Der Schuldbrief – getilgt

Kolosser 2, 8 – 15

8 Seht zu, dass euch niemand einfange durch die Philosophie und leeren Trug, die der Überlieferung der Menschen und den Elementen der Welt folgen und nicht Christus.

Das sind scharfe Worte, die wie unüberwindliche Trennlinien erscheinen. Es klingt nach Entweder-oder. Wird der weltlichen Vernunft damit das Recht entzogen? Oder geht es darum, dass das Leben tiefer gegründet sein muss als auf das, was Menschen überlegen, ausdenken, selbst in die Welt setzen können? „Philosophie  -dies Wort nennt ein Unternehmen des menschlichen Geistes, vor dem wir nur mit der höchsten Achtung stehen können. Der Mensch ist das einzige Wesen dieser Welt, das nicht fraglos zu leben vermag. Jeder Stern zieht fraglos seine Bahn. Jede Pflanze wächst fraglos, wie sie muss. Jedes Tier erfüllt fraglos sein Leben. Kein Hund fragt, wie er wohl ein „richtiger“ Hund werden könne. Aber der Mensch muss fragen, wie er ein wahrer, ein rechter Mensch wird.“ (W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Kolosser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 216) Dieses Fragen ist der Wurzelgrund der Philosophie. Deshalb ist Hochmut und Ignoranz ihr gegenüber völlig unangebracht.  „Die Ros´ kennt kein Warum. Sie blühet, weil sie blühet.“(Angelus Silesius) Wir dagegen werden erst menschlich mit unserem Fragen: Warum?

Und doch grenzt sich Paulus hier gegen die Philosophie ab, stellt sie neben den leeren Trug. Die Front ist klar. Es gibt um die Gemeinde herum ein Denksystem, dass die Elemente der Welt – Feuer, Wasser, Erde, Luft als das eigentlich Elementare, den Lebensgrund ansieht. „Seit Empedokles herrscht die Ansicht, der Mensch sei in den unseligen Kreislauf der Elemente hinein gezwungen, von einem zum anderen gejagt, und könne nur durch strenge Askese entkommen.“ (E. Schweizer, Der Brief an die Kolosser, EKK, Neukirchen 1976, S. 103) Darum geht es hier, um eine Erlösungslehre, die nicht auf Christus gegründet ist, sondern auf solche philosophische Gedankengebäude. Nicht das Fragen ist fragwürdig, nicht das urmenschliche „warum“, sondern die Überzeugung, einen Weg zu wissen, der nicht von Gott gezeigt und geöffnet werden muss, sondern vom Menschen erdacht und erkannt wird.     

             In der Sicht des biblischen Schöpfungsglaubens sind die Elemente der Welt – Feuer, Wasser, Erde, Luft nur irdische Substanz ohne Heilskraft und Heilswirkung. Sie sind Grundlage unserer Lebenswelt. Mehr aber auch nicht. So wie die Gestirne, Sonne und Mond auch nur Gestirne sind Lampen, Leuchten am Himmel, um des Menschen willen. „Gott schuf zwei große Lichter, die Sonne für den Tag und den Mond für die Nacht, dazu alle Sterne. Er setzte sie an den Himmel, um die Erde zu erhellen, Tag und Nacht zu bestimmen und Licht und Finsternis zu unterscheiden.“(!. Mose 1, 16-17, Hoffnung für alle) Niemand schuldet ihnen Verehrung oder Anbetung.  Biblischer Schöpfungsglaube sieht hinter der sichtbaren Welt den unsichtbaren Schöpfer als den Grund allen Lebens. Ihn allein.

9 Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, 10 und ihr seid erfüllt durch ihn, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.

             Christus ist als der Schöpfungsmittler in gleicher Weise Grund allen Lebens.  In ihm ist der unsichtbare Gott in die Welt gekommen, auch wenn er in seiner Erscheinung nichts als ein Mensch ist. Zugleich aber ist in diesem Menschen die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig. Gestalt geworden. „In Christus schimmern nicht nur einzelne Züge der Gottheit hindurch; hier „wohnt“ in einem Menschen „die ganze Fülle der Gottheit“, Gott mit Seinem ganzen Sein.“ (W. de Boor, aaO. S. 217) Der unsichtbare, unfassbare Gott hat in Christus eine sichtbare und fassbare, eine zugängliche Seite. σωματικς kann sowohl leibhaftig, sichtbar, als auch wirklich bedeuten. Nicht nur Schein, nicht nur Gedanke, nicht nur Idee, sondern fassbare Leiblichkeit. Darauf kann man sein Leben gründen.

Das alles aber wird gesagt, um Gewissheit zu ermöglichen: Wer zu ihm gehört, der hat damit Anteil an dem Leben, das alle Wirklichkeit der Welt umfasst und trägt. Darum muss man sich auch nicht mehr vor den Mächten und Gewalten der  Welt fürchten. Diese Worte sind einmal mehr nahe an anderen Worten des Paulus: Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8,38-39) Wie diese Zusage im Werk Christi verankert ist und darum für die Christen tragfähig, das wird in den folgenden Sätzen ausgelegt.

11 In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht, durch Ablegen des sterblichen Leibes, in der Beschneidung durch Christus. 12 Mit ihm seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13 Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.

                Darauf läuft alles hinaus: Auch ihr! Das Leben ist erschienen und durch die Zugehörigkeit zu Christus sind die Christen in „eine Schicksalsgemeinschaft mit Jesus“ (K. Berger/R. Micheel, Sieben Text aus dem Kolosserbrief, Christ sein, Texte zur Bibel 14, Neukirchen 1998, S.55) hinein genommen. Es ist der Wechsel aus dem Bereich des Todes als der Wirklichkeit, die über der Welt steht in den Bereich des Lebens, der in Christus in die Welt eingetreten ist.

In zwei Vollzügen wird das sichtbar – der Beschneidung und der Taufe. Niemand in Kolossä ist beschnitten worden, als er oder sie Christ wurde. Aber ihr Christwerden ist Beschneidung. Dadurch gehören sie unverlierbar zu Gott. Und sie gewinnen darin die Freiheit zum Ablegen des sterblichen Leibes. Was war, ist erledigt. Sie sind entlastete Leute, mit der geschenkten Möglichkeit, auch „in einer ethisch neuen Weise zu leben.“ (E. Schweizer, Der Brief an die Kolosser, EKK, Neukirchen 1976, S. 111)

            Neben der Beschneidung steht die Taufe: Incorporation. Der Weg Jesu durch Tod und Auferstehung wird den Christen unwiderruflich zugeeignet. So kann Paulus hier als Gegenwart sagen, was in den Paulusbriefen sonst als die zukünftige Wirklichkeit erhofft wird. Es gibt ein Leben nach dem Tod und es hat im Glauben an Christus schon angefangen!

14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet.

Dreh- und Angelpunkt ist dabei das Kreuz. Da wird die Schuld getilgt. Da wird das Urteil, das zu Recht über alle Menschen ergehen müsste – „sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“ (Römer 3,23) – Null und nichtig gemacht. Indem der Schuldspruch am Kreuz angeheftet wird. „Hat der Brauch, die Schuld des Hingerichteten am Kreuz anzuschlagen, zu dem Bild geführt?“ (E. Schweizer, aaO, S. 115) So war es ja bei Jesus: „Und es stand geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden.“(Markus 15,26) Aber am Kreuz hängt ja nicht nur ein Zettel, sondern ein Mensch. Jesus. Wahrer Mensch und Gott von Ewigkeit her. „Wenn die Schuldurkunde der Menschheit an das Kreuz gefesselt ist, dann bedeutet das: Seit Jesu Kreuzigung gehören dieses Kreuz und die Schuldurkunde der Menschheit unwiderruflich zusammen.“ (K. Berger/R. Micheel, aaO. S.62)

Es ist schon so: Nicht auf die Herkunft seiner Wendung, sondern auf die Wirkung des Geschehens kommt es dem Schreiber an: „Die menschliche Schuld lastet auf Christus und wurde mit ihm gekreuzigt.“ (E. Schweizer, ebda.) Der Eine, der am Kreuz verworfen wird, ist die Freiheit für alle, die zu ihm gehören. Am Kreuz ist das Urteil gesprochen und danach gibt es kein Urteil mehr über die, die in Christus sind.

15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

Das ist Gottes Weg. In dem ohnmächtig sterbenden Jesus hat Gott die Mächte der Welt entmachtet. In der Hingabe des Sohnes unter die Macht des Todes hat er jeden Anspruch der Weltmächte auf die Menschen zunichte gemacht. Es ist das Bild eines Triumphzuges, wie ihn römische Imperatoren feiern, das hier Bildgeber ist. Da werden die Besiegten mitgeführt und müssen die Macht des Siegers anerkennen. Golgatha – das ist die Stunde des Siegers.

Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha,                                             der in bittern Todesschmerzen das Geheimnis Gottes sah,                                            das Geheimnis des Gerichtes über aller Menschen Schuld,                                            das Geheimnis neuen Lichtes aus des Vaters ewger Huld

Nun in heilgem Stilleschweigen stehen wir auf Golgatha.                                                 Tief und tiefer wir uns neigen vor dem Wunder, das geschah,                                         als der Freie ward zum Knechte und der Größte ganz gering,                                      als für Sünder der Gerechte in des Todes Rachen ging.

Doch ob tausend Todesnächte liegen über Golgatha,                                                       ob der Hölle Lügenmächte triumphieren fern und nah,                                       dennoch dringt als Überwinder Christus durch des Sterbens Tor;                                  und die sonst des Todes Kinder, führt zum Leben er empor.

 Schweigen müssen nun die Feinde vor dem Sieg von Golgatha.                               Die begnadigte Gemeinde sagt zu Christi Wegen: Ja!                                                      Ja, wir danken deinen Schmerzen; ja, wir preisen deine Treu;                                       ja, wir dienen dir von Herzen; ja, du machst einst alles neu.                                                      F. von Bodelschwingh 1938, EG 93

             Es ist der gleiche Anspruch, wie er sich im Bild vom Triumphzug aussagt. Setzt ‘Paulus’ der Machtanmaßung Roms und des Kaisers, Herr der Welt zu sein, sein Bekenntnis zum Gekreuzigten entgegen, so setzt der Betheler Pastor der menschenverachtenden, totalitären Nazi-Herrschaft in seinem Lied sein Bekenntnis entgegen. Bekenntnisse haben immer eine Frontlinie, eine Situation, in der sie sagen, wem zu vertrauen ist und wem eben nicht zu glauben ist. Das ist bleibende Herausforderung im Nachsprechen dieser Worte.

 

Gib uns die richtigen Worte, Heiliger, in einer Welt voller Machtansprüche. Gib uns die Worte, mit denen wir unser Leben fest machen in Christus.

Gib uns die Klarheit, nicht zu schweigen, wenn unser Bekenntnis gefordert ist. Gib uns den Mut zu sagen, wem wir nicht glauben: nicht den Heilsversprechungen der Ideologien, nicht den Lockrufen der Märkte, nicht den Fanatikern, nicht den Zynikern, nicht denen, denen nichts mehr heilig ist.

Gib uns die Einfalt, die das Herz fest macht in Dir, in Christus. Amen