Heilig bist Du

Joel 2, 12 – 17

12 Doch auch jetzt noch, spricht der HERR, kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen! 13 Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider und kehrt um zu dem Herrn, eurem Gott!

           Jetzt noch. Es ist noch nicht zu Ende. In das Chaos, außen und doch auch wohl innen, hinein nimmt der HERR das Wort. So spricht der HERR. Ausspruch Jahwes steht da. Erstmals im Buch. Den Schrecken, die über das Land gehen, die der Prophet bis dahin so furchtbar, unausweichlich beschrieben hat, wird jetzt das Wort des HERRN entgegen gestellt. „Nur hier, am inneren Wendepunkt der göttlichen Botschaft betont Joel: Ausspruch Jahwes.“ (M. Holland, Die Propheten Joel, Amos und Obadja, Wuppertaler Studienbibel AT 9, Wuppertal 1991, S. 46) 

                   Es ist, als würde eine neues Kapitel aufgeschlagen. Eben nicht mehr nur Schrecken um und um. Sondern Zuflucht inmitten aller Schrecken.  Es ist noch nicht zu spät. Umkehren – Was bei andere Propheten unter den Verdacht steht, es könnte nur äußerlich sein, das sucht Joel: Fasten, Weinen, mit Klagen! Aber auch hier: nicht nur äußerlich. Nur äußerlich – das wären zerrissene Kleider und ein bisschen Asche aufs Haupt. Es geht Joel um mehr, um die Herzensbewegung. „Die Umkehr des Menschen muss vom Innersten, dem Herzen  ausgehen; nur so ist sie sinnvoll.“(M. Holland, aaO. S. 47)Wenn das Herz nicht beteiligt ist, wenn es keine innere Bewegung gibt, dann ist es ohne Nachhaltigkeit. Eine Umkehr zu Gott, die nicht das Herz erreicht, ist zu kurz gedacht.

Es liegt auf der Linie biblischen Denkens über den Menschen: Das Herz ist die Personmitte, der Ort, an dem die Lebensentscheidungen fallen, an dem sich Wille und Wünsche formen. Darum braucht es die Umkehr des Herzes, das Zerreißen als Ausdruck der Trauer und der Demut. Man kann es auch so sagen: „Gott will nicht niedergeschlagene Stimmungen und Gefühle einer vorübergehenden Stunde der Depression, er beansprucht den ganzen Menschen.“ (A. Weiser, Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ATD 24, Göttingen 1967, S. 115)  Wo es wirklich zur Umkehr kommt, gilt: Die eigenwilligen Wege sind zu Ende.   

 Denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte, und es reut ihn bald die Strafe. 14 Wer weiß, ob er nicht umkehrt und es ihn reut und er Segen zurücklässt, sodass ihr opfern könnt Speisopfer und Trankopfer dem HERRN, eurem Gott.

Umkehr zu Gott, nicht weil er groß und gewaltig ist, nicht, weil er allmächtig und zornig ist. Sondern Umkehr, weil Gott gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte ist. Zu  dem gewaltigen Gott gibt es keine Umkehr, sondern nur Unterwerfung. Aber zu dem, der voller Erbarmen ist, kann man umkehren. Vor dem Zorn gibt es nur die Flucht, aber angesichts des Erbarmens kann man sich in die weit geöffneten Arme des Herrn flüchten. Vielleicht ist es ja wirklich so: „Die Not ist Gottes ausgestreckte Hand; hinter ihr steht Gott wartend, ob der Mensch diese rettende Hand, in der Not sich beugend, ergreift und sich von ihr segnen lässt; oder ob er das Erbarmen Gottes ausschlägt, so dass ihm die Not zum Gericht wird.“ (A. Weiser, ebda.)

             Wer solche Worte schreibt, hat kein nettes, kein harmloses Bild von Gott. Er ist wohl durch manches Leid und manchen Harm selbst hindurchgegangen und hält nun dennoch fest am Erbarmen Gottes.  Die Professoren-Generation der Jahre dicht nach dem schrecklichen Krieg von 19939 bis 1945 ist vor den heutigen Harmlosigkeiten wohl gefeit gewesen durch die eigenen Erfahrungen von massenhaftem Sterben, Angst und Untergang.

In diesen Worten wird die ganze Spannung spürbar, die über diesen ersten beiden Kapiteln des Joel-Buches liegt. Wie ist denn Gott nun? Er ist doch der, der Heer der Heuschrecken in Marsch gesetzt hat, dessen dunkler Tag naht. Er ist doch der, vor dem es kein Bergen gibt. Jetzt aber: gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte. Es widerspricht unserer Logik, beides gleichzeitig zu sagen. Gott im einen wie im anderen Bild wiederzufinden.

