Gottes Geist – ausgegossen

Joel 3, 1 – 5

1 Und nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen. 2 Auch will ich zur selben Zeit über Knechte und Mägde meinen Geist ausgießen.

                 Und nach diesem ist eine Art „eschatologische Einleitungsformel“ (A. Weiser, Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ATD 24, Göttingen 1967, S.120) Danach. Hier wird, so lese ich, der Kreis der Geschichte gesprengt, geöffnet auf die Zeit nach der Zeit, die aber gleichwohl in die Zeit hinein wirkt. Was hier angesagt wird, ist aber, wie sich einige Sätze später zeigen wird, nicht nur ein nach diesem, sondern genauso auch noch ein „davor“ – vor dem Tag des Herrn. Die Zeit selbst wird in solchem Denken gesprengt, nicht nur ihr Kreis.

In der Mitte steht: mein Geist. Gott verspricht seinen Geist. Ruach. Im Hebräischen ist das Wort „Geist“ weiblich und wird deshalb auch gerne mit „die Geistkraft“ übersetzt. Ich glaube nicht, dass viel an diesem Genus hängt – im Griechischen ist Geist – πνεμα, Pneuma – sächlich. Im Deutschen ist es der Geist männlich. Im Lateinischen auch  – spiritus. Wie auch immer.

Wichtiger erscheint mir anderes: „Der Mensch besteht aus Seele (näphäsch) und Fleisch (basar). Das Fleisch ist vergänglich, neigt zur Sünde. Nie wird von Gott gesagt, dass er Fleisch sei.“(M. Holland, Die Propheten Joel, Amos und Obadja, Wuppertaler Studienbibel AT 9, Wuppertal 1991, S. 62) Das also geschieht: Gott gibt seine Geistkraft und darin doch sich selbst in das Vergängliche hinein. In die Wirklichkeit der Sünde hinein.

                 Auf alles Fleisch. Ohne Unterschied? Es ist Ausweitung und Eingrenzung zugleich. Ausweitung gegenüber früheren Zeiten: „Der Besitz des Gottesgeistes wird in der Endzeit nicht mehr das Privilegium besonderer charismatischer Personen wie des Königs oder der Propheten (1. Samuel 10,6.10; Jesaja 11,2) sein, sondern Allgemeingut.“(A.Weiser, ebda.) Alle sind Charismatiker. Voraussetzungslos. Auch die sozialen Hierarchien werden aufgebrochen – selbst über Knechte und Mägde wird der Geist ausgegossen. Das ist der Anfang vom Ende festgefügter Standesordnungen. „Auch die jetzt unter den Menschen bestehenden sozialen Schranken werden in der Gottesherrschaft der Endzeit aufgehoben sein.“(A. Weiser, ebda.) Wo immer der Geist weht, werden Grenzen fallen müssen. Das könnte ja auch heutzutage ein Maßstab zur Klärung sein, ob Handeln vom Geist Gottes geleitet ist: Wo Mauern errichtet werden, Menschen ausgegrenzt werden, Abschottungen vorgenommen werden, da ist der Geist nicht am Werk. Jedenfalls nicht der Geist Gottes, von dem Joel Zeugnis ablegt.   

Und doch wird auch eingegrenzt: eure Söhne und Töchter. Die Vorstellung bei Joel ist keine globale Geistverleihung, sondern eine an Israels Söhne und Töchter. Doch wird die Gabe an Israel aller Welt zugute kommen.  Weil der Geist durch die Söhne und Töchter auf alle Welt einwirkt. Spätestens seit Pfingsten in Jerusalem – fünfzig Tage nach der Auferstehung Jesu – hat dieser Prozess begonnen.

Die Gabe des Geistes macht hellsichtig, weitsichtig. Sie erschließt Botschaften, die sonst unverstanden bleiben – Träume und Gesichte. Wegweisungen. „Joel unterscheidet nicht zwischen weissagen (nabaʼ), träumen (chalam) und schauen (chazaʼi). (M. Holland, aaO. S. 63) Ihm kommt es offensichtlich allein darauf an, dass alle im Volk Gottes geistgeleitet werden. Wie nebenbei wird dann erkennbar, dass solche Leitung des Geistes auch durch Träume und Visionen geschehen kann.  Die biblischen Erzählungen – ob von Jakob, von Josef, später auch von Josef, dem Mann der Maria und Petrus sowie Paulus liefern reichlich Belegmaterial für diese Weise des Leitens des Geistes.

