Freiheitsräume für alle

Kolosser 3, 18 – 4, 1

             Es gibt wenige Texte, die so quer zum Selbstverständnis unserer Zeit liegen wie diese Worte. Da tauchen massiert Stichworte auf, die heute nicht mehr gehen, die ein Ärgernis darstellen. Es ist für mich eine Anregung zum Nachdenken, mit der ich noch nicht fertig bin: „Ihre Grenzen findet indes jede biblische Norm dort, wo sie, wenn man ihr folgt, als Ärgernis wirkt. Wenn die Verkündigung oder Befolgung einer Norm erwarten lässt, dass Menschen so abgeschreckt werden, dass sie Heilsbotschaft des Christentums nicht mehr vernehmen können, dürfte man eine solche Norm auf sich beruhen lassen.“ (K. Berger/R. Micheel, Sieben Text aus dem Kolosserbrief, Christ sein, Texte zur Bibel 14, Neukirchen 1998, S. 80) Der Autor lässt sogleich ein griffiges Beispiel folgen: „Wer heute „einfach verkündigt, Frauen müssten sich den Männern unterwerfen ( eine entsprechende Gegenleistung von Seiten der Männer wird aber nicht verlangt) macht sich schlicht lächerlich.“ (K. Berger/R. Micheel, ebda.)

Das zu lesen, entlässt nicht aus dem Fragen, sondern macht sie umso dringlicher: Was ist der Gewinn, wenn ich solche Texte lese, für mich selbst, oder sie gar vorlese, für andere. Unter dieser Frage steht die Anrede an die unterschiedlichen Lebensstände, die hier folgt.

Haustafeln als Verhaltensanweisungen für die Leute im Haus, dem οίκος, sind keine Erfindung der christlichen Gemeinden: „Schon in der griechischen Literatur, vor allem in der Stoa und bei von ihr abhängigen Schriftstellern finden sich solche Mahnungen… Dabei wird aber fast immer nur der männliche, erwachsene und freie Leser angesprochen und ihm dargelegt, wie er sich Frauen, Kindern und Sklaven gegenüber verhalten soll. Dass auch Frauen, Kinder, und Sklaven das ethisch „sich Gebührende“ tun könnten, kommt hier kaum je ins Blickfeld, und eine gute Behandlung des Sklaven wird dem Herrn auch in dessen eigenem Interesse empfohlen.“ (E. Schweitzer, Der Brief an die Kolosser, EKK; S. 159/160) Der Abstand zur Umwelt in der Haustafel des Kolosser-Briefes ist groß, wie sich zeigen wird.  

18 Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie sich’s gebührt in dem Herrn. 19 Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht bitter gegen sie.

Es ist eine Anrede an unterschiedliche Gruppen: „Alle Mahnungen gelten auf der Grundlage der Gegenseitigkeit.“ (K. Berger/R. Micheel, aaO. S. 78) Jede Gruppe bekommt gesagt, was für sie wichtig ist: Frauen sollen untertan sein, Männer ihre Frauen lieben. Ist das gleichwertig oder werden nicht doch Rollen und Wertigkeiten zementiert? Das Wort „untertan“ hat bei uns keinen guten Klang. Es klingt nach „unterwürfig, Selbstaufgabe, rechtlos“. Eine Frau, die das mit sich machen lässt, verzichtet auf ihre Gleichberechtigung und die Entfaltung ihres Lebens.

Demgegenüber klingt die Forderung an die Männer Liebt eure Frauen in heutigen Ohren wie eine Selbstverständlichkeit. Musste man das damals Männern sagen? Aber: es gibt auch heutzutage, in den Ehen, auch in angeblich `offenen Beziehungen’ viel Miteinander,  wo von Liebe keine Rede mehr sein kann. Es gibt Miteinander, das eher Herrschaft als Liebe ist, mehr Gewalt als Zuneigung. Kriminalromane erzählen davon häufig realistischer und bewegender als es Pfarrern auf der Kanzel gelingen will. Der zweite Satzteil Seid nicht bitter gegen sie hilft weiter zu klären. Bitter ist einer, der der Frau das Leben bitter macht, der sie in ihrem Mensch-sein und Frau-sein kränkt, der sie durch seine vermeintlich berechtigten Forderungen erbittert.

Wenn ich es so betrachte, dann heben sie die beiden Anreden gegenseitig auf. Was für die Männer so selbstverständlich erscheint, will gelebt werden und erfordert dabei, orientiert am Maßstab der Liebe,  den Verzicht auf Rechte, auf Macht, auf Gewalt. Erst dadurch wird das, was an die Frauen gerichtet so wie eine Unterwerfungs-Forderung erscheint, in ein neues Licht gerückt. Solchen Männern gegenüber kann  man vielleicht auf den Kampf ums Recht verzichten, kann man auch einmal nachgiebig sein, kann man auch einmal Zugeständnisse machen, ohne dabei untertan gemacht zu werden.

