Kein schlechtes Gewissen

Kolosser 2, 16 – 19

 16 So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines Feiertages, Neumondes oder Sabbats. 17 Das alles ist nur ein Schatten des Zukünftigen; der Leib aber ist Christus eigen.

                Es gilt, Widerstandskraft zu stärken. „Was dem Christus und seiner Gemeinde entgegensteht sind die Vorschriften, all die Tabus, zu denen sie ihre Angst, den „Elementen“ einmal nicht entrinnen zu können, führt.“(E. Schweizer, Der Brief an die Kolosser, EKK, Neukirchen 1976, S. 116) Offensichtlich hat es nicht nur um die Gemeinde herum, sondern auch in der Gemeinde Menschen gegeben, die sich asketische Forderungen zu eigen machten, die sich an die Kalender, die fest mit der Sternen-Verehrung verbunden war, gehalten haben. „Die Bewegung segelt unter der Flagge einer modernen Philosophie, die durch entsprechende Übungen die Seele reinigen und für den Aufstieg zum Allherr Christus befähigen will.“(E. Schweizer, aaO. S. 121) Es ist ein uraltes Thema, dass die Gestirne das Leben beeinflussen und dass es wichtig ist, sich daran zu halten – hinter den Gestirnen stehen Gottheiten!

Schon der 1. Schöpfungsbericht fällt da seiner Umwelt in den Rücken. „Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis.“ (1. Mose 1, 14-18) Es sind Lampen, die Gott an den Himmel setzt. Sie sind wichtig, aber nicht göttlich.

Kein schlechtes Gewissen! Es ist die scharfe Unterscheidung zwischen Vorletztem und Letztem, die hier durchgeführt ist. Speise, Trank, Feiertage, Neumonde Sabbat – das alles gehört in den Bereich des Vorletzten. Ja, auch der Sabbat. Festkalender, die zu beachten sind, haben Konjunktur – damals. „Es ist möglich, dass die Verehrung der Engel, die ja die Gestirne und damit den Kalender regieren, damit zu tun hat.“ (E. Schweizer, aaO. S. 119)

             Wir schütteln den Kopf über so viel Aberglauben? Unglauben, auch in der Gemeinde? „Der Mensch jener Tage wie jeder Heide und auch der moderne aufgeklärte Mensch mit seiner Astrologie, seiner „Pechsträhne“, seinem „Schwein“, seinem Püppchen im Auto und Flugzeug, seinem Besprechen, seiner Angst vor der Zahl 13, vor dem „Unglückstag“ Freitag, usw, weiß sich umringt von „Mächten“, „Geistern“, „Ahnen“,  “Zaubern“. Auf Schritt und Tritt hat er es mit ihnen zu tun und muss sich auf den rechten Umgang mit ihnen verstehen, um sich vor ihrer Bosheit zu schützen und ihre Hilfe zu finden.“ (W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Kolosser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 225) Das alles ist kein harmloser Blödsinn, sondern knechtet Menschen.

              Genau darum widerspricht unser Brief-Schreiber. Es klingt so fromm: Aufstieg zu Christus. Aber es wird zur harten Forderung, zum religiösen Frondienst, weil und wo das Geschenk der Gnade verleugnet wird und nur noch die eigene fromme Anstrengung übrig bleibt. Nur noch das Sich-hoch-Dienen in der Welt und über die Welt hinaus zu Gott. Dieser Dienst, diese Angst ist deshalb überflüssig, weil in Christus ja schon erschienen ist, was Grund und Ziel der Welt ist. In ihm sind die Christen ganz aufgehoben – mit Leib und Seele. Auch der Leib, in der griechischen Philosophie – und, Gott sei es geklagt, auch in manchen Varianten des Christentums – vielfach verachtet und zweitrangig, ist in Christus geborgen. Viel schärfer kann man es nicht sagen. Das eine ist Spuk und das andere ist die Wirklichkeit Gottes in der Welt.

