Das Fest der Verschonung – erneut

Lukas 22, 7 – 23

7 Es kam nun der Tag der Ungesäuerten Brote, an dem man das Passalamm opfern musste. 8 Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Geht hin und bereitet uns das Passalamm, damit wir’s essen.

               Der Tag des Passahmahls ist da. Die Stunde ist gekommen. Es ist Zeit zum Opfern des Passahlammes. Und Jesus weiß darum, dass sich jetzt die Zeit erfüllt. Es ist kein passiv erlittenes Geschick, das anhebt, sich zu vollziehen, sondern er, Jesus, ist es, „der die Initiative ergreift, seine Jünger in die Stadt zu schicken.“ (F. Bovon, EKK III/4, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 19,28 – 24,53, Neukirchen 2009, S.222) Während seine Gegner  sich vorbereiten, sich beraten, sich Unterstützung suchen, trifft Jesus seine Vorbereitung, schickt er Petrus und Johannes aus, um das Passahmahl vorzubereiten. Es sind die zukünftigen Sprecher der Kirche in Jerusalem. Als wollte Lukas zeigen: “Apostolische Autorität wird in den einfachsten Aufgaben ausgeübt.“ (F. Bovon, aaO. S.226)

            Was für  ein Kontrast: Jesu  Gegner sind mit Gewaltaktion befasst, er ist mit der Feier des Passahs, des Lebensgrundes Israels beschäftigt. Seine Gegner machen Politik, er feiert den verschonenden Gott.

9 Sie aber fragten ihn: Wo willst du, dass wir’s bereiten? 10 Er sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr hineinkommt in die Stadt, wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Wasserkrug; folgt ihm in das Haus, in das er hineingeht, 11 und sagt zu dem Hausherrn: Der Meister lässt dir sagen: Wo ist der Raum, in dem ich das Passalamm essen kann mit meinen Jüngern? 12 Und er wird euch einen großen Saal zeigen, der mit Polstern versehen ist; dort bereitet es. 13 Sie gingen hin und fanden’s, wie er ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Passalamm.

Die beiden Jünger fragen nach dem „Wie“ des Auftrages. Nach dem Ort, den sie aussuchen sollen. Nach dem Raum, der ihnen für diesen Abend Herberge sein wird. Es wird wie so häufig kein Zufall in der Wortwahl des Lukas sein: Jesus, der dort zur Welt kommt, wo kein Raum in der Herbergeκατλυμα – ist, der weiß jetzt, dass da ein Raum – wieder κατλυμα  – sein wird für ihn und seine Jünger. Und fordert ihn regelrecht ein. „Die Frage, die an den Hausbesitzer zu richten sein wird, ist kein zögerndes Ersuchen. Dem Meister des Hauses wird nichts anderes übrig bleiben, als sich den Forderungen des anderen Meisters zu beugen.“(F. Bovon, aaO. S.227) Alles wird seinen Gang gehen, wie es Jesus voraus weiß und sieht.

                 „Kommt, es ist alles bereitet“ – dieser Satz aus der Abendmahls-Liturgie hat hier seine sachlichen Ursprung. Seine Jünger müssen nichts vorbereiten, nichts selbst erfinden – es ist schon alles bereitet. Der Raum ist ausgesucht – sie müssen ihn nur noch fertig ausrüsten für das Festmahl. Sie müssen das Lamm und die Bitterkräuter, das Brot und den Wein besorgen. Alles andere ist längst vorbereitet. Sie gehen einen Weg, der nicht von ihnen bestimmt wird, sondern der seit Ewigkeit bestimmt ist. Darum liegt über der ganzen Szene eine Atmosphäre der Unaufgeregtheit.

Im Epheserbrief heißt es: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ (2, 10) Wir treten mit dem, was wir tun in einen vorbereiteten Raum. Es ist, als seien alle Bauteile schon zugeschnitten und wir müssten sie nur noch zusammenfügen. So ist für die Jünger nur der Weg zu gehen, den Jesus sie gehen heißt. Und indem sie ihn gehen, erfahren sie, dass alles so ist, wie er es ihnen gesagt hat.

 14 Und als die Stunde kam, setzte er sich nieder und die Apostel mit ihm. 15 Und er sprach zu ihnen: Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide. 16 Denn ich sage euch, dass ich es nicht mehr essen werde, bis es erfüllt wird im Reich Gottes.

                        Das ist nur bei Lukas zu lesen: Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide. „Es ist eine Ausnahme in den Evangelien, dass Jesus seine tiefsten Bedürfnisse ausspricht. Er tut es hier unverhüllt.“ (F. Bