Gesucht: Der 12. Zeuge

Apostelgeschichte 1, 15 – 26

15 Und in den Tagen trat Petrus auf unter den Brüdern – es war aber eine Menge beisammen von etwa hundertzwanzig – und sprach:

Zwei Informationen sind hier zu finden. Petrus ist der Sprecher des Jünger-Kreises. Er ergreift die Initiative. Die Nacht im Palast des Hohenpriesters, seine Verleugnung Jesu hat daran nichts geändert. Es wird kein Wort darüber verloren, ob und wie er rehabilitiert worden ist. „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen.“ (Lukas 24,34) Die Begegnung mit Jesus ist genug. Diese Begegnung wird im Johannes-Evangelium erzählt – Lukas schweigt sich darüber aus. Es reicht: Petrus hat das Wort.

Die andere Information: Es ist ein Kreis von etwa hundertzwanzig zusammen. Gemeint sind wohl nur die Männer. Wenn die nicht gezählten Frauen dazu kommen, sind es noch weit mehr. Unser Bild vom aufrechten Häuflein der Zwölf stimmt also nicht. Die Jesus-Bewegung hat mehr Leute umfasst als die, deren Namen wir gelernt haben.

Was darüber hinaus wichtig ist. Petrus wirbt bei diesen Hundertzwanzig um Zustimmung zu seinem Vorschlag. Es geht nicht an, die Jesus-Bewegung autoritär, durch schlichtes Befehlen zu führen. Das Wissen darum, dass nur einer „der Herr“ ist, ist dieser ersten Gemeinde tief eingepflanzt. „Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.“ (Matthäus 23,8) Der Herr selbst, der Meister hat es sie gelehrt, dass sie eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern sind. Hierarchien, „heilige Rang-Ordnungen“ sind nicht die Sache dieser ersten Gemeinde.

16 Ihr Männer und Brüder, es musste das Wort der Schrift erfüllt werden, das der Heilige Geist durch den Mund Davids vorausgesagt hat über Judas, der denen den Weg zeigte, die Jesus gefangen nahmen; 17 denn er gehörte zu uns und hatte dieses Amt mit uns empfangen. 18 Der hat einen Acker erworben mit dem Lohn für seine Ungerechtigkeit. Aber er ist vornüber gestürzt und mitten entzweigeborsten, sodass alle seine Eingeweide hervorquollen. 19 Und es ist allen bekannt geworden, die in Jerusalem wohnen, sodass dieser Acker in ihrer Sprache genannt wird: Hakeldamach, das heißt Blutacker. 20 Denn es steht geschrieben im Psalmbuch (Psalm 69,26; 109,8): »Seine Behausung soll verwüstet werden, und niemand wohne darin«, und: »Sein Amt empfange ein andrer.«

Was ist mit Judas? Diese Frage hat die erste Gemeinde umgetrieben. Wie konnte es sein, dass einer, der zu uns gehörte und mit uns empfangen dieses Amt hatte, den Jesus nach einer langen Nacht desGeetes ausgewählt und zu den Zwölfen gerufen hatte, einer wurde, der den Häschern der Weg zu Jesus zeigte? Wie konnte es sein, dass einer, der am Tisch Jesu mit ihnen zusammen gesessen, getrunken, gegessen hatte, sich ihm zuwandte mit dem Zeichen der Liebe, dem Kuss und ihn so auslieferte?

Wenn ich die Worte des Petrus prüfe, so höre ich in ihnen, trotz dem erschreckende Ende des Judas, das er berichtet, keinen Hochmut. Ich höre auch kein „Anathema“ – αναθήμα, verdammt, verflucht, kein Urteil. Ich höre viel mehr das Erschrecken über dieses „Verhängnis“ im wahrsten Sinn des Wortes: Es musste das Wort der Schrift erfüllt werden. Da ist kein Schuldspruch über Judas, auch kein Freispruch für Judas. Da ist nur die Ahnung eines tiefen Geheimnisses.

