Neue Schritte

Kolosser 3, 5 – 11

5 So tötet nun die Glieder, die auf Erden sind, Unzucht, Unreinheit, schändliche Leidenschaft, böse Begierde und die Habsucht, die Götzendienst ist. 6 Um solcher Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.

Wie wenig Paulus dazu neigt abzuheben, zeigen diese Worte. Er „fordert auf, noch bestehende Verkettungen mit der Vergangenheit zu kappen, und dafür gebraucht er das Bild „töten“. (K. Berger/R. Micheel, Sieben Text aus dem Kolosserbrief, Christ sein, Texte zur Bibel 14, Neukirchen 1998, S.69)Ein starkes Bild, das die Intensität des Trennungsvorgangs hervorhebt, auch den Schmerz, den diese Trennung bedeutet. Das alte, eigene Ich wird ausgelöscht. Sterben, töten geht nicht einfach mal so. Es geht durch tiefe Verlustängste hindurch. Und: Es ist nicht ein für alle Mal erledigt, sondern dieses Töten ist ein lebenslanger Prozess. „Der alte Adam“ gibt sich nicht so leicht geschlagen. Er muss – nach Luther – täglich ersäuft werden.

Es ist ein ziemlich irdischer Lasterkatalog, den er hier anführt. Die Konsequenz des Trachtens nach dem Himmel ist Klarheit in der Lebensführung hier unten. Nicht, damit man in den Himmel kommt – der versprochene und verheißene Himmel führt zur radikalen ethischen Kehrtwende. Auf Erden. Hier findet das Leben statt, auch das Leben derer, die ihre Zukunft schon im Himmel wissen, die schon ein Bürgerrecht im Himmel haben.

                Unzucht, Unreinheit, schändliche Leidenschaft, böse Begierde und die Habsucht„Es sind die Laster, deren Fehlen die Gemeinde von der heidnischen Welt scheidet.“(E. Schweizer, Der Brief an die Kolosser, EKK, Neukirchen 1976, S. 143) Dieser Kurz-Katalog  ist nur auf den ersten Blick schwerpunktmäßig auf die sexuellen Fragen bezogen. Wenn ich genauer hinschaue, sehe ich viel mehr. Es geht nicht einmal primär um die Sexualität – obwohl sie natürlich als erstes in gleich drei Andeutungen auftaucht. Dennoch gilt: „Nicht die Geschlechtlichkeit selbst, sondern nur und erst die ich-hafte Geschlechtlichkeit schafft die Not und Schuld.“ W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Kolosser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 249) Der Umgang in der Sexualität, der immer nur sich selbst meint und nie den anderen. Diese Verkehrung aber ist in keiner Weise nur auf die Sexualität beschränkt.

Wenn es so ist, wie es antike Rhetoren gerne haben, dass das Wichtigste am Schluss einer Aufzählung liegt, dass es sozusagen eine Steigerung gibt, dann verschiebt sich das Bild. So betrachtet ist die Habsucht der Zielpunkt. Das entspricht ja der Beobachtung auch bei anderen neutestamentlichen Texten: „Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein.“ (Lukas 12, 34) Die Warnung vor dem Mammon ist christliches Gemeingut. Keiner kommt auf die Idee, die Parole „Geiz ist geil“ für einen Satz christlicher Tugendlehren zu halten und niemand  rechtfertigt die Gier als anthropologische Grundverhaltensweise und macht sie zur Basis gesellschaftlicher Entscheidungen. Sie ist da und mächtig, aber sie ist ein Laster, und ihr ist der Kampf angesagt.

Überhaupt: So tötet nun die Glieder, die auf Erden sind. ist eine starke Aussage. Es geht im Leben des Christen um Kampf, nicht gegen Menschen, aber gegen Mächtigkeiten, auch gegen Mächtigkeiten im eigenen Verhalten, Sinnen und Lebensmuster. Das wäre der dann der „heilige Krieg“, den auch Christen kennen – der Kampf mit dem eigenen Ich. Um seine Freiheit von falschen Bindungen. Die Formulierung suggeriert: es ist ein Kampf um Leben und Tod. Da gibt es keine Kompromiss-Linie.