20 Ihr Kinder, seid gehorsam den Eltern in allen Dingen; denn das ist wohlgefällig in dem Herrn. 21 Ihr Väter, kränkt eure Kinder nicht, auf dass sie nicht verzagen.

               Wieder werden zwei Gruppen angeredet und wieder bewahrt allenfalls das Zusammenlesen der beiden Anreden vor schweren Missverständnissen. Es ist im antiken Kontext eine Forderung der allgemeinen Ethik: Kinder sind zum Gehorsam verpflichtet. Ein widersprechendes Kind ist eine schier unmögliche Vorstellung. Und der Gehorsam wird nachdrücklich eingeprägt: „Torheit steckt dem Knaben im Herzen; aber die Rute der Zucht treibt sie ihm aus.“(Sprüche 22,15) Weniger gewalttätig, aber nicht weniger einprägsam: „Mein Sohn, gehorche der Zucht deines Vaters und verlass nicht das Gebot deiner Mutter.“(Sprüche 1,8)

Gehorsam ist im Gegensatz zu unserer Zeit eine Tugend, die Kinder zu lernen und Eltern zu lehren haben. Erst die unseligen Erfahrungen des 3. Reiches haben uns gelehrt, dass Gehorsam nicht als formaler Akt und unabhängig von aller konkreten Situation zu fordern ist. Es gibt Situationen, in denen es sittlich geboten ist, nicht zu gehorchen. Auch dazu müssen Kinder ermutigt werden.

Das aber gelingt nur, wenn auch der andere Satz, die andere Anrede ganz ernst genommen wird. Väter haben die Aufgabe, Kinder nicht in die Enge zu treiben, nicht unterwürfig zu machen, sie nicht das Leben und die eigene Verantwortung scheuen zu lehren. Sie so zu leiten, dass sie nicht verzagen, nicht lebensuntüchtig werden. Das ist weniger ein Inhalt väterlicher Ansprachen als mehr das Ergebnis väterlichen Verhaltens. Es gilt an dieser Stelle, sich selbst sehr kritisch zu sehen. „Die Erwachsenart steckt auch den Christen noch im Blut. Der Missbrauch der physischen und intellektuellen Kraft den schwächeren Kindern gegenüber gehört auch zu den „Gliedern, die auf der Erde sind.(3,5)“ (W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Kolosser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 270)

Viel zu lange ist eine Art „schwarzer Pädagogik“ als vom biblischen Wort her geduldet, legitimiert, gar geboten in christlichen Kreisen, nicht zuletzt auch in Pfarrhäusern, praktiziert worden. An dieser Stelle stehen noch Schuldbekenntnisse aus. Heute wissen wir:  Wer seine Kinder zu Unterwerfung zwingt, kann sich alle schönen Worte der Ermutigung zur Selbstständigkeit ersparen. Wer nur den eigenen Willen gelten lässt, wird keine starken Söhne und Töchter haben.

22 Ihr Sklaven, seid gehorsam in allen Dingen euren irdischen Herren, nicht mit Dienst vor Augen, um den Menschen zu gefallen, sondern in Einfalt des Herzens und in der Furcht des Herrn.

Wir heute vermögen kaum, zu hören, dass in diesen Worten auch eine Freiheitsbotschaft steckt. Wie man über die Knechte, die Sklaven dachte, zeigt allein schon der folgende Satz: „Ein Knecht lässt sich mit Worten nicht in Zucht halten; denn wenn er sie auch versteht, so nimmt er sie doch nicht an.“ (Sprüche 29,19) Von daher ist schon die Anrede an die Sklaven – und es sind ja Christen, die in diesem Stand sind – eine andere Botschaft: Ihr seid der Anrede würdig. Ihr werdet zu Herzen nehmen, was zu euren Herzen gesprochen ist.  

             Wieder die Gehorsamsforderung – und alles, was vorher bei den Kindern gesagt wurde, gilt auch hier. Das erscheint antiquiert. Aber unterscheidet es sich wirklich von heutiger Praxis? „Verhältnisse der Über- und Unterordnung Verhältnisse, in denen der eine anzuordnen und zu bestimmen, der andere auszuführen  und zu tun hat, gibt es auch immer und in jeder gesellschaftlichen Struktur…. So bleiben Abhängigkeitsverhältnisse von Menschen untereinander für beide Teile schwierig genug.“ (W. de Boor, aaO, S. 271) Die moderne Stellenbeschreibung fordert nicht Gehorsam, sagt aber deutlich: weisungsgebunden. Und der Grad, in der jemand weisungsgebunden ist, entscheidet über sein Gehalt und gewährt oder verweigert ihm das Recht auf selbständiges Entscheiden und Handeln.