Da ist auch eine tiefe Beschämung zu spüren. „Es war die Neigung, sich Jesus gegenüber auf die eigenen Füße zu stellen, wie die Geschichte von seiner Verleugnung zeigt, die Neigung des Petrus nicht weniger als die des Judas, obwohl er ihn nicht überliefert, sondern eben nur – aber mit welcher Bestimmtheit! – verleugnet hat.“(K. Barth, Dogmatik II/2; S. 526) So steht Petrus in einer Linie mit Judas und nicht über ihm oder gegen ihn. „Hätte Petrus nicht gewisse Vergebung seiner Sünden gehabt, so hätte er den Vertrag hier nicht getan. Denn er hätte müssen besorgen, es möchte einer gelaufen kommen und sagen: Petre, du bist auch ein Judasbruder!“ (Chr. Starke, Syn. Bibl. Exeg. Im NT 2 Bd, 1735, zitiert nach: K. Barth, Dogmatik II/2; S. 527) Es gibt keinen Grund, um auf Judas herab zu schauen. Es ist nichts als Gnade, wenn einer nicht an seiner Stelle ist.

            „Der Verräter Judas darf hier nicht schlechter gestellt werden als der Verleugner Petrus, der Verfolger Paulus, die versagenden Jünger alle. Weder seines Verrates noch seines Selbstmordes wegen darf er außerhalb des Wirkbereiches der vergebenden, Leben gebenden Liebe gestellt werden Wird hier eine Grenze gezogen, dann wird zweifelhaft, wo wir anderen bleiben, die wir oft allzu selbstverständlich uns innerhalb dieser Grenze wähnen, wir kleinen Versager, oft auch Verräter.“ (H. Gollwitzer, Krummes Holz – aufrechter Gang, S. 282) Vom Selbstmord des Judas  schweigt Lukas. Nur Matthäus erzählt davon (Matthäus 27, 3-5) – und verbindet ihn mit einer tiefen Reue des Judas über seine Tat.

Und heute? „Judas“ schreien wir und meinen den Verräter an einer gemeinsamen Sache – beim Vereinswechsel in der Bundesliga, bei der Aufgabe einer bislang gemeinsamen politischen Überzeugung, bei dem Wechsel in ein Konkurrenz-Unternehmen. Judas hat viele Nachfolger gefunden. Wie oft wird die gemeinsame Sache aufgegeben – manchmal aus Angst und Feigheit, manchmal aus Opportunismus oder  schlicht wegen mehr Geld. Judas hat viele Nachfolger gefunden.

Aber härter ist die Frage nach dem „Judas“ im eigenen Leben. Wenn ich bei mir Veränderungen in meinen theologischen Grundüberzeugungen bemerke, wenn ich Wandlungen in meiner Art zu glauben sehe, dann frage ich schon: was steckt dahinter? Bin ich mein eigener Judas, der seine Biographie preisgibt, seine Geschichte verrät? Passe ich mich an und verliere mich dabei? Es ist viel leichter, den Judas da draußen zu sehen und zu stellen als sich der Frage nach sich selbst nicht zu entziehen. Das kann richtig hart sein.

21 So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein- und ausgegangen ist 22 – von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde -, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden. 23 Und sie stellten zwei auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias, 24 und beteten und sprachen: Herr, der du aller Herzen kennst, zeige an, welchen du erwählt hast von diesen beiden, 25 damit er diesen Dienst und das Apostelamt empfange, das Judas verlassen hat, um an den Ort zu gehen, wohin er gehört. 26 Und sie warfen das Los über sie und das Los fiel auf Matthias; und er wurde zugeordnet zu den elf Aposteln.

            Einer von diesen Männern muss Judas ersetzen. Warum? Weil es nicht um den Einzelnen geht, auch nicht darum, die Rolle des Judas als Finanzchef neu zu besetzen. Es geht um den Kreis der Zwölf. Sie bilden doch in ihrer Zahl das neu gesammelte Volk Gottes ab. Sie sind als die Zwölf das Unterpfand, dass Jesus nicht nur hier und da einen mehr oder weniger Frommen ruft und rettet, sondern dass er das Volk Gottes neu sammelt, das neue Gottesvolk neu sammelt.

Die Bedingung ist so auch folgerichtig nicht besondere Frömmigkeit. Die Bedingung ist die Weggemeinschaft, mit Jesus und mit den anderen. Wer gewählt werden kann, der muss einer von denen sein, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein- und ausgegangen ist – von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde. So wird in der Apostelgeschichte der Titel Apostel gefüllt: Weggefährte des Weges Jesu.

Die Gemeinde stellt Kriterien auf und dann sucht sie diesen Kriterien entsprechend und sie wird fündig. Gleich zwei stehen zur Wahl. Vielleicht haben sogar noch mehr diese Kriterien erfüllt, aber ihre Persönlichkeit hat nicht hin-gereicht zur Wahl-Nominierung durch die Gemeinde? Müßige Spekulation. Es gibt zwei, die von Anfang an dabei waren und über sie wird entschieden.

Es ist das Gottvertrauen der Gemeinde, das sich im Gebet vor der Wahl zeigt. Herr, der du aller Herzen kennst, zeige an, welchen du erwählt hast von diesen beiden, damit er diesen Dienst und das Apostelamt empfange. Und es zeigt sich in diesem Beten das Wissen der Gemeinde, dass sie nicht Posten vergibt, sondern dass sie dem Weg Gottes zu dienen hat mit ihrer Wahl. Darum wird die Wahl durch Los entschieden. Das ist nicht Entscheidungsangst oder Entscheidungs-Schwäche. Das ist geistliche Reife. „Wenn die Gemeinde einmütig mehrere Kandidaten als geeignet erkennt darf sie eher das Los entscheiden lassen als zu einer (doch auch nur zufälligen) „Kampfabstimmung“ greifen, welche die Kandidaten zu Rivalen um den „Dienst“ machen würde.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  S. 92)

Wird in dem Halbsatz über Judas: das Judas verlassen hat, um an den Ort zu gehen, wohin er gehört. jetzt doch noch einmal „nachgetreten“? Wird er jetzt doch gedanklich abgetan, preisgegeben? Ist der Ort, an den er gehört, die Verlorenheit, die Verdammnis? Ich zögere mit einer Antwort.

Vielleicht ist mit diesem harten Satz auch eine Warnung ausgesprochen: „Die Berührung mit der Sache Gottes in dieser Welt, mit der Geschichte seines Volkes, ist kein neutrales Ereignis, sondern eine geschichtliche Herausforderung auf Leben und Tod. „Verrat“ muss beim Namen genannt werden; die Sache Gottes verraten heißt, sich dem Tod ausliefern. Freilich „kann“ nur derjenige die Sache Gottes verraten, der mit ihr vertraut gemacht worden ist: Wie Judas als einer der „Zwölf“, die Christen in der Zeit der Kirche durch die Erfahrung neuen Lebens in der Gemeinde.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  S. 92) So gelesen wäre der Halbsatz kein Urteil über Judas, sondern eine eindringliche Warnung an die Leserinnen und Leser, keine halbe Sache im Glauben zu machen.

Das Los fällt auf Matthias. Mehr wissen wir von ihm nicht. Ein Apostel, von dem sonst nichts zu sagen und nichts zu vermelden ist. Keine Großtat und kein Wunder. Das hat er mit der Mehrzahl der anderen in den Zwölf gemeinsam. Aber mit ihm ist der Kreis der Zwölf wieder komplettiert und allein daruf kommt es an. Gute Nachricht für alle, von denen außer dem, dass sie mit auf dem Weg Jesu, auf dem Weg des Glaubens sind, sonst nicht zu sagen und nichts zu vermelden ist. Kein Wort, keine Tat. Vielleicht kommt es ja auch gar nicht so sehr darauf an, was der/die Einzelne als Christ vorzuweisen hat. Sondern darauf: die Zwölf werden für das Zeugnis des Glaubens einstehen.

 

Herr Jesus, es ist nichts als Gnade, dass ich erschrecken kann über den Weg des Judas. Es ist Erinnerung, dass ich rufen darf: Bewahre mich vor den Bösen. Es ist Ermutigung, dass ich mich mit meinem wankelmütigen geteilten Herzen immer wieder zu Dir trauen darf.

Wären Deine Jünger alle strahlende Glaubenszeugen ohne Fehl und Tadel – es wäre kein Platz in Deiner Gemeinde für mich.

So aber, mit einem Petrus als Wortführer, mit einem Matthias als Zeugen ohne jedes Wort, mit den ungestümen und ehrgeizigen Donner-Söhnen, so glaube ich, dass auch  ich Zeuge für Dich sein darf. Aus lauter Gnade.

Ich danke Dir, dass ich Zeuge sein darf für Dich, nicht weil ich so fromm bin, sondern einfach, weil ich auf Deinen Weg hinweisen darf. Amen