Hartnäckig beten

Kolosser 4, 2 – 6

 2 Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!

               Beten ohne Unterlass – so hat es Jesus seine Jünger gelehrt und ihnen als Ermutigung dazu Geschichten erzählt – wie die vom bittenden Freund (Lukas 11, 5 – 8) und der hartnäckigen Witwe. (Lukas 18, 1-8) Es ist ein großes Thema in der ersten Gemeinde, dass das Gebet viel vermag, wenn es ernstlich ist.(Jakobus 6, 16) Und Beharren im Gebet ist ein Zeichen und Ausdruck dafür, dass es ernst gemeint ist.   

             Dreh- und Angelpunkt ist die Danksagung. εχαριστία. Mit dem auch dem Griechischen entlehnten Wort Eucharistie wird auch das Abendmahl, das Herrenmahl bezeichnet. Erinnerung daran, dass Danksagung nicht nur Worte sind, sondern auch Taten, dass sie aus dem Geschenk erwächst, aus der Erfahrung der Gegenwart des Herrn.

Das Beten soll als „Wachen“ erfolgen.“ (E. Schweizer, Der Brief an die Kolosser, EKK, Neukirchen 1976, S. 171) Die Wortwahl Wachen ist Signal auch für die bewusste Anstrengung, die mit Beten verbunden ist. Beten geschieht in einem Wachen darüber, dass nicht der Blick auf die Probleme, auf die Situation vor Augen, auf das, was Angst macht, die Oberhand gewinnt. Es klagt sich schneller und selbstverständlicher als „es sich lobt“. Es kostet innere Anstrengung, die Dankbarkeit durchzuhalten, die vielen kleinen Gründe zur Freude nicht für selbstverständlich zu halten.  Nichts von dem Guten in der Welt versteht sich von selbst. Alles ist Gabe.

Beten ist auch darin ein Ausdruck der Wachsamkeit, dass es sich ausstreckt. Es gibt sich nicht mit dem zufrieden, was ist. Es schickt sich nicht einfach ergeben in das Schicksal. Wer betet, rechnet damit, dass sich Situationen und Menschen ändern können. Beten ist der Schritt über die engen Grenzen der eigenen Möglichkeiten.

3 Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir vom Geheimnis Christi reden können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, 4 auf dass ich es so offenbar mache, wie ich es soll.

 Das wird ja gerade in der Aufforderung zur Fürbitte hier deutlich. Die Fesseln dürfen nicht mehr hindern, für die Wahrheit Christi einzustehen. Sie dürfen nicht dazu führen, dass das Geheimnis Christi verschwiegen wird. Unser Briefschreiber weiß sich ganz abhängig, angewiesen. Darauf, dass Gott den Weg weist, die Tür öffnet für das Wort. vor verschlossenen Türen ist Halt, gibt es keinen Zugang. Und Christen müssen verschlossene Türen akzeptieren. Sie können nicht Einbrecher spielen. Sie können sich nicht aufdrängen, wenn da kein Wille ist zu hören, keine Offenheit. Christen sind um Gottes Willen keine Eindringlinge, nicht in Häuser, nicht in Seelen.

Aber, auch das mag mit vor Augen stehen – manchmal sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht. Und manchmal nimmt man die offenen Türen nicht wahr und rennt sich an einer Mauer den Kopf ein. Es ist ja nicht ausgemacht, dass de Christ die offenen Türen erkennt und sieht, die in den Worten eines Gesprächspartners oder in der Situation liegen. Man nennt das auch gern „Anknüpfungspunkte“. Es braucht einen wachen Geist und das Wegweisen Gottes, solche offenen Türen zu sehen und durch sie hindurch zu gehen.

Zugleich ist er, Paulus – oder der in seinem Namen schreibt, auch darauf angewiesen, dass er den Mut nicht verliert, das Geheimnis Christi zu sagen, das Evangelium auszuteilen. Es gibt ja nicht nur die verschlossenen Türen. Es gibt auch die Boten, die resignieren, die sich abfinden mit der Ablehnung, die es nicht mehr aushalten, dass keiner da zu sein scheint, der wartet, der Sehnsucht nach dem Wort Gottes hat.

Es ist ein großer Schmerz, den die Boten mit dem sendenden Gott teilen: „Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suche. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck: aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber musste er weinen, kam weinend in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: So spricht Gott auch: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.“ (M. Buer, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949)     

Es ist gewiss Gott, der die Herzen derer auftun muss, denen das Evangelium gesagt wird. Aber ebenso gewiss ist es, dass es eine Ermutigung dazu braucht, den Mund für die Wahrheit Gottes aufzutun. Damit es zum Hören kommen kann, braucht es auch Leute, die reden, sagen, sich nicht fürchten.

