So geht Gemeinde

Apostelgeschichte 2, 42 – 47

42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

             Pfingsten ist vorbei. Der Platz vor dem Haus hat sich geleert. Der Alltag fordert sein Recht. Aus dem großen Ereignis wird Lebenspraxis. Auf den “Event” an Pfingsten folgt die Umsetzung in kleine Schritte, die das Leben verankern in der Bindung an Gott.

“Notae ecclesiae”, Zeichen der Kirche,  nennen die Theologen diese vier Elemente, die hier in einem dürren Satz zusammen gefasst sind. Sie meinen damit: Wo immer Kirche in der Zeit ist, werden diese vier  Elemente sich wieder finden. Sie sind Bausteine des Lebens der Christenheit. Die Exegeten nennen den folgenden Abschnitt ein “Summarium”. Nicht mehr Einzelbilder werden gezeichnet, einzelne Begebenheiten erzählt, sondern viele Erfahrungen werden zusammengefasst. Dabei greift Lukas auf “Material” zurück, das vor ihm schon da war. Es sind also Informationen, die  nahe an den Anfang zurück führen.

Es fängt damit an, dass es nicht einmalig bleibt: Sie blieben aber beständig. Christsein ist bleiben, beständig werden, verharren. Es ist nicht von ungefähr, dass das Johannes-Evangelium als eine Grundform der Jüngerschaft das Bleiben benennt. “Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.”(Johannes 15,4) In der Gemeinde in Jerusalem wird es eingeübt – bleiben, beständig werden.

Das erste beständig Bleiben gilt der Lehre der Apostel. “Die Getauften bedürfen der postbaptismalen Unterweisung in der Lehre der Apostel,d.h. ursprünglich der von den Aposteln verantworteten Jesusüberlieferung, deren Sammlung in Jerusalem begann.” (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  S. 130)  Die Apostel haben wohl nicht Konfirmanden-Unterricht gehalten. Obgleich: “Man wird sich dies Lehren gar nicht einfältig, gar nicht schlicht genug vorstellen können.”(O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 41) Sie haben erzählt von den Wegen mit Jesus. Sie haben seine Worte erinnert und wohl auch einzelne Sätze memoriert. Sie haben Fragen des Lebens in den Zusammenhang mit Worten Jesu gestellt, an die sie sich erinnerten.

Dabei bleibt es nicht aus, dass die stetige Wiederholung Worte prägt, sie prägnant werden lässt und sie so für die Erinnerung besser verfügbar macht. Das finden wir in den Texten des Neuen Testamentes wieder und wieder bestätigt. In  dieser Weitergabe geht das Evangelium seinen Weg. “Denn ich habe euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe.”(1.Korinther 15,3) Das ist die Lehre der Apostel – empfangen und weitergeben.

Das nächste Bleiben ist ein Bleiben in der Gemeinschaft. Κοινωνία ist das griechische Wort, das bei uns Pate steht für alles, was “zusammen” geschieht – Ko-operation, Ko-ordination, Ko-itus etc. Es gibt kein Bleiben bei Christus ohne Bleiben in der Gemeinschaft der Christen. Sie ist so etwas wie die Überlebensbedingung des Glaubens. Dass der Glaube eine höchst individuelle Angelegenheit sei und keinen etwas angehe, ist eine relativ späte Erfindung einer Christenheit nach der Aufklärung, auf dem Rückzug aus der Öffentlichkeit.

Zum Dritten: Brotbrechen und Gebet. “Die Koinonia ist zunächst charakterisiert durch das gemeinsame “Brotbrechen”, die gemeinsamen Mahlzeiten (Sättigungsmsahl und Feier der Eucharistie), ein herausragendes Proprium der neuen, messianischen Gemeinschaft,  dann durch die Gebete im Tempel; doch ist sicher auch an Gebete in den Gemeindeversammlungen und Häusern zu denken.” (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  S. 130)  Die Exegeten sind sich ausnahmsweise einmal ziemlich einig. Die Rede ist vom Abendmahl und vom Beten.

Wir haben keine präzise Vorstellung, wie das alles genau ausgesehen haben kann. In den Texten des NT finden sich immer nur Hinweise auf “liturgische Stücke”, auf geprägte Sprache, die auf eine Verwendung in Gottesdiensten schließen lässt. Eine Zeitlang haben Exegeten überall solche “liturgischen Stücke” gefunden, so dass man den Eindruck gewinnen konnte: Die ersten Christen haben 24 Stunden am Tag ununterbrochen Gottesdienst gefeiert und in liturgischer Sprache miteinander kommuniziert. Fast so, wie in den amerikanischen Bibel-Sandalen-Filmen.

Aber klar ist: Die Feier des Abendmahl ist von ganz früher Zeit an ein Grundelement des Miteinander in der Christenheit. “Wieweit das Abendmahl damit schon das war, was wir ein `Sakrament’ nennen, wissen wir nicht. So viel aber ist gewiss, dass es als heilige Handlung das Leben der Gemeinde von einem Tag zum anderen begleitete. Taufe und Abendmahl – beide sind vom ersten Tag an da. Es hat nie eine christliche Gemeinde gegeben, die nicht beides gehabt hätte.” (O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 44) Nur tun wir gut daran, uns das nicht in den Formen zu denken, wie heute bei uns Abendmahl gefeiert wird. Es dürfte wohl ursprünglicher, spontaner, fröhlicher, weniger in feste Formen gefügt, näher bei den Leuten gewesen sein.

