Wenn der Hahn kräht

Lukas 22, 54 -62

 54 Sie ergriffen ihn aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters.

                      Das ist das Ergebnis der nächtlichen Aktion: Jesus wird festgenommen. Verhaftet. Das steckt im Wort συλλαμμβάννω. Als einer, der verhaftet worden ist, wird er in das Haus – gemeint ist wohl der Dienstsitz  – des Hohenpriester gebracht. „Ihn“ schreibt Lukas und wird durch die nächsten Verse dabei bleiben, als hätte Jesus mit dem Zugriff der Staatsmacht seinen Namen verloren. Er ist zum Objekt geworden.

  Petrus aber folgte von ferne. 55 Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie.

            Es ist mutig von Petrus, dass er dem Aufgebot von Tempelpolizei und Staatsmacht folgt. Sich in den Hof wagt. „In der Mitte des Palastes befindet sich der Hof, in der Mitte des Hofes ein Feuer. Um das Feuer sitzen Leute, in ihrer Mitte Petrus.“ (F. Bovon, EKK III/4, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 19,28 – 24,53, Neukirchen 2009, S. 348) Es ist wie im Film, als führe eine Kamera zur Großaufnahme in diese Szene und immer mehr auf die Gestalt des Petrus. Um ihn geht es hier. In der Mitte das Feuer, um das Feuer die Leute und mittendrin und nicht nur dabei Petrus. Es ist nicht wirklich angemessen, Petrus für feige zu halten. Wer hätte sich schon getraut in dieser Situation, nahe dran zu bleiben? Wer hätte sich getraut, sich zu ihm zu bekennen?

Das andere: Geht Jesus nicht jetzt einen Weg, dem wir immer nur von ferne folgen können? Ist es uns wirklich möglich, ihm in der Passion nahe zu sein, auf diesem Weg, auf dem es um das Heil der Welt geht? Sind wir nicht, wie von selbst, nur Zuschauer, nur auf  Abstand? Mir jedenfalls geht es so: Je näher die Passion Jesu rückt, umso deutlich spüre ich: Da bin ich nicht direkt dabei. Das ist nicht mein Weg und ich kann ihn auch nicht mitgehen. Ich bin auf Abstand, Distanz. Zuschauer, aber deshalb noch lange nicht unbeteiligt.

56 Da sah ihn eine Magd am Feuer sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm. 57 Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht.

             Die Worte einer Frau, einer Magd genügen, um ihn ins Schleudern zu bringen. Sie ist auf der Rangskala der Beachtung nicht oben, sondern eher unten. Aber sie sieht ihn an und erkennt ihn. So schön es ist, ein angesehener Mensch zu sein – hier ist es nicht schön. Hier ist es lebensgefährlich. Zu diesem Verhafteten zu gehören und sich zu ihm zu stellen – das bringt einen selbst in Gefahr.

58 Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. Petrus aber sprach: Mensch, ich bin’s nicht. 59 Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist ein Galiläer. 60 Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst.

Petrus riskiert mit seinem Platz am Feuer seine Entdeckung als Sympathisant Jesu, riskiert peinliches Verhör und erlebt es nun. Er wird gestellt. Und müsste sich jetzt stellen. Woran ist Petrus erkannt worden? An der Sprache, an der Kleidung? Woran auch immer, er wird erkannt: Du bist auch einer von denen.  Er aber sagt nein. Und eine Stunde später – als bekäme Petrus Bedenkzeit eingeräumt –  noch einmal: Ich weiß nicht, wovon du sprichst.

             Es gibt eine leichtfertige Rede und ein leichtfertiges Urteilen über die Verleugnung des Petrus. Aber ich mahne mich selbst zur Vorsicht. Kann man es ihm ernsthaft vorwerfen, dass er sich zu schützen versucht, dass er sich dumm stellt, unwissend und mauert. Er folgt doch nur dem Selbsterhaltungstrieb. Er folgt doch nur einer Logik, die wir alle tief in uns tragen, die uns lehrt, das eigene Leben nicht unnötig in Gefahr zu bringen.

