Alle sollen es hören

Kolosser 1, 24 – 29

24 Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erfülle durch mein Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde.

Was für ein selbstbewusster und ungewöhnlicher Blick auf das eigene Ergehen. Es ist überraschend, dass es heißt  ich freue mich in den Leiden, die ich für euch leide. Das ist wohl auch zur Zeit der Verfassung des Briefes nicht die normale Sicht der Dinge. Aber es ist eine Sicht, die Stellvertretung in das eigene Leben hinein buchstabiert. Ich für euch, an eurer Statt, um euretwillen. Man wüsste gerne genauer, was das ist, dieses Leiden. Geht es um Gefängnis, um Verfolgung, um Druck, um Isolation? Das bleibt offen.

Nicht offen bleibt die Deutung. Das eigene Leiden ist ein Teil des „notwendigen“ Leidens Christi. Im Hintergrund stehen „die Wehen des Messias, die der Neugeburt der Welt in der vollendeten Heilszeit vorangehen.“ (W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Kolosser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 197)  So wenig es – damals – eine schmerzfreie Geburt gibt, so wenig kann die kommende Heilszeit schmerzfrei kommen. Offensichtlich ist die Vorstellung die, dass das Leiden der Gemeinde sich sozusagen zwangsläufig aus ihrem Christsein ergibt.

Es geht also nicht um Ergänzung der Leiden Christi, schon gar nicht um eine Art Sühneleiden. Es gilt dass, „in Kolosser 1,24 vom Leiden für die Sünden zw. Zur Sühne überhaupt nichts gesagt ist.(K. Berger/R. Micheel, Sieben Text aus dem Kolosserbrief, Christ sein, Texte zur Bibel 14, Neukirchen 1998 S. 45) Sondern im Blick ist die Leidensgemeinschaft mit dem Herrn der Gemeinde: Haben sie den Hirten geschlagen, wie sollten sie die Herde verschonen? Es ist das Bild vom Leib, das diese Gedanken auslöst. Bei Paulus klingt das so: „Leidet ein Glied, so leiden alle Glieder mit.“ (1. Korinther 11,26)  Hier wird diese Überlegung so weiter geführt, dass ein Glied stellvertretend für andere Christen, für den Leib Christi Leiden auf sich nehmen kann. Stellvertretung sozusagen in der Horizontalen und nicht nur vertikal durch Christus für uns.

25 Ihr Diener bin ich geworden durch den Auftrag, den Gott mir für euch gegeben hat, dass ich das Wort Gottes in seiner Fülle predige, 26 nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber offenbart ist seinen Heiligen. 27 Denen wollte Gott kundtun, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Völkern ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.

            Der Apostel ist in seinem Leiden ein Diener der Gemeinde. Es ist eine Platzanweisung Gottes, die hier zum Tragen kommt. Sein Amt schließt dieses Leiden mit ein. Aber es umfasst weit mehr. Der Auftrag Gottes  ist Verkündigung, ist Aufdecken des Geheimnisses Gottes. Hier schwingt  mit, dass das Geheimnis Gottes enthüllt wird, indem eine Decke weggezogen wird, die alles zuvor verhüllt hatte: Seit dem Tod Jesu ist diese verhüllende Decke weg, denn da heißt es: „Der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei.“ (Lukas 23,45) Bei Paulus spielt der gleiche Gedanke eine Rolle, wenn er Christ-Werden als Geschehen so deutet: „Bis heute liegt die Hülle auf ihrem Herzen, wenn Mose vorgelesen wird. Sobald sich aber einer dem Herrn zuwendet, wird die Hülle entfernt.“ (2. Korinther 4,16 – Einheitsübersetzung) Was schon immer in der Welt war, aber eben verborgen, das wird jetzt offenbar.

Es ist der große Plan Gottes, der sich durch den Dienst des Apostels erfüllt. Es ist das Selbstbewusstsein des Apostels, dass er „Geheimnisträger“ Gottes ist, aber nicht, um das Geheimnis geheim zu bewahren, sondern um unter die Leute zu bringen, was von Gott offenbart worden ist. Hier steht mit έφανερώθη ein Wort, das verwandt ist mit den Worten, die die Erscheinungen des Auferstandenen beschreiben. Die Wirklichkeit der Welt Gottes leuchtet auf. Jetzt, am Ende der Zeiten wird sichtbar, was immer schon verborgen wirklich war. „Alle Endzeit ist Enthüllung, Sichtbarwerden bislang je verborgenen Absichten und Ansprüche, Realitäten und Zielsetzungen.“(K. Berger/R. Micheel, aaO. S.47) Und es sind eben die Heiden, die nicht immer schon dazu gehörten, die „nicht mein Volk waren“, die jetzt Adressaten und Empfänger dieser Botschaft sind.

Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit. Das ist auf den Punkt gebracht die Botschaft. Christus in euch, Christus mit euch, Christus für euch. Der Schritt zum Glauben ist nicht nur die Übernahme von Überzeugungen, von Lehrsätzen – es ist der Schritt in eine neue Existenz, in eine Beziehung, die das Wesen verwandelt. Das ist weniger Aneignung, dafür mehr einverleibt Werden, weniger Ergreifen und Begreifen, dafür ergriffen Werden, weniger sich selbst zu etwas Machen, dafür mehr zu etwas gemacht Werden, nämlich zur „Wohnstatt Christi durch den Geist.“

28 Den verkündigen wir und ermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, auf dass wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen. 29 Dafür mühe ich mich auch ab und ringe in seiner Kraft, die mächtig in mir wirkt.

               Das ist der Inhalt der Arbeit des Apostels. Seine Verkündigung kreist darum, dass alle, die hören, in Christus verwurzelt werden, in seinen Leib inkorporiert. Sie werden Teil des Christus-Leibes, Glied an diesem Leib. Und indem sie das werden, gelangen sie zur Vollkommenheit. Noch einmal wird die Reich-Weite dieses Dienstes deutlich: alle Menschen sind die Adressaten der Sendung des Apostels. Alle, nicht nur ein paar Auserwählte. Wer sich also zufrieden geben wollte mit denen, die das Evangelium schon gehört haben, in Kolossä, in den anliegenden Orten, der würde dieser Weite untreu. Auf uns gemünzt: Wer sich zufrieden gibt mit den Wenigen, die sich sonntags versammeln, die um eine Ausrichtung ihres Lebens am Wort Gottes ringen, der wird dieser Weite untreu. Gott will alle. Die ganze Menschheit.

Damit wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen. „Vollkommen“ τέλειον, meint nicht die Erfüllung irgendeines  Ideals der Vollkommenheit, den perfekten Menschen. Sondern gemeint ist: So kommen Menschen an das Ziel, das Gott ihnen von Anfang an zugedacht hatte – sie werden Abbild, „Ebenbild Gottes“(1. Mose 1,26). Es ist die Erfüllung der ursprünglichen Schöpfungsidee, die durch den Glauben erreicht wird.

Darum auch wird Christus selbst das Ebenbild Gottes (1,15) genannt und als der Schöpfungsmittler beschrieben (1,16). Er bringt die Schöpfung an ihr Ziel, an Gottes Ziel. Und  wieder leuchtet das Selbstbewusstsein des Apostels auf: diesem Ziel dient sein eigenes Engagement, der Einsatz seines Lebens, nach allen Kräften. „Es ist wahrlich Arbeit und kein Spiel.“ (W. de Boor, aaO. S. 205) Das Ziel aber lohnt allen Einsatz, auch den, der über die eigenen Kräfte geht. Darum sind seine Mühe und sein Einsatz an Kraft nicht überflüssig. Sondern er bewirkt, was er soll, weil ja Gott selbst in ihm kräftig ist.

 

Heiliger Gott, wie viel können wir aushalten, auf uns nehmen, durchstehen, wenn wir nur wissen: Es dient Dir.

Wie viel können wir an Kraft, an Mühe aufbringen, an Widerstand bestehen, wenn wir nur wissen: Du erreichst auch dadurch Deinen Plan.

Es ist Dein Wille, dass wir solche Belastungen tragen, ertragen und sie annehmen und darin Deinen Weg durch die Welt teilen.

Du baust Dein Reich nicht am Leiden vorbei. Du suchst Deine Menschen in den Schmerzen des Lebens. Du hältst Dir  selbst das Leid und den Schmerz nicht vom Leib. Darum kommen wir Dir in den Leiden nahe, auch wenn wir das nicht immer verstehen. Amen