So gesehen ist das Gebet die Innenseite dessen, was nach außen als Botschaft gesagt werden soll. Indem ich bete, öffne ich mich Gott, stelle ich mich in seine Möglichkeiten, suche den Anschluss an seinen Willen und sein Werk. Es ist ein Irrtum, wenn wir im Gebet nur Gott bewegen wollten. Beten bewegt und verändert erst einmal den Betenden selbst.

5 Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. 6 Eure Rede sei allezeit wohlklingend und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.

           Das ist Frucht des Betens: Wir trauen uns, für unsere Überzeugungen einzutreten und einzustehen. Wohlklingend – in der letzten Luther-Übersetzung hieß es noch freundlich. ν χριτι, steht im Griechischen und es klingt nach der χρις, der Gnade. „Das Wort hat eine Fülle von Färbungen in sich. Es bedeutet Lieblichkeit, Freundlichkeit, Anmut, aber eben auch Gnade. Wir haben keinen entsprechenden deutschen Ausdruck.“ (W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Kolosser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 279) Deshalb müssen wir ein wenig mühsam umschreiben.

Wir trauen uns, offen auf Menschen zuzugehen. Wir provozieren nicht. Wir sagen Worte, die wohltuen können, die die Seele berühren. Wir suchen nach Worten, die auch schön sind, so wie ein Dichter nach schönen Worten sucht. Wir suchen nach einer Sprache, die der Schönheit und der Fülle des Evangeliums entspricht und reden deshalb nicht oberflächlich daher. Wir achten darauf, dass unsere Bilder und Gedanken nicht banal wirken und langweilen. Wir verlieren die Angst vor Zurückweisung und Ablehnung. Wir finden klare Worte.

Darum darf man auch bitten.

Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton.                                                 Worte, die deutlich für jeden von dir reden,                                                                           gib mir genug davon.                                                                                                              Worte, die klären, Worte, die stören,                                                                                      wo man vorbeilebt an dir;                                                                                                       Wunden zu finden und sie zu verbinden,                                                                           gib mir die Worte dafür.“      M. Siebald,  CD Von Wegen 1999

             Wo die Angst verloren geht, kann die Aufmerksamkeit wachsen für das, was der andere braucht, was er hören kann und was deshalb auch gesagt werden kann. Das  alles geht nicht schnell. Kauft die Zeit aus ist keine Aufforderung zur Hektik und zum schneller Reden. Es ist keine quantitative, sondern eine qualitative Betrachtung der Zeit angesagt. Ich höre die  Einladung, sich Zeit zu nehmen, um Klarheit zu gewinnen.

Es überliest sich leicht: wie ihr einem jeden antworten sollt. Antworten setzt voraus, dass es Fragen gegeben hat. Dass einer ins Fragen gekommen ist. der Satz setzt auch voraus, dass es zu einem Gespräch kommen kann, zu einem Dialog, wie wir heute sagen. In dem sich aus Fragen und Antworten eine Begegnung entwickelt. In solchen Begegnungen ist nicht immer schon ausgemacht, was zu sagen ist. Das Evangelium ist keine Fertigpackung, die nur noch eingerührt oder womöglich eingetrichtert werden muss. Es ist eine freundliche Botschaft, die den Adressaten für einen potentiellen Freund Gottes hält und die ihm dieses Geschenk der Freundschaft Gottes schmackhaft machen will.

Antworten müssen stimmig sein. Sie müssen übereinstimmen mit dem Leben, dessen, der antwortet. Der seine Überzeugungen ausspricht. ποκρνω – „absondern, wählen, antworten, das Wort nehmen, sich verantworten“ (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S. 103) Der etwas sagt, antwortet, verantwortet damit auch sich selbst. Was einer sagt, muss passen – zu dem, der es sagt und zu dem, dem es gesagt wird. Anders gesagt: es müssen Antworten sein, die aus dem Leben erwachsen sind, nicht nur angelesen, sondern geerdet, womöglich im Schmerz geboren. Nicht richtige Antworten, sondern stimmige. Jede und jeder, mit dem wir sprechen, über das Leben, über en Glauben hat ein Recht auf solches Antworten, das aus der Tiefe der eigenen Existenz schöpft und nicht an der Oberfläche gelernter Sätze bleibt

Das alles wächst aus der Stille des Gebetes und wirkt hinein in die Welt, in das alltägliche Miteinander. Darum kann und darf ich nicht aufhören zu beten. Es wäre das Ende der Offenheit für die Menschen und die Welt.

 

Herr, es ist gut, dass Du innen und außen, Beten und Reden, Hören und Handeln immer zusammen halten hilfst.

Bei uns fällt das so leicht auseinander und unser Tun wird bloße Aktion, Hektik und unser Beten wird nichts als religiöse Übung.

Du willst unser Beten, damit wir uns Dir öffnen und so auch offen für Menschen werden, ihre Sorgen und Nöte, Ängste und Hoffnungen.

Lehre uns beten, damit wir Dich, uns selbst und die Menschen wahrnehmen und Dein Wort ausrichten können. Amen