Gott mitten unter uns

Joel 2, 18 – 27

18 Da eiferte der HERR um sein Land und verschonte sein Volk.

             Dieser Satz wirkt, als sei er im Rückblick gesprochen. Als könnte er auf den Schrecken der Heuschrecken-Plage wie auf vergangenes Unheil zurückblicken. Hat Joel also wirklich „diese Aufzeichnungen erst einige Zeit nach den Ereignissen schriftlich verfasst“ (A. Weiser, Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ATD 24, Göttingen 1967, S. 117)? Mir leuchtet das nicht gleich ein. Auch weil die bedrängende Schilderung des ersten Kapitels für mich wie ein Hilfeschrei in jetzt unmittelbar erfahrener Not wirkt.

           Das ist die Antwort auf den Bußtag des Volkes, auf sein Klagen: Gott lässt sich bewegen. Mehr noch. Der HERR ereifert sich und dieser Eifer bewirkt, dass er sein Volk verschont. Mitleid mit ihm bekommt. Dass er es herausführt aus dem ausweglosen Chaos. Kurz: er steht dem Volk in seiner Not nicht (mehr) unbeteiligt, ungerührt und unberührt gegenüber. Das „da“ in der Lutherübersetzung legt es nahe, in dem Geschehen eine Antwort auf den vorausgegangen Bußakt zu sehen. Andere Übersetzungen mahnen zur Vorsicht: „und Jahwe ereifert sich.“ Das ist kein Reagieren Gottes, sondern ein souveränes Agieren. Andere Übersetzungen mahnen zur Vorsicht: „und Jahwe ereifert sich.“ (M. Holland)  Noch vorsichtiger; „Und Jahwe geriet in Eifer für sein Volk.“ (A. Weiser) Da ist kein Raum für ein Verstehen des Verschonen Gottes als ein Reagieren Gottes auf vorausgegangene Bußakte des Volkes.

Sondern alles deutet hin auf sein souveränes, unabhängiges  Agieren.„Von Israels Tun ist nicht die Rede. Sein Glaube, seine Bekehrung ist nicht erwähnt.“ (M. Holland, Die Propheten Joel, Amos und Obadja, Wuppertaler Studienbibel AT 9, Wuppertal 1991, S. 54)So wie es keine Begründung für die Heuschrecken-Plage gibt, gibt es auch keine Begründung für ihr Ende, für den neuen Weg Gottes.  

19 Und der HERR antwortete und sprach zu seinem Volk: Siehe, ich will euch Getreide, Wein und Öl die Fülle schicken, dass ihr genug daran haben sollt, und will euch nicht mehr unter den Völkern zuschanden werden lassen. 20 Und ich will den Feind aus Norden von euch wegtreiben und ihn in ein dürres und wüstes Land verstoßen, seine Spitze in das östliche Meer und sein Ende in das westliche Meer; er soll verfaulen und stinken, denn er hat Großes getan.

            Eine Wende. Nach dem Mangel der abgefressenen Felder eine neue Fülle. Nach der Not, den leeren Händen, leeren Mägen, leeren Herzen jetzt – genug. „Lebensmittel, die den Hunger stillen.“(M. Holland, Die Propheten Joel, Amos und Obadja, Wuppertaler Studienbibel AT 9, Wuppertal 1991, S. 55) Der Feind, die Heuschrecken sind weggetrieben. Sie können ihr Unwesen nicht mehr treiben. Wenn sie in ein leeres, dürres und wüstes Land vertrieben werden, so sind sie zum Tod verurteilt, zum Verfaulen. Weil sie ja kein Futter mehr finden. Zwischen den Zeilen könnte man lesen: sie fallen ihrer eigenen ungehemmten Gefräßigkeit zum Opfer.

Es ist vage angedeutet: diese Wende bringt es mit sich, dass Israel nicht mehr einfach nur das Schicksal aller Völker wird teilen müssen. Es soll nicht mehr unter der Macht der Völker zu leiden haben. Es soll aber auch nicht mehr einfach nur in all den Untergangs-Szenarien des Orients mit untergehen, mit zu Schanden werden. Das ist ja eines der Leiden, die die Geschichte Israels prägen: Nie ist Israel so stark, so autark, dass es sich gegen die Vormächte im Orient behaupten könnte – ob sie nun Assur oder Chaldäer, ob Perserreich oder Ägypten heißen. Immer wird das Volk Gottes von den Machtkonstellationen bestimmt und leidet unter den Konflikten und Hegemonialansprächen der Großen wie alle anderen Völker auf dieser Landrücke zwischen Zweistromland und Ägypten.

