Unter Gottes Schutzschirm

Apostelgeschichte 4, 23 – 31

23 Und als man sie hatte gehen lassen, kamen sie zu den Ihren und berichteten, was die Hohenpriester und Ältesten zu ihnen gesagt hatten.

Petrus und Johannes wissen, wo sie hin gehören. Sie sind freigelassen und suchen die Gemeinde auf. Die anderen, die mit Jesus unterwegs waren, die mit dem Geist erfüllt sind. Denen erzählen sie, was war. Denen erzählen sie von den Drohungen der Hohenpriester und Ältesten. Es ist gut, es macht stabil, wenn einer Menschen hat, denen er erzählen kann, was ihm passiert ist.

Ohne Beschönigungen. Ohne ein Bild der eigenen Tapferkeit zu malen. Einfach erzählen, was ist. Es ist mir kaum vorstellbar, welche seelische Belastung es mit sich bringt, immer ein vorzeigbares Bild von sich selbst aufrecht erhalten zu müssen, nie ehrlich sagen zu können: Ich kann nicht mehr. Es ist mir nicht gut gegangen. Die Apostel können erzählen, wie es ihnen ergangen ist. Gott sei Dank.

24 Als sie das hörten, erhoben sie ihre Stimme einmütig zu Gott und sprachen: Herr, du hast Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht, 25 du hast durch den Heiligen Geist, durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, gesagt (Psalm 2,1-2): »Warum toben die Heiden, und die Völker nehmen sich vor, was umsonst ist? 26 Die Könige der Erde treten zusammen, und die Fürsten versammeln sich wider den Herrn und seinen Christus.«

Und sie, die ihnen zuhören, nehmen das Gehörte auf und bringen es vor Gott. „Sie haben nur einen Weg: Gott auf die Situatuion aufmerksam zu achen.“ ((G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 139) Sie haben ein Gespür dafür: Der letzte Adressat dieses Erzählens sind nicht wir. Sondern es ist ein Erzählen im Angesicht Gottes. Es geht ja auch um seine Geschichte mit Menschen, um sein Evangelium.

In ihrem Beten vergewissern sie sich selbst: Wir hängen an dem Gott, der der Schöpfer der Welt ist. Wir hängen an dem Gott, der Himmel und Erde gesetzt hat, der dem Meer seinen Raum gibt, aber eben auch seine Grenze. Und: wir hängen am dem Gott, der weiß, wie die Völker sind. Sie sind im Widerstreit mit Gott. Die uralte Erfahrung Israels, die der Psalm ausspricht, wird neu auf die Auseinandersetzung um Jesus bezogen. In  dieser Auseinandersetzung zeigt sich nicht irgendeine besondere Bosheit, sondern das Wesen der Menschen. Sie sind aufrührerisch gegen Gott und darum auch voller Widerstreit gegen den Christus Gottes. 

27 Wahrhaftig, sie haben sich versammelt in dieser Stadt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels, 28 zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zuvor bestimmt hatten, dass es geschehen solle.

                        Aus einer allgemeinen Geschichtsschau wird ein konkretes Bild der Gegenwart. Was hier in Jerusalem geschieht, unter Herodes und Pontius Pilatus, ist in Wahrheit nur die Fortsetzung des Widerstreits gegen Gott von Anfang an. Aber: Das, was Menschen in ihrem Dichten und Trachten tun, was ihrem Kalkül entspringt, muss in Wahrheit doch dem Rat Gottes dienen. Sie führen aus, was Gottes Ratschluss zuvor bestimmt hatte, dass es geschehen solle.

            Das ist eine Grundüberzeugung, die sich durch das Werk des Lukas zieht, die er aber auch mit den anderen Schriften des NT teilt. Das Tun der Menschen wird von Gott in seinen Plan hinein genommen. Er bringt ihn durch dieses Tun vorwärts. Damit ist nie die Vorstellung verbunden: Die Handelnden sind Marionetten an Gottes Hand. Sie bleiben verantwortlich für das, was sie tun. Es ist ja ihr „Ding“, das sie da treiben. Aber das wird mit diesem Gedanken festhalten: Gott lässt sich durch das Handeln der Menschen nicht von seinem Weg abbringen. Er wird auch davon nicht irgendwie „überrascht“ und muss dann schnell und geschickt reagieren. Es ist sein Plan, sein Wille zur Rettung, der auch dieses Handeln für sich in Anspruch nimmt.