Es ist ein Ärgernis, dass Übersetzungen manchmal schwierige Assoziationen auslösen. Luther 2017, wohl in Treue zu früheren Luther-Versionen : es reut ihn bald die Strafe. Statt Strafe übersetzt Holland wie die Einheitsübersetzung und Menge mit Unheil, Weiser mit Übel. Es geht hier nicht um einen strafenden Gott, sondern es geht darum, dass Gott vielleicht doch dem Unheil,  das droht – Heuschreckenplage. Dürre-Katastrophe, Kriegsnot irgendwie in den Arm fällt. Es zum Halten bringt. Joel stellt die Frage nicht, was auf der Seite der Menschen, des Volkes diese Nöte verursacht haben könnte.

         Wer weiß, ob er nicht umkehrt und es ihn reut und er Segen zurücklässt. Das ist die Hoffnung, die Joel ausstreut. Kein große Gewissheit, eher ein vages Vertrauen. Allerdings ohne dieses vage Vertrauen auf die Umkehr Gottes, auf seine Zuwendung, auf seinen Segen könnte Joel nicht zur Umkehr des Volkes rufen. Es gibt keine Umkehr zu dem abgewandten Gott, der sich dem Rufen, Klagen und Flehen seines Volkes verschließt, verweigert. Die Umkehr Gottes zu uns ist die Voraussetzung aller Umkehrrufe hin zu Gott. Dass er uns ruft. Dass er sich nicht verschließt und verweigert. „Die Einladung Gottes an sein Volk und seit Jesus an alle Menschen; Kehrt zurück zu mir! ist der schönste Auftrag, den alle Propheten und alle Jünger Jesu hatten und bis zum heutigen Tag haben.“ (M. Holland, ebda.) 

Dahinter steht ja das Wissen: Wenn Gott sich abkehrt, dann ist es mit dem Leben vorbei. Mit am deutlichsten ausgesprochen in den Psalmen.

„Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;                                                              nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie                                                                  und werden wieder Staub.                 Psalm 104,29

Das gleiche Denken ist – positiv gewendet im Segen zu finden:  „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ (4. Mose 6, 24 – 26) Es ist das zugewandte Angesicht des HERRN, das uns leben lässt.

Es wird kein Zufall sein, dass in diesem Zusammenhang mit so anthropomorphen Bildern gesprochen wird. Vom Angesicht Gottes.  Vin seiner Güte, davon, dass er gnädig ist uznd armherzig. Solche Redeweise ist ein Graus für die, die Gott auf das höchste Sein reduzieren wollen, auf die Funktion als Anfang der Welt, die Gott allenfalls mit der Sinnfrage zusammen denken können, aber nie mit der Liebe, nie mit Geduld, nie mit Güte und Treue, nie mit Vergebung und Versöhnung. „Das ist zu menschlich von Gott geredet“, so höre ich und weiß von mir selbst: wenn ich nicht so menschlich von Gott reden darf, kann ich überhaupt nicht mehr von ihm reden.

  15 Blast die Posaune zu Zion, sagt ein heiliges Fasten an, ruft einen Feiertag aus! 16 Versammelt das Volk, heiligt die Gemeinde, sammelt die Ältesten, bringt zusammen die Kinder und die Säuglinge! Der Bräutigam gehe aus seiner Kammer und die Braut aus ihrem Gemach! 17 Lasst die Priester, des HERRN Diener, weinen zwischen Vorhalle und Altar und sagen: HERR, schone dein Volk und lass dein Erbteil nicht zuschanden werden, dass Völker über sie herrschen! Warum willst du unter den Völkern sagen lassen: Wo ist nun ihr Gott?

Ein Bußtag – ob in Jerusalem oder im ganzen Land, das mag offen bleiben. Das Volk, die ganze Gemeinde soll zusammenkommen. Junge und Alte. Die Ältesten und die Kinder und Säuglinge. Hochzeitsfeiern werden unterbrochen. „Hinter der Bußforderung haben alle menschlichen Verpflichtungen, auch die der Brautleute zurückzustehen.“ (A. Weiser, aaO., S.116)  Es ist die gleiche Dringlichkeit, wie sie viel später im Wort Jesu liegt: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“(Lukas 9,60)  Manchmal gibt es keinen Rum zum Aufschub.

