Der falsche Schlaf der Sicherheit

Joel 2, 1 – 11

1 Blast die Posaune zu Zion, ruft laut auf meinem heiligen Berge! Erzittert, alle Bewohner des Landes! Denn der Tag des HERRN kommt und ist nahe, 2 ein finsterer Tag, ein dunkler Tag, ein wolkiger Tag, ein nebliger Tag!

                   Alarmsignale. Warnungen vor einer drohenden Gefahr. Einer Gefahr, die zittern lässt. Erbeben. Sicherlich nicht nur die Beine, sondern mehr noch die Herzen. Der Tag des HERRN kommt und ist nahe. Offenkundig kein Jubeltag, kein Tag der Befreiung. Sondern ein Tag, an dem sich der Himmel verdunkelt, an dem sich Wolken über das Land legen. „Die Worte Finsternis und Dunkel verweisen  auch an die Erscheinung Gottes am Sinai… Die Wolke (̒anan) ist selten meteorologisch verstanden, sondern meist der Hinweis auf Gottes Nähe.“ (M. Holland, Die Propheten Joel, Amos und Obadja, Wuppertaler Studienbibel AT 9, Wuppertal 1991, S. 40)  Es liegt nahe, sich an das Geschehen am Sinai zu erinnern: „Als nun der dritte Tag kam und es Morgen ward, da erhob sich ein Donnern und Blitzen und eine dichte Wolke auf dem Berge und der Ton einer sehr starken Posaune. Das ganze Volk aber, das im Lager war, erschrak. Und Mose führte das Volk aus dem Lager Gott entgegen, und es trat unten an den Berg.“(2. Mose 19, 16-17)

                  Land steht da. Andere übersetzen: Erde. Wir würden heute sagen: eine globale Katastrophe, nicht nur ein lokales Ereignis. Es ist ja das, was wir heutzutage fürchten, dass sich Epidemien zur Pandemie auswachsen, dass es Ereignisse gibt, die die ganze Erde in Mitleidenschaft ziehen. Klima-Veränderung so gut wie Kriegsverwicklungen, die sich nicht mehr lokal begrenzen lassen.

             Hier dominieren die bedrohlichen Aspekte, wenn es um den kommenden Tag des HERRN geht. Umso bedeutsamer ist die Verschiebung, die sich ins Neue Testament hinein zeigt. Da wird der Tag Gottes zum hoffnungsvollen Zeichen für das Erbarmen, für die ewige Freude. Aber auch das beginnt schon in der alten Zeit, vor Jesus:

„Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird,                                                     so werden wir sein wie die Träumenden.                                                                      Dann wird unser Mund voll Lachens                                                                                   und unsre Zunge voll Rühmens sein.                                                                                       Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.                                                          Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen                                                     und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“         Psalm 126, 1-2. 5-6

Gleichwie die Morgenröte sich ausbreitet über die Berge, so kommt ein großes und mächtiges Volk, desgleichen vormals nicht gewesen ist und hinfort nicht sein wird auf ewige Zeiten für und für. 3 Vor ihm her geht ein verzehrendes Feuer und hinter ihm eine brennende Flamme. Das Land ist vor ihm wie der Garten Eden, aber nach ihm wie eine wüste Einöde, und niemand wird ihm entgehen.

Was da im Kommen ist, ist unaufhaltsam. Das freundliche Bild der Morgenröte ist in Wahrheit die Ankündigung eines Schreckens, in dem alles vergeht. Der helle Tag, den die Morgenröte ankündigt, ist in Wahrheit ein finsterer Tag, ein dunkler Tag, ein wolkiger Tag, ein nebliger Tag! Unaufhaltsam, weil in der Ankündigung schon der ganze Tag „da ist.“  Unaufhaltsam ist er in seinem Schrecken, ein verzehrendes Feuer, der die Schönheit der Schöpfung in eine wüste Einöde verwandelt.

 4 Sie sind gestaltet wie Pferde und rennen wie die Rosse. 5 Sie sprengen daher über die Höhen der Berge, wie die Wagen rasseln und wie eine Flamme prasselt im Stroh, wie ein mächtiges Volk, das zum Kampf gerüstet ist. 6 Völker entsetzen sich vor ihm, und jedes Angesicht erbleicht. 7 Sie laufen wie Helden und ersteigen die Mauern wie Krieger; ein jeder geht stracks seinen Weg, weicht nicht von seinen Pfaden. 8 Keiner drängt den andern, sondern ein jeder zieht auf seinem Weg daher; sie durchbrechen die feindlichen Waffen und dabei reißt ihr Zug nicht ab. 9 Sie stürzen sich auf die Stadt, laufen auf der Mauer, in die Häuser steigen sie ein, wie ein Dieb kommen sie durch die Fenster.

             Wieder die Heuschrecken-Plage. Ob es eine zweite ist, eine erneute oder immer noch die, von der gleich zu Anfang des Joel-Buches die Rede ist, das ist nebensächlich. Der Ton liegt auf ihrer unwiderstehlichen Gewalt. Wie ein Kriegsheer, das alles niedermacht, das nichts aufhalten kann, so dringen sie vor. Wie Helden, wie Krieger. Es ist eine geradezu tödliche Ordnung, der sie folgen. Eine Kriegsmaschine. Je nachdem, wie spät man die Endfassung des Joel-Buches ansetzt, könnte man hier Anspielungen auf die unaufhaltsame Macht der Heere Alexanders des Großen mitschwingen hören. Er erreicht im Jahr 332 auf seinem Siegeszug durch die Welt des Mittelmeer-Raumes und Orients  auch Jerusalem.

