Ein Herz und Seele

Apostelgeschichte 4, 32 – 37

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

               Ein Herz und eine Seele – das wünschen sich viele. Vor allem für ihre engen Beziehungen.   Das über die erste Gemeinde zu lesen, erfüllt mit Staunen, vielleicht auch mit Neid. Sicher auch mit Skepsis. Ob das wirklich so war? Es ist eine große Neigung, so eine Aussage als „Idealbild“ zu bezeichnen und es damit auch sofort zu entschärfen: „Das ist kein realistischer Anspruch an uns heute.“

Man kann danach fragen, ob in dieser Formulierung alttestamentliches Material mit verwendet ist.Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (5. Mose 6,5) Hier tauchen, eng aneinander gefügt, die drei Stichworte auf – Herz, Seele, Kraft, die dann auch auf das Leben der Gemeinde bezogen sind. Der Glaube an Gott realisiert sich – so lese ich dann – im Miteinander der Gemeinde.

Dieses ein Herz und eine Seele hat seine Basis nicht in der Freundschaft. Auch nicht in der Übereinstimmung einer seelischen Struktur. Auch nicht in einer gemeinsamen Willensanstrengung: Wir schaffen die neue Gesellschaft. Die Basis ist der gemeinsame Glaube an den einen Herrn, an den gekreuzigten, auferstandenen und erhöhten Christus. Es ist, wie Bonhoeffer sagt, eine „pneumatische Gemeinschaft“, geboren aus dem Geist Christi und eben keine „psychische Gemeinschaft“ der gemeinsam hergestellten und festgehaltenen und festgeschriebenen Beziehungen. „Pneumatisch = geistlich nennt die Heilige Schrift, wasallein der Heilige Ge4ist schafft, der uns Jesus Christus als Herrn und Heiland uns Herz gibt.“  (D. Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, München 1939, S.22)

Die Unterschiede zwischen den Menschen verschwinden in einer solchen pneumatischen Gemeinschaft nicht. Männer bleiben Männer, Frauen bleiben Frauen, Junge bleiben und jung und Alte alt, Ffeie werden nicht zu Knechten und Knechte nicht frei. Aber dieen Unterschiede verlierten ihre normative Kraft. Sie werden von der gemeinsamen Zugehörigkeit, vom Sein in Christus zweitrangi, sekundär. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Galater 3,28)

„Schlimmer“, härter für den modernen Leser wird es durch die Konkretion: Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Das geht doch gar nicht. In einer Gesellschaft, in der Habenwollen ganz oben steht, in der die „Gier“ als menschliche Grundkonstanten nicht nur neutral hingenommen, sondern als positive Eigenschaft gezeichnet wird: „Wir müssen gierig sein!“ – in so einer Gesellschaft müssen diese Worte Widerspruch auslösen. 

„Eigentum verpflichtet.“ Dazu ringen wir uns gerade so noch durch. Aber dass einer mit seinem Eigentum so umgeht, dass er es nicht sein eigen nennt, dass er es mit anderen in unvernünftiger Weise – so wird das ja dann empfunden – teilt, das ist eine tiefe Irritation. Und hier teilt nun eine ganze Gruppe von Menschen. Freiwillig. Ohne Zwang. Ohne Gruppendruck.

Es ist ein einziger dürrer Satz. Zurückhaltend, nüchtern. Lukas „stellt nicht die urchristliche Gütergemeinschaft alsstraff organisierte und gesetzlich fixierte Eientums- und Produnktionsgemeinschaft dar. …Lukas spricht weder von einer Vergesellschaftung der Produktionsmittl noch von einer gemeinsamen Wirtschaftsführung, sondern ledigleich voon einem Verkauf des Eigentums Begüterter zum Zweck des Unterhaltes der Bedürftigen.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 89) Mir ist das zu defensiv, zu sehr Abwehr. Es ist wahr: Lukas zeichnet ein Idealbild der der christlichen Frühzeit. Es ist wohl auch wahr. Er trifft mit seiner Schilderung auf eine Sehnsucht, die meistens in eine vergangene Urzeit oder eine utopische Zukunft projiziert wird. Aber dieses Bild haz zugleich die Kraft, die gegenwärtigen Verhältnisse innerhalb der Christenheit, mit denen wir uns nur zu leicht afinden, in Frage zu stellen. Es gibt eine andere Möglochkeit des Umgangs mit dem Eigentum, als wir ihn kirchlich gewöhnt sind und stillschweigend akzeptieren.