Worum handelt es sich eigentlich bei dieser Verleugnung? „Um einen in einer Krisensituation rasch gefassten Entscheid, um einen Reflex des Selbstschutzes, der eher durch Panik ausgelöst wird als aus Berechnung erfolgt, um einen Entscheid, der vielmehr aus einem Impuls als aus einer reiflichen Überlegung heraus gefällt wird, die darin besteht, eine Person „fallenzulassen“ zu der er oder sie bis dahin „gestanden ist“. Ein solcher plötzlicher Wechsel, für den die verlassene Person nicht verantwortlich ist, ist für alle moralisch anstößig. Aus der Distanz und für die Zuschauer und Zuschauerinnen wirkt er als Feigheit, Egoismus, Ungerechtigkeit und Undankbarkeit.“ (F. Bovon, aaO. S. 354) So urteilt der Exeget Und ich möchte ihm zustimmen – bis auf das eine Urteil, das sei moralisch anstößig. Als ob die Moral jemals wirklich das Sagen gehabt hätte. Als ob nicht unsere Lebensentscheidungen völlig moralfrei vom Selbsterhaltungstrieb gesteuert würden. Ich glaube eher, was Brecht sagt: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ (Brecht, Dreigroschenoper 1928)     

             Und – Petrus sagt ja auch – obschon verleugnend –  die Wahrheit! „Ich kenne ihn nicht.“ Er hat Recht. Er weiß es bis zu dieser Stunde nicht, wer Jesus wirklich ist. Er versteht seinen Weg nicht. Er ist drei Jahre mit ihm gegangen, aber immer wieder an ihm gescheitert. Er ist zusammen mit den anderen Jüngern mit Jesus unterwegs gewesen, aber er hat bis hierher nicht verstehen können, warum Jesus diesen Weg auf sich nimmt.

Wenn es denn überhaupt so etwas gibt wie Jesus verstehen, Jesus kennen. Je älter ich werde, umso mehr habe ich den Eindruck: Ich kenne ihn nicht. Alle unsere theologischen Reflexionen, alle christologische Formeln sind nur Ausdruck einer großen Verlegenheit. Wir sind beredeter als es ein Petrus war, aber wir sind mit unserem Verstehen trotz 2000 Jahren Dauer-Reflexion nicht weiter. Wir haben nur schönere Formeln für unser Nicht-Verstehen gefunden.

            Also: Kein Vorwurf an Petrus. „Es ist aber nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.“ (12,2) hatte Jesus gesagt. Die Verbindung zu ihm ist keine Geheimsache. Sie lässt sich verleugnen, aber sie kommt zu Tage. Aber- und darin liegt ein letzter Ernst – wer sie verleugnet, der verleugnet damit seine Zugehörigkeit zu Jesus. Die Kehrseite ist ja auch von Jesus benannt: „Wer mich bekennt vor den Menschen, den wird auch der Menschensohn bekennen vor den Engeln Gottes. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, der wird verleugnet werden vor den Engeln Gottes.“ (12, 8-9)

                   Es steht für Petrus viel, ja alles auf dem Spiel dort in diesem Hof im Palast des Hohenpriesters. Er ist dabei, die Gemeinschaft mit Jesus zu verlieren und damit sich selbst. Denn wenn er seinen Herrn verleugnet, dann streicht er die drei Jahre seiner Nachfolge durch und sagt sich los von diesem Weg. Seine Hoffnungen, seinem neuen Leben. Sein Leugnen bewirkt:Er ist nicht mehr Petrus, er ist nur noch Simon, der sich auf einen seltsamen Weg verlaufen hat.

