Alles in ihm

Kolosser 1, 15 – 20

15 Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. 16 Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.

Es ist die Sprache eines Hymnus, der Anbetung. Beschreibendes Lob könnte man auch sagen. Mit Formulierungen, die den engen Horizont der verfügbaren Realität sprengen. Ebenbild Gottes. Da ist wohl zuerst mitzuhören: „Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.“(1. Mose 1, 26) Christus ist nun wirklich das Bild, griechisch: εκν, das Gott entspricht, Imago Dei. „Bild hat schon im griechisch-religiösen Sprachgebrauch immer Anteil an der Art dessen, den es repräsentiert;  im Bild wird der Repräsentierte gegenwärtig.“ (E. Schweizer, Der Brief an die Kolosser, EKK, Neukirchen 1976, S. 58) Mit meinen Worten: Christus ist der Repräsentant Gottes. In ihm ist Gott gegenwärtig, sichtbar, greifbar.

Er ist das alles, weil in ihm die ganze Schöpfung ihren Ursprung hat. Die Realität, die wir wahrnehmen und die, die uns unzugänglich ist, unerforschlich, unbegreiflich.  πρωττοκος πσης κτσεως, der Erstgeborene vor aller Schöpfung Es ist das gleiche Wort, mit dem Lukas in seiner Geburtserzählung von der Geburt Jesu spricht: Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“(Lukas 2,7) Größer kann die Spannung kaum sein – hier das All, die ganze Schöpfung – da kein Raum, kein Platz.  Hier dagegen dominiert der Goldglanz, die Herrlichkeit, die Größe, die Macht. In ihm ist alles geschaffen. Alles, wirklich alles. Und dann geht unser Hymnus durch den Kosmos – den sichtbaren, wie wir ihn kennen und den Kosmos, der unseren Augen entzogen ist und bekennt:  Er ist Schöpfungsmittler, er ist Ziel der Schöpfung. Alles durch ihn. Alles auf ihn hin. Alles in ihm.

Immer wieder im Lauf der Jahre habe ich diesen Hymnus aufgegriffen, innerlich singend, aber auch zusammen mit anderen:

„Heilig bist du, Ursprung der Welt                                                                                    Heilig bist Du, Ziel aller Wege.                                                                                                 Heilig bist Du, ewige Gegenwart.“                                                                                              J.Zink, Feier der Schöpfung, Stuttgart 1993, S.26

        „Wie soll man sich das vorstellen, dass durch Jesus alles geschaffen ist?… Dass in sehr vielen sehr alten Texten des Christentums Jesus die Schöpfungsmittler-schaft zugeschrieben wird, ist erstaunlich. Wie ist man dazu gekommen? Vielleicht so: In Jesu Auftreten, besonders in seinem vollmächtigen Wort, das man in Wundern erfuhr, sah man den Schöpfergott selbst am Werk. Nicht so, dass Jesus „der Schöpfer“ wäre, aber doch so, dass er (der Schöpfer ) durch ihn und in ihm wirkte.“ (K. Berger/R. Micheel, Sieben Text aus dem Kolosserbrief, Christ sein, Texte zur Bibel 14, Neukirchen 1998, S.25f.)  Aber es bleibt diese unglaubliche Spannung: der Hymnus besingt dem jungen Mann aus Nazareth, der von sich selbst zumeist als dem „Menschensohn“ gesprochen hat und der alle großen Hoheitstitel, die man ihm beilegen wollte, irgendwie „zertrümmert“ hat.

Von Christus kann man gar nicht groß genug reden. Davon ist unser Brief-Autor überzeugt. Vielleicht würde er auch sagen: Alles, was ich sage, ist nur staunendes Gestammel angesichts der Größe und Bedeutung Christi. Was hier über Christus gesagt ist, das hat auf den ersten Blick wenig zu tun mit dem Mann Jesus von Nazareth, mit seiner Demut, seiner Sanftheit, seinem Erbarmen, seiner Niedrigkeit. Das alles klingt übergeschichtlich, fast zeitlos. Aber es wird gesagt um der Zeit willen, um der Menschen willen, um der Gemeinde willen. Anders gesagt: „Christus ist das Maß und Ziel des Werdens und Wachsens der Glaubenden. Dabei ist Jesus nicht nur moralisches Vorbild, sondern es geht um eine zielgerichtete  (teleologische) Betrachtungsweise. So, wie man sagt, dass aus einer kleinen Pflanze ein großer Baum werden soll, und zwar ein Baum ganz bestimmter Art, so ist Jesus das Ziel-Bild der Schöpfung, die auf ihn hin entworfen und geschaffen ist.“ (K. Berger/R. Micheel, aaO. S.26)

