Plötzlich: Zeuge

Apostelgeschichte 2, 29 – 36

29 Ihr Männer, liebe Brüder, lasst mich freimütig zu euch reden von dem Erzvater David. Er ist gestorben und begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf diesen Tag. 30 Da er nun ein Prophet war und wusste, dass ihm Gott verheißen hatte mit einem Eid, dass ein Nachkomme von ihm auf seinem Thron sitzen sollte, 31 hat er’s vorausgesehen und von der Auferstehung des Christus gesagt: Er ist nicht dem Tod überlassen, und sein Leib hat die Verwesung nicht gesehen.

Was Petrus sagt, ist vielleicht nebenbei auch ein Beitrag zur Debatte um die Auslegung des Psalm 16. In diesem Psalm heißt es:

 „Denn du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen                                                     und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe.“      Psalm 16,10

             Aber: „Jedes Kind kennt das Davidsgrab in Jerusalem.“(W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1965, S.63) Darum kann David gar nicht von sich selbst gesprochen haben. So ist die Schlußfolgerung für Petrus – und seine jüdischen Zeitgenossen – auf der Hand liegend. David redet prophetisch. Darüber sind sich Juden einig, wenigstens damals: David ist ein Prophet. Und seine Psalmen wollen daher als Prophetie gelesen werden, so wie es Petrus hier tut.

Petrus weiß: David redet nicht von sich selbst, wenn er die Hoffnung der Auferstehung formuliert. Was David noch unbestimmt sagen und glauben musste, dass ein Nachkomme von ihm auf seinem Thron sitzen sollte, das ist für Petrus bestimmtes Wort, gebunden an den einen Menschen Jesus. Alles, was David gesagt hat, erschließt sich wunderbar, wenn es auf Christus bezogen wird. Er ist die „Auslegung“ des Psalms.

 32 Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen. 33 Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr hier seht und hört.

            Jetzt kommt so etwas wie das urchristliche Credo: Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen.Das ist der zentrale Inhalt der Predigt des Petrus: Jesus ist nicht im Grab geblieben. Der vor ein paar Wochen als Verbrecher ans Kreuz geschlagen worden ist, der in ein Grab gelegt worden ist, bewacht von Totenwächtern, der ist nicht im Grab geblieben. Gott hat ihn auferweckt. Und die Jünger – und ich sehe regelrecht, wie Petrus jetzt auf die zeigt, die um ihn stehen – wir sind dafür Zeugen.

            Μάρτυρες Zeugen. Menschen, die einstehen für die Wahrheit, die sie gesehen haben. Zeugen. Menschen, die nichts dazu tun, weil sie es gerne größer hätten, aber auch nichts weglassen, weil es ihnen gefährlich werden könnte. Mit diesem Satz beginnt sich zu erfüllen, was Jesus vor seiner Auffahrt als Verheißung zu seinen Jüngern gesagt hat:  “Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem” (1,8). Dazu wird Petrus hier und jetzt: zum Zeugen. Er, der sich in der Nacht der Auslieferung noch versteckt hatte hinter dem: “Ich weiß nicht, von wem ihr redet.” Hier redet er.

34 Denn David ist nicht gen Himmel gefahren; sondern er sagt selbst (Psalm 110,1): »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, 35 bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.« 36 So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat.

            Und noch einmal setzt Petrus neu ein: David redet nicht von sich selbst. Er ist nicht in den Himmel aufgefahren. Er ist nicht Henoch und nicht Elia, die so in den Himmel entrückt wurden. So verweist David auf den, der größer ist als er selbst – auf seinen Herrn. Es ist wieder zum Staunen, wie Petrus hier redet. Ist doch Jesus um dieses Platzes zur Rechten als Gotteslästerer angeklagt und verurteilt worden. „Aber von nun an wird der Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft Gottes.“ (Lukas 22,69) Dass er das sagte, hat das Urteil über ihn herbeigeführt. Und nun sagt Petrus dies von ihm, dem Gekreuzigten als prophetisches Wort des David.

Aber es bleibt nicht beim Zitat, nicht bei der „fromm abgesicherten“ Rede. So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat. Damit sind die Karten auf dem Tisch. Gott hat gehandelt an dem, den ihr verworfen habt. Gott hat Jesus zum Herrn gemacht, zum Christus. Κριος κα Χριστς. Es ist Gottes Tat, die aus dem wahren Menschen Jesus den Christus macht, ihn zum Herrn einsetzt. Es kommt also – so die Sicht des Lukas – gar nicht darauf an, ob Jesus ein messianisches Selbstbewusstsein entwickelt hat, ob er sich so gesehen und so bezeichnet hat. Es kommt allein darauf an: Gott hat ihn zum Christus gemacht.

„Welcher ist Christus der Herr.“(Lukas 2, 11) wird hier aufgegriffen. Aus der Engelbotschaft auf dem Feld bei Bethlehem ist die Jüngerbotschaft in der Stadt Jerusalem geworden.  Das Bekenntins der Zeugen, für die Petrus Wortführer ist. Bis heute hat die Christenheit nicht mehr zu sagen, aber auch nicht weniger. Dieser Satz des Petrus ist die Ursprungsbotschaft aller christlichen Verkündigung.

Das ist das Zeugnis des Petrus. Er beweist nicht, weshalb gerade dieser Jesus von Nazareth der Messias sei…. Er versucht nicht, alles verständlich zu machen. Er verkündigt. Er stellt fest. Er wirft die Tatsachen Gottes  vor sie hin. Er legt Zeugnis ab. Die erste Predigt, die in der werdenden Kirche von Jesus Christus gehalten wird, ist nicht Auseinandersetzung, nicht Beweisführung im Einzelnen, sie ist unbekümmertes, bestimmtes Zeugnis.“(O.Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 36)

Warum nur tun wir uns dann heute so schwer damit, „unbekümmertes, bestimmtes Zeugnis“ zu sein und weichen so oft aus in komplizierte Überlegungen, Argumentationen, Entschuldigungen? Da geht es mir dann so, dass ich den Ruf, den Schrei gut verstehe:

            Wach auf, du Geist der ersten Zeugen,
die auf der Mau’r als treue Wächter stehn,
die Tag und Nächte nimmer schweigen
und die getrost dem Feind entgegengehn,
ja deren Schall die ganze Welt durchdringt
und aller Völker Scharen zu dir bringt.                                                                                                                 H.von Bogatzky 1750, EG 241

Das ist nicht mehr meine Sprache. Aber es ist und bleibt meine Bitte. Ohne ein neues Wehen des Geistes erstickt die Botschaft unter dem Staub der unendlichen langen und guten Tradition der Christenheit. Es braucht den Geist, der den Staub aufwirbelt, damit die Luft wieder frei wird und wir wieder das atmen, was uns zugedacht ist, den lebendigen Geist Gottes, wie er an Pfingsten weht und auch bei uns wehen will.

 

Herr,  Geist Gottes, rühre meine Lippen an. Rühre mein Herz an. Mache es mir unmöglich, nur zu sagen, was ich mir angelesen habe, gelernt habe, von anderen gehört habe.

Rühre meinen Geist an, dass ich reden lerne, sagen, was ich gehört, gesehen, geschmeckt, gespürt habe von Deiner Gegenwart.

Rühre meinen Geist an, dass ich sagen lerne, was ich in Deinem Wort gefunden habe, was Du mir ins Ohr geflüstert, ins Herz, auf die Zunge  gelegt, ins Gemüt gegeben hast, damit ich Dein Zeuge bin.

Mache mich mutiger als ich es bin. Amen