33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

Es ist eine Frage, die sich wie von selbst stellt: Sind die  große Kraft im Zeugnis der Apostel und die große Gnade eine Folge der Gemeinschaft, der Gütergemeinschaft? „Wenn die Schilderung der Gütergemeinschaft durch die Bemerkung über das kraftvolle Auferstehungszeugnis der Apostel unterbrochen wird, dann wohl deshalb um zu zeigen, dass es sich dabei um zwei eng zusammen gehörige Aspekte des Gemeindelebens handelt.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 88) Reden und Handeln – das hängt ineinander. Wenn die Taten lauter reden als die Worte, wird es schwierig. Darum heißt es ja auch bei Johannes: „Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“ (1. Johannes 3,18) Es gibt den Worten der Apostel Kraft, dass sie aus der gelebten Gemeinschaft erwachsen. Einer geleten Gemeinschaft, die vor dem eigenen Geldbeutel, dem eigenen Besitz  und der eigenen Armut und Bedürftigkeit nicht Halt macht.

34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

               Noch einmal – wohl, weil es doch auch für damalige Zeiten ungewöhnlich war, wird das  Verhalten dargestellt. Es ist Eines, wie es das auch in der griechischen Welt gab, ein Ideal der Gütergemeinschaft (J. Roloff, ebda.) zu haben. Es ist ein Anderes, dieses Ideal auch zu leben. Wobei es schon ein starker Gedanke ist: „In der neuen Glaubensgemeinschaft finden nicht nur die biblischen Verheißungen, sondern auch die Hoffnungen der Völker ihre Erfüllung, die Utopien den konkreten Ort ihrer Realisierungsmöglichkeit.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  S. 182)

Das sind dann konkrete Schritte:  Äcker oder Häuser verkaufen, den Erlös solcher Verkäufe  vertrauenswürdigen Leuten zu übergeben und aus diesem Erlös auszuteilen. Das ist sehr lapidar formuliert man gab einem jeden, was er nötig hatte. Keine Frage, warum einer – vielleicht häufiger sogar: eine –  es nötig hatte. Kein Ausforschen, ob seine Not selbst verschuldet ist. Da ist Not und wir helfen mit unserem Besitz. So wird also dem Mangel gewehrt – durch Teilen und nicht durch die gesteigerte Anstrengung und Arbeitsleistung.

Dasalls führt zu der nüchternen Feststellung: „Dass hinter dem Idealbild des Lukas geschichtliche Wirklichkeit steckt, ist unübersehbar.“ (J. Roloff, aaO.,  S. 90)

36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes -, ein Levit, aus Zypern gebürtig, 37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

             Nach den vielen, die das tun, ohne dass sie benannt werden, wird jetzt einer extra benannt. Barnabas, ein Levit, aus Zypern. Einer, der ortsfremd ist. Tut er sich leichter, weil er ortsfremd ist? Auch weil er ein Levit ist und so zu dem Stamm gehört, detr immer ohne festes Stammesgebiet zu leben hatte. Hängt er nicht so am althergebrachten Familienbesitz wie einer aus einer Jerusalemer Familie? Manchmal ist das ja so, dass es denen leichter ist, neue Wege zu gehen, die nicht so tief verwurzelt sind, nicht so alteingesessen, nicht so geprägt durch den Familienbesitz.

Im Tun des Barnabas erfüllt sich auch sein Name. Dass er Menschen aus ihrem Mangel hilft, dass er ihnen Anteil gibt an seiner Habe, dass sie nicht Mangel fürchten müssen und nicht betteln müssen – das alles bewirkt sein Tun. Er ist wirklich ein Sohn des Trostes. Er kann trösten mit dem, was er empfangen hat, so wie es Paulus auch schreibt und erhofft: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.“(2. Korinther 1,3-4) Weitergeben dessen, was wir empfangen haben – mehr nicht. Das tröstet.

Die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Gemeinde ist geprägt durch die Hoffnung auf das kommende Reich. Sie ist geprägt durch die Erwartung, dass der kommende Herr allem Mangel ein Ende macht.  Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude… Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. …Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen.“ (Jesaja 65, 18.20. 21-22) Es ist keine Verzicht aus asketischen Motiven, sondern aus der Freude auf das kommende Reich. Und: es ist kein Zwang in dieser Gütergemeinschaft.

 

Heiliger Gott, es redet sich leichter über das Teilen als es sich lebt. Es lässt sich leichter bewundern als im eigenen Leben bewahrheiten.

Gib mir, dass ich mich trennen kann von dem, was ich besitze und was mich so leicht besitzt. Gib, dass ich freimütig werden in meinem Geben und nicht nur freimütig mit Worten.

Dazu braucht es ein Herz, das sich genügen lassen kann in Dir und in der Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. Amen