Und ebenso klar ist, dass Beten eine unglaublich wichtige Rolle spielt. Beten im Gottesdienst. Beten zu festen Gebetszeiten. Beten für Kranke. Beten um Heilung. Beten in der Erwartung, dass Gott hört und antwortet. Die Psalmen sind mit Sicherheit das erste Gebetbuch der Christenheit für solches Beten, nicht zuletzt, weil die Psalmen das Gebetbuch Jesu sind.

43 Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.

Was unter den Christen geschieht, bleibt nicht verborgen. Es wird bestätigt durch viele Wunder und Zeichen. Die Apostel machen nicht nur Worte. Hier wiederholt sich in Jerusalem, was von der Aussendung der Jünger im Evangelium erzählt wird “Und sie gingen hinaus und zogen von Dorf zu Dorf, predigten das Evangelium und machten gesund an allen Orten.”(Lukas 9,6) Wunder sind schlichte Begleiterscheinungen der Verkündigung, nicht ihr Legitimationsnachweis. So sagt es auch Paulus von sich selbst. “Denn ich werde nicht wagen, von etwas zu reden, das nicht Christus durch mich gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk, in der Kraft von Zeichen und Wundern und in der Kraft des Geistes Gottes“ (Römer 15, 18-19) Auch das ist klar. Die Zeichen und Wunder der Apostel kommen ihnen von Gott her zu. Sie sind keine Wundertäter aus eigener Macht und Fähigkeit.

Die Reaktion darauf ist auch aus den Erzählungen der Evangelien schon bekannt: Furcht, Fragen, Erschrecken. Wer erfährt, dass die Wirklichkeit durchlässig ist für Gottes Handeln durch Menschen hindurch, den packt die Furcht. Das nimmt keiner gelassen hin.

44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. 45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.

Gemeinschaft ist nicht nur Kult-Gemeinschaft. Sie geht durch den Geldbeutel und macht nicht davor Halt. Das ist die große Herausforderung dieser Worte. Die Jerusalemer Gemeinschaft übt so etwas wie einen „Liebes-Kommunismus von unten“ ein. Nicht verordnet, nicht befohlen, nicht aufgedrückt. Dieses Verhalten der ersten Christen ist geboren aus ihrem Wissen um die Zusammengehörigkeit in Christus teilen sie, was sie haben.

Kommentare ziehen hier gerne auch einmal die Notbremse. „Die lukanisch-redaktionellen Verse sind ungeeignet zur Auswertung für eine Rekonstruktion der sich auch auf >Gütergemeinschaft< erstreckenden Koinonia der Urgemeinde.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  S. 122) Und auch das lese ich: „Die Folgezeit hat gelehrt, dass hier ein gefahrvoller Weg beschritten worden war.“(O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 46) Wahr ist jedenfalls: Diese Praxis, auch wenn sie bald in Vergessenheit geraten ist, stellt uns heute in Frage. Wir geben Kollekte, spenden wohl auch, vielleicht sogar reichlich. Aber wir behalten, was unser ist. Und wundern uns, dass „Gemeinschaft“ irgendwie hohl klingt.

 46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen 47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.

                Noch einmal: Das ist nicht nur Überschwang des Anfangs. Das ist, in den Augen des Lukas, die Wirklichkeit, die in jeder Gemeinde widergespiegelt werden will. „Lukas möchte zweifellos das Bild der `ecclesia primitiva’, das er übermittelt, als verpflichtend-stimulierend verstanden wissen.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  Zürich 1986, S. 132) Es mögen ideale Bilder sein, die er hier malt. Deshalb sind sie aber nicht nur luftige Gemälde. Sie können dazu helfen, über die oft kümmerliche Wirklichkeit der eigenen Gemeinde hinaus zu denken, zu träumen und vielleicht auch kleine Schritte zu tun.

Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

             Es ist Gott, der Herr, der hinzufügt. Es ist nicht der gelungene Auftritt der Gemeinde. Es ist nicht die Wortgewalt der Prediger. Es ist nicht die Verbindlichkeit des Miteinander. Es ist nicht die radikale Gütergemeinschaft. Wie gerne leiten wir aus solchen Sätzen die Kriterien für eine wachsende Kirche ab und sagen oder denken doch wenigstens: Wenn wir es so machen, dann wächst unsere Gemeinde.

Alles liegt an uns – das ist die Botschaft dieses so menschlich verständlichen Gedanken. Nein, sagt Lukas. Alles liegt an Gott, an dem Herrn, der will, dass Menschen hinzukommen. Wenn  ihr das wisst und glaubt, dann könnt ihr euch mühen, dann könnt ihr nach Wegen suchen, dann könnt ihr auch Maß nehmen an diesen Idealbildern. Aber sie werden euch dann zum Ansporn werden, nach den eigenen Wegen zu suchen und nicht zu Forderungen, die ihr zu erfüllen habt und anderen aufdrückt. Und das Wissen darum, dass Gott der ist, der gibt und hinzufügt, wird euch helfen, nicht abzuwerten, was bei euch ist.

 

Du Geist aus Gott, wecke in mir die Sehnsucht nach der Freude der anderen, nach dem Glück der anderen, nach der Zufriedenheit der anderen, nach dem Glauben der anderen.

Gib mir  den Mut, mit ihnen zu teilen – das Brot und die Tränen, die Angst und die Hoffnung, den Schmerz und die Liebe, die Pflicht und das Spiel, meine Zweifel und unseren Glauben.

Mache mich beständig in der Nähe, die ich zulasse, in der Geduld, die ich aufbringe, im Hinhören, durch das ich Anteil nehme.

Mache mich bereit zu empfangen, was andere mir zuwenden, ihre Aufmerksamkeit, ihre Güte, ihre Freundschaft, ihren Glauben und darin Dich, die Gabe aller Gaben. Amen