Ansteckendes Leben

Apostelgeschichte 5, 12 – 16

12 Es geschahen aber viele Zeichen und Wunder im Volk durch die Hände der Apostel; und sie waren alle in der Halle Salomos einmütig beieinander. 13 Von den andern aber wagte keiner, ihnen zu nahe zu kommen; doch das Volk hielt viel von ihnen.

                       Der  – bedrückenden – Einzelszene folgt jetzt wieder ein eher summarischer Abschnitt. Es ist eine „Erfolgsgeschichte“, die da angefangen hat. Viele Zeichen und Wunder im Volk durch die Hände der Apostel – der Auftrag Jesu an seine Leute zieht Kreise. „Er rief aber die Zwölf zusammen und gab ihnen Gewalt und Macht über alle bösen Geister und dass sie Krankheiten heilen konnten.“(Lukas 9,1)Sie tun, was der irdische Jesus ihnen aufgetragen hatte und setzen so das Werk des erhöhten Christus fort. Durch die Hände der Apostel – „an Heilung wirkende Gesten darf man hier nicht denken.“ “(J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 97) Die Erzählweise des Lukas lässt keinen Raum für magische Zeichen und Handlungen, für heilende Rituale und Zauerformeln, ob in Worten oder Gesten.

Es gehört zum „Standard“ bei Lukas, dass er darauf verweist, dass sie einmütig beieinander sind. Erstaunlich ist allenfalls der Ort: Die Halle Salomos ist ein Teil des Tempels. So ist diese unscheinbare Notiz doch ein wichtiger Hinweis: Die Jerusalemer Gemeinde hat sich nicht von Anfang an im Gegenüber zum Judentum verstanden, sondern sich als Teil des Judentums begriffen. Als der Teil, der zum Anfang der endzeitlichen Sammlung des Volkes gehört.

Wer sind die „anderen“, die „Übrigen“, wie es in anderer Übersetzung heißt? Und ist es das Erschrecken (5,11) über den Tod von Hananias und Saphira, das sie fernhält? Oder ist es „eine Zone heiliger Scheu, die sich um die Gemeinde gelegt“(J. Roloff, aaO.; S. 99)   hat? Eine erste einleuchtende Erklärung ist, dass die „Übrigen“ Glieder der Gemeinde sind. Während die Apostel offensiv auftreten, auch dem Redeverbot des Synhedrium (4,18+21) trotzen, sind die anderen Gemeindeglieder nicht ganz so tapfer. Sie sind da, aber vorsichtig.

Die andere Möglichkeit: Die Christen sind ja nicht die Einzigen im Tempel. Da sind mehr Leute, angezogen und doch auf Abstand bedacht, irritiert und fasziniert. Die Christen stehen keiner geschlossenen Ablehnungsfront gegenüber – im Gegenteil: Das Volk hielt viel von ihnen. Deshalb muss man dennoch nicht gleich dazu gehören wollen. Zumal es doch auch ziemlich radikal zugeht, mit Gütergemeinschaft, Heilungen, Beten….. So wäre das Volk ein bisschen hin und her gerissen und sich noch nicht darüber klar, wie es diese neue Bewegung sehen soll.

Was hier erzählt wird, ist bis heute zu beobachten. Kommunitäten ziehen, nicht zuletzt wegen ihrer verbindlichen Gemeinschaft an und lassen gleichzeitig Abstand suchen. Es ist nicht jedermanns Ding, sich auf so viel Nähe einzulassen, auf eine so enge Verbindlichkeit. Wo bleibt da der Abstand, der für das eigene Ich und die eigene Entfaltung nötig ist? Es könnte aber auch sein, dass dies eine falsche Angst ist, weil die Verbindlichkeit anderes zur Entfaltung bringt als die selbst gewählte Freiheit.

„Freiheit sei der Zweck des Zwanges,
wie man eine Rebe bindet,
dass sie, statt im Staub zu kriechen,
froh sich in die Lüfte windet.“                                                                                                          F.W Weber ( 1813 – 1894) Arzt, preußischer Zentrumsabgeordneter

14 Desto mehr aber wuchs die Zahl derer, die an den Herrn glaubten – eine Menge Männer und Frauen -, 15 sodass sie die Kranken sogar auf die Straßen hinaustrugen und sie auf Betten und Bahren legten, damit, wenn Petrus käme, wenigstens sein Schatten auf einige von ihnen fiele.