Die Gabe des Geistes an alles Fleisch hat ein anti-elitäres Moment. Sie macht Mittler überflüssig. Auch Gottesgelehrte. „Es werden keine Propheten und Mittler mehr nötig sein, wenn das ganze Volk in der Unmittelbarkeit der Gottesbeziehung steht und die Fähigkeit besitzt, die Sprache göttlicher Offenbarung ohne Vermittlung und Deutung durch andere selbst zu verstehen.“ (A. Weiser, ebda.)

Es muss deshalb auch nicht verwundern, dass ausgerechnet diese Passage aus Joel in der Pfingsterfahrung vom Prediger Petrus zentral zitiert wird: „Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.“ (Apostelgeschichte 2, 15-18)

Trotzdem ist das kühn. Weil mit der Aufnahme dieses Joel-Wortes ja die Zeit gedeutet wird, Jetzt, in Jerusalem, an diesem Tag ist „nach diesen Tagen.“ Jetzt wird in der Gabe des Geistes der Kreis der Zeit gesprengt. Jetzt beginnt letzte Zeit und die Ewigkeit leuchtet schon als Silberstreifen am Horizont auf. Es ist das Zeitverständnis des Lukas, das ihn auf diese Worte des Joel zurückgreifen lässt: Mit der Auferstehung Jesu ist der Vorhang zum letzte Akt  der Weltgeschichte schon einen Spalt weit geöffnet.

Vielleicht ist es gerade deshalb, dass es genauso wenig verwundern muss dass in der Kirche bis heute mit dieser Wirklichkeit – der Geist Gottes ist ausgegossen auf alle eure Söhne und Töchter – ein wenig zurückhaltend  umgegangen wird. Haben wir es doch in der Kirche mit einer Institution und Organisation zu tun, die durchaus nicht hierarchiefrei ist und in der mancher und manche  das eigene Amt rechtfertigen muss. Der Weg der Kirche währt seit fast 2000 Jahren – da lebt es sich schwer mit der gespannten Erwartung „letzte Zeit“. Wer Finanz- und Personalplanungen ist 2035, 2045 aufstellen muss, der kann nicht gut in dem Bewusstsein handeln und leben: Und wenn morgen alles überholt ist.

Dazu kommt das andere Moment: Glaubensätze kann ich lernen und lernen lassen. Dogmatische Lehrsätze können diskutiert und gegebenenfalls sogar angepasst werden. Erfahrungen können in Geschichten weiter gegeben werden. Das ist das Traditionsprinzip, das auch biblisch-.theologisches Denken stark prägt: „Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift.“(1.Korinther 15, 3 – 4) Daran hängt auch mein Glaube. Er ist empfangener, weil weitergegebener Glaube. Aber dieser Weitergabe entzieht sich der Geist. Er ist nichts zum Weitergeben. Er ist nichts, was wir zur Verfügung haben. Auch eine apostolische Sukzession garantiert nicht die Weitergabe des Geistes. Der Geist Gottes ist unverfügbar – und bleibt unverfügbar. „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ (Johannes 3,8) Nicht einmal der Ruf: „Komm, Schöpfer Geist“ – veni creator spiritus –  kann ihn herbei zwingen.

  3 Und ich will Wunderzeichen geben am Himmel und auf Erden: Blut, Feuer und Rauchsäulen. 4 Die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe denn der große und schreckliche Tag des HERRN kommt.