 10 Vor ihm erzittert das Land und bebt der Himmel, Sonne und Mond werden finster, und die Sterne halten ihren Schein zurück.

              So gewaltig ist dieses Geschehen, dass es auch die fernen Gestirne  am hohen Firmament betrifft. Der Sternenhimmel, Garant der Beständigkeit, gerät in Aufruhr,  in Unordnung. Vor ihm – worauf bezieht sich das? Auf das Heer? Auf das Geschehen? Oder auf den, der hinter allem Geschehen steht? „Vor leichtfüßigen Heuschrecken gerät die Welt, der Kosmos noch nicht in Unordnung, selbst wenn es noch so viele sind. Da muss schon Gott selbst kommen. Vor ihm (Einzahl) wankt der Himmel.“(M. Holland, aaO. S. 42) Die Erde verfinstert sich, das Licht verlieren seinen Schein. Nichts mehr, was Orientierung noch zulässt. Nichts mehr, was Leben noch wachsen lässt. Ohne Licht kein Leben.

  11 Und der HERR lässt seinen Donner vor seinem Heer erschallen. Denn sein Heer ist sehr groß; denn es ist mächtig und richtet seinen Befehl aus. Ja, der Tag des HERRN ist groß und voller Schrecken, wer kann ihn ertragen?

Jetzt wird es eindeutig: Gott ist auf dem Plan, auf dem Weg. Es ist sein Donner, sein Heer, sein Befehl, sein Schrecken. So sind wir nicht mehr gewöhnt von Gott zu sprechen.  Wir haben aus ihm einen alten, guten, lieben, kraftlosen, blutleeren Mann gemacht. Der froh sein muss, wenn wir ihm noch Beachtung schenken. Wie anders hier in den Worten aus dem Mund des Joel.

„Dies irae“ – das singt sich dramatisch. Aber wie schrecklich ist das, wenn es geschieht. Es ist „nur“ ein Vorspiel dieser Schrecken, was Menschen erleben – im Bombenhagel, der aus dem Himmel fällt und vor dem es kein Bergen gibt. Im Ansturm der Wellen, die alles wegreißen. Im Beben der Erde, das Jahrhunderte zum Einsturz bringt.

Nur ein Vorspiel? Verharmlost das nicht die Leiden der Opfer? Verharmlost das nicht die Schrecken der Zeit? Und: Nimmt das nicht die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes aus der Debatte? Übrig bleibt ein Gott, dem nichts und niemand gewachsen ist. Der Schrecken und Glück verteilt, nach Gutdünken, nach der Art eines Herrschers, der nur seinen eigenen Willen kennt. Ist das das Bild von Gott, das Joel uns vorhält?

Ich spüre, wie ich mich innerlich wehre gegen diese Gedanken. Aber ich ahne auch, dass es so harte, schwer zu ertragende Sätze, Gedanken, Bilder braucht, um uns aus unserer Harmlosigkeit aufzuwecken. Auch um den Preis, dass wir erst einmal verstört sind. Anders werden wir nicht aus dem falschen Schlaf der Sicherheit aufstehen.

Anders gesagt: Es gilt, sich dem zu stellen – der Tag des HERRN ist der Tag des Untergangs der alten Welt. Der Tag des „Gerichtes über aller Menschen Schuld.“ ( F. von Bodelschwingh 1938, EG 93) der Tag, „da alle Welt ihr Urteil nimmt.“( R.A. Schröder 1937, EG 184) Es mag bezeichnend sein, dass beide Liederdichter den stolzen Hochmut der arischen Herrenmenschen vor Augen haben, der sich von der Geschichte her im Recht wähnt und Gottes Urteil als das Ja zu sich selbst beansprucht. Der kein Gottesgericht mehr glaubt, weil er sich selbst an die Stelle Gottes gesetzt hat.

Ich habe noch die Frage im Ohr, uns als jungen Studenten gestellt: „Wisst ihr auch, was ihr betet, wenn ihr betet: Dein Reich komme? Ihr betet um das Ende der alten Welt, um ihr Urteil, ihre Krise.“(C-H. Ratschow) Das Reich Gottes kommt nicht als Vervollkommnung unserer Welt, als das I-Tüpfelchen der Vollkommenheit, sondern als ihr Ende, ihre Wandlung, ihre Transformation. Das Sterben bleibt der alten Welt so wenig erspart, wie es dem alten Menschen erspart bleibt. Er muss sterben, damit ein neuer Mensch werden kann.

Erst wenn wir diese harte Seite des kommenden Tages sehen und annehmen, uns unter das Gericht beugen, erst dann können wir auch das andere sehen, annehmen und damit nicht den kommenden Tag verharmlosen: „Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“(Lukas 21,28)

Es braucht diese Erschütterungen, damit wir neu ins Fragen kommen – über den Tag hinaus. Über das Alltägliche hinaus, so wie die Jünger fragen: Wenn es so um uns steht, um die Welt, um die Zukunft – „Ja, wer kann dann selig werden? Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist’s unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich.“(Matthäus 19, 25-26)

 

Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit. Gott, gib uns, dass wir Deine Weckrufe nicht überhören, dass wir uns nicht selbst beruhigen, dass wir nicht einfach so tun, als wäre alles in Ordnung.

Unsere Welt ist nicht in Ordnung. Deine Welt ist nicht in Ordnung. Manchmal ist in mir die bange Frage, ob Du uns einfach hingibst an unsere Entscheidungen, unsere Werte, unsere Taten. Wir sind dabei, aus Deiner guten Schöpfung eine Müllhalde zu machen. Und Du lässt uns gewähren.

Herr Gott, Du Erbarmer, falle uns in den Arm um Deiner Güte willen. Amen