Große Worte

Kolosser 1, 9 -14

9 Darum lassen auch wir von dem Tag an, an dem wir’s gehört haben, nicht ab, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht, 10 dass ihr, des Herrn würdig, ihm ganz zu Gefallen lebt und Frucht bringt in jedem guten Werk und wachst in der Erkenntnis Gottes 11 und gestärkt werdet mit aller Kraft durch seine herrliche Macht zu aller Geduld und Langmut.

Das Wissen um diese Wirkungen führt weiter im Beten. Es löst gerade nicht die Idee aus: Jetzt ist genug gebetet, jetzt geht es wie von selbst weiter. „Das bewegt den Apostel, dass die junge Gemeinde in Kolossä nicht stecken bleibt in dem, was sie jetzt schon hat und ist.“ (W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Kolosser, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 170) „Weiter, immer weiter“ – so ist die Devise des Betens, weil es ja im Glauben keinen Stillstand geben kann, weil der Glaube immer im Werden ist und nie fertig. Es braucht Wachsen im Glauben, nicht um einen Zustand der Vollkommenheit zu erreichen – der ist dem Himmel vorbehalten. Aber die Verbindung zu Christus soll gestärkt werden.

„Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden                            nicht eine Gesundheit sondern ein Gesundwerden                                                           nicht ein Sein sondern ein Werden                                                                                     nicht eine Ruhe sondern eine Übung                                                                                  Wir sind’s noch nicht; wir werden es aber                                                                            Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang        Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg                                                                             Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles                                                                                   Martin Luther

Diese Verbindung, Beziehung lebt davon, dass sie immer neu gesucht und bewährt wird. Und jeder neue Tag und jede neue Lebenssituation stellt ja auch neu die Herausforderung dar: Wie gehe ich jetzt mit dem, was mir begegnet, als ein glaubender Mensch um? Was entspricht in dieser Situation dem Herrn, was ist sein Wille? Was ist jetzt von mir gefordert? Es geht „um Einsicht in die Forderungen des Herrn, der Gehorsam erwartet.“ (E. Schweizer, Der Brief an die Kolosser, EKK, Neukirchen 1976, S. 41)

Im Johannes-Evangelium wird das, worum es hier geht, mit dem Wort „bleiben“ aufgegriffen: „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“(Johannes 15,5) Die himmlische Bindung will sehr irdisch im Alltag gelebt werden. Oder, wie es Paulus an anderer Stelle sagt: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“(Römer 12, 2 – 3) Wachsen in der Erkenntnis Gottes ist also nicht Anhäufung von Himmelswissen, sondern Bereit-Werden, den Willen Gottes zu tun. Im Tun der Liebe wird Gott erkannt.      

Im Fragen, wie das gehen kann, geschieht ein Doppeltes: Ich lerne immer mehr, mich mit meinem Handeln an Gott zu orientieren und ich lerne Gott immer mehr kennen als den, der alle Tage bei mir ist, in dessen Gegenwart ich immer lebe. Ein wenig kompliziert ausgedrückt: „Der, der dem Menschen mit seiner Offenbarung  und Gabe die Möglichkeit rechten Lebens schenkt, wird zugleich seine Norm.“ (E. Schweizer, ebda.) Gott ist Gabe und Maßstab unseres Lebens. Aus diesem doppelten Lernen erwachsen Geduld und Langmut – das Aushalten in  Situationen, die Kraft erfordern und das Ertragen von Menschen, die mir Kraft abverlangen. Man kann es auch so sagen: die Erkenntnis Gottes bewirkt die Kraft zum Durchhalten in den Härten des Lebens.

Etwas von der Haltung, von der Lebenseinstellung, die hier angesprochen wird, finde ich im Lied wieder, das vor über 150 Jahren geschrieben worden ist – und bis heute gerne auch einmal gesungen wird:

„Stern, auf den ich schaue, Fels, auf dem ich steh,
Führer, dem ich traue,  Stab, an dem ich geh,
Brot, von dem ich lebe, Quell, an dem ich ruh,
Ziel, das ich erstrebe, alles, Herr, bist du.

 Ohne dich, wo käme Kraft und Mut mir her?
Ohne dich, wer nähme meine Bürde, wer?
Ohne dich, zerstieben würden mir im Nu
Glauben, Hoffen, Lieben, alles, Herr, bist du.“                                                                             C.F.A. Krummacher 1857, EG 407

Wenn ich den Überschwang abziehe, der in den Worten des Liedes mitschwingt, genau darum geht es: Das Leben in Christus verwurzelt zu erfahren und aus diesem Wurzelgrund heraus Kraft und Mut zum Handeln hier und heute zu gewinnen. Noch einmal: Das Ziel ist nicht, irgendwann einen Status der Unabhängigkeit zu erreichen, weil man bei 100% angelangt ist, sondern im Gegenteil, immer abhängiger von Christus zu werden. So wie es das folgende Wort zeigt: „Frömmigkeit ist der Entschluss, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen.“ (H. v. Bezzel)

Mit Freuden 12 sagt Dank dem Vater, der euch tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht. 13 Er hat uns errettet aus der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines geliebten Sohnes, 14 in dem wir die Erlösung haben, nämlich die Vergebung der Sünden.

So viel hat der Schreiber von den  Kolossern gehört. Der Vater hat sie tüchtig gemacht, –  κανός – „hinreichend, geeignet, imstande, geschickt.“ (Gemoll,Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S.385) Es fällt auf: der Vater – und nicht das neutralere, auch distanziertere  Gott. Es gibt ein väterliches, fürsorgliches  Handeln an den Christen, ein  Formen ihres Lebens, das ihnen wohl will. Das hier vom Vater die Rede ist, ist ein Signal für die Innigkeit der Beziehung.  Darauf zielt das väterliche Formen, dass die Christen lebensmäßig dem entsprechen, was Gott gibt. Diese Entsprechung ist ganz Gottes Tat – im Epheserbrief wird sie so beschrieben: „Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“(Epheser 2,8) Menschen müssen sie sich gefallen lassen. Mehr nicht.

In einer Aufforderung zum Dank schließt Paulus sich mit ihnen zusammen. Das verbindet ihn und sie, den Schreiber und die Leser: Wir haben unseren Anteil am Erbteil der Heiligen im Licht.  Wir sind errettete Leute. Wir leben aus der Vergebung. Wir sind, um ein altes Wort zu gebrauchen, „Reichsgenossen“. Christen sind keine lichtscheuen Gestalten, keine Dunkelmänner, auch keine Duckmäuser, sondern sie stehen im Licht. Sie sind in einer verwirrten und verwirrenden Welt Lichtgestalten. Der andere Paulus-Schüler drückt das so aus: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (Epheser 2, 19) Wie sollten Christen da nicht dankbar werden?

Dass das so ist, dass die Christen so über sich selbst denken dürfen, das ist die Tat Gottes. „Gott ist Subjekt, der „geliebte Sohn“ ist der Weg, auf dem Gott seine rettende und befreiende Tat vollzieht.“ (K. Berger/R. Micheel, Sieben Text aus dem Kolosserbrief, Christ sein, Texte zur Bibel 14, Neukirchen 1998, S.24) Oder anders gesagt, werden wir hier auf ein Denken gelenkt, das „von der Macht Gottes spricht, die Nichtfähige befähigt und aus der Finsternis ins Licht versetzt.“ (E. Schweizer, aaO. S. 47) Das ist die Sprache, in der das Neue Testament nicht nur an dieser Stelle die Bekehrung beschreibt, die Umkehr von den eigenen Wegen auf den Weg Gottes, die Christus eröffnet hat.

Fast ist man wie erschlagen von der Anhäufung großer geistlicher Worte. Wort der Wahrheit, Glaube, Liebe, Hoffnung, Erlösung, Vergebung…. Ist es nicht ein bisschen zu viel auf so engem Raum? Es wirkt auf mich, als ginge mit dem Schreiber die Begeisterung durch – an seinem Gott und an seinen Brüdern und Schwestern. Er tippt alles an, und er wird alle Hände voll zu tun haben, das, was er hier andeutet, dann in einigermaßen alltagsgerechte Sprache und Situationen zu überführen. Das ist der Maßstab, der mir wichtig ist: Wie geht das im normalen Leben?

 

Heiliger Gott, manchmal geht uns die Begeisterung durch und wir machen lauter große Worte. Es sprudelt aus uns heraus. Glaube Hoffnung, Liebe, Versöhnung, Vergebung, Herrlichkeit.

Unser Alltag aber ist mühsam, verlangt uns Stehvermögen ab, fordert unsere Geduld mit Menschen, unsere Treue an dem Platz, an dem wir sind. Aushalten in schwierigen Situationen

Da zeigt sich, was es ist mit der Liebe, die sich aus Deiner Liebe nährt, mit der Hoffnung, die keinen aufgibt, mit dem Glauben, der sich an Dich hängt und dem Glauben, der das Vertrauen bewährt.

Stärke Du uns für diesen Alltag. Amen