Gottes Geheimnis: Christus

Kolosser 2, 1 – 7

 1 Ich will euch nämlich wissen lassen, welchen Kampf ich für euch und für die in Laodizea und für alle führe, die mich nicht von Angesicht gesehen haben, 2 auf dass ihre Herzen gestärkt und verbunden werden in der Liebe und zu allem Reichtum an der Fülle der Einsicht, zu erkennen das Geheimnis Gottes, das Christus ist. 3 In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.

                Es ist ein ziemlich langer Satz, der hier bedacht sein will. Er fängt persönlich an. Es ist ja merkwürdig, wie das Persönliche immer wieder in das Geistliche hineinspielt. Es scheint so, als könne man nicht wirklich geistlich reden, „ohne dass die rein menschlichen Bezüge – dass er sich mit ganzer Kraft für sie einsetzt – ernst genommen werden.“ (E. Schweizer, Der Brief an die Kolosser, EKK, Neukirchen 1976, S. 93) Ohne dass die eigene Person mit ins Spiel kommt.

`Paulus’ kämpft  für die in Kolossä und für die in Laodizea.  Darüber hinaus kämpft er für alle führe, die mich nicht von Angesicht gesehen haben. Sein Brief ist nicht einfach ein Brief, den man schreibt oder auch bleiben lässt. Es ist ein inneres Ringen um die Gemeinden. Davon ist die Rede, nicht von äußeren Kämpfen, von Bedrängnissen und Verhaftungen, Schlägen und Verhören. Die Kämpfe hier sind geistliche Herausforderungen um die Klarheit in der Botschaft, in der Lehre, in der Lebensführung.

Es geht darum, dass die Christen in diesen Gemeinden gestärkt werden im Glauben, dass sie zusammengefügt werden in der Liebe und darin innerlich wachsen. παρακληθσιν α καρδαι. Die Ermutigung der Herzen, ein Stärken im Glauben geht für den Schreiber nicht im Alleingang. Es ist ein Geschehen in der Gemeinschaft. Auch die Erkenntnis des Glaubens  ist keine Angelegenheit des einsamen Studierzimmers oder der stillen Zelle im Kloster. Sie wächst im geteilten Leben. Und sie wächst so, dass sich alle miteinander vor Christus wieder finden. Ihn anzuschauen, seine Worte zu bedenken, seine Liebe zu betrachten, seine Vergebung zu buchstabieren und zu teilen – das alles erschließt μυστηρον το θεο, das Mysterium, das Geheimnis Gottes.

Dieses Geheimnis Gottes aber ist kein Rätselwerk. Es ist kein verborgenes Lehrsystem. Sondern es ist – in aller Kürze sagt es der Schreiber, Christus. Er als Person ist das Geheimnis. Das Geheimnis der Welt ist nicht irgendeine Lehrformel, kein Zauberspruch, keine Machtformel, die kosmische Kraft erschließt, sondern  Christus.

Wenn der Apostel hier formuliert: In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. dann steht im Hintergrund sicher alles, was er zuvor schon über Christus als den Schöpfungsmittler geschrieben hat, als das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, als den Erstgeborenen vor aller Schöpfung. Und doch ist das zu wenig, wenn ich nur in die schwindelnde Höhe schaue, die sich da auftut. Wohl wahr: „Gott ist für uns nie auszukennen. Immer bleibt Er uns ein Mysterium. „Ein begriffener Gott ist kein Gott.“(Novalis) Und doch ist Er in seinem „Bild“, Christus, als Mensch unter uns getreten, damit wir Ihn sehen und erkennen sollen.“ (W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Kolosser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 207)

So also ist es, dass das Geheimnis Gottes sich erschließt im Blick auf den Mensch gewordenen Jesus von Nazareth, im Blick auf den, der das Kreuz auf sich genommen hat und im Kreuz unsere Schuld getragen hat.  Er, der Frieden machte durch sein Blut am Kreuz, er ist der, in dem alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis Gottes verborgen sind. In ihm erschließt sich das Geheimnis der Welt – die Liebe, die das Leiden auf sich nimmt. Damit ist auch – ganz schlicht und doch zugleich überwältigend, „gezeigt, dass der, der Christus besitzt, nichts anderes mehr nötig hat.“ (E. Schweizer, aaO. S. 94)

Darum ist es auch angemessen, jubelnd zu singen und in das Lob einzustimmen:

Fröhlich soll mein Herze springen dieser Zeit, da vor Freud’ alle Engel singen.
Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Luft laute ruft: Christus ist geboren.

 Heute geht aus seiner Kammer Gottes Held, der die Welt reißt aus allem Jammer.
Gott wird Mensch dir, Mensch, zugute, Gottes Kind, das verbind’t sich mit unser’m Blute.

 Sollt’ uns Gott nun können hassen, der uns gibt, was er liebt, über alle Maßen?
Gott gibt, unser’m Leid zu wehren, seinen Sohn aus dem Thron seiner Macht und Ehren.

 Er nimmt auf sich, was auf Erden wir getan, gibt sich dran, unser Lamm zu werden,
unser Lamm, das für uns stirbet und bei Gott für den Tod Gnad’ und Fried’ erwirbet.                                          P.
Gerhardt, 1653, EG 36                                              

             Es ist das bleibende Recht aller Weihnachtslieder, dass sie das Geheimnis Gottes nicht erklären, sondern besingen, dass sie es bejubeln, dass sie ermutigen zum Mitsingen. So, wenn auch nicht nur so, wird der Glaube gestärkt.    

             In meinen Augen ist es eine Sackgasse westlicher Theologie, wenn sie aus dem anbetenden Satz: In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. versucht hat, einen dogmatischen Lehrsatz abzuleiten, ihn zu fassen in Formeln die die Welt erklären. Was hier offenbar wird, ist sehr schlicht und gleichzeitig unfassbar groß: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit…  Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt.“(Johannes 1, 14.18) Wer es fassen kann, der fasse es.

Ich glaube, dass wir in der Zeit unseres Lebens nie weiter kommen als zu einem geradezu ungläubigen, fassungslosen Staunen. Und ich höre: Im Himmel soll es besser werden. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“(1. Korinther 13,12)

 4 Ich sage das, damit euch niemand betrüge mit verführerischen Reden. 5 Denn obwohl ich leiblich abwesend bin, so bin ich doch im Geist bei euch und freue mich, wenn ich eure Ordnung und euren festen Glauben an Christus sehe.

                Bis es aber so weit ist, gilt: Es ist eine Freude, an die Gemeinde zu denken. Aber es ist eine Freude, in die sich Sorge mischt. Die Worte sind Warnung und Ermutigung zugleich. Aber das Gewicht liegt eher auf der Seite der Ermutigung. Bleibt fest im Glauben. Hört nicht auf die Worte, die fromm klingen und doch einen anderen Weg als den einfältigen Weg der Bindung an Christus zeigen. Es ist gut, sich auch aus der Ferne mit der Gemeinde einig zu wissen. Offensichtlich haben gute Nachrichten aus Kolossä und Laodicea den Schreiber erreicht und ihm wohl getan. Es ist ein Sehen ihres Glaubens, dass sich von den Nachrichten nährt, die ihn erreichen.

6 Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Christus Jesus, so lebt auch in ihm, 7 verwurzelt und gegründet in ihm und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und voller Dankbarkeit.

Gerade deshalb ermutigt er seine Briefleserinnen, weiter auf dem Weg des Glaubens zu gehen, Schritte zu tun. Es ist ja eines, den Schritt in den Glauben zu tun, sich Jesus Christus anzuvertrauen. Aber dann kommt das andere, die lebenslange Konsequenz, das Leben in dieser Beziehung zu Christus zu gestalten und wieder und wieder danach zu fragen: Wie passt das zusammen – meine Lebensschritte und der Glaube?

Ganz nahe sind diese Sätze hier einem der Schluss-Sätze des Römerbriefes: „Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.“(Römer 15,7) Das alles geht nur im Miteinander nicht im Alleingang – darum immer wieder „ihr“. Plural. Christsein gibt es nicht im Alleigang, nicht als Privatsache, nicht als persönliche Weltanschauung, sondern nur im Miteinander. „Getrostheit der Herzen schenkt die Liebe, die Menschen zur Gemeinde zusammenführt, und rechte Erkenntnis wächst nur in jenem Lebensvollzug, der über sich hinaus auch den anderen, Die Gemeinde, sieht.“ (E. Schweizer, Der Brief an die Kolosser, EKK, Neukirchen 1976, S. 97)

Ein Hinweis wird hier schon gegeben,  den Paulus später wieder aufgreifen wird. Seid reichlich dankbar. Dankbarkeit ist die tragende Lebensform des christlichen Glaubens.

 

Heiliger Gott, Du hast die Welt geschaffen und in die Welt Deine Liebe hinein gegeben. Du hast Christus gegeben, in ihm anschaulich gemacht, wie Du bist, wie Du zu Deiner Welt stehst.

Du schenkst in ihm, was die Wunden der Welt heilt: Treue, Geduld, Vergebung, Versöhnung, Liebe ohne Grenze, Hoffnung, die den engen Horizont des Lebens sprengt.

Verleihe Du mir und allen Christen, dass unser Leben tief verwurzelt wird in ihm, Deinem Sohn. Amen