Ob der „Feind aus Norden“ ähnlich wie bei Jeremia und Hesekiel mit Feindvölkern in der Geschichte Israels in eines zu setzen ist, kann ich nicht wirklich entscheiden. Es kann sein. Es kann sein, dass die Heuschrecken-Plage über die ihr innewohnende Realität hinaus zugleich auch Symbol für die Gefährdung durch die Übermacht anderer Völker ist, die aus Norden kommen – Assyrer, Babylonier, Chaldäer. Auch das ist möglich, dass „die Bezeichnung aus einer mehr mythisch-apokalyptischen Vorstellungswelt entnommen ist.“ (A. Weiser, Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ATD 24, Göttingen 1967, S.117) Sie entzieht sich – so oder so – jeder konkreten geschichtlichen Zuordnung. Sie hat etwas Schwebendes und darin Bedrohliches.

 21 Fürchte dich nicht, liebes Land, sondern sei fröhlich und getrost; denn der HERR hat Großes getan. 22 Fürchtet euch nicht, ihr Tiere auf dem Felde; denn die Auen in der Steppe grünen, und die Bäume bringen ihre Früchte, und die Feigenbäume und Weinstöcke tragen reichlich. 23 Und ihr, Kinder Zions, freut euch und seid fröhlich im HERRN, eurem Gott, der euch den Lehrer zur Gerechtigkeit gibt und euch herabsendet Regen, Frühregen und Spätregen wie zuvor, 24 dass die Tennen voll Korn werden und die Keltern Überfluss an Wein und Öl haben.

             Jetzt aber ist andere Zeit. Zeit sich zu freuen. Zeit zum Aufatmen. Dem Großen, dass der Feind getan hat, das Verderben und Tod mit sich gebracht hat, wird entgegen gesetzt: denn der HERR hat Großes getan.  Das Große des Herrn ist Leben in Fülle, Frucht, Überfluss.   Das ist Grund zur Freude, dass ist Grund getrost zu sein. Es ist eine Wende, in die die ganze Schöpfung einbezogen ist. Die Lebensgrundlagen sind wieder hergestellt. Die Auen grünen, Bäume bringen Frucht, eine reiche Ernte steht ins Haus. An die Stelle der Leere und der Not tritt die Fülle und das Leben.

In dem allem gibt Gott sich selbst. Er ist der „Lehrer der Gerechtigkeit“. Er kommt deinem Volk nahe. „In diese Richtung wird auch das Wortspiel mit dem Wort môre, das „Lehrer“(V.23b) und „Regen“(V.23c) zu verstehen sein. Der Regen, die Gabe Gottes ist „der Lehrer der Gerechtigkeit“. Er weist das Volk hin auf die „Gerechtigkeit Gottes“, die hier so viel bedeutet wie seine Gnade.“ (A. Weiser, aaO. S.118) Kurz: Wo Gott ist, da ist Leben in Fülle.

 25 Und ich will euch die Jahre erstatten, deren Ertrag die Heuschrecken, Larven, Geschmeiß und Raupen gefressen haben, mein großes Heer, das ich unter euch schickte. 26 Ihr sollt genug zu essen haben und den Namen des HERRN, eures Gottes, preisen, der Wunder unter euch getan hat, und mein Volk soll nicht mehr zuschanden werden.

             Es wirkt wie eine Entschädigung für die dürren Jahre. Eine Art Wiedergutmachung. Denn daran lässt der Satz keinen Zweifel: Gott ist der Urheber der Not. Genauso ist Gott auch  der, der diese Not nun zu Ende gebracht hat und eine neue Zeit der Fülle, eine neue Heilszeit heraufführt. „Der Umschwung in den äußeren Verhältnissen, dass aus der Not reiche Segensfülle wird, in der das Volk sich wieder geborgen fühlen darf, dient letztlich der Erkenntnis und dem Preis der Größe göttlicher Wundermacht.“ (A. Weiser, aaO. S .118) Es macht mich nachdenklich: Das deutsche Volk hat in den Jahren nach 1945 einen so nie zu erwartenden Umschwung der äußeren Verhältnisse erfahren. Auf die Trümmerlandschaften ist ein „Wirtschaftswunder“ gefolgt, hervorgewachsen aus zerstörten Städten und verarmten Dörfern. Getragen vom Fleiß und dem Willen, wieder aufzustehen. Zurück zu finden in ein „gutes Leben“ ohne Angst. Dass aber aus dem vielfache gelobten „Wirtschaftswunder“ ein Lobpreis der göttlichen Wundermacht geworden wäre, kann ich nicht so sehen. Was gepriesen worden ist, ist der Fleiß, die Ingenieurskunst, der Wille zum Neuanfang und die Kreativität der Unternehmen und Unternehmer. Gott jedenfalls scheint mir darüber ein wenig in Vergessenheit geraten.

 27 Und ihr sollt’s erfahren, dass ich mitten unter Israel bin und dass ich, der HERR, euer Gott bin, und sonst keiner mehr, und mein Volk soll nicht mehr zuschanden werden.

