Unheimlich – es kommt alles heraus

Apostelgeschichte 5, 1 – 11

1 Ein Mann aber mit Namen Hananias samt seiner Frau Saphira verkaufte einen Acker, 2 doch er hielt mit Wissen seiner Frau etwas von dem Geld zurück und brachte nur einen Teil und legte ihn den Aposteln zu Füßen.

             Gute Beispiele stecken an. Aber sie können auch überfordern. Hananias scheint Barnabas als leuchtendes Vorbild vor Augen zu haben. Und so verkauft er auch. Einen Acker. Das klingt, als hätte er noch mehr Äcker. Aber er will es nicht übertreiben. Er hält vom Verkaufserlös einen Teil zurück. Ob es ein großer Teil oder ein kleiner Teil ist, spielt keine Rolle. Als er vor den Aposteln steht, erweckt er den Anschein, dass er alles gibt, was er erhalten hat.

3 Petrus aber sprach: Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belogen und etwas vom Geld für den Acker zurückbehalten hast? 4 Hättest du den Acker nicht behalten können, als du ihn hattest? Und konntest du nicht auch, als er verkauft war, noch tun, was du wolltest? Warum hast du dir dies in deinem Herzen vorgenommen? Du hast nicht Menschen, sondern Gott belogen.

                     Der Apostel ist ein Herzenskenner. „Petrus hat die Fähigkeit des Charismatikers, Menschen zu durchschauen.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 94) Er hat Anteil an dieser Gabe, die auch der Herr Jesus hatte. Von ihm wird erzählt: Als aber Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: Warum denkt ihr so Böses in euren Herzen? (Matthäus 9,4) Zu meine Ängsten gehört, von klein-auf, dass Menschen in der Lage sind, meine Gedanken zu lesen, in die Un-Tiefen meines Herzens zu schauen. „Es steht auf deiner Stirn geschrieben!“  Wie schrecklich ist das für den, der so ein offenes Buch ist für den, der darin zu lesen versteht.

             Warum hat der Satan dein Herz erfüllt? Was soll Hananias auf diese Frage antworten? „In der Fragen fließen zwei Gedanken zusammen: Warum hast du das getan? Und: Satan hat dein Herz erfüllt. Die Besessenheit wird an der Tat sichtbar.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 148) Es hört sich an wie eine Brücke, heraus aus der eigenen Verantwortung. „Ich war es ja nicht. Der Satan hat mich betrogen.“ Aber ich glaube nicht, dass es so gemeint ist. Die Verantwortung für die eigenen Taten wird in den Schriften des Lukas an keiner Stelle in Frage gestellt. Auf solche Warum-Fragen gibt es keine Antworten. Hananias hat sich verlocken lassen.

             Es gibt eine ähnliche Formulierung übrigens beim Verrat des Judas. „Es fuhr aber der Satan in Judas, genannt Iskariot, der zur Zahl der Zwölf gehörte.“ (Lukas 22, 3) Auch hier ist der Satan am Werk. Er ist auf dem Plan, wo Gemeinde lebt. Auch hier wird in der Folge nicht die Verantwortung des Judas herunter gespielt. Und auch hier ist es einer, der „dazu“ gehört. Das ist wohl für die Gemeinde damals das eigentlich Erschreckende: Die Gemeinde ist kein schuld-freier Raum. Sie ist auch nicht der Raum der reinen Wahrhaftigkeit. Sie ist auch nicht der Raum der ungefährdeten Heiligen. Es gibt schönen Schein in ihr.             „Unheimlich – es kommt alles heraus“ weiterlesen

Ein Herz und Seele

Apostelgeschichte 4, 32 – 37

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

               Ein Herz und eine Seele – das wünschen sich viele. Vor allem für ihre engen Beziehungen.   Das über die erste Gemeinde zu lesen, erfüllt mit Staunen, vielleicht auch mit Neid. Sicher auch mit Skepsis. Ob das wirklich so war? Es ist eine große Neigung, so eine Aussage als „Idealbild“ zu bezeichnen und es damit auch sofort zu entschärfen: „Das ist kein realistischer Anspruch an uns heute.“

Man kann danach fragen, ob in dieser Formulierung alttestamentliches Material mit verwendet ist.Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (5. Mose 6,5) Hier tauchen, eng aneinander gefügt, die drei Stichworte auf – Herz, Seele, Kraft, die dann auch auf das Leben der Gemeinde bezogen sind. Der Glaube an Gott realisiert sich – so lese ich dann – im Miteinander der Gemeinde.