                        Aber dennoch – oder gerade deshalb? – ist diese erste Zeit eine Zeit des zahlenmäßigen Wachstums. Immer mehr Menschen finden zum Glauben an den Herrn, eine Menge Männer und Frauen. Es ist keine reine Männergesellschaft, wie es der eher patriarchalen Zeit durchaus hätte entsprechen können. Es ist aber auch keine Frauenbewegung, so wie es heutzutage leicht aussieht: Kinder, Küche, Kirche sind Frauenthemen. Männer haben Besseres zu tun.

Was aber die erste Gemeinde ist, zeigt sich hier: Eine Heilungsbewegung. Menschen tragen ihre Kranken auf die Straßen der Stadt. Sie legen sie den Aposteln zu Füßen. Dahinter steht eine Vorstellung, die uns magisch und aber-gläubig zugleich vorkommen mag: „Die Antike kennt die Vorstellung, dass der Schatten von Menschen und Tieren mit der heilenden oder schädigenden Kraft (dem Mana) des Schattenspenders aufgeladen ist.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  S. 207) Es mag sein, dass die Predigt über den Namen Jesu verboten ist. Aber die Heilungen in seinem Namen entfalten ihre eigene Wirkung. Die Frage bleibt offen: Hat das eine herausfordernde Kraft für unsere Art, mit Gemeinde umzugehen?

Mit der Wirksamkeit des Schattens bin ich nicht so rasch fertig. Das ist nicht nur ein Relikt vergangenen Denkens und heute längst überholt. Mir fällt ein, wie Leute sich zu den „Roten Teppichen“ drängen, in Cannes, Venedig, Berlin. Mir fällt ein, wie Fußballern die Hände entgegen gestreckt werden nach Spielen, damit sie sie abklatschen. Immer geht es darum, Anschluss zu gewinnen an die Ausstrahlung, an die Kraft des Verehrten. Mag sein, unser Verstand sagt, dass das dummes Zeug ist. Aber die Emotion sagt: Ich mache es trotzdem. Und es wirkt. Es geht Kraft davon aus.

16 Es kamen auch viele aus den Städten rings um Jerusalem und brachten Kranke und solche, die von unreinen Geistern geplagt waren; und alle wurden gesund.

                      So entsteht Zulauf. Es spricht sich herum: Hier ist Hilfe für Notleidende, für Kranke, für in sich selbst Gefangene. Es ist nicht mehr nur Jerusalem – das ganze Umland bringt seine Kranken.  Und alle wurden gesund. Sind es im Evangelium fast immer nur Einzelne, die gesund werden, so breitet sich nun der Wirkungskreis aus: alle! Wer es mit dem Evangelium zu tun bekommt und mit der Gemeinde, der gerät in eine heilende Atmosphäre. „Für Lukas als antiken Christen ist die Wunderkraft des Petrus sinnfälliger Erweis dafür, dass durch das endzeitliche Heilsgeschehen die konkrete Negativität menschlichen Daseins überwunden wird.“ (J. Roloff, aaO., S. 98) Einfacher gesagt: In der Gegenwart Gottes kann Leben heil werden. Es ist eine Sehnsucht bis zu uns heute, dass die Gemeinschaft der Christen von der Art ist, dass Menschen in ihr auf die Beine kommen, gestärkt und ermutigt werden,, neue Kraft gewinnen, gesunden.

 

Herr Jesus, ich sehne mich nicht nach Zeichen und Wundern. Wo es sie gibt ist es wunderbar. Öffne Du mir die Augen für die Zeichen und Wunder, die es auch heute gibt.

Ich sehne mich aber danach, dass Leben heil wird, Krankheit überwunden wird, seelische Wunden heilen, Menschen neu auf die Füße kommen.

Ich sehne mich danach, dass unsere Gemeinden mit Hoffnung anstecken, Zuversicht wecken, zum Leben ermutigen.

Ich sehne mich danach, dass wir nicht das Geschäft der Resignation treiben, uns nicht abfinden, nicht aufgeben.

Das sind dann wohl die Zeichen und Wunder, die ich doch ersehne, dass wir mit Lebensmut und Hoffnung anstecken, die ohne Mut und Hoffnung sind. Gib Du uns dazu Deinen Geist. Amen