                   Mir scheint, diese Gedanken sind ganz nahe bei dem, was in der Sprache des Johannes so klingt: „Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“(1. Johannes 3,2)

17 Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm. 18 Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde.

             Zwei Verse – 16 und 17  – und es ist festzuhalten: „Nicht weniger als viermal wird von „dem All“ gesprochen und drei weitere Male von „allem“ (E. Schweizer, aaO. S. 60)Diese vollmundige Sprache wird sich fortsetzen. Es geht um „alles“, wir würden vielleicht sagen: Ums Ganze. Von Christus reden ist eben mehr als nur von einem persönlichen Heiland zu reden. Es geht in ihm um das All, das in ihm Bestand hat. So wie wir es, ein wenig gefühlsgesteuert und ohne zu merken, was wir da singen, an den Weihnachtstagen gerne und oft singen:

„Welt ging verloren. Christ ist geboren.                                                                         Freue, freue dich, o Christenheit.“               J.D. Falk 1819; EG 44 

             Nicht nur die Christenheit, die ganze Welt, das All, der Kosmos, die Galaxien, die Millionen Lichtjahre entfernt sind, haben allen Grund zu singen!

Eben noch ganz „entrückt“ – geht es jetzt eine Etage nach unten. Die Geschichte auf Erden kommt in den Blick, bezeichnenderweise in der Erwähnung der Gemeinde. Christus ist Haupt, Mitte, Grund und Ziel der Gemeinde. Alles, was vorher gesagt wurde, soll das in die Herzen hinein fest machen, zur Gewissheit werden lassen: Die Gemeinde gehört mit diesem kosmischen Christus zusammen. Sie mag noch so klein und kümmerlich sein, es mag  schwer um sie stehen – sie gehört zu dem, der immer schon war und immer sein wird. Trost, Zuversicht, Hoffnung  zu stiften – das ist das Motiv hinter all diesen großen Worten über Christus.

Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, auf dass er in allem der Erste sei. 19 Denn es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen 20 und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.

Weil es um Trost und Zuversicht geht, um Hoffnung auf das Leben, das dem Tode standhält, darum richtet der Schreiber jetzt den Blick seiner Leser auf Ostern: Er ist der Anfang der Auferstehung, der Prototyp der Auferstehung. In der Formulierung der Erstgeborene von den Toten zeigt sich das Denken des Paulus: Auferstehung als Geburt aus dem Schoss der Mutter Erde – so klingt es auch bei ihm im 1. Korintherbrief:Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“(1. Korinther 15,20)

Es ist wohl so: ohne Ostern würde dieser Hymnus nicht gesungen. Ohne Ostern wäre von dem Zimmermannssohn aus Nazareth nicht mehr die Rede. Ohne Ostern, ohne diese Erfahrung der Auferstehung in den Begegnungen mit dem Auferstandenen, gäbe es die Christenheit nicht. Wären die drei Jahre des Wanderpredigers Jesus in Galiläa eine religiöse Episode unter anderen geblieben und er würde, wenn überhaupt, nur noch von Fachleuten der Erforschung des Judentums erwähnt als ein religiöser Quer-Kopf, gescheitert an sich selbst. Und seine Jünger wären wieder ehrsame Handwerker geworden nach ihrer durch den Überschwang einer enttäuschten Messias-Erwartung motivierten Auszeit.

             Auch das ist gut paulinisch: Christus ist der, durch den Gott  alles mit sich versöhnte, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz. Da taucht mitten in dem großen Überflug doch das Kreuz auf. Es geht um Geschichte auf der Erde, nicht um kosmische Entwicklung oder kosmischen Mythos. Gott sei Dank – das ist doch Bodenhaftung! möchte man fast rufen.