Dieses ein Herz und eine Seele hat seine Basis nicht in der Freundschaft. Auch nicht in der Übereinstimmung einer seelischen Struktur. Auch nicht in einer gemeinsamen Willensanstrengung: Wir schaffen die neue Gesellschaft. Die Basis ist der gemeinsame Glaube an den einen Herrn, an den gekreuzigten, auferstandenen und erhöhten Christus. Es ist, wie Bonhoeffer sagt, eine „pneumatische Gemeinschaft“, geboren aus dem Geist Christi und eben keine „psychische Gemeinschaft“ der gemeinsam hergestellten und festgehaltenen und festgeschriebenen Beziehungen. „Pneumatisch = geistlich nennt die Heilige Schrift, wasallein der Heilige Ge4ist schafft, der uns Jesus Christus als Herrn und Heiland uns Herz gibt.“  (D. Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, München 1939, S.22)

Die Unterschiede zwischen den Menschen verschwinden in einer solchen pneumatischen Gemeinschaft nicht. Männer bleiben Männer, Frauen bleiben Frauen, Junge bleiben und jung und Alte alt, Ffeie werden nicht zu Knechten und Knechte nicht frei. Aber dieen Unterschiede verlierten ihre normative Kraft. Sie werden von der gemeinsamen Zugehörigkeit, vom Sein in Christus zweitrangi, sekundär. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Galater 3,28)

„Schlimmer“, härter für den modernen Leser wird es durch die Konkretion: Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Das geht doch gar nicht. In einer Gesellschaft, in der Habenwollen ganz oben steht, in der die „Gier“ als menschliche Grundkonstanten nicht nur neutral hingenommen, sondern als positive Eigenschaft gezeichnet wird: „Wir müssen gierig sein!“ – in so einer Gesellschaft müssen diese Worte Widerspruch auslösen.  „Ein Herz und Seele“ weiterlesen

Unter Gottes Schutzschirm

Apostelgeschichte 4, 23 – 31

23 Und als man sie hatte gehen lassen, kamen sie zu den Ihren und berichteten, was die Hohenpriester und Ältesten zu ihnen gesagt hatten.

Petrus und Johannes wissen, wo sie hin gehören. Sie sind freigelassen und suchen die Gemeinde auf. Die anderen, die mit Jesus unterwegs waren, die mit dem Geist erfüllt sind. Denen erzählen sie, was war. Denen erzählen sie von den Drohungen der Hohenpriester und Ältesten. Es ist gut, es macht stabil, wenn einer Menschen hat, denen er erzählen kann, was ihm passiert ist.

Ohne Beschönigungen. Ohne ein Bild der eigenen Tapferkeit zu malen. Einfach erzählen, was ist. Es ist mir kaum vorstellbar, welche seelische Belastung es mit sich bringt, immer ein vorzeigbares Bild von sich selbst aufrecht erhalten zu müssen, nie ehrlich sagen zu können: Ich kann nicht mehr. Es ist mir nicht gut gegangen. Die Apostel können erzählen, wie es ihnen ergangen ist. Gott sei Dank.

24 Als sie das hörten, erhoben sie ihre Stimme einmütig zu Gott und sprachen: Herr, du hast Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht, 25 du hast durch den Heiligen Geist, durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, gesagt (Psalm 2,1-2): »Warum toben die Heiden, und die Völker nehmen sich vor, was umsonst ist? 26 Die Könige der Erde treten zusammen, und die Fürsten versammeln sich wider den Herrn und seinen Christus.«

Und sie, die ihnen zuhören, nehmen das Gehörte auf und bringen es vor Gott. „Sie haben nur einen Weg: Gott auf die Situatuion aufmerksam zu achen.“ ((G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 139) Sie haben ein Gespür dafür: Der letzte Adressat dieses Erzählens sind nicht wir. Sondern es ist ein Erzählen im Angesicht Gottes. Es geht ja auch um seine Geschichte mit Menschen, um sein Evangelium.

