Die Heuschrecken-Plage

Joel 1, 1 – 20

1 Dies ist das Wort des HERRN, das geschehen ist zu Joel, dem Sohn Petuëls.

                         Ein Eröffnungssatz, der „in fest geprägter Form prophetischer Tradition die gesamten Aufzeichnungen des Propheten „Wort Jahwes nennt.(A. Weiser, Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, ATD 24, Göttingen 1967, S.108) Dabei wird man beim Lesen rasch merken: Es ist ein Wechsel von Prophetenworten und Gottesworten, der das Buch durchzieht.  Doch der Anspruch hinter dieser Formel ist ja nicht: Gottes Wort reiht sich an Gottes Wort. Sondern alles, was der Prophet sagt und schreibt, erwächst aus dem Auftrag Gottes. Joel –  auf Deutsch „Jahwe ist Gott“ – nimmt nicht von sich aus das Wort. Er ist Prophet, berufen und beauftragt, auch wenn er weder ein Berufungserlebnis noch eine Beauftragungserfahrung mitteilt.

Wir erfahren insgesamt so gut wie nichts über Joel. Er ist Sohn Petuëls. Aber auch diese Mitteilung hängt in der Luft. Denn der Name Petuël begegnet nur hier in den Schriften des Alten Testamentes. Die Septuaginta hat für den Namen des Vaters „Bathuel“, βαθουηλ, ein Name, der als Name des Vaters der Rebekka (1. Mose 22,23) überliefert ist. Auch der Name Joel hilft nicht weiter, wenn es zu klären gilt, in welche Zeit das Buch gehören könnte. „Da der Name von der ältesten bis in die nachexilische Zeit vorkommt, können über den Propheten daraus keine näheren Schlüsse gezogen werden. … Über die Zeit, wann Joel auftrat, können wir aus den Namen nichts entnehmen.“(M.Holland, Die Propheten Joel, Amos und Obadja, Wuppertaler Studienbibel AT 9, Wuppertal 1991, S. 25) 

            Diese Zurückhaltung im Blick auf eine konkrete Zeitangabe für die Prophetie des Joel ist auffallend. Sie unterscheidet ihn von fast allen anderen prophetischen Texten. Damit werden seine Worte gewissermaßen „zeitlos“, weil unklar ist, ob sie sich auf gegenwärtige Erfahrungen beziehen oder ob ihn visionäre Schreckensbilder heimgesucht haben. Das zu entscheiden ist von den Texten her in meinen Augen nicht möglich. Damit ist diese Prophetie in ihrer Deutung offen und liefert Deutungsbilder auch in unsere Zeit hinein.  

 2 Hört dies, ihr Ältesten, und merkt auf, alle Bewohner des Landes, ob solches geschehen sei zu euren Zeiten oder zu eurer Väter Zeiten! 3 Sagt euren Kindern davon, und lasst’s eure Kinder ihren Kindern sagen und diese wiederum ihren Nachkommen: 4 Was die Raupen übrig ließen, das fraßen die Heuschrecken, und was die Heuschrecken übrig ließen, das fraßen die Larven, und was die Larven übrig ließen, das fraß das Geschmeiß.

             Alle, die angesprochen werden – Älteste, Bewohner des Landes, sollen weitersagen: eine furchtbare Plage hat das Land getroffen. Heuschrecken haben alles gefressen. So schrecklich ist diese Plage, dass sie alles Frühere übertrifft und allen Nachkommen gesagt werden muss, als Warnung, zur Klage.

Eine Heuschreckenplage gehört zu den ägyptischen Plagen- es ist die achte Plage: „Da sprach der HERR zu Mose: Recke deine Hand über Ägyptenland, dass Heuschrecken auf Ägyptenland kommen und alles auffressen, was im Lande wächst, alles, was der Hagel übrig gelassen hat. Mose streckte seinen Stab über Ägyptenland, und der HERR trieb einen Ostwind ins Land, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Und am Morgen führte der Ostwind die Heuschrecken herbei. Und sie kamen über ganz Ägyptenland und ließen sich nieder überall in Ägypten, so viele, wie nie zuvor gewesen sind noch hinfort sein werden. Denn sie bedeckten den Boden des ganzen Landes, und das Land wurde finster. Und sie fraßen alles, was im Lande wuchs, und alle Früchte auf den Bäumen, die der Hagel übrig gelassen hatte, und ließen nichts Grünes übrig an den Bäumen und auf dem Felde in ganz Ägyptenland.“(2. Mose 10, 12 – 15)