             Begleitet ist das Geschehen von Wunderzeichen. Es sind Elemente, die auch an anderer Stelle angeführt werden, wenn es um das Offenbarwerden Gottes geht, wenn von seinem Kommen die Rede ist. Das mag Hinweis sein: Im Geist ist nicht nur irgendeine göttliche Wirksamkeit im Spiel, sondern Gott selbst. Auch das wird man sagen können: was hier von Joel angezeigt wird, findet seinen Widerhall in den Endzeitreden Jesu. „Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Tage wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.“(Matthäus 24,29) Aber auch beim Seher Johannes auf Patmos: Und ich sah: „Als es das sechste Siegel auftat, da geschah ein großes Erdbeben, und die Sonne wurde schwarz wie ein härener Sack, und der ganze Mond wurde wie Blut, und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von starkem Wind bewegt wird.“(Offenbarung 6, 12-13)

Es ist eine gemeinbiblische Vorstellung, die sie, in Teilen mindestens, mit der Umwelt teilt: Gottes-Geschehen ist keine Sache reiner Innerlichkeit. Auch ganz gewiss nicht nur eine Sache bloßen menschlichen Selbstverständnisses. Es verändert die Wirklichkeit der Welt und erschüttert den Kosmos. Der Himmel kann nicht bleiben wie er ist, wenn Gott handelt. Was auf Erden geschieht hat seinen Widerhall im Himmel und am Himmel und umgekehrt: Was im Himmel geschieht, berührt und verwandelt die Erde.

Es ist gut, sich sagen zu lassen: die Erinnerung an den Tag des Herrn ist keine Erinnerung an eine Einladung zu einer netten Party am Grillfeuer. Sie ist die Erinnerung, dass unser Leben, alles Leben, der großen Krisis entgegen geht. Wenn Gott kommt, unverhüllt, im Glanz seiner Herrlichkeit wird alles Licht der Welt dunkel, ein schwarzes Loch. „Als nun der dritte Tag kam und es Morgen ward, da erhob sich ein Donnern und Blitzen und eine dichte Wolke auf dem Berge und der Ton einer sehr starken Posaune. Das ganze Volk aber, das im Lager war, erschrak. Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil der HERR auf den Berg herabfuhr im Feuer; und sein Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen, und der ganze Berg bebte sehr. Und der Posaune Ton ward immer stärker.“ (2. Mose 19, 16-18-19) Diese dunkle Seite des Tages am Ende dürfen wir nicht ausblenden.

5 Und es soll geschehen: Wer des Herrn Namen anrufen wird, der soll errettet werden. Denn auf dem Berge Zion und zu Jerusalem wird Errettung sein, wie der HERR verheißen hat, und bei den Entronnenen, die der HERR berufen wird.

In solchen Zeiten gibt es nur eine Rettung: Den Namen des Herrn anrufen. In diesem Namen ist Zuflucht und Heil. Es ist kennzeichnend für das Selbstverständnis der jungen Christengemeinde, dass sie diesen Satz aufnimmt. „Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden.“(Apostelgeschichte 4,12) Sie sehen sich als Gemeinde in diesen Tagen, von denen Joel spricht. Und sie sehen im Namen Jesus den Namen, in dem das Heil ist. Ganz so, wie es der Hymnus sagt: „Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“(Philipper 2, 9-11)

             Die junge Christenheit hat diese Zusagen der Errettung von dem Ort gelöst, mit dem Joel sie noch verbunden hatte. Vom Berg Zion und von Jerusalem. Nicht leichtfertig, auch nicht antijüdisch, sondern geführt durch die Sicht, die sie auf Jesus gewonnen hat. Geistgeleitet. Ziemlich am Ende der neutestamentlichen Schriften greift das Johannes-Evangelium das Thema auch auf: „Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir aber wissen, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. (Johannes 4, 21 -24) Es ist der Geist, den Gott auf alles Fleisch ausgießt, der sich Anbeter, Anbeterinnen, Anbetung schafft, wo und wann und wie er will.

 

Heiliger All-Erbarmer, Du gibst Deinen Geist. Du füllst unsere Herzen. Du stillst unsere Sehnsucht nach Dir. Du öffnest uns die Augen, dass wir Deine Wirklichkeit sehen, Deine Wahrheit erkennen, Deine Wege gehen können.

Du gibst Deinen Geist, dass wir die Zeichen der Zeit deuten können, dass wir hellsichtig werden, im Warten auf Dich gestärkt, in der Hoffnung gefestigt und in der Geduld beharrlich und ungeduldig zugleich.

Du bist bei uns, damit wir geistesgegenwärtig werden in diesen Zeiten, die uns so viel Kraft abverlangen. Gib uns täglich die Kraft Deines Geistes. Amen