In ihrem Beten vergewissern sie sich selbst: Wir hängen an dem Gott, der der Schöpfer der Welt ist. Wir hängen an dem Gott, der Himmel und Erde gesetzt hat, der dem Meer seinen Raum gibt, aber eben auch seine Grenze. Und: wir hängen am dem Gott, der weiß, wie die Völker sind. Sie sind im Widerstreit mit Gott. Die uralte Erfahrung Israels, die der Psalm ausspricht, wird neu auf die Auseinandersetzung um Jesus bezogen. In  dieser Auseinandersetzung zeigt sich nicht irgendeine besondere Bosheit, sondern das Wesen der Menschen. Sie sind aufrührerisch gegen Gott und darum auch voller Widerstreit gegen den Christus Gottes.  „Unter Gottes Schutzschirm“ weiterlesen

Freimut

Apostelgeschichte 4, 13 – 22

13 Sie sahen aber den Freimut des Petrus und Johannes und wunderten sich; denn sie merkten, dass sie ungelehrte und einfache Leute waren, und wussten auch von ihnen, dass sie mit Jesus gewesen waren. 14 Sie sahen aber den Menschen, der gesund geworden war, bei ihnen stehen und wussten nichts dagegen zu sagen.

             Zweimal: sie sahen. Die Leute im Rat sind nicht blind, obwohl sie wohl verdutzt blinzeln und ihren Augen nicht trauen. Da stehen ungelehrte und einfache Leute vor ihnen und fürchten sich nicht. Es ist bekannt: Sie waren mit Jesus unterwegs. Aber sie kennen keine Angst mehr, dass sie sein Schicksal, seinen Tod teilen könnten. Sie reden freimütig. Παρρησία steht da. Es ist Gabe des Geistes und keine nur natürliche Freimütigkeit, die sie so einstehen lässt. Es ist nicht die allzu unbedachte Unbesonnenheit, die den Mund nicht halten kann, obwohl sie sich um Kopf und Kragen redet. Gott schenkt es seinen Leuten, dass sie freimütig reden können. Es ist sein Geist, der Petrus und Johannes keine Furcht kennen lässt. Reden müssen sie freilich dann schon selbst.

Und die Leute im Rat sehen den ehemals Gelähmten, der nun auf eigenen Beinen steht. „Sie können keinen Widerspruch anmelden gegen die Behauptung, dass dieser Name tatsächlich  eine Heilung gewirkt habe, da der Geheilte als eindeutiger Zeuge sich mit im Raum befindet.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S. 83) Was soll man dagegen sagen können? Es ist die Erfahrung bis heute: Geschichten, die das Leben schreibt, sind unschlagbar. Alle Begriffe verlieren, wenn man sehen kann: Das ist geschehen. Da ist einer auf die Beine gekommen. Damit ist alles gesagt. „Freimut“ weiterlesen

Wer steht hinter euch?

Apostelgeschichte 4, 1 – 12

1 Während sie zum Volk redeten, traten zu ihnen die Priester und der Hauptmann des Tempels und die Sadduzäer, 2 die verdross, dass sie das Volk lehrten und verkündigten an Jesus die Auferstehung von den Toten.

Was da im Tempel geschieht, ist in keinem Augenblick eine Privatangelegenheit. Es geht nicht nur um das schöne Erlebnis eines Einzelnen. Deshalb treten jetzt die auf, die für den Tempel zuständig sind –  die Priester und der Hauptmann des Tempels und die Sadduzäer.  Sie sind ja dafür da, dass im Tempel nichts geschieht, was da nicht da hingehört. Darum gehört zu ihren Aufgaben auch, darüber zu wachen, was da gesagt wird, gelehrt, verkündigt. Es ist keine Anmaßung – es ist ihre Berufung.