            Hier aber ist nicht irgendein Land getroffen, sondern offensichtlich Israel. „Eine Katastrophe von ungewöhnlichem Ausmaß und Schaden.“ (A. Weiser, aaO., S.109) Es stellen sich wie von selbst beim Lesen Schreckensbilder unserer Tage ein: von der Hitze aufgesprengter Boden mit tiefen Rissen, abgefressene Bäume, Pflanzen, die nur noch verstümmelt sind, Viehskelette. Ganze Länder ohne Zukunft, weil die Nahrung fehlt. Die Parallele zur ägyptischen Plage lässt es schon ahnen: hinter diesem Schrecken steht in irgendeiner unheimlichen Weise der Wille Gottes.

5 Wacht auf, ihr Trunkenen, und weint, und heult, alle Weinsäufer, um den Most; denn er ist euch vor eurem Munde weggenommen! 6 Denn es zog herauf gegen mein Land ein Volk, mächtig und ohne Zahl; das hatte Zähne wie die Löwen und Backenzähne wie die Löwinnen. 7 Es verwüstete meinen Weinstock und fraß meinen Feigenbaum kahl, schälte ihn ab und warf ihn hin, dass seine Zweige weiß dastehen.

             Es gibt immer Leute, die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die sich ihr Vergnügen nicht nehmen lassen, die heiter bleiben und dem Genuss zugewandt. An die wendet sich der Prophet. An die, die sich das Leben schön trinken und sich die Feierlaune nicht nehmen lassen wollen. „Nicht ungewarnt, aber unbekümmert verfallen sie dem Gericht.“ (M.Holland; aaO. S.27 ) Es gibt für sie ein böses Erwachen – der Genuss ist verdorben. Der Most ist alle.

Im Bild von Volk, mächtig und ohne Zahl wird die „Invasion“ der Heuschrecken geschildert. Sie sind wie eine feindliche Übermacht, die alles überrennt. Sie hinterlassen verbrannte und ausgeplünderte Erde.

Man kann es leicht überlesen: Gott selbst ist von dieser Katastrophe getroffen. „mein Land, mein Weinstock, mein Feigenbaum“. Was hier geschieht, trifft Gott, schmerzt ihn. Das ist wie eine erste, sehr verhaltene Antwort auf die wieder und wieder gestellte Frage: wie kann Gott nur so etwas zulassen? Oder gar in Gang setzen? Gott ist selbst im wahrsten Wortsinn in Mitleidenschaft gezogen.

 8 Heule wie eine Jungfrau, die Trauer anlegt um ihres Bräutigams willen! 9 Denn Speisopfer und Trankopfer sind vom Hause des HERRN weggenommen, und die Priester, des HERRN Diener, trauern. 10 Das Feld ist verwüstet und der Acker ausgedörrt; das Getreide ist verdorben, der Wein steht jämmerlich und das Öl kläglich.

             Eine Strophe des Klageliedes folgt der anderen. Ein Bild dem anderen. Hier das Bild von der Jungfrau, die noch vor der Hochzeit zur Witwe wird. so ist es auch im Tempel:  Kein Opfer mehr. Damit aber entfällt jede Lebensgrundlage. „Das Aufhören des Opferdienstes galt als Unterbrechung der regelmäßigen Gottesbeziehung als notwendiger Lebensfunktion.“ (A. Weiser, aaO. S. 110) Diesem Aufhören der Opfer entspricht der Zustand des Landes: Da ist kein Leben mehr.

 11 Steht beschämt, ihr Ackerleute, heult, ihr Weingärtner, um den Weizen und um die Gerste, weil aus der Ernte auf dem Felde nichts werden kann! 12 Der Weinstock steht jämmerlich und der Feigenbaum kläglich, auch die Granatbäume, Palmbäume und Apfelbäume, ja, alle Bäume auf dem Felde sind verdorrt. So ist die Freude der Menschen zum Jammer geworden.

