Unbekümmert leben aus Gottes Güte

Kolosser 2, 20 – 23

 20 Wenn ihr nun mit Christus den Elementen der Welt gestorben seid, was lasst ihr euch dann Satzungen auferlegen, als lebtet ihr noch in der Welt: 21 »Du sollst das nicht anfassen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren« – 22 was doch alles verbraucht und vernichtet werden soll.

Darum keine Angst. Darum keine Enge. Darum kein Gehorsam gegen solche „geistlichen“ Forderungen. Es geht um die Freiheit in Christus. „Es geht um die Befreiung von allerlei Tabus“ (E. Schweizer, Der Brief an die Kolosser, EKK, Neukirchen 1976, S. 126) Es geht darum, sich nicht durch irgendein Regelwerk oder Satzungen neu treiben zu lassen, neu zurückwerfen zu lassen auf die eigene Leistung in Sachen Frömmigkeit.

Es geht darum, den weltlichen Umgang mit den weltlichen Dingen nicht religiös zu überfrachten und aufzuladen. Essen ist Essen, Trinken ist Trinken und jeder Tag ein Tag aus Gottes Hand. Dem stehen die gegenüber, die strikte Regeln aufstellen: nicht anfassen, nicht kosten,  nicht anrühren. Mir fällt beim Lesen ein, was Eva in grauer Vorzeit als Gebot Gottes sagt: „Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet“ (1. Mose 3, 2-3) Vom Nicht-Berühren war nie die Rede. Als ob das bloße Berühren dessen, was zu Gottes guter Schöpfung gehört, den Weg zu Gott versperren könnte.

Die Abwehr dieser Askese-Forderungen liegt ganz auf der Linie, die die Evangelien von Jesus in der Diskussion um die Reinheitsgebote erzählen. „Und er rief das Volk wieder zu sich und sprach zu ihnen: Hört mir alle zu und begreift’s! Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht. Und als er von dem Volk ins Haus kam, fragten ihn seine Jünger nach diesem Gleichnis. Und er sprach zu ihnen: Seid ihr denn auch so unverständig? Merkt ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann? Denn es geht nicht in sein Herz, sondern in den Bauch und kommt heraus in die Grube. Damit erklärte er alle Speisen für rein.“ (Markus 7, 14-19) Jesus legt mit diesen Worten die Axt an ein herausragendes Kennzeichen jüdischer Identität. Reinheit soll der Reinlichkeit dienen. Als Bedingung, dass der Weg zum Himmel frei ist, ist sie hoffnungslos überschätzt. Das ist die Freiheit, die uns Christus gönnt.

Es hat allerdings seine Zeit gebraucht, bis diese Sicht Jesu in der Gemeinde Lebenswirklichkeit geworden ist. „Und als er hungrig wurde, wollte er essen. Während sie ihm aber etwas zubereiteten, geriet er in Verzückung und sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen. Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das Tuch wieder hinauf genommen gen Himmel.“ (Apostelgeschichte 10, 10-16) So gewaltig ist die Bedeutung der Reinheit als unverzichtbares Merkmal jüdischer Identität! Über die Lehre Jesu hinaus braucht es das Gotteswort und die visionäre Erfahrung, bis ein Petrus so weit ist, dass er sich über diese Grenze hinweg setzen kann. Das ist ein Zeichen für die große Herausforderung, um die es hier geht, die in diesem Ruf zur Freiheit des Kolosser-Briefes liegt.

Man muss genau hinschauen: die Forderungen nach Askese „sollten nach der Überzeugung ihrer Vertreter dazu dienen, die ernsten Christen aus dem „Weltlichen“ zu befreien.“ Aber sie bewirken genau das Gegenteil: sie verleiten dazu, auf sich selst, auf die eigene Stärke, auf die eigene Frömmigkeit zu vertrauen. Sie verleiten dazu, do h wieder in den Handlungsmustern der Welt zu denken und zu leben: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Sie verleiten dazu, nicht zu glauben, dass sie durch Christus der Macht der Welt entnommen sind, ein für alle Mal.

Es sind menschliche Gebote und Lehren. 23 Diese haben zwar einen Schein von Weisheit durch selbst erwählte Frömmigkeit und Demut und dadurch, dass sie den Leib nicht schonen; sie sind aber nichts wert und befriedigen nur das Fleisch.

Und noch einmal, fast wie für die ganz Begriffs-Stutzigen: „Nur Gebote und Lehren von Menschen. Das alles, Fasten, Enthaltsamkeit, Achtsamkeit ist nicht einfach zu verachten. Dahinter mag auch Klugheit, ja Weisheit stehen. Aber es sind keine Schritte in ein neues Gottesverhältnis.