Wir stehen nicht in der Gefahr, als Christen, als Sympathisanten des Jesus von Nazareth in Lebensgefahr zu geraten. Wir werden um der Verbindung zu ihm willen nicht angefeindet, wir werden nicht vor den Kadi geschleppt. Wir müssen nicht mit Freiheit und Leben für unseren Glauben bezahlen. Warum also fällt es uns, mich inbegriffen, so schwer, uns zu outen als Christen, in unserer freien Gesellschaft zu bekennen: Ja, ich gehöre zu Jesus. Nicht in Deckung und bedeckt zu bleiben. Ist wirklich das spöttische Lächeln der Ironie über unzeitgemäße Frömmigkeit so zu fürchten wie die nächtlichen Attacken am Hoffeuer im Palast des Hohenpriesters?

 Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn. 61 Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62 Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.

                Alsbald, im gleichen Augenblick. παραχρμα  Diese so unauffälligen „Ausdrücke der Eile bezeichnen oft einen göttlichen Eingriff oder die Verwirklichung eines von der Vorsehung bestimmten Planes.“ (F. Bovon, aaO. S. 352)  In die Worte des Petrus hinein oder als wären diese Worte sein Stichwort: Der Hahn kräht. Das ist an einem Morgen nichts Ungewöhnliches. Hähne begrüßen mit ihrem Krähen den kommenden Tag, das neue Licht. Aber dieses Krähen wird zum Zeichen für Petrus. Denn jetzt wird er noch einmal angesehen – nicht mehr mit dem Blick der möglichen Ankläger, nicht mehr mit dem Blick derer, die ihn verhaften könnten. Der Herr wendet sich um und sieht ihn an. Er wendet sich ihm zu – der Angeklagte Jesus ist nicht mit seinen eigenen Sachen beschäftigt. Er wendet sich seinem Jünger zu. Ihm, der sich eben von ihm losgesagt hat. Jesus sagt kein Wort. Aber sein Wort ist sofort wieder da, im Gedächtnis des Petrus, im Herzen des Petrus.

Das ist das Evangelium in dieser Szene: Jesus sieht Petrus an und sein Ansehen führt ihn zur Erkenntnis der Wahrheit – über sich selbst. Aber Jesus hält ihn in diesem Blick auch fest. Er lässt ihn nicht fallen. Er bleibt sein Herr und seine Zuwendung ist für Petrus Leben.   Leben, das ihm die Tränen über sich selbst nicht erspart, das Dunkel der Scham nicht erspart, die Schritte in die Nacht nicht erspart.

Dreimal wird Petrus gestellt. Dreimal wird Petrus angesehen, gerät in den Blick. Und dreimal sagt er sich los. Warum haben die ersten Christen diese Geschichte erzählt? Warum hat man dem Führer der Gemeinde nicht erspart, dass alle um diese „dunklen Flecken“ seines Lebens wissen? In der Diskussion innerhalb der ersten Christenheit, ob es eine zweite Umkehr gibt, ob Raum zur Buße für die da ist, die gefallen sind, sagt das Beispiel des Petrus: Unter dem Blick des Herrn ist Umkehr möglich. Sein Blick eröffnet diese Möglichkeit. Und Petrus hat sie ergriffen.

 

Jesus, wenn der Hahn kräht, werden dann auch meine Tränen fließen? Wenn der Hahn kräht, werde ich sehen und tief in meinem Herzen wissen, wo ich von Dir auf Abstand gegangen bin, wo ich geschwiegen habe, als ich hätte sagen müssen: Ja – mein Heiland. Wo ich geleugnet habe, dass ich zu Dir gehöre, wo ich die Liebe verraten habe, mit der ich geliebt bin.

Wenn der Hahn kräht, dann bleibt mir nichts mehr, als dem Blick der Liebe standzuhalten und zu sehen, wie Du mich ansiehst, meine Feigheit, meine Angst, meine Armseligkeit

Wenn der Hahn kräht, bleibt mir nur noch die Hoffnung, dass ich dann immer noch sehe, glaube: In diesem Blick, der meine Blöße sieht und mich meine Blöße sehen lässt, liegt die Liebe, die mich nicht lässt. Deine Liebe, mein Herr. Amen