             Der Kreislauf von Säen und Ernten ist zerstört. Keine Frucht mehr. Was bleibt, ist Klage und Schmerz. Was für ein Kontrast zu den Worten des Beters:

„Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen,                      dass du Brot aus der Erde hervorbringst,                                                                         dass der Wein erfreue des Menschen Herz                                                                       und sein Antlitz glänze vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke.                      Die Bäume des HERRN stehen voll Saft,                                                                              die Zedern des Libanon, die er gepflanzt hat.“        Psalm 104, 14 -16

             Von dieser Freude an der guten Schöpfung Gottes ist hier nichts mehr zu spüren. Das Leben kommt zum Erliegen.

13 Umgürtet euch und klagt, ihr Priester, heult, ihr Diener des Altars! Kommt, schlaft im Trauergewand, ihr Diener meines Gottes! Denn Speisopfer und Trankopfer sind vom Hause eures Gottes weggenommen. 14 Sagt ein heiliges Fasten an, ruft einen Feiertag aus! Versammelt die Ältesten und alle Bewohner des Landes zum Hause des HERRN, eures Gottes, und schreit zum HERRN:

Noch einmal sind die Priester jetzt angesprochen. Aufgerufen zu einem ununterbrochenen Klagedienst. Weil die Opfer aufhören, da das Opfermaterial fehlt, muss  das Gebet, das Schreien zum HERRN an seine Stelle treten.

15 O weh des Tages! Denn der Tag des HERRN ist nahe und kommt wie ein Verderben vom Allmächtigen. 16 Ist nicht die Speise vor unsern Augen weggenommen und vom Hause unseres Gottes Freude und Wonne? 17 Der Same ist unter der Erde verdorrt, die Kornhäuser stehen wüst, die Scheunen zerfallen; denn das Getreide ist verdorben. 18 O wie seufzt das Vieh! Die Rinder sehen kläglich drein, denn sie haben keine Weide, und die Schafe verschmachten.

Was ist gemeint mit dem Tag des HERRN? Der jüngste Tag? Wer Joel so liest, der macht aus dem Geschehen in der Zeit das Vorspiel des Endes. Dann würde Joel beschreiben, was in den Evangelien von Jesus “Wehen” genannt wird: „Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen.“ (Matthäus 24,7-8) Während in den Evangelien diese Wehen mit der Gewalt des Krieges in eins gesehen werden ist es hier die Ernte- und Hungerkatastrophe.

Womöglich aber ist es ja so, wie wir es heute – in unseren sicheren Zeiten – nicht mehr wirklich verstehen: dass das Wahrnehmen des „normalen Wahnsinns“ der Katastrophen, der sozialen, die ein Krieg auslöst, der menschlichen, die der Hunger mit sich bringt, immer auch die Frage herausruft: wie lange noch? Und: Kündigt sich in diesem Chaos das nahende Ende der Welt an? Katstrophenfilme stellen oft genug genau diese Frage und sie malen dafür „apokalyptische Bilder“ – so wie Joel.

19 HERR, dich rufe ich an; denn das Feuer hat die Auen in der Steppe verbrannt, und die Flamme hat alle Bäume auf dem Felde angezündet. 20 Es schreien auch die wilden Tiere zu dir; denn die Wasserbäche sind ausgetrocknet und das Feuer hat die Auen in der Steppe verbrannt.

Aus der Anrede an alle wird jetzt das Gebet des Propheten. HERR, dich rufe ich an. Es ist mit Aufgabe der Propheten in Israel, dass sie in Fürbitte für das Volk eintreten. Sie sind nicht nur die, die das Unheil ansagen, die warnen und die Menschen zur Umkehr rufen. Sie sind auch die, die Gott zum Einhalt rufen, dazu, seinem Zorn in den Arm zu fallen. „Das Gebet mit dem sich der Prophet an Gott wendet, ist das Rufen eines Menschen, der sich mit der gesamten Kreatur von Gott getroffen weiß und doch nicht anders kann, als sich nach der Hand ausstrecken, die ihn geschlagen hat.“ (A. Weiser, aaO. S.111)Mit dem Propheten vereinen sich die wilden Tiere im Schreien nach Gott. Es ist so ein vielstimmiges Rufen und Schreien.

