Ausgeliefert

Lukas 22, 63 – 71

 63 Die Männer aber, die Jesus gefangen hielten, verspotteten ihn und schlugen ihn, 64 verdeckten sein Angesicht und fragten: Weissage, wer ist’s, der dich schlug? 65 Und noch mit vielen andern Lästerungen schmähten sie ihn.

               Ausgeliefert. Preisgegeben, fest gehalten. Jesus erfährt, wie es ist, in die Hände „staatlicher Schläger“ zu fallen. „Es kann vorkommen, dass die „Unterhaltung“ darin besteht, mit jemandem sein Spiel zu treiben. Der Spaß artet in Grausamkeit aus.“ (F. Bovon, EKK III/4, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 19,28 – 24,53, Neukirchen 2009, S.355) Es mögen Anleihen an Kinderspiele wie `Blinde Kuh’ sein, aber sie sind grausam und brutal. Sie sind der Versuch der Entwürdigung des Gefangenen. Sie sollen ihm die Würde und damit auch die Widerstandskraft nehmen. Diese Gewaltakte sind geeignet, ihn in ein Bündel Angst zu verwandeln. Die Frage heißt: Ist das die Absicht derer, die Herr des Verfahrens sind, dass Jesus so dem grausamen Spiel der Truppe preisgegeben ist, dass er so entwürdigt wird, bis er um sein Leben winselt?

Was inhaltlich geschieht, ist ja eine Verhöhnung des Propheten Jesus. Lukas hat immer wieder Hinweise darauf gegeben, dass Jesus wie ein Prophet handelt, die Herzen kennt, um die Zukunft weiß. Und jetzt wird in den Misshandlungen genau dies in Frage gestellt: Weissage, wer ist’s, der dich schlug? Wäre dieser ein Prophet, würde er nicht auch mit verbundenen Augen sehen? Würde er seine Quäler nicht erkennen?

Der Einfallsreichtum  von solchen Quälern kennt kaum Grenzen. Was da im Deutschen harmlos „Lästerungen“ genannt wird, hat im Griechischen einen ganz anderen, wesentlichen Beiklang. βλασφημοΰντες steht da und damit klingt es nach Blasphemie, nach einer Lästerung, die auch Gott die Ehre nimmt. „Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer.“ (Sprüche 14,31) Ist der Gefangene Jesus nicht dieser Geringe, dessen Misshandlung jetzt den Schöpfer lästert? So gewinnt der Gebrauch dieses Wortes seinen eigenen, tiefen Klang.

 66 Und als es Tag wurde, versammelten sich die Ältesten des Volkes, die Hohenpriester und Schriftgelehrten und führten ihn vor ihren Rat

Bei Lukas ist der Schein des Rechtes gewahrt. Es gibt keinen nächtlichen Prozess, kein nächtliches Verhör vor dem Hohen Rat. Sondern erst am Beginn des Tages tritt der Hohe Rat zusammen. „Nach der rabbinischen Ordnung durften Prozesse über Leben und Tod nur am Tage geführt werden.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.259) Freilich bleibt die Frage: Ist das, was jetzt stattfindet, vor dem Synhedrion ein Verhör? Ist es der erste Teil eines Prozesses? Oder ist es „nur“ eine Befragung? Welche Urteilsbefugnisse hatte der Hohe Rat überhaupt noch – unter der römischen Oberherrschaft? Was mir auffällt: Pharisäer sind nicht Teil dieser Veranstaltung.

67 und sprachen: Bist du der Christus, so sage es uns! Er sprach aber zu ihnen: Sage ich’s euch, so glaubt ihr’s nicht; 68 frage ich aber, so antwortet ihr nicht.

                 Es geht gleich zur Sache: Bist du der Christus? Und doch ist diese Frage seltsam, weil sie ja nicht einschließt: So wollen wir dir glauben. Es ist von Anfang an eine Frage, die für die Fragenden entschieden ist: Du bist es nicht! Sie wollen sein Eingeständnis, die Aussage über sein Selbstverständnis, aber nicht um es zu prüfen, sondern um ihn zu verurteilen.  Bemerkenswert ist die Nähe dieser Passage zum 4. Evangelium: „Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns im Ungewissen? Bist du der Christus, so sage es frei heraus. Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht.“ (Johannes 10, 24-25) Das löst bei mir die Überlegung aus, es gebe womöglich eine alte, mündlich überlieferte Erinnerung an einen solchen Dialog, der von Lukas im Verhör-Saal verortet wird.

Doch steckt in der Frage auch die andere Gefahr: Bejaht Jesus, so ist er ein Fall für die Römer.  Denn „Christus“ ist nicht der rein religiöse Begriff – mit dem Christus-Namen verbinden sich in jüdischer und römischer Sicht Machtansprüche, auch politische Machtansprüche. Und darüber wacht Rom sorgfältig, dass nicht irgendwelche Leute als Christus, als Messias das Volk gegen die Besatzungsmacht aufbringen. So ist die Frage der – in meinen Augen – durchsichtige Versuch, Jesus politisch verdächtig zu machen.

Jesus weigert sich, das Spiel so mitzuspielen. Es ist ähnlich wie in einem früheren Gespräch über seine Vollmacht. Auch da verweigert er die Antwort. Er deckt ihre innere Situation auf. Ihr fragt nicht wirklich. Ihr wollt auch keine Antwort geben. Ihr wollt nur Belastungsmaterial sammeln. Was eine wirkliche Frage wäre, würde sich daran zeigen, ob sie auch eine wirkliche Antwort geben, ob sie Schritte des Glaubens zu tun willig sind. Wer aber nicht willens ist, Schritte des Glaubens als Antwort zu tun, die eigene Existenz mit ins Spiel zu bringen, dem sind alle Antworten nur Sätze.

69 Aber von nun an wird der Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft Gottes. 70 Da sprachen sie alle: Bist du denn Gottes Sohn? Er sprach zu ihnen: Ihr sagt es, ich bin es. 71 Sie aber sprachen: Was bedürfen wir noch eines Zeugnisses? Wir haben’s selbst gehört aus seinem Munde.

             Und doch bleibt Jesus nicht bei seiner Weigerung stehen. Er geht weiter, viel weiter als es die sich vorstellen können, die sich ein Bild von ihm machen wollen. Aber von nun an wird der Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft Gottes. Exegeten weisen gerne darauf hin, dass das keine eindeutige Selbstaussage Jesu sei. Er sagt nicht: Ich werde sitzen. Er redet vom Menschensohn wie von einer anderen Person. Die Leser des Evangeliums wissen es besser. „Sie wissen seit langem, dass Jesus – bescheiden und glorreich – der durch den Propheten Daniel angekündigte Menschensohn ist.“ (F. Bovon, aaO., S.369) Es ist allerdings so: Was Jesus jetzt sagt, steht im Widerspruch zu dem, was Menschen denken, sich an Urteilen bilden, was sie im hohen Rat jetzt vor Augen haben. Darum beginnt er seinen Satz auch mit „aber“.

Wiederholt hat Jesus dieses Wort vom Menschensohn verwandt und es ist jedes Mal unzweifelhaft auf ihn selbst bezogen. Es ist der „Hoheitstitel“, der ihm „liegt“, den er auch deshalb aufnimmt, weil er seiner Bewegung hin zu den Menschen entspricht: „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.” (19,10) Es ist der Titel, der in die Tiefe zeigt und nicht einfach Höhe beansprucht. Es ist der Titel, der die Hoheit, die Herrlichkeit ganz in Gottes Hände legt.

                  Es ist eine geradezu groteske Situation: der gebunden vor den Ratsherren steht, der den Schlägern und Schlägen ausgeliefert ist, der sagt: von nun an. Genau jetzt, wo Menschen versuchen, ihn in den Griff zu kriegen, fertig zu machen, genau da sieht er das Andere: Das Ziel Gottes, den Platz zur Rechten Gottes, den Platz im Zentrum der Macht über alle Welt. Wenn das nicht verrückt ist, dann ist es der Ruf zum Glauben, im letzten Augenblick, bevor alle Menschenweisheit in die Irre geht.

Der Hohe Rat hat verstanden. Auch wenn er womöglich irritiert ist. Das zeigt die erneute Nachfrage: Bist du denn Gottes Sohn? Und wieder bleibt die Antwort Jesu in der Schwebe und ist doch zugleich klar: Ihr sagt es, ich bin es. Man könnte auch übersetzen: Das sagt ihr, dass ich es sei. Aber wieder weiß der Leser mehr. Έγώ είμι – es ist die Vorstellungsformel Gottes, die hier im Griechischen steht und die jede Leserin und jeder Leser des Lukas sofort mit im Ohr hat, wenn er auch nur ein bisschen im Alten Testament bewandert ist.

Und doch: Was hier über den Gottessohn gesagt ist, von Jesus akzeptiert, entzieht sich dem raschen gedanklich eindeutigen Zugriff. Es ist weit mehr als das, was man auch hören könnte: Ich bin Sohn Gottes, so wie wir alle Söhne und Töchter Gottes sind. Man wird es wohl so hören müssen, nach der Lektüre des Evangeliums: Ich bin der eine, der aus der Ewigkeit geboren ist. der eingeborene Sohn –  unigenitus Filius (Johannes 1,18, Vulgata) Damit wird der Verstehenshorizont gesprengt, über alles normale Verstehen und Begreifen hinaus.

Es ist Aussage, die nicht in der Zeit aufgeht, die über den Tod hinausgreift. „Es handelt sich um den Gottessohn jenseits des Todes. Das „Sitzen“ geschieht nicht im Palast neben dem Tempel, sondern es ist die himmlische Erhöhung zur Rechten des Vaters.“(F. Bovon, aaO. S. 371)Ganz nahe ist bei diesen Worten, wie Paulus denkt, wenn er von Gott spricht, „von seinem Sohn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, der eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist, der da heiligt, durch die Auferstehung von den Toten – Jesus Christus, unserm Herrn.“( Römer 1, 3-4) Auch bei Paulus ist Jesus der Gottessohn in der und durch die Auferstehung.

Für den Hohen Rat freilich ist damit die Sache entschieden. Sie haben den Anspruch Jesu gehört und verstanden. Und sie wissen: Wir selbst sind die Zeugen, die gegen ihn stehen. Der ganze Eiertanz der falschen Zeugen, wie er bei Matthäus und Markus vorgeführt wird, ist überflüssig. Ihr Urteil steht fest, auch wenn hier kein Urteil gesprochen wird. Das ist ja merkwürdig und unterscheidet das Erzählen des Lukas von Matthäus und Markus. Bei ihnen ist die Antwort auf diese Worte Jesu eindeutig: Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört. Was meint ihr? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig.“Matthäus 26, 65-66) –Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was meint ihr? Sie aber verurteilten ihn alle, dass er des Todes schuldig sei.“(Markus 14,64) Hier dagegen, bei Lukas: Die Verhandlung, Befragung, das Verhör vor dem Hohen Rat bricht ab. Kein Urteil, alles bleibt irgendwie in der Schwebe – aber es wird an anderer Stelle weiter gehen.

             Merkwürdig für mich: Diese Entlastung der jüdischen Gremien durch die Erzählung des Lukas – sie fällen kein Todesurteil –  bleibt seltsam unbemerkt in den Kommentaren. Weil sich Exegeten offensichtlich ein für alle Mal festgelegt haben, Lukas Römerfreundlichkeit zu unterstellen, entgeht ihnen, dass hier anderes vorbereitet wird: die Verantwortung der Römer für den Tod Jesu.

 

Jesus, Du wirst vorgeführt, fertig gemacht, bloß gestellt. Du bist verdächtig, unheimlich, unfassbar.

Schläge sollen Dich treffen und brechen, Spott Dir die Würde nehmen, Angst Dich in den Staub zwingen. Du aber stehst, gibst nicht klein bei, lässt Dich nicht einschüchtern. Du bleibst treu – Dir und dem Weg Gottes.

„Ich bin es“ – Sohn Gottes –  und keine Gewalt wird daran etwas ändern. In der Tiefe bist Du gehalten. Amen