Dazu kommt freilich ein theologischer Dissens. Die Sadduzäer halten nichts von der Auferstehung.  Das ist in ihren Augen bloße Spekulation, frommes Hirngespinst. Schon ihr Disput mit Jesus (Lukas 20,27-33) hat das deutlich gezeigt. „Sie wünschen ein aufgeklärtes Judentum, das geistig mit der Weltbildung, politisch mit der Weltmacht zusammengeht.“(W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1965, S.93) Mit diesem Denken passt nicht zusammen, was da diese obskure Leute, Petrus und Johannes, von sich geben. Darum sind sie auch regelrecht verärgert, dass dieses leidige Thema Auferstehung jetzt wieder auf der Tagesordnung steht – und das auch noch verknüpft mit der Behauptung: Jesus ist von den Toten auferstanden. „Dafür sind wir Zeugen.“ (3,15) Das ist für die Sadduzäer logisch außer Frage: Wenn das stimmt, was die Jünger sagen, dann ist die Auferstehung der Toten nicht mehr ernsthaft zu bestreiten. Dann ist sie die Zukunft Gottes – denn Gott macht keine Ausnahme-Regelungen. Wenn  Jesus auferstanden ist, werden auch die Toten auferstehen.

So ähnlich argumentiert ja auch Paulus: „Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten?“(1.Korinther 15,12) Die Auferstehung des Einzelnen – Christus – und die Auferstehung aller hängen unlöslich zusammen.  Es gibt sie nur im Doppelpack.    „Wer steht hinter euch?“ weiterlesen

Wir sind es nicht – es ist der Herr

Apostelgeschichte 3, 11 – 26

11 Als er sich aber zu Petrus und Johannes hielt, lief alles Volk zu ihnen in die Halle, die da heißt Salomos, und sie wunderten sich sehr.

Der Geheilte geht nicht seiner Wege. Er nimmt nicht seine Heilung und macht sich fort. Er bleibt bei den beiden Aposteln. Warum? Aus Dankbarkeit? Aus Neugier? Weil er spürt, dass bei ihnen einen Zugang zum Leben ist, der seine Lebenssehnsucht stillen könnte? Der Text sagt nichts über seine Motive – nur, dass er bleibt.

Er hat etwas Grundlegendes verstanden. Es geht im Glauben nicht darum, eine positive Erfahrung abzukriegen. Es ist alles falsch, wenn einer seine Heilung nimmt wie einen erfolgreichen Einkauf und seiner Wege geht. Er hielt sich zu Petrus und Johannes. Darin gewinnt seine Heilung Tiefe, gewinnt sie festen Halt, wird er stabil. Er scheint zu spüren: hier wird meine Seele gesunden und Kraft gewinnen, so wie meine Beine gesundet sind und Kraft gewinnen. Der Weg seiner Heilung geht weiter.

Weil er bleibt, bleiben auch andere. Er ist eine Sensation, einer, den man gesehen haben muss. Einer, auf den man zeigt. Es ist wie mit dem von den Toten auferweckten Lazarus: „Alle Welt läuft ihm nach.“ (Johannes 12,19) Das Volk kann sich gar nicht satt sehen und genug staunen über das, was da im Gang ist. Ein sonst ruhiger Ort der Sammlung wie die Halle Salomo wird zum Ort, wo es summt wie in einem Bienenschwarm.

12 Als Petrus das sah, sprach er zu dem Volk: Ihr Männer von Israel, was wundert ihr euch darüber oder was seht ihr auf uns, als hätten wir durch eigene Kraft oder Frömmigkeit bewirkt, dass dieser gehen kann?

Petrus hört das Geraune. Er  sieht die aufgeregten Gesichter. Und darum reagiert er.  Er spricht die Leute um sich herum an, nicht auf ihre Neugier, nicht auf ihre Aufregung. Sondern darauf, dass sie Männer von Israel sind. Er sieht kein Problem darin, dass die Leute aufgeregt sind und sich wundern. „Dass das Volk sich über den Geheilten „wundert“, wird nicht kritisiert, wohl aber, dass es die Apostel „anstarrt“, als hätten sie „in eigener Kraft“ oder Frömmigkeit bewirkt, dass der zuvor Lahme umher gehen kann.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  S. 152) Aber das ist ein Problem, dass sie die beiden Apostel, Johannes und Petrus, für die halten, die das drauf haben, die Wundertäter aus eigener Kraft oder Frömmigkeit sind δυνάμις und ευσεβεία sind beides im NT hoch geschätzte Begriffe!  Es ist der uralte Versuch, Menschen übermenschliche Kräfte bedenkenlos zuzuschreiben, weil damit diese Kräfte irgendwie auch für den „Normalo“ zugänglich werden. Was die können, könnten wir doch im Grundsatz auch! Solange kein Gott am Werk ist, hat doch alles seine innerweltliche Ordnung.  „Wir sind es nicht – es ist der Herr“ weiterlesen

Glauben, der auf die Beine hilft

Apostelgeschichte 3, 1 – 10

 1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.