Mir fällt auf: Es gibt in diesem Text nicht die geringste Andeutung, dass diese Heuschrecken-Plage mit ihren katastrophalen Folgen auf irgendeine Schuld des Volkes, des Landes zurückgeführt wird. Da ist nicht von Götzendienst die Rede, nicht von sozialem Unrecht, nicht vom Missbrauch der Macht Da ist einfach nur eine fassungslos machende Katastrophe, hinter der der Prophet dennoch Gott sieht. Es gibt also, so lerne ich von Joel, Katastrophen, bei denen sich die Frage nach Schuld in der Suche nach den Ursachen nicht stellt. Wer bei einem Tsunami, einem Erdbeben, einem Vulkanausbruch nach Schuld fragt, fragt falsch. Ich gehe einen Schritt weiter: Wer bei der unheilbaren Krankheit nach Schuld fragt, fragt falsch. Wer aber hinter dem Tsunami, dem Erdbeben, der unheilbaren Krankheit immer noch Gott ahnt, der gewinnt eine Adresse für sein Fragen und Klagen.

Und noch eine – mehr erspürte als sicher aufzuzeigende  – Langzeitwirkung dieser Heuschrecken-Plage: „Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde, und ihnen wurde Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben. Und es wurde ihnen gesagt, sie sollten nicht Schaden tun dem Gras auf Erden noch allem Grünen noch irgendeinem Baum, sondern allein den Menschen, die nicht das Siegel Gottes haben an ihren Stirnen. Und ihnen wurde Macht gegeben, nicht dass sie sie töteten, sondern dass die Menschen Qualen leiden sollten fünf Monate lang; und ihre Qual war wie eine Qual von einem Skorpion, wenn er einen Menschen sticht. Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, sie werden begehren zu sterben und der Tod wird von ihnen fliehen. Und die Heuschrecken sahen aus wie Rosse, die zum Krieg gerüstet sind, und auf ihren Köpfen war etwas wie goldene Kronen, und ihr Antlitz glich der Menschen Antlitz; und sie hatten Haar wie Frauenhaar, und ihre Zähne waren wie die Zähne von Löwen; und sie hatten Panzer wie eiserne Panzer, und das Rasseln ihrer Flügel war wie das Rasseln der Wagen vieler Rosse, die in den Krieg laufen, und hatten Schwänze wie Skorpione und Stacheln, und in ihren Schwänzen lag ihre Kraft, Schaden zu tun den Menschen fünf Monate lang; sie hatten über sich einen König, den Engel des Abgrunds; sein Name heißt auf Hebräisch Abaddon, und auf Griechisch hat er den Namen Apollyon. (Offenbarung 9, 3-1)  Joel, so scheint mir, ist einer der zu den Lieferanten des Bildmaterials für den so viel späteren Seher auf Patmos gehört.

Auch das wird man sagen können: die heutige Redeweise von Investoren, Finanz-Managern Konsortien, Fonds-Managern als Heuschrecken hat in diesen Bildern des Joel ihren – wenn auch meistens nicht mehr wirklich gekannten – Hintergrund.

 

Heiliger Gott, es gibt so viele Katstrophen. Erdbeben und Seestürme, Tsunamis und Vulkanausbrüche, Seuchen und Epidemien. Und immer denken wir: Du müsstest uns doch davor bewahren. Du müsstest doch dafür sorgen, dass die Welt ein guter Ort ist, dass das Leben schön wird

Es macht uns, mir zu schaffen, dass ich Unheil sehe, dass es Unglück gibt, für das wir keinen Menschen verantwortlich machen können, wo wir nur noch hilflos sagen können: Wir verstehen nicht.

Es macht Angst zu denken, Du könntest hinter solchem Unheil stehen. Gib Du mir und vielen, die so fragen wie ich, dass wir auch angesichts von unfassbarem Unheil, unbegreiflichen Katastrophen, von Schmerz und Leid an Dir festhalten. Und gib uns, dass wir spüren: Du hältst an uns fest. Amen