Mehr als eine Kleiderordnung

Kolosser 3, 12 – 17

12 So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;

                   „Haustafeln“ nennt man das in der Literatur zum Neuen Testament gerne, was jetzt bis Kapitel 4, 1 folgt. Anweisungen für das Leben im christlichen Haus. „Es handelt sich bei den Haustafeln nicht um irgendeine Unterwürfigkeits-Disziplin, sondern um Gestalten der Liebe.“ (K. Berger/R. Micheel, Sieben Text aus dem Kolosserbrief, Christ sein, Texte zur Bibel 14, Neukirchen 1998, S,.76) Ich habe diese Worte aus dem Kolosserbrief oft vorgelesen, vor allem bei Trauungen. Dann habe ich immer gesagt: Es gibt keine christliche Spezialethik für die Ehe. Was hier gesagt wird, soll das Leben insgesamt in eine Richtung leiten, die dem Glauben Rechnung trägt.

                Nacktes Mensch-Sein geht nicht. Mit irgendetwas sind wir Menschen immer bekleidet – entweder mit den alten Klamotten des alten Lebens ohne Gott oder mit den neuen Kleidern. Darum: zieht nun an. Es liegt ein neues Lebensgewand für die Christen bereit. „Wichtig ist, dass das Kleid für den ganzen Menschen steht.“ (K. Berger/R. Micheel, ebda.)  Hinter dem Bild vom Kleidertausch steht wohl früh die Praxis, dass Christen in der Taufe ein neues, weißes Gewand anziehen, um so auch äußerlich zu zeigen: Jetzt beginnt ein neues Leben.

Es ist eine große Furcht, nicht nur in früheren Zeiten: bloß gestellt zu werden.  Paulus verweist ja darauf, dass das auch seine Furcht ist, entkleidet zu werden und die Hoffnung, überkleidet zu werden. „Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.“ (2. Korinther 5,4) Der Schreiber unseres Briefes aber sieht es so, dass dieses neu eingekleidet werden nicht ohne die Beteiligung des Menschen geht. Er darf und muss anziehen, was Gott ihm bereit legt als neue Kleider.  

Was da bereit gelegt wird als neue Kleidung der Christen, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld wird andernorts als Frucht des Geistes benannt. Es ist also nicht einfach ein anderer Habitus, eine verfügbare, andere Weise zu leben. Es ist auch nicht einfach durch eine, wenn auch vielleicht große moralische Anstrengung erreichbar. Es ist Gabe Gottes, dass einer so leben kann, aber Gabe, die empfangen sein will und dann auch praktiziert. Sie wird geschenkt, aber sie soll auch durch die eigene Lebenshingabe in Anspruch genommen werden. In der Hingabe „spiegelt sich die Freiheit von jeder Selbstbehauptung im Dienst für die anderen.“ (W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Kolosser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 257) Es ist die Spannung aus geschenktem Leben und praktiziertem Alltag, die hier in den Blick gerät und die das Leben jedes einzelnen Christen ausmacht.

13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!

Die Worte sind Einweisung in einen Umgang miteinander, der dem Leben dient. Der dem anderen, der anderen wohltut. Die Schwachen stärkt, die Traurigen tröstet, die Mutlosen aufrichtet.  Der das weitergibt, was ich selbst empfangen habe.

Es gibt so viele Menschen, denen ich zumute, mit mir zurecht zu kommen, mich auszuhalten, meine Wunderlichkeiten hinzunehmen, sich mich nicht zu ersparen. Wenn das meine Zumutung an die anderen ist, warum sollte ich mir dann die Mühe ersparen, mit ihnen auszukommen? Das verlangt mir ab, die anderen zu ertragen. Das Ertragen eines Menschen ist die Vorstufe dazu, dass ich mich mit ihm vertragen kann und dass ich ihn womöglich auch tragen kann, wenn es nötig ist und er meine Hilfe braucht.

Hinter den Worten steht wohl auch die Erfahrung, dass das Miteinander in der Gemeinde nicht allezeit konfliktfrei ist, dass es Christen gibt, mit denen wunderbar auszukommen ist, aber auch solche, die es einem schwer machen. „Ich glaube… die Gemeinschaft der Heiligen“(Apostolisches Glaubensbekenntnis) ist der Satz-Teil, von dem manche Leute sagen: Da muss ich die Augen fest zu machen, damit ich nicht um mich schaue und sage: Nein!

Hier wird nüchtern damit gerechnet, dass es in der Gemeinde schwierig sein kann, dass es Grund zum Klagen gibt, dass es Verletzungen gibt und Unrecht. Dass es in der Gemeinde notwendig ist, um miteinander auf dem Weg bleiben zu können, einander zu vergeben. Mit solchen Konflikterfahrungen in der Gemeinde rechnen die Christen von Anfang an:  Beispielhaft ist der Regelungsweg, den Jesus weist:  Sündigt aber dein Bruder, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch zweier oder dreier Zeugen Mund bestätigt werde.(Matthäus 18, 15- 16)

Ziemlich unbefangen wird auch von anderen Konflikten erzählt, die schwer erträglich sind, belastend. „In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.“ (Apostelgeschichte 6,1) Eine ganze Gruppe in der Gemeinde wird übersehen, erlebt sich ausgegrenzt. Das kann auch dem Einzelnen passieren. Sich davon nicht erbittern zu lassen, sondern es zu klären – und wo es geklärt ist, auch dem anderen nicht mehr nach-zutragen – das erfordert Vergebung. Damit es in der Gemeinde weitergehen kann, ist Vergebung so wichtig.

14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. 15 Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in “einem” Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.

Es geht um ein Umgehen miteinander, das in der Liebe seinen Maßstab hat. So sollen Christen fragen lernen: Entspricht, was ich tue, der Liebe, mit der ich geliebt bin, dem Erbarmen, das sich meiner annimmt, der Vergebung, die meine Verfehlungen trägt? Entspricht es der Treue, die an mir festhält, allem, was gegen mich spricht, zum Trotz?

Jetzt erst also benennt Paulus den tiefsten Grund, das Fundament, von dem aus solches Verhalten möglich ist: Zieht an die Liebe. Es ist die Liebe Christi, in die die Christen hinein schlüpfen wie in einen Mantel. Mag sein, er ist zu groß, man sein, er passt beim besten Willen nicht – durch die Liebe werden sie als seine Leute erkennbar. „Seht, wie lieb sie einander haben.“ Mit diesen Worten beschreibt der antike Schriftsteller Tertullian nicht ohne zu Staunen den Zusammenhalt der ersten Christen. Es ist ihr Markenzeichen.

Es geht um ein Umgehen miteinander, das in der Liebe seinen Maßstab hat. So sollen Christen fragen lernen: Entspricht, was ich tue, der Liebe, mit der ich geliebt bin, dem Erbarmen, das sich meiner annimmt, der Vergebung, die meine Verfehlungen trägt? Entspricht es der Treue, die an mir festhält, allem, was gegen mich spricht, zum Trotz?

Wie wir miteinander reden, wie wir uns dabei begegnen                                            soll die Liebe widerspiegeln, die uns Gott zum Leben schenkt.

 Was wir voneinander halten, wie wir anderen vergeben,                                             soll die Liebe widerspiegeln, die uns Gott zum Leben schenkt.

 Wie wir Leid und Freude teilen, wie wir fremde Lasten tragen,                                  soll die Liebe widerspiegeln, die uns Gott zum Leben schenkt.                                             M. Buchholz, CD Geheimnisvoll sind Gottes Wege, 1990

 Es ist ein Kennzeichen der Heiligung, wie sie unser Brief versteht. Sie „schafft nicht einsame Koryphäen, die mit ihren großen Heiligungsleistungen prangen und dabei die Gemeinde spalten, sondern stellt in die Bruderschaft und dient ihr.“ (W. de Boor, aaO. S. 258) Es ist dem Text aus dem Jahr 1976 nachzusehen, dass er noch von Bruderschaft redet, wo wir heute Geschwisterlichkeit sagen. Aber die bleibende Wahrheit ist: Heiligung ist im Verständnis des Kolosserbriefes immer gemeinschaftsbezogen, eine Wohltat für die anderen, nie einsame Vollkommenheit

Wo die Liebe wohnt, gewinnt auch der Friede Raum. Frieden ist im biblischen Denken mehr als das Schweigen der Waffen, mehr als der Verzicht auf Gewalt. Der Friede – Shalom – eröffnet Lebensverhältnisse, die gerecht sind, in denen sich das Leben entfalten kann.

16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.

Dass es dazu kommt, zu solcher Liebe und solchem Frieden, dazu trägt das Wort Gottes bei. Wohnen im Wort Gottes, sich von ihm prägen lassen, es durchkauen, memorieren, es zu Herzen nehmen. „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“(Lukas 2,19) Es ist die Überzeugung, die der Schreiber mit Lukas und anderen teilt: Wer sich dem Wort Gottes aussetzt, wer es in das eigene Herz aufnimmt, bewegt, der wird davon bewegt und geprägt. Es gewinnt darin Lebenskraft. Ein äußeres Kennen des Wortes ist wichtig, aber es genügt nicht. Es braucht den Dreischritt, der den Fortschritt des Glaubens beschreibt: notitia- assensus – fiducia, also Kennen, im eigenen Lebensfeld wieder erkennen – sich anvertrauen.

Anders gesagt: die Grundlage für die Entwicklung einer Gemeinde dahin, dass sie ein Ort des Friedens, dass sie eine Wohnstatt der Liebe wird, ist, dass sich all dem Wort Gottes so öffnen und aussetzen, dass sie aus ihm ihre Lebensmaßstäbe gewinnen, dass sie sich seinem Einfluss öffnen, wieder und wieder, dass sie in diesem Wort wohnen lernen, es zu ihrer Gewohnheit wird.

17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Dann folgt der Satz, der gleichzeitig nach vorne die bisherige Argumentation zusammen fasst und die folgenden Gedanken danach eröffnet. Das ganze Leben hineinstellen in Wort und Tat, Sinnen und Denken, Trachten und Fühlen in den Gehorsam gegen den Herrn Jesus. Während es im Kolosserbrief sonst fast immer heißt Christus, steht hier ausdrücklich κυρίος Іησος. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass es im Christenleben um ein Eintreten in die Lebensgestalt geht, die an dem Menschen Jesus von Nazareth, der der Herr ist, der Christus, sichtbar geworden ist.

Was wir leicht für eine bloße Formel halten, ist doch mehr: „Alles im Namen des Herrn Jesus tun, heißt: Immer wieder seinen Namen nennen, besonders im Gebet. Denn nach dem Verständnis der ganzen Bibel ist den Namen zu nennen nicht „Schall und Rauch“, sondern bedeutet aktives Gedenken, Anrufen der Gegenwart und in diesem Sinn Vergegenwärtigung des Genannten.“ (K. Berger/R. Micheel, aaO. S.76) 

Auch das andere scheint wesentlich. Zum dritten Mal nach 2,7 und 3, 16 kommt hier die Aufforderung. Dankt Gott, dem Vater, durch ihn. Durch diese Wiederholung wird deutlich, dass Dankbarkeit nicht ein zufälliges, auch einmal nettes Verhalten der Christen ist, sondern es ist der Lebenszug. Es ist die Grundmelodie des Lebens, das bekennt, dass alles aus der Gnade kommt und in die Gnade mündet.

Sachgemäß hat deshalb der Heidelberger Katechismus die Ethik, das Handeln der Christen, unter diese General-Überschrift gestellt: Von des Menschen Dankbarkeit. Damit stellt der Katechismus die Behauptung auf: Leben nach dem Gebot Gottes ist nicht pflichtgemäßes Leben, sondern Leben in der Dankbarkeit.

 

Heiliger Gott, Du gibst alles, was wir brauchen, damit unser Leben Dir entspricht: Erbarmen von Herzen, Freundlichkeit gegen jedermann, auch die Wunderlichen, Demut, die sich nicht aufblasen muss, Sanftmut, die dem Zorn in den Arm fällt, Geduld, die aushält, was manchmal unerträglich erscheint – Menschen und Situation. Alles gibst Du.

Hilf, dass ich Deine Gaben ergreife, dass sie mein Leben prägen und ich handle, wie es Dir entspricht. Amen