 7 In dem allen seid auch ihr einst gewandelt, als ihr noch darin lebtet. 8 Nun aber legt auch ihr das alles ab: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus eurem Munde;

Es ist auch und zuerst Kampf mit der eigenen Vergangenheit. Niemand kommt als unbeschriebenes Blatt in die christliche Gemeinde. Und vorheriger tadelloser Lebenswandel ist auch nicht erforderlich. Es ist nicht ehrenrührig, dass Paulus die Christen auf die früheren Zeiten anspricht. Das ist ihre Vergangenheit. Zugespitzt auf heute: „Wir haben nicht nur von alledem gehört, weil es leider so schlechte Menschen in der Welt gibt. In unserem eigenen Leben steht das „einst“. (W. de Boor, aaO. S. 252) Sondern die Erinnerung an das einst ist realistisch und gerade darin  ist sie auch das Signal: Ihr seid jetzt anders unterwegs. Die Vergangenheit darf euch nicht festhalten. Die alten Lebensmuster sind nicht mehr gültig, weil ihr ja auf einer neuen Basis lebt. Es gibt keine Hinkehr zu Christus ohne die Abkehr von Verhaltensweisen, die nicht mit Christus übereinstimmen.

So geht es um ein Ablegen, sich frei machen. Ausziehen. In der Aufforderung steckt ja das Vertrauen, dass das geht: Menschen sind nicht unverbesserlich, Christen sind es erst recht nicht. Sie sind deshalb nicht unverbesserlich, weil Gott selbst neue Lebensmöglichkeiten, Wandlungsmöglichkeiten eröffnet. Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“ (Hesekiel 36,26-27)Es ist möglich, neue Wege zu gehen, neue Verhaltensweisen zu lernen und zu trainieren. Das ist kein einmaliger Akt, so wenig wie man nur einmal im Leben alte Klamotten ablegt. Es ist ein – möglicherweise – langwieriger Prozess, eine lebenslange Aufgabe, sich aus dem alten Leben zu lösen.

Das ist auch deshalb eine Herausforderung, weil manches von dem, was hier anklingt, auch eine geachtete Tugend unserer Tage ist. Habsucht ist eben auch eine Triebfeder zu erfolgreichem Wirtschaften. Ohne ein gewisses Maß an Gier nach dem Sieg gibt es keinen Erfolg im Sport. Geltungssucht, Machtgier, rücksichtslose Wahrung der eigenen Interessen – das sind Laster, die hart an den Tugenden der Leistungseliten anliegen. Der Schritt von der Tugend zum Laster ist minimal. Darum ist auch der Schritt heraus aus dem Laster zu einem wirklich tugendhaften Leben – was für ein altmodisches Wort! – nicht so ohne weiteres und schon gar nicht ohne Kampf zu haben. Auch nicht ohne den Kampf mit den inneren Einreden, die es einem bequemer machen möchten und flüstern:  Sei doch nicht so eng.

9 belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen 10 und den neuen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat.

Ich übertrage: Macht euch gegenseitig nichts vor. Nicht mit Worten und nicht mit Verhalten. Lebt wahrhaftig, in den neuen Kleidern. Als neue Menschen.  Diese Bilder vom Wechsel der Lebensgrundlage sind den Christen in Kolossä nicht fremd. Sie entsprechen ihrer Erfahrung. Da sind frühere Heiden in der Gemeinde der Christen. Da sind Menschen mit völlig verschiedenen sozialen Hintergründen zu dieser Gemeinde dazu gekommen, heraus gelöst aus alten Verbindungen, die ihnen jetzt wie Bindungen erscheinen.