Was Paulus will, ist nicht so einfach, auch nicht frei von Verdächtigung: Er will Sklaven, Knechte, δουλοι die ihren Stand akzeptieren und in ihm die Platzanweisung Gottes erkennen. Und indem sie ihren Platz an dem Ort Gottes für ihr Leben erst einmal annehmen, verwandeln sie ihn von innen heraus. Da wird der Gehorsam als  ein innerlich freier Akt zu etwas völlig anderem als die äußerliche Unterwürfigkeit, als der Dienst vor Augen. Wer einfältig den Willen Gottes sucht, der wird frei in seinem Tun.

Wir heute fragen dennoch: Dient diese Forderung nicht nur dem Status quo und damit den Machthabenden?  Paulus schweigt sich aus in Sachen Abschaffung der Sklaverei. Was für ein Vorwurf! Als ob Paulus in der offenen Gesellschaft unserer Tage lebte. Als ob der Brief nach Kolossä heute geschrieben wäre, in Zeiten der Tarif-Partnerschaft, der gesetzlichen Regelung von Arbeitnehmer-Rechten. Paulus versucht sehr demütig, Menschen dazu zu helfen, dass sie mit ihrem Platz einverstanden werden, den sie nicht aus eigener Kraft verändern können.

23 Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen, 24 denn ihr wisst, dass ihr von dem Herrn als Lohn das Erbe empfangen werdet. Dient dem Herrn Christus! 25 Denn wer unrecht tut, der wird empfangen, was er unrecht getan hat; und es gilt kein Ansehen der Person.

               Fast wörtlich wiederholt sich der Schreiber hier. Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus (3, 17) hatte er allen Christen gesagt. Und hier nun: Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen. Es ist eine Aufwertung der Sklaven; die man nicht gleich erkennt. Aber für sie gilt nichts anderes in ihrem Gehorsam als für alle Christen. Ihr dient dem Herrn Christus! Das gilt für Juden und Griechen, Freie und Gebundene, Mann und Frau.

Und in dem, was sie tun, sollen sie das Gute suchen, das Unrecht meiden. Es ist eine Sackgasse zu glauben, dass das Recht nicht lohnt und dass Ausbrechen aus dem, was die Umwelt für richtig hält, positive Lebensfolgen haben würde. Wer sich außerhalb des Rechtes begibt, wird die Härte des Rechts zu spüren bekommen. Das ist kein Wort gegen das Nützen von Spielräumen, aber es ist ein Wort gegen die Versuchung, Unrecht mit Unrecht zu vergelten.

4,1 Ihr Herren, was recht und billig ist, das gewährt den Sklaven und bedenkt, dass auch ihr einen Herrn im Himmel habt.

Zu guter Letzt: Es gibt auch Herren in der christlichen Gemeinde. Sklavenbesitzer. Befehlshaber. Menschen, deren Wort für andere gilt, ohne jede Einschränkung. Der antike Besitzer eines Sklaven ist Herr über Leben und Tod.  Der Sklave ist ein instrumentum, eine Sache, und kein humanum. Umso wichtiger dieses Wort.

Es erinnert daran, dass Sklaven, obwohl gebunden, nicht rechtlos sind und dass sie, von den Schriften der hebräischen Bibel her, unter dem Schutz Gottes stehen. „Wer seinen Sklaven oder seine Sklavin schlägt mit einem Stock, dass sie unter seinen Händen sterben, der soll dafür bestraft werden.“ (2. Mose 21,20) Das sind in der antiken Welt fremde, menschliche Töne. Aber es liegt auf der Linie eines Denkens, das sagt: Alles Leben gehört Gott, gleichgültig, ob wir frei geboren sind oder in Knechtschaft geraten. Jede und jeder von uns ist Gott für das Leben verantwortlich ist – das eigen und das anvertraute Leben. Und auch Leben von Sklaven ist von Gott anvertrautes Leben.

Mit solchen Worten ist der Sklaverei der Boden entzogen, auch wenn es noch bis ins 19. Jahrhundert gedauert hat, bevor im christlichen Abendland damit Ernst gemacht und der Sklavenhandel – diese Säule ökonomischen Erfolges – und die Sklaverei durch Gesetz abgeschafft und verboten wurden.

 

Heiliger Gott, es ist nicht ohne Bedeutung, was ich bin, ob Mann, Frau, Kind, Knecht, Herr. Mein Sein bestimmt und begrenzt meine Möglichkeiten, schränkt Spielräume ein, gewährt Privilegien.

Herr, Du willst, dass jeder an seinem Ort so leben kann, wie es Dir und Deiner Liebe zum Leben entspricht.

Gib uns Deinen Geist, dass wir unsre Rechte nicht anderen zur Last machen, unsere Suche nach Freiheit nicht andere beengt.

Hilf uns dazu, dass wir einander dienen und einander fördern, was dem Leben dient. Amen