Nach dem knappen „Summarium“ wird es jetzt wieder anschaulich, bildhaft, wenn man so will: konkret. Es wird vorher wiederholt angedeutet, dass die Jerusalemer Gemeinde sich im Tempel sammelt, dort betet, dort ihren Platz hat. Man kann fragen, ob das nicht erstaunlich ist angesichts der Tatsache, dass die Worte Jesu über den zerbrechenden Tempel und sein bevorstehendes Ende gewichtige, tödlich gefährliche Argumente in seinem Prozess waren. Aber wie auch immer, sie gehen dorthin. So auch Petrus und Johannes. Sie wollen zur Gebetszeit, wörtlich: „zur Stunde des Gebets“ im Tempel sein. Sie sind es so gewöhnt.

„Hier steht das Imperfektum, das im Griechischen die Dauer einer erzählten Handlung ausdrücken kann; wir könnten es durch den Zusatz „regelmäßig“ verdeutlichen. Der Gang zum Tempel, von dem berichtet wird, ist also nicht ein vereinzelter, sondern steht in der Reihe all der Tage, an denen Petrus und Johannes der festen Gebetssitte folgen.“(W. De Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; S. 80)

Die Bibel denkt positiv von geistlichen Gewohnheiten. Sie ist weit davon entfernt, sie für stumpfe Routine zu halten. Der Glaube braucht Gewohnheiten, in denen er „wohnen“ kann, in denen er stabil sein kann. Das ist die gute Rolle von Ritualen. Wir Evangelischen haben – sehr zum eigenen Schaden und zum Schaden unserer Gemeinden – über lange Zeit vergessen, von der positiven Seite solcher Rituale und Gewohnheiten zu reden und sie auch einzuüben. „Es ist wahr: Wer nicht zu bestimmten Zeiten betet, betet auch nicht zu unbestimmten.“(W. De Boor, ebda.) „Glauben, der auf die Beine hilft“ weiterlesen

So geht Gemeinde

Apostelgeschichte 2, 42 – 47

42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

             Pfingsten ist vorbei. Der Platz vor dem Haus hat sich geleert. Der Alltag fordert sein Recht. Aus dem großen Ereignis wird Lebenspraxis. Auf den „Event“ an Pfingsten folgt die Umsetzung in kleine Schritte, die das Leben verankern in der Bindung an Gott.

„Notae ecclesiae“, Zeichen der Kirche,  nennen die Theologen diese vier Elemente, die hier in einem dürren Satz zusammen gefasst sind. Sie meinen damit: Wo immer Kirche in der Zeit ist, werden diese vier  Elemente sich wieder finden. Sie sind Bausteine des Lebens der Christenheit. Die Exegeten nennen den folgenden Abschnitt ein „Summarium“. Nicht mehr Einzelbilder werden gezeichnet, einzelne Begebenheiten erzählt, sondern viele Erfahrungen werden zusammengefasst. Dabei greift Lukas auf „Material“ zurück, das vor ihm schon da war. Es sind also Informationen, die  nahe an den Anfang zurück führen.

Es fängt damit an, dass es nicht einmalig bleibt: Sie blieben aber beständig. Christsein ist bleiben, beständig werden, verharren. Es ist nicht von ungefähr, dass das Johannes-Evangelium als eine Grundform der Jüngerschaft das Bleiben benennt. „Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.“(Johannes 15,4) In der Gemeinde in Jerusalem wird es eingeübt – bleiben, beständig werden. „So geht Gemeinde“ weiterlesen

Ins Herz gesprochen

Apostelgeschichte 2, 37 – 41

37 Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?

