Eifersucht – aber: Gott ist größer

Apostelgeschichte 5, 17 – 33

 17 Es erhoben sich aber der Hohepriester und alle, die mit ihm waren, nämlich die Partei der Sadduzäer, von Eifersucht erfüllt, 18 und legten Hand an die Apostel und warfen sie in das öffentliche Gefängnis.

Normalerweise ist das eine Sache derer, die unten sind, dass sie sich erheben. Es gibt Volkserhebungen, Es gibt Aufstandsbewegungen, in denen man sich gegen die Obrigkeit erhebt. Hier erheben sich die, die das Sagen haben, der Hohe Rat und die Sadduzäer.

Warum toben die Heiden                                                                                                       und murren die Völker so vergeblich?                                                                                  Die Könige der Erde lehnen sich auf,                                                                                    und die Herren halten Rat miteinander wider den HERRN                                          und seinen Gesalbten                                                            Psalm 2, 1-2

Ist diese Erhebung des Hohen Rates so von Anfang an als ein Aufstand gegen die wahre Obrigkeit, die Herrschaft Gottes charakterisiert?

Der Blick auf das Motiv lohnt. Der Rat und die Sadduzäer sind von Eifersucht erfüllt. Die Übersetzung Luther 2017 ist vorsichtiger, auf den ersten Blick näher am Griechischen: von Eifer erfülltζλοs kann beides bedeuten: „Eifer, Wettstreit“, aber eben auch „Eifersucht und Neid“ (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul-u.-Handwörterbuch; München 1957 S.355) Man könnte versucht sein zu sagen: Ihr Eifer hat als Quellen den Neid, die Eifersucht. Sie haben Angst um ihre Macht, um ihren Einfluss. Sie fürchten, das Volk zu verlieren. So wiederholt sich bei den Aposteln, was aus der Geschichte Jesu erzählt wird. „Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.“ (Johannes 12,19) Es ist deprimierend für die Oberen und gerade darin zum Handeln herausfordernd, dass so wenig gegen die Apostel zu machen möglich erscheint.

Aber was der Rat tun kann, tut er. Er lässt sie festsetzen. In Haft nehmen. Von einer ordentlichen, juristisch nachprüfbaren Begründung ist keine Rede. Sie werden nicht in ein Tempelverlies gebracht, sondern in ein  öffentliches Gefängnis. Das soll wohl zeigen: Sie sind eine Gefahr für die staatliche Ordnung. Es ist auch Signal an Rom. Das wäre eure Aufgabe, der Unruhe im Volk zu wehren.

19 Aber der Engel des Herrn tat in der Nacht die Türen des Gefängnisses auf und führte sie heraus und sprach: 20 Geht hin und tretet im Tempel auf und redet zum Volk alle Worte des Lebens. 21 Als sie das gehört hatten, gingen sie frühmorgens in den Tempel und lehrten.

             „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“ (Sprüche 16,9) Dem Planen der Hohenpriester tritt der Wille Gottes entgegen. Er sendet seinen Engel – Engel handeln ja nicht in eigener Vollmacht, sondern immer auf Weisung. „Der Herr macht die Gefangenen frei.“ (Psalm 146,7) Was der Beter erhofft, wird hier Wirklichkeit. Die Hoffnungen der Alten, so lehrt uns Lukas auch hier, erfüllen sich in der Gegenwart.

Der Engel, nicht irgendeiner, sondern der Engel des Herrn befreit nicht nur, er schickt die Befreiten auch los – aber nicht in einen Winkel, wo sie sich verbergen sollen. Er führt sie aus dem öffentlichen Gefängnis und schickt sie in die Öffentlichkeit, in den Tempel. Mehr Öffentlichkeit geht damals nicht. Also: Kein Verbergen. Kein Zurückweichen. Es ist die Überzeugung des Lukas: der Weg des Evangeliums ist ein Weg in die Öffentlichkeit. Gott-gewollt und Geist-geleitet.