Wir in einem post-christlichen Land haben da eher Schwierigkeiten. Bei uns sind Menschen „Christen“ von klein-auf und die Erfahrung des Hinzukommens aus einem anderen Lebenszusammenhang ist nicht so im Blick. Auch die Unterscheidung früher – jetzt als eine Beschreibung des eigenen Lebens ist eher ungewohnt. Das hängt damit zusammen, dass es das Bild der bewussten Übernahme, des bewussten sich in die Gemeinde der Christen einfügen in der Lebenswirklichkeit der meisten Christen und Gemeinden kaum gibt. Es ist sicher gut, auch einmal darüber nachzudenken, was uns heute fehlt, dass wir so „unentschieden“ Christ sein können und ob diese Bilder vom Lebenswechsel nicht hilfreich sein könnten, um Klarheit für sich selbst zu gewinnen.

Auch das liegt in diesen Worten: dieser Wechsel der Lebensgrundlage, alter Mensch – neuer Mensch – ist nicht irgendwann einmal „fertig“. Es gibt in der Fahrung der Kolosser den Zeitpunkt, von dem sie sagen können. Ab da. So wie mancher heute von sich selbst sagen kann: da, an diesem Tag, durch dieses Geschehen hat bei mir eine neue Geschichte angefangen, meine Geschichte mit Jesus. Mein neues Leben. Und doch: fertig ist dieses neue Leben nie. Nicht, solange wir hier unterwegs sind. „Im Glauben geht der Mensch in eine neue Welt ein, zieht er Christus, oder auf das bezogen, was beim Einzelnen geschieht, den neuen Menschen an. Dieser aaer ist nicht ein Fertigprodukt, nicht „Konfektion“, sondern wird im Lebensvollzug immer neu angepasst; besser: er ist nicht bloß Hülle, sondern lebendige Person, die ständig wächst. (E. Schweizer, aaO. S. 149)

11 Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Sklave, Freier, sondern alles und in allen Christus.

             Wieder steht ein Brief des Paulus Pate „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“  (Galater 3,28) Und hier wie dort ist das ein Satz, der den Gewinn ins Zentrum, ins Blickfeld rückt: Eine Gemeinschaft, in der die sozialen Barrieren, die Schranken der Herkunft nicht mehr ins Gewicht fallen. „Die Unterschiede bestehen noch, aber sie sind nicht (mehr) trennend.“ (K. Berger/R. Micheel, aaO. S.70) Was einer war, zählt nicht mehr. Es ist nicht weg – weder Hautfarbe noch soziale Prägungen sind mit dem Schritt in die Gemeinde verschwunden.

Jeder bringt seine Geschichte mit. Aber die Basis, das Verbindende ist der eine Christus. Im Bruder, in der Schwester begegnet Christus. „Der Christus im eigenen Herzen ist schwächer als der Christus im Wort des Bruders, jener ist ungewiss, dieser ist gewiss. Damit ist zugleich das Ziel aller Gemeinschaft der Christen deutlich: Sie begegnen einander als Bringer der Heilsbotschaft.“ (D.Bonhoeffer, Gemeinsames Leben; S.14) Sie werden miteinander eins in ihm. Weil die Angst weg ist, weil sie alle angenommen sind, eingegliedert in den Leib Christi, deshalb können sie auch anders als früher leben. Frei.

 

Es ist gut, mein Gott, dass Du es uns zutraust, mir zutraust, noch einmal ein Anderer zu werden. Es ist gut, dass ich nicht nur meine Vergangenheit bin, festgelegt durch Herkunft, Erziehung, Erfahrung, Schuld und tief eingefahrene Lebensmuster.

Du willst, dass wir neue Wege gehen, neue Schritte tun, aus der Kraft des Geistes den Worten und Werken Jesu ähnlicher werden.

Dazu hilf uns in Deiner Geduld Tag um Tag. Amen