               Das, was sie hörten, war: Gott hat Jesus zum Herrn und Christus gemacht. Das ist die Botschaft, die Herzen durchdringen soll und kann. Wie es dazu kommt, dass es ihnen durchs Herz ging, wird nicht erklärt. Am Erklären, am Zusammenhang von Ursache und Wirkung, der uns so beschäftigt,  hat Lukas oft nicht allzu viel Interesse. Ich sage: Es ist die Wirkung des Geistes, der sie ja auch zuvor hat hören lassen, wie die Jünger von den großen Taten Gottes reden.  Wichtig ist dabei: Mit dem Herzen ist der Ort von der Rede des Petrus erreicht, getroffen, an dem die Pläne eines Menschen sich klären, seine Werte verankert sind, an dem sich sein Wille bildet. Also eben nicht nur der Ort großer Gefühle, sondern der Ort der Lebensentscheidungen.

Das legt nahe zu sagen: Es gibt nur ein Hören, das das Herz berührt, wenn Gott seinen Geist gibt. Darum ist es angemessen, zu tun, was wir in unseren Gottesdienst tun, um geöffnete Ohren zu bitten, um das Wirken des Geistes zu bitten: „Gib uns ein Wort für unser Herz und öffne unser Herz für Dein Wort.“

Eine biographische Erinnerung. In meiner Bibel steht am Rand zu dieser Stelle ein Datum: Pfingsten 1967. Da hat Gott mir zu Herzen gesprochen, durch einen Menschen und seine Predigt. An diesem Tag liegt der Anfang meiner Umkehr. Abgeschlossen ist sie bis heute nicht.

               Was sollen wir tun? Das ist die Frage, die die Bußpredigt des Täufers Johannes bei ihren Hörern ausgelöst hatte. Seine eindrucksvolle Antwort:Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!“ (Lukas 3,11 – 14) Johannes antwortet mit ethischen Weisungen, die in die konkrete Lebenssituation der Fragenden führen.

Die Frage bleibt. Sie entsteht wohl immer, wenn einer im Herzen getroffen wird, weil er spürt, es geht nicht „Weiter so! Immer weiter!“ Es ist die Frage derer, die spüren, dass in ihrem Leben Umkehr angesagt ist, weil Neues in ihr Leben regelrecht eingebrochen ist. „Ins Herz gesprochen“ weiterlesen

Plötzlich: Zeuge

Apostelgeschichte 2, 29 – 36

29 Ihr Männer, liebe Brüder, lasst mich freimütig zu euch reden von dem Erzvater David. Er ist gestorben und begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf diesen Tag. 30 Da er nun ein Prophet war und wusste, dass ihm Gott verheißen hatte mit einem Eid, dass ein Nachkomme von ihm auf seinem Thron sitzen sollte, 31 hat er’s vorausgesehen und von der Auferstehung des Christus gesagt: Er ist nicht dem Tod überlassen, und sein Leib hat die Verwesung nicht gesehen.

Was Petrus sagt, ist vielleicht nebenbei auch ein Beitrag zur Debatte um die Auslegung des Psalm 16. In diesem Psalm heißt es:

 „Denn du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen                                                     und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe.“      Psalm 16,10

             Aber: „Jedes Kind kennt das Davidsgrab in Jerusalem.“(W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1965, S.63) Darum kann David gar nicht von sich selbst gesprochen haben. So ist die Schlußfolgerung für Petrus – und seine jüdischen Zeitgenossen – auf der Hand liegend. David redet prophetisch. Darüber sind sich Juden einig, wenigstens damals: David ist ein Prophet. Und seine Psalmen wollen daher als Prophetie gelesen werden, so wie es Petrus hier tut.

Petrus weiß: David redet nicht von sich selbst, wenn er die Hoffnung der Auferstehung formuliert. Was David noch unbestimmt sagen und glauben musste, dass ein Nachkomme von ihm auf seinem Thron sitzen sollte, das ist für Petrus bestimmtes Wort, gebunden an den einen Menschen Jesus. Alles, was David gesagt hat, erschließt sich wunderbar, wenn es auf Christus bezogen wird. Er ist die „Auslegung“ des Psalms. „Plötzlich: Zeuge“ weiterlesen