Trotz der Sprache, die den Himmel durch-schreitet und stürmt und die Erde aus dem Blick zu verlieren scheint: Es geht nicht um irgendwelche Himmelssphären, um überirdische Macht, sondern es geht um die Macht, die Versöhnung zustande bringt, die Gottes Menschen mit Gott versöhnt.

Mehr noch: alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel. ἀποκαταλλάσσω – „(wieder) gänzlich aussöhnen.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S.102) Nicht nur die Menschen, sondern das All. Den Kosmos. Alle Kreatur. Wir fangen gerade erst an zu begreifen, dass unsere Welt aus der Spur gerät, dass sie – auch durch menschliche Maßlosigkeit – zu einem Planeten wird, der irgendwie durch den Weltraum torkelt. Die Klima-Veränderungen sind nicht angelegt im Plan Gottes für seine Schöpfung. Der Weltall-Schrott ist kein Teil seiner Planungen für das All. Wir Menschen oder genauer: die Menschheit hinterlässt Spuren an diesem blauen Planeten und im All, die es nötig machen, dass alles versöhnt wird.

                    Dass Frieden gemacht wird. Im Griechischen steht da das Wort ερηνοποισας. Wenn man es in seine Bestandteile auseinander nimmt, heißt es: Frieden machen, Frieden stiften. Offensichtlich herrscht ein anderer Zustand als Frieden in der Welt, im All. Wir machen Krieg. Gegen unsere Lebensgrundlagen. Gegen unsere Mitgeschöpfe, gegen unsere Mitmenschen. Die Weltgeschichte ist über weite Strecken hin blutige Kriegsgeschichte. Die Antwort Gottes darauf: ein einseitiges Angebot – Frieden zu machen, zu versöhnen in ihm, durch ihn. Durch Christus.

Immer noch fragen wir, auch heutzutage: Haben wir das denn nötig, versöhnt zu werden? Es geht uns doch gut. Wir sind doch die Guten. Wir sind doch nicht bösartig. Wir sehen zwar Tag für Tag Bilder des Grauens, nicht in irgendwelchen erdachten Krimis oder Thrillern, sondern in den Nachrichten des Tages. Und doch. „Der moderne Mensch ist weithin von einer schreckenden Harmlosigkeit. Er erfährt es zwar in einem geradezu gigantischen Ausmaß, dass die Welt aus den Fugen ist. Aber das bringt ihn höchsten dazu, an Gott zu zweifeln oder Gott anzuklagen, Sich selbst stellt der moderne Mensch nicht in Frage. Ein tiefes Erschrecken vor der eigenen Schuld geht nicht durch unsere Zeit.“ (W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Kolosser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 186) Wir wirken – heute –  versöhnungsresistent.

Diese Blindheit für das, was wir in Wahrheit nötig haben, ist für mich wie ein schreckliches Gericht. Das allerdings nicht hinzunehmen, uns nicht in dieser Blindheit gefangen bleiben zu lassen – davon ist der Schreiber überzeugt – ist von allem Anfang der Plan Gottes. Es hat Gott wohlgefallen  weist auf den ewigen Ratschluss Gottes hin und lässt zugleich an andere Zeugnisse des Wohlgefallens Gottes denken: „Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (Matthäus 3,17) Es ist nicht der Notfallplan B, weil die Menschen nicht so waren oder sind, wie Gott es sich gedacht hat.  Es ist der Weg Gottes vor aller Zeit.

 

Du Heiliger Gott, alle unsere Worte fassen Deine Größe nicht. Alle unsere Worte sind nur Gestammel, wenn es darum geht, Deine Herrlichkeit zu preisen.

Du hast in Christus den Grund der Welt gelegt, in ihm die Versöhnung  mit Dir vor aller Zeit schon angelegt. Du hast in ihm alle Mächte und Herrschaften an Dich gebunden.

Du hast Christus seinen Weg geführt bis in den Tod am Kreuz, damit  durch ihn alle Welt zurück gebracht wird zu Dir, Ewiger. Amen