Es sind harte Urteile: Sie haben den Schein von Weisheit. Es ist eine scharfe Kritik: selbst erwählte Frömmigkeit und Demut. Es wird wohl so sein: diese Worte haben in Kolossä für Ärger gesorgt, für Zorn. Sie sind vermutlich auch zurück gewiesen worden: Das ist anmaßend, so über tiefe Frömmigkeit zu urteilen. Aber es ist eine dringliche Aufgabe bis heute zu beurteilen, wann Geistliche Übungen zum Selbstzweck werden, nur ich-bezogen sind, nur die Vollkommenheit der eigene Persönlichkeit meinen.

Mir hilft der Hinweis: „Ich schlage vor, bei der Verwendung des Begriffs Spiritualität zu prüfen, ob der Begriff eher als »entwicklungsorientiert« oder als »beziehungsorientiert« zu be­schreiben ist. In diesem Sinn kann dann zwischen einer Spiritualität, bei der die Entwicklung einer Person den Akzent trägt, und einer, bei der es primär um den Eintritt in eine Beziehung geht, differen­ziert werden.“ (M. Nüchtern, Spiritualität – ein Zauberwort, in Glaube aktuell, EKiBa 2002) Und der Autor lässt keinen Zweifel: Im christlichen Glauben wird die Spiritualität hilfreich sein, die aus dem Gegenüber, aus der Beziehung zu Christus schöpft.

Was das heißt für eine Zeit, die sich fast nicht genug tun kann mit  Fastenzeiten, Körper-Übungen, Kontemplation, Einkehr-Tagen, Sitzen, dem Achten auf Mondphasen, mag sich jeder selbst ausmalen. „Weihrauch und Dämonenangst stehen sich nahe, ob man Göttern oder Halbgöttern an bestimmten Tagen Opfer darbringt oder Sternenkonstellationen fürchtet,  und ihnen ein geplantes Unternehmen zum Opfer bringt, liegt nicht weit auseinander.“ (E. Schweitzer, aaO. S. 129) Jedenfalls ist die Skepsis: sie sind aber nichts wert und befriedigen nur das Fleisch, eine Warnung und ein deutlicher Einspruch gegen alles elitäre Gehabe rund um das große Thema Spiritualität.

Es ist die Gefahr frommer Leute, dass sie aus Angst vor der Freiheit unter dem Niveau leben, das Gott uns  zugedacht hat. Es gibt eine Ängstlichkeit, die der Güte Gottes nicht traut, die ihm seine Großzügigkeit nicht glaubt. Die nicht glaubt, dass eine ganze Welt samt allen guten Schöpfungsgaben uns Menschen zugedacht ist. „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.“ (Lukas 15,32) Wie oft lassen wir uns aus Angst das Leben eng machen. Christen sind so oft nicht die ersten Freigelassenen der Schöpfung, sondern immer noch wie die Insassen in einem Gefängnis, das keine Mauern braucht, weil keiner sich über die kleinlichen, selbstgemachten menschlichen Regelwerke zu lachen traut. Wir nehmen uns selbst in Haft.

Genau deshalb muss es laut und deutlich gesagt werden: : „Die Wahrheit im Irrtum ist, dass Frömmigkeit einladend und lebendig sein soll. Das Gegenüber des Glaubens ist keine Zwangsjacke, sondern ein Haus, in dem man ankommen, eine Heimat und eine Form finden, aber auch immer wieder Neues entdecken kann und wird.“ (M. Nüchtern, aaO.) Es genügt nicht, nur den Irrtum abzuwehren. Sondern es braucht auch das andere: die Türen in das Haus des Glaubens weit aufzumachen und das Geschenk des Glaubens mit den suchenden, Fragenden und Zweifelnden zu teilen.

 

Heiliger Gott, nichts soll mich mehr gefangen nehmen, keine Sorge um günstige Tage, keine Forderung nach Askese, keine Übung, keine noch so fromme Regel.

Das alles mag mir helfen mein Leben zu ordnen, Struktur zu gewinnen, Festigkeit einzuüben. Aber es bringt mich nicht näher zu Dir.

Du hast Dich zu mir gekehrt. Du hast mich gerufen. Du hast Dich auf mich festgelegt, meine Schuld und meine Schulden getragen. Das genügt.

Gib mir, dass ich aus dieser Freiheit lebe, so lebe, dass ich andere mit der Freiheit aus Dir anstecke. Amen