Ich hänge meine Frage an: wie öffentlich sind wir als Kirche eigentlich noch? Unsere Gottesdienste stehen in der Zeitung. Jeder kann kommen. Der Kirchentag findet durchaus mediale Beobachtung. Zumindest in Teilen. Es gibt das „Wort zum Sonntag“. Ich kann meinen blogg schreiben, Tag für Tag. Wir sind nicht in einen Winkel verbannt, wir müssen uns nicht verstecken. Aber ist das schon „öffentlich“?  Ich glaube: die größte Öffentlichkeit erreichen wir da. Wo wir zu Zeugen werden – von Angesicht zu Angesicht. Unter Verwandten, im Freundeskreis, in der Clique, im Verein, im Chor. Wir, normale Christinnen und Christen. Wo wir es wagen von dem zu sprechen, der uns trägt, was uns trägt. Unser Vertrauen auf Jesus zur Sprache zu bringen. Uns in seinem Namen zu Wort zu melden. Stellung nehmen, begründet im Vertrauen auf Jesus und im Gehorsam gegen die Weisung des Engels.

Das geschieht hier: Der Engel beauftragt auch. Redet zum Volk alle Worte des Lebens. Vielleicht wäre es für unsere Zeit gut, das zu lernen. Engel sind nicht nur Schutzmächte. Sie bringen auch Gottes Aufträge und erwarten Gehorsam. Was das für Worte sind, die Worte des Lebens, wird sich wenig später (5,30-32) zeigen. Freiheit, so wird hier sichtbar ist nicht nur ein Geschenk. Sie ist gleichzeitig der Freiraum, um dem Willen Gottes zu dienen. Sie wird erst recht ergriffen im Gehorsam gegen seinen Auftrag.

  Der Hohepriester aber und die mit ihm waren, kamen und riefen den Hohen Rat und alle Ältesten in Israel zusammen und sandten zum Gefängnis, sie zu holen. 22 Die Knechte gingen hin und fanden sie nicht im Gefängnis, kamen zurück und berichteten: 23 Das Gefängnis fanden wir fest verschlossen und die Wächter vor den Türen stehen; aber als wir öffneten, fanden wir niemanden darin.

Es ist erzähl-technisch wie ein Umblenden in einem Film. Man sieht Bilder nebeneinander: Während die Apostel im Tempel stehen, kommt der Hohe Rat zusammen, diesmal hochkarätig besetzt. Alle Ältesten in Israel sind da. Das ganze Synhedrion. Das ist ein Hinweis auf die Bedeutsamkeit der ganzen Szene.

Dann aber wird, trotz aller Ernsthaftigkeit, nicht ohne Ironie erzählt. Die Gefangenen sollen vorgeführt worden. Die Vollzugs-Beamten gehen los, sie zu holen. Aber da sind keine Gefangenen mehr. „Türschlösser und Wachen sind in Ordnung, aber die Zellen sind leer.“(W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1965, S.121)  Man sieht regelrecht die verblüfften Gesichter vor sich. Kein Zeichen für eine gewaltsame Befreiung. Spurlos. Gottes Befreiungsaktion zeigt sich nicht in den sonst üblichen Ausbruchs-Spuren: in zertrümmerten oder aufgesprengten Türen, niedergestreckten Wächtern.  Sie zeigt sich gerade in ihrer Spurlosigkeit.

Es scheint eine Vorliebe Gottes zu sein, die Spuren seines Handelns zu verbergen und nur die Folgen in der Geschichte von Menschen sichtbar werden zu lassen.

24 Als der Hauptmann des Tempels und die Hohenpriester diese Worte hörten, wurden sie betreten und wussten nicht, was daraus werden sollte.

Dieser Tatbestand der leeren Zellen löst Verwirrung aus. Betretenheit. Verlegenheit. Ratlosigkeit mitten im Rat. Es wird gelten, Erklärungen zu suchen, möglichst Schuldige zu präsentieren. Das ganze Programm eben, wenn man den eigenen Kopf vor peinlichen Fragen retten will. „Wer hat da etwas versäumt? Wer hat da nicht richtig aufgepasst?“ Das alles mag dem Chef der Tempeltruppe schon durch den Kopf gehen, und er sieht sich womöglich schon seines Amtes enthoben.

25 Da kam jemand, der berichtete ihnen: Siehe, die Männer, die ihr ins Gefängnis geworfen habt, stehen im Tempel und lehren das Volk. 26 Da ging der Hauptmann mit den Knechten hin und holte sie, doch nicht mit Gewalt; denn sie fürchteten sich vor dem Volk, dass sie gesteinigt würden. 27 Und sie brachten sie und stellten sie vor den Hohen Rat.

                Da platzt in die verlegene Stille neue Botschaft. „Wir haben sie!“ Wobei das leicht übertrieben erscheint. Nicht sie haben sie, sondern die Apostel haben die Öffentlichkeit gesucht. Sie sind seltsamerweise nicht auf der Flucht, sondern stehen – wortwörtlich – in aller Seelen Ruhe im Tempel und lehren. Was für ein Kontrast: Hier der verstörte und verwirrte Rat – dort die Apostel, die das Volk lehren – heißt doch: Die dem Volk von Jesus und den großen Taten Gottes durch ihn erzählen. Das Volk – hier steht λας, die Bezeichnung für das Gottesvolk. Sie lehren die Laien. Unter dem Lehren dieser ungelehrten Apostel, so lese ich, bildet sich das Gottesvolk, bleiben die vielen nicht nur eine Menge, ein Menschenhaufen.

Wieder werden die Truppen geschickt, aber diesmal ausdrücklich in „diplomatischer Mission“. Deeskalation ist angesagt. Und wieder lädt Lukas mit seinen Worten die Phantasie zu Bildern ein. Der Tempelhauptmann geht zu Petrus und Johannes: „Würden Sie bitte mitkommen? Helfen Sie, dass die Situation nicht entgleist.“ Sie, der Hauptmann und seine Leute, ahnen: Wenn wir jetzt Gewalt anwenden, fliegen Steine.

Fast könnte man sich wünschen, dass dieser Bericht in Schulungen der Polizei eingesetzt wird: So geht Fingerspitzengefühl. So erspart man sich den Einsatz von Wasserwerfern. Mancher Krawall in der BRD, in den USA und anderswo hätte nicht stattgefunden, wenn Polizeiführungen von diesem anonymen Hauptmann der Tempelpolizei gelernt hätten.

Es gelingt: die Apostel kommen gewaltfrei mit in die Versammlung des Hohen Rates.

Und der Hohepriester fragte sie 28 und sprach: Haben wir euch nicht streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren? Und seht, ihr habt Jerusalem erfüllt mit eurer Lehre und wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen.

Da kommt es zum Gespräch. Verhör kann man das ja nicht wirklich nennen. Es ist übrigens die kürzeste „Rede“ eines Hohenpriester im ganzen Neuen Testament. Er erinnert die Apostel, als ob sie es je hätten vergessen können: Wir hatten euch doch verboten in diesem Namen zu lehren. Er selbst hält sich an sein Verbot – er nennt den Namen nicht! Und er erweitert seine Anklage zu dem Vorwurf: Ihr wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. Indem ihr in seinem Namen lehrt, indem ihr seinen Namen nennt, klagt ihr uns an.

Es ist – das weiß der Hohepriester – keine Harmlosigkeit, um die es hier geht. Es geht um das Sein  der Stadt, um das Urteil Gottes über Jerusalem und Israel.

29 Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Das ist die sprichwörtlich gewordene Antwort des Petrus. Kein bloß theoretischer Satz – sondern nur die Theorie zu dem, was zuvor geschehen ist. Petrus und Johannes haben dem Engen des Herrn gehorcht mit ihrem Auftritt im Tempel. Dorthin sind sie gesandt worden und dorthin sind sie, als sie das gehört hatten, gegangen. Die Antwort des Petrus ist nahe an der Wahrheit des heidnischen Philosophen. „Ich werde Gott mehr gehorchen als euch.“ (Platon, Apologie 29d) antwortet Sokrates seinen Richtern. Aus dem subjektiven Satz des Sokrates wird im Mund des Petrus eine objektive Regel. Es klingt wie ein Wort jüdischer Weisheit. In der Gottesfurcht liegt das Leben, nicht in der Menschenfurcht. Dieser Satz hat Menschen das Rückgrat gestärkt – staatlicher und geistlicher Obrigkeit gegenüber.

30 Der Gott unsrer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr an das Holz gehängt und getötet habt. 31 Den hat Gott durch seine rechte Hand erhöht zum Fürsten und Heiland, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben. 32 Und wir sind Zeugen dieses Geschehens und mit uns der Heilige Geist, den Gott denen gegeben hat, die ihm gehorchen.

            Aber sogleich wechselt Petrus die Ebene. Es geht um mehr als um ein weiteres weisheitliches Wort. Nicht mehr auf das „wir“ der Apostel lenkt er den Blick, sondern auf die Taten Gottes. Der Gott unsrer Väter hat Jesus auferweckt. Gott hat durch sein Tun das Tun der Menschen – der jüdischen und römischen Obrigkeit – ins Unrecht gesetzt. Gott hat ihrer Gewalt gegen Christus sein Heilshandeln entgegen gesetzt. Er hat dadurch den Raum für Israel zu Buße und Vergebung der Sünden geöffnet. Israel ist nicht auf sein Handeln festgelegt. Was Gott in und an Jesus Christus getan hat zu bezeugen, das ist Worte des Lebens sagen. Wo es um ihn geht, das geht es um das Leben.

Die Rolle der Apostel benennt Petrus so: Wir sind Zeugen dieses Geschehens.  Aber: Wir sind das nicht allein. Der Heilige Geist ist in gleicher Weise Zeuge. „In V. 32 wird neben den menschlichen Zeugen auch der heilige Geist als Zeuge eingeführt. Dieses Geistzeugnis ist nicht eine eigenständige Größe, die unabhängig neben dem Apostelzeugnis stünde (etwa als das sichtbar Ereignis von Pfingsten) oder die ihm zeitlich folgte (im Sinne einer Ablösung des Apostelzeugnisses nach deren Tod); es ist vielmehr das von Gott ausgehende Geschehen, das das Apostelzeugnis umgreift und ermöglicht.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 104)

Soviel kann ich sagen: Für Lukas gehören dieses menschliche Wort und das Handeln des Geistes zusammen. Es wird mehrfach auch zusammen bei ihm dargestellt – so beim Apostel-Konzil: „Es gefällt dem Heiligen Geist und uns“(15,28), wobei Lukas offensichtlich überhaupt kein Interesse hat, dieses „und“ in der Art seines Zustandekommens und Wirkens zu erklären. Es ist aber in seiner Sicht eine Eigenheit der Gemeinde, dass sie in der Kraft des Geists handelt. Diese Kraft ist gewiss unverfügbar. „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.“(Johannes 3,8) Und doch: Die Kraft des Geistes, sein Wehen, sein Zeugnis kann erbeten werden. Und sie wird geschenkt, wenn und wo Menschen sich im Gehorsam Gott zur Verfügung stellen.

33 Als sie das hörten, ging’s ihnen durchs Herz und sie wollten sie töten.

            Das ist das bestürzende Resultat des Zeugnisses. Nicht Glaube, sondern Mordlust. Nicht Gehorsam, sondern Abwendung. Die Herzen sind erreicht. Als sie das hörten, ging’s ihnen durchs Herz. Das ist ja – in der Luther-Übersetzung zumindest, wenn auch nicht im griechischen Ur-Text – wortgleich die Formulierung auch am Ende der Pfingst-Predigt des Petrus. Aber während die Predigt dort, an Pfingsten, Umkehr wirkt, erzeugt sie hier Hass und den Willen, die Apostel zu töten.

Mir fällt der Satz eines Weggefährten der letzten Jahre ein: „Auch durch eine gute Predigt muss sich der Geist den Weg zu den Herzen bahnen.“ (R. Knieling) Es ist ernüchternd: Selbst wenn das Herz erreicht wird, ist es noch nicht ausgemacht, dass es zur Umkehr kommt. Die Kraft des Geistes dreht Menschen nicht wie von selbst um. Sie eröffnet aber den Raum zur Umkehr.

Das ist eine Warnung vor aller Naivität, die sagt: Hauptsache, es geht zu Herzen. Das menschliche Herz ist im biblischen Denken nicht von selbst schon ein guter Ort. Es gibt das böse Herz, das harte Herz, das verstockte Herz, das Herz aus Stein und es gibt das fleischerne Herz, das neue Herz, das Gott geben will. Die Frage an den Menschen heißt immer: Behältst du dein Herz in eigener Kontrolle und Verfügung oder öffnest du es wirklich Gott und seinem Willen?

 

Herr Jesus, Du willst uns zu Herzen reden. Du willst, dass Dein Wort in meinem Herzen tiefe Wurzeln schlägt. Du willst unser Herz zu Dir wenden.

Gib mir, dass ich Dir mein Herz öffne, dass ich mich Dir hinhalte in meiner Armut, meiner Zerbrechlichkeit, mit meinen Ängsten, leer – und mich füllen lasse mit der Liebe zu Dir, zu Deiner Welt, zu Deinem Weg und dass ich so von Herzen Deinen Willen suche. Amen