18 Lasst euch den Siegespreis von niemandem nehmen, der sich gefällt in Demut und Verehrung der Engel und sich dessen rühmt, was er geschaut hat, und ist ohne Grund aufgeblasen in seinem fleischlichen Sinn 19 und hält sich nicht an das Haupt, von dem her der ganze Leib durch Gelenke und Bänder gestützt und zusammengehalten wird und wächst durch Gottes Wirken.

                Der Siegespreis ist schon zugeteilt, die Christen haben ihn schon empfangen. Sie sind – in Kolossä und anderswo – schon beschenkte Leute. Von daher sind auch alle asketischen Bemühungen relativiert. Sie mögen ja innerweltlich in Ordnung sein – Fasten schadet nicht – aber sie haben keinerlei Wirkung im Blick auf die Gottesbeziehung. Darum ist das alles nicht wirklich wesentlich. Himmelreisen, Visionen, Engel-Dienst – all das, worauf sich manche Asketen mit ihren Forderungen berufen, was sie als Ziel der frommen Übungen versprechen – all das ist nicht wirklich wichtig, weil in der Zugehörigkeit zu Christus das Entscheidende schon geschehen ist.

In diesen dürren Worten ist zusammen geschaut – die Abkehr von den falschen Bindungen und die Einwilligung in die eine Bindung, die frei macht. Um der Bindung an Christus willen  sind alle anderen Bindungen überholt, unnütz, Verlust von Freiheit. Aber, daran liegt viel, der Text desavouiert nicht nur die falsche Haltung – Engeldienst, Achten der Festtage, angstbesetzte Frömmigkeitsübungen, sondern er stellt zugleich die eine Bindung in die Mitte: Sich halten an das Haupt, von dem her der ganze Leib, sprich: die Gemeinde, die Christenheit gehalten ist.

An ihn gilt es, sich im Glauben zu halten, an ihn, der das Haupt ist und von dem der ganze Leib zusammen gehalten wird. Das ist der Schritt über eine freimachende Relativierung von „spirituellen Ansprüchen“ hinaus. Hinein in eine Unabhängigkeit, die sich allein aus dem Halt Jesus Christus speist. Das ist die wunderbare Freiheit gebundener Leute, die in der Bindung an Jesus von allen anderen Bindungen frei geworden sind.

Was Jesus für mich ist?                                                                                                                Einer, der für mich ist.

 Was ich von Jesus halte?                                                                                                       Dass er mich hält.                                   L.Zenetti, Auf seiner Spur, Mainz 2000, S. 126

Muss man es ausdrücklich sagen: in der Wendung der ganze Leib kommen alle die mit vor, die nicht so fromm, nicht so leistungsfähig, nicht so esoterisch begabt sind. Diese kümmerlichen 08/15-Christen, das Fußvolk Gottes, die Mühseligen und Beladenen, die manchmal stöhnen: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“(Markus 9,24) Für sie ist ja in der spirituellen Leistungsgesellschaft kein Platz. Da sind sie längst abgehängt. Aber sie haben ihren Platz, fest reserviert, im Leib Christi. Weil er, Christus, das Haupt, diesen kümmerlichen Haufen zusammenhält und wachsen lässt.

„Ich hang und bleib auch hangen, an Christus als ein Glied.
Wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd‘, durch Not,
er reißet durch die Höll‘, ich bin stets sein Gesell.“    P.
Gerhardt, 1647, EG 112

         Geschrieben sind diese Verse in den letzten Tagen eines mörderischen Krieges, der das Land völlig verwüstet hinterlassen hat. Doch auch als Widerspruch gegen die Mächte, die sich da erbarmungslos ausgetobt haben. Geschrieben mit dem Blick auf das Letzte, auf den Letzten, der auch das Grauen zu einem Vorletzten macht.

 

Mein Gott, wie schwer ist das, sich auf Deine Gnade zu verlassen, sich in das Geschenk Deiner Liebe zu bergen. Wie schwer ist das, die Sorge um das eigene Heil aus der Hand zu geben.

Von klein auf bin ich es gelehrt worden: Jeder ist seines Glückes Schmied. Das soll immer gelten, aber nicht für das Glück bei Dir?

Herr, heiliger Gott, hilf mir, mich loszulassen, mich ganz Dir zu lassen. Amen