Darauf läuft der Abschnitt hinaus:  Gott mitten unter Israel. Es ist die Bundesformel, die hier anklingt, mitschwingt: Ich bin euer Gott, ihr seid mein Volk. Nicht als ein Satz, den man einmal gelernt hat, eine „aus der sakralen Theophanietradition stammende Formel“ (A. Weiser, ebda.) sondern lebendige Erfahrung. Ihr sollt’s erfahren. In einer anderen Übersetzung: Ihr werdet erkennen. Im Erkennen geschieht Zuwendung, wird aus bloßem Wissen: Gott ist da. Gott “gibt” es. daraus wird Liebe, die sich ihm anvertraut.

Die Wende, die Joel ansagt, kommt von Gott her. Nur von ihm her. Weil er seinen Zorn fahren lässt, weil er einen anderen, neuen Weg mit seinem Volk beginnt und das Ende der Not herbeiführt. Gott setzt seinen neuen Anfang.

Ich lese über den Text hinaus: So rätselhaft das Da-Sein auch sein mag, so sehr wir uns abmühen mit unserem Fragen nach dem Warum – die Welt und das Leben, die Wege der Völker und der Weg jedes einzelnen sind in seinen Händen. Gott ist nicht nur “im Anfang” (1. Mose 1,1), nicht nur der Anfang, sondern er ist auch mitten in der Geschichte. So etwas wie Gegenwart ist nur, weil er ist, da ist. Und alle Fülle des Lebens kommt von ihm her so wie auch alle Not und Angst nur von ihm her ist.

Aufregend: Joel landet mit solchen Denken nicht in der Apathie, nicht in einem  alles gleichgültig. Sondern gerade Umgekehrt: Das alles von Gott her ist, setzt verantwortliches Wirken frei. Unser Tun ist Antwort auf sein Tun. Unsere Umkehr Antwort auf seine Umkehr. Unsere Güte ist Echo seiner Güte. Unsere Liebe ist Reflex seiner Liebe. Hier und jetzt, in der Zeit, die uns gegeben ist.

Man wird darüber nachdenken dürfen: Das können Worte in die Zeit sein, die auch von Erfüllungen in der Zeit sprechen. Oder aber es sind Worte, die über die Zeit hinaus die Vollendung der Ewigkeit im Blick haben. Vielleicht gilt ja beides, weil die biblische Prophetie nie nur von dem Heil am Ende aller Zeiten spricht, von der Erfüllung, die in Ewigkeit sein wird. Das könnte ja leicht als Vertröstung missverstanden werden. Darum dringen die Propheten immer auch darauf, dass schon im Hier und Jetzt anfängt, was einst vollendet sein wird. Gott, der inmitten der Völker sein Zelt haben wird, leicht zugänglich, der ist jetzt schon mitten unter Israel da. Er tritt in Jesus in die Zeit hinein. Er teilt den Weg seiner Menschen. Auch in chaotischen Zeiten.

Darum gilt: mein Volk soll nicht mehr zuschanden werden. In einer Welt, in der so viel Angst ist, in der so viel Ungewissheit und Unsicherheit ist, in der so viel Zukunftsfurcht ist, in dieser Welt ist so ein Wort wie ein Pfeiler im Strom. Haltepunkt, an den man sich klammern darf. Wohl wahr: Es gibt Veränderungsprozesse, die die seelischen Kräfte zu überfordern drohen. Es gibt Wandlungen, die wir in keiner Weise überschauen können und deren Konsequenzen wird auch nicht im Voraus berechnen und kalkulieren können. Aber es gibt und gilt eben auch diese Zusage: mein Volk soll nicht mehr zuschanden werden. Im Mund Jesu klingt diese Zusage so:  Ich will „meine Gemeinde bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“(Matthäus 16,18) Das ist keine Bestandsgarantie für die äußere Form – von Kirche, von Christentum und Christentümern, wohl aber dafür, dass das Volk Gottes durch die Zeit hindurch bleiben wird.

 

All unsre Not zum End er bringt, derhalben  jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat.

So singen wir es Joel nach. So loben und rühmen wir Dich, unseren Gott, in einer Welt, in der immer noch alles auf dem Spiel steht, Verwüstungen drohen, Verwüstungen der äußeren Lebensverhältnisse und Verwüstungen der Seelen.  Ich weiß nicht, was schlimmer ist, ich in meinen geordneten Verhältnissen.

Aber ich spüre, dass ich mich den Verwüstungen der Seele entgegen stellen muss, dass ich wieder und wieder meinen Blick und den Blick anderer hinlenken muss auf das Heil, das Du heute schon schenkst, auf die Güte, die Du in eine zerrissene Erde hinein gibst, auf den Trost inmitten von so viel Trostlosigkeit. Auf Dich, den Heiland und Helfer. Amen