Nicht zu einer fröhlichen Wallfahrt, sondern zu einem Klageruf, zu einem Fastentag ruft die Posaune. Zu einem womöglich letzten Versuch, Gott zu gewinnen, ihm zu zeigen: Es geht doch nicht nur um uns und unser Wohlergehen. Es geht auch um dich und deine Ehre. „Die Bitte, die der Prophet dabei den Priestern in den Mund legt, ist charakteristisch: Die Hilfe für sein Volk und Land, das als der Erbsitz Jahwes bezeichnet wird, wird Gott als eine Sache seines eigener Interesses und seiner Ehre nahgelegt; sein Ansehen unter den Völkern würde notleiden, wenn das Gottesvolk zuschanden würde.“ (A. Weiser, aaO, S. 116) Es ist die gleiche Argumentation, die sich schon bei Mose findet: „Mose wollte den HERRN, seinen Gott, besänftigen und sprach: Ach, HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem glühenden Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. (2. Mose 32,11 – 12)

Der Unterschied fällt aber auch ins Auge: mit keiner Silbe ist bei Joel von einer Schuld des Volkes die Rede. Von der Sünde des Götzendienstes, von falscher Bündnispolitik, die Gott verleugnet, von der Sünde der Ausbeutung, von der Sünde der fremden Opfer. Bei Joel geht es um Umkehr in einem Chaos, das nicht mit vorangegangener Schuld in eine innere  Verbindung gebracht wird. Es ist einfach da. Das mag davor bewahren, bei jedem Unglück, das über die Welt kommt, gleich die Frage zu stellen: Wer ist schuld? Welche Sünde wird hier gestraft? Es gibt Unheil, Unglück, Chaos, das Unschuldige trifft.

Diese Stimme ist auch deshalb so wichtig, weil sie ein Kontrapunkt zu den anderen Stimmen ist, die in großer Einmütigkeit die Katastrophe des Untergangs Jerusalem 597 und 587 und die Katastrophe des Exils auf die Schuld Israels zurückführen. Sie fordern das Schuldeingeständnis ein: wir haben dieses Unheil selbst verursacht. Das ist der Hauptstrom der prophetischen Botschaft, der Hauptstrom auch des Denkens der Kreise, die das Deuteronomium – 5. Buch Mose –  und die daran hängenden Geschichtswerke erarbeitet haben. Umso wichtiger ist die Stimme der theologischen, geistlichen Außenseiter, die sich einer allzu glatten Verrechnung von Schuld und Schicksal entgegen stellen, sie nicht mitmachen.

Mich beschäftigt der Gedanke, dass Joel mit seinem Reden von Gott merkwürdig nahe an der Weisheit Israels dran ist, wie sie im Hiob-Buch ihren Widerhall findet. Auch da geht es um Leiden, das nicht auf Schuld zurück zu führen ist, dessen Rätselhaftigkeit umso mehr schmerzt. Wäre das Handeln Gottes immer so verrechenbar, dass es eine  Entsprechung zu unserem Tun ist, dass sich das eigene Ergehen gewissermaßen gesetzmäßig aus dem eigenen Tun ergibt, so hätten wir ein schlichtes aber klares Gottesbild. Gott als das Echo unseres Tuns. So aber, weil diese Entsprechung nicht greift, bei Hiob nicht und auch bei Joel nicht, stehen wir vor einen rätselhaften Gott, dessen Handeln sich beständig unserer Logik entzieht, der für uns eben nicht logisch greifbar und neutral definierbar ist. Nicht als „lieber Gott“, auch nicht als „guter Gott“.

 

Heiliger Gott, Du bist gut und gnädig und barmherzig. Du mutest uns Wege zu, die über unsere Kräfte gehen. Du legst uns Lasten auf, unter denen wir zu zerbrechen drohen. BIst du also nicht nur gut und gnädig und barmherzig?

BIst Du auch streng, hart und manchmal unbarmherzig anspruchsvoll?

Heilig bist Du, Ursprung der Welt. Heilig bist Du, Ziel aller Wege. Heilig und nie zu fassten mit meinem Denken und Fühlen, meinen Spüren und Ahnen.

Was mir bleibt, ist mich in Dich zu bergen, den ich nie verstehen werde, bis Du Dich uns zeigen wirst im Glanz Deiner Herrlichkeit, in Deinem Erbarmen, das Jesu Gesicht trägt und bis in das tiefste Dunkel reicht. Amen