29 Und nun, Herr, sieh an ihr Drohen und gib deinen Knechten, mit allem Freimut zu reden dein Wort; 30 strecke deine Hand aus, dass Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus.

Und dann unterstellt sich die Gemeinde dem Schutz ihres Gottes. Sie betet nicht defensiv um Bewahrung. Sie macht sich keine Illusionen. Das Drohen ist ernst zu nehmen und sie werden es wohl auch zu spüren bekommen. Aber dahin geht ihr Beten, dass sie nicht aus Angst schweigen, sich nicht verkriechen, dass sie der Kraft Gottes Raum geben im eigenen Leben.

Sie beten darum, dass Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen, dass der auferstandene und erhöhte Herr weiter handelt, sein Werk weiter treibt. Sie beten um den Mut, im Namen Jesu selbst zu handeln und zu tun, was er sie tun lassen will. Die Antwort auf das Drohen darf nicht der Rückzug sein, sondern das Handeln in der Spur Jesu.

Auch das ist wichtig: Die Gemeinde erbittet Heilungen und Zeichen und Wunder. Das ist  das, was Petrus und Johannes zuvor getan, gewirkt, empfangen haben. Aber hier wird es erbeten als Tun der ganzen Gemeinde. „Das Tun und Verhalten der beiden Apostel Petrus und Johannes wird hier als Leitbild für die ganze Gemeinde festgehalten. Sie haben freimütig Zeugnis abgelegt und in der Gelähmtenheilung die Macht des Namens Jesu demonstriert. Nun erbittet die Gemeinde von Gott Beistand und Kraft zu gleichem Tun.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 87) Die großen Taten der Bekräftigung des Evangeliums werden nicht an große Leute delegiert, sondern sie sind Taten, die aus dem Leben der Gemeinde erwachsen und in das Leben der Gemeinde hineinziehen können.

31 Und als sie gebetet hatten, erbebte die Stätte, wo sie versammelt waren; und sie wurden alle vom Heiligen Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimut.

Was dann geschieht ist eine erneute Ausgießung des Geistes. Pfingsten ist nicht einmalig. Die Gemeinde ist nicht mit einer eisernen Ration an Geist unterwegs, die einmal aufgebraucht sein wird. Wir brauchen keine Angst zu haben, dass der Geist irgendwann nicht mehr wirksam ist. Die Gabe des Geistes wird stetig erneuert. Er wird nicht zur Dauergabe. Aber da, wo so um den Willen Gottes gebetet wird, da gibt Gott sein Geist, immer neu, immer wieder.  Und es wiederholt sich, was zuvor schon war:  Sie redeten das Wort Gottes mit Freimut.

             Gleich dreimal wird in diesem Bericht über das Geschehen das Wort Freimut –  παρρησα – verwendet. Es ist so etwas wie ein Leitmotiv. Der Hohe Rat staunt über die Freimut der beiden Jünger, die Gemeinde bittet um Freimut für alle zum Zeugnis und am Ende ist es wie eine Gebets-Erhörung: Alle werden mit dieser Freimütigkeit zum Zeugnis erfüllt, durch den Heiligen Geist erfüllt.

             Dass es Menschen gibt, die gerne von Gott reden, die freimütig für ihn einstehen, die sich den Mund nicht verbieten lassen, durch Erfahrungen, durch Ängste, durch Drohungen – das hängt an diesem Geschenk der Freimütigkeit. Dieses Geschenk teilt Gott  aus bis auf den heutigen Tag.

 

Herr, gib Du unter uns Freimut im Reden und Beten. Gib Du unter uns Klarheit im Sagen, im Denken, im Handeln.

Wie oft ertappe ich mich dabei, dass ich alles mit mir alleine ausmache, mich am Schweren abschleppe, mich am Guten nur im Stillen freue.

Hilf Du heraus aus dieser frommen Einzelhaft, die sich den Schwestern und Brüdern so schwer anvertraut und darum  so viel Befreiung versäumt. Amen