Licht der Welt

Johannes  8, 12 – 20

12 Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

            Hatte sich eben die Szene noch geleert, so sind jetzt plötzlich wieder Zuhörer da. Zu ihnen redet Jesus. Mit einem Ich-bin-Wort. Ein steiler und ein wenig unverhoffter Einstieg. Nicht vorbereitet durch das vorher erzählte Geschehen.

Es könnte passen, dass dieses Wort am letzten Tag des Laubhüttenfestes gesprochen ist. Wenn im Tempelbezirk riesige Kandelaber, Lichtträger entzündet werden, die weit über Jerusalem leuchten. Dann wäre das der Kontrast: Da das künstliche Licht der Leuchter und hier er, Jesus. Licht in Person.

Ich bin das Licht der Welt. „Er gibt das Licht und ist es zugleich; er gibt es, indem er es ist und er ist es, indem er es gibt.“ (R. Bultmann,aaO.; S.261) Ein Wort, das im Prolog schon vor-anklingt: „Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.“(1,8) Erleuchtet sein – nicht mehr tastend herum tappen. Nicht mehr orientierungslos unterwegs, hin und her. Wer das Licht der Welt hat, der kann sichere Schritte tun.

In einer Zeit, die die Nächte taghell ausleuchtet, vermögen wir kaum zu verstehen, was für eine Lebensbedeutung Licht haben kann. Bei uns gibt es eine Sehnsucht, dass es doch einmal wirklich Nacht, wirklich dunkel sein möge, damit Ruhe einkehrt. Zu Zeiten Jesu ist das Dunkel der Nacht voller Gefahr und das Licht erlaubt sichere Schritte auf dem Weg.

„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“                                                                          Psalm 119,105

„Ohne Licht kein Leben, kein Wachstum. Nur im Licht kann man unterscheiden, wahrnehmen, Weg und Steg finden. Wo Licht ist, kann das Böse sich nicht halten.“ (G. Voigt, aaO.; S.139f.) So ist dieser Ruf eben nicht nur eine Aussage Jesu über sich selbst. Er ist zugleich eine Aufforderung, sich diesem Licht anzuvertrauen. Womöglich: Es zu testen. Herauszufinden, dass es wirklich leuchtet im Dunkel der Welt. Jetzt, in diesem Leben hier.

 13 Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Du gibst Zeugnis von dir selbst; dein Zeugnis ist nicht wahr. 14 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch wenn ich von mir selbst zeuge, ist mein Zeugnis wahr; denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe; ihr aber wisst nicht, woher ich komme oder wohin ich gehe.

            Bei Johannes ist es oft so, dass sich Themen wiederholen. So auch der Vorwurf der Pharisäer: Ein Zeugnis für sich selbst ist kein gültiges Zeugnis. Dein Zeugnis ist nicht wahr. Meint vor allem: Es ist nicht belastbar, nicht aussagefähig, nicht tragfähig. Es braucht andere Zeugen, unabhängige. Ihr Einspruch zeigt aber auch: sie haben verstanden, was sie gehört haben. Der Anspruch Jesu ist bei ihnen angekommen, auch wenn sie ihn nicht annehmen wollen. Oder können?

Jesus weicht nicht zurück. Was ich sage, ist wahr und bleibt wahr. Es ist ein Wort, auf das man sich verlassen kann. Denn – so „übersetze“ ich in meine Sprache: Ich weiß, wer hinter mir steht. Woher ich gekommen bin und wohin ich gehe – es geht nicht um Ortsbestimmungen in geographischer Hinsicht. Es geht um Zugehörigkeit.

Wer jemand ist, ob er zuverlässig ist, das weiß man, wenn man weiß, woher man kommt. Biographisch unvergessen: Wenn einer im Dorf meines Großvaters wissen wollte, wer ich bin, meinen Namen nicht kannte, dann fragt er nie: Wie heißt Du, sondern die Frage lautete: Zu wem gehörst Du – in der unvergleichlichen Präzision des Dialektes: Wem bist Du denn (zugehörig)?  Dahinter steht die Überzeugung: wenn ich weiß, zu wem jemand gehört, dann ist (fast) alles klar über diesen Menschen.

 15 Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand.

            Jesus stellt sich dem Urteil der Pharisäer und verwirft es doch zugleich. Sie urteilen ja nur nach dem Augenschein. Nach dem, was irdisch ist, fassbar, handgreiflich. Was man messen, zählen, wiegen kann. Sie sehen nur den Vordergrund. Aber die Tiefe, der Hintergrund ist ihnen verborgen.

Jesus dagegen richtet nicht. Nicht nur nicht nach dem Augenschein. Er gibt keine Urteile ab. Er klagt keinen an. Er ruft zum Leben. Zum Glauben. Zur Nachfolge. Da gilt: Hören oder Nicht-Hören. Und Nicht-Hören ist den Weg im Licht verweigern. Sich selbst im Dunkel festhalten.

 16 Wenn ich aber richte, so ist mein Richten gerecht; denn ich bin’s nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat.

Was Jesus sagt, ist letztlich nicht sein eigenes Wort. Sondern es ist das Wort dessen, der ihn gesandt hat. So sind auch seine Ich-bin-Worte getragen von dem Ich-bin-Wort des sendenden Vaters.„Ich werde sein, der ich sein werde.“ (2. Mose 3,14) In der Septuaginta – der Übersetzung, die zur Zeit Jesus „auf dem Markt“ war, zugänglich, von vielen benutzt – , heißt dieser Satz eben: ἐγώ εἰμι ὁ ὤν. Es tauchen also die beiden Worte auf, die Jesus in seinen Ich-bin-Worten immer aufnimmt. ἐγώ εἰμι. Hinter Jesus steht als sein Zeuge der Vater, der mich gesandt hat.

 17 Auch steht in eurem Gesetz geschrieben, dass zweier Menschen Zeugnis wahr sei. 18 Ich bin’s, der von sich selbst zeugt; und der Vater, der mich gesandt hat, zeugt auch von mir.

Was für eine Distanz wird zugleich deutlich:  In eurem Gesetz steht geschrieben. So mögen Christen um das Jahr 90 mit ihren jüdischen Gesprächspartnern gesprochen haben, schon längst gelöst von dem Gesetz, das diese bindet. „In diesen Aussagen des Johannes spricht ein Christentum, das zwar von der Synagoge ausgeschlossen, aber nichtsdestoweniger im leidenschaftlichen Gespräch mit ihr bleibt und bleiben will.“ (S. Schulz, aaO.; S.127) 

Ob Jesus zu seiner Zeit auch so gesprochen haben könnte, so distanziert und damit auch distanzierend? Johannes erzählt, wie sich Jesus doch wieder auf seine Gesprächspartner und ihr Denken einlässt. Er nimmt ihr Denken auf: Zweier Menschen Zeugnis ist wahr, notwendig als Wahrheitserweis.  Und führt dann seine zwei Zeugen an: Ich und der Vater. Und sprengt so doch die alte Zeugen-Regel.

 19 Da fragten sie ihn: Wo ist dein Vater? Jesus antwortete: Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater.

            Darauf läuft es hinaus. Sie, die Pharisäer, geraten ins Straucheln. Wo ist dein Vater?Genauso gut könnten sie auch fragen: Wer ist dein Vater? Sie hängen fest in den Bedingungen des Irdischen. Fragen nach Wo, Wer, Wie, Was, Warum – und sehen nicht, wer vor ihnen steht.  Sie kennen Jesus nicht – und deshalb nicht den Vater. Den Vater nicht – und deshalb nicht Jesus. Sie glauben den Vater zu kennen, durch das Gesetz; sie glauben an den Zugang zu ihm, durch den Gehorsam gegen das Gesetz. Beides wird durch das Wort Jesu verneint.

Das wird das Johannes-Evangelium nicht müde zu sagen: Niemand anerkennt wirklich den Vater, der nicht dem Sohn glaubt. Und umgekehrt: Das Kennen und Anerkennen Jesu hängt vom Kennen und Anerkennen des Vaters ab. Es ist der Sohn, der der Vater auf dem Weg zu den Menschen ist und der den Weg zum Vater freimacht: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“(14,6)

 20 Diese Worte redete Jesus an dem Gotteskasten, als er lehrte im Tempel; und niemand ergriff ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen.

            Eine Notiz wie ein Nachtrag, wie eine Verankerung in der Wirklichkeit: Kein zeitloses Gespräch. Am Gotteskasten, als er lehrte im Tempel. Dem Zugriff preisgegeben. Es gab wohl genug Tempel-Polizei in der Nähe. An Ordnungskräften ist ja selten Mangel. Aber: Seine Stunde war noch nicht gekommen. Er bleibt unbehelligt. Bis auf Weiteres.

 

Du bist das Licht der Welt. Jesus, Licht meines Lebens, Stern in allen Nächten, Halt in allem Suchen, fester Grund für meine Schritte, wenn der Boden unter meinen Füßen wankt. Du bist mein Zufluchtsort, in Dir berge ich mich. Und wenn um mich Dunkel ist, wenn es in mir dunkel ist, dann schaue ich aus nach Dir. Du Licht der Welt und Licht meines Lebens. Amen