vom Himmel. Es ruft dazu auf, ein Götterbild des ersten Tieres zu errichten. Hier wird es vermutlich um den Kaiserkult vor Kaiser-Statuen in den Tempeln des Ostens gehen. Kaiser Domitian hat sich dazu verstiegen, sich als Gott verehren zu lassen. Und alle dazu  zwingen, ihm diese göttliche Verehrung zutiel werden zu lassen.

Dieses Lügen-Lamm verleiht diesem Götterbild Stimme. Hier muss man nicht zuerst an Theater-Tricks erinnern, die es auch schon damals gab. Auch nicht, wie es angstvolle Gemüter vor Siebzig Jahren getan haben, an den Fernseh-Schirm, aus dem plötzlich Stimmen erschallen. Das alles greift zu kurz. In die falsche Richtung. Gemeint ist vielmehr, dass die machtvolle Ausstrahlung dieser Bilder, der sich Menschen einfach unterwerfen, getrieben von Angst. Denn alle, die das Bild nicht anbeten, würden getötet.

Hier spielen sicher Erfahrung im Osten des Reiches eine Rolle, wo die Anbetung vor Standbildern des Kaisers Domitian auch mit Todesdrohungen erzwungen worden ist. Es hat tödliche Konsequenzen, sich diesem Kult zu verweigern.

16 Und es macht, dass sie allesamt, die Kleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Sklaven, sich ein Zeichen machen an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn 17 und dass niemand kaufen oder verkaufen kann, wenn er nicht das Zeichen hat, nämlich den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens.

Wieder ahmt das Tier den wahren, lebendigen Gott nach. Wenn es um das Verinnerlichen der Gebote Gottes geht, heißt es: „Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“ (5. Mose 6,8) Mit diesen Worten werden die Israeliten angewiesen, sich das Wort Gottes anzueignen, etwas, was sich zu einer Lebenspraxis entwickelt, bis heute anschaulich bei orthodoxen Juden. Die Gebetsriemen der Hand erinnern daran.

Das Tier erfindet ein Zeichen, ohne das niemand mehr handlungsfähig, handelsfähig ist. Es gibt eine Menge angstbesetzter Spekulationen, was das ist, auch in die heutige Zeit übertragen. Wer heute keine Bank-Card hat, wer einen negativen Schufa-Eitrag sein eigen nennt, der ist vielerorts schon so etweas wie ein Mensch zweiter Klasse, behindert an gesellschaftlicher Teilhabe. Und es gibt ja die Erfahrung bei vielen, dass sie stigmatisiert werden, gekennzeichnet – und dadurch ausgeschlossen aus der Teilhabe an der Gesellschaft. Der Juden-Stern des 3. Reiches mag für ein solches Zeichen stellvertretend genannt sein.

Das Zeichen des Tieres ist positiv: Du gehörst zu uns. Du darfst mitmachen. Du darfst dich an der Macht des Tieres beteiligen. Und so geködert, unterwerfen sie sich allesamt, dieKleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Sklaven. Sie werden zu einem Kollektiv im Zeichen des Tieres, einer gestaltlosen Masse.

18 Hier ist Weisheit! Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tieres; denn es ist die Zahl eines Menschen, und seine Zahl ist sechshundertundsechsundsechzig.

Wieder, wie schon mit Geduld und Glaube (13,10), hält der Seher zu einen Zwischenruf inne. Diesmal ruft er die Weisheit und den Verstand auf. Der Glaube, der in der Entscheidung steht, von dem Entscheidungen gefordert sind, darf sich nicht auf Gefühle reduzieren. Es gilt zu durchschauen, was im Gang ist. „Am Ende der Geschichte stehen nicht antichristliche Weltanschauungen verschiedener Grade, sondern eine wirkliche Gegenreligion, vom Christusglauben vor allem dadurch verschieden, dass sie ihren Anspruch mit brutaler Gewalt durchsetzt.“(H. Lilje aaO.; S.180)

            Ich zögere mit meinem Ja zu diesen Worten. Es wäre wohl allzu glatt, das in die aktuelle politische Situation hinein weiter zu denken. Es gibt auch ohne diese brutalen Konflikte, in denen Unterwerfung eingefordert wird, in unserer Kultur auch eine massenhafte, freiwillige Unterwerfung, unter den Zeitgeist, unter scheinbar so harmlose Forderungen, doch an der Kommunikation der social media teilzunehmen, sich nicht selbst auszuschließen von der neuen Zeit. Auch da verlieren Menschen ihre Freiheit, ohne es zu merken.

Bleibt noch der Blick auf die Zahl sechshundertundsechsundsechzig. 666. Es ist in der Antike beliebt, durch Zahlen- oder Buchstabenfolgen einen Inhalt zu verschlüsseln. Es hat in der Kirchengeschichte ungezählte Deutungen gegeben, jeweils auf den aktuellen Feind, den aktuellen Bösewicht. Je nach Standort kann der sehr verschieden sein.

Wir müssen uns eingestehen. „Eine eindeutige Auslegung dieser Zahl konnte trotz aller Bemühungen nicht gefunden werden.“(M. Karrer, aaO.; S.66) Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie eine Chiffre ist – für Domitian oder für einen möglicherweise noch grausamer wiederkehrenden Nero. Davor hatte man damals zurecht in der christlichen Gemeinde Angst.  Um hier nicht heute in falsche Ängste zu verfallen, ist es gut, noch einmal zu hören:  Weisheit und Verstand sind von Nöten, auch die Demut sich einzugestehen: Wir wissen es nicht.

Mein Gott und Herr, um ein festes Herz bitte ich Dich, das mich widerstehen lässt wo Unterwerfung gefordert wird, die Treue zu Dir in Frage gestellt wird.

Um einen wachen Geist bitte ich Dich, dass ich die Versuche durchschaue, mein Denken zu beeinflussen, mich den Zeitgeist gefügig zu machen.

Um einfältige Treue bitte ich Dich, die mich an Dich bindet, weil ich in Dir alles habe, Liebe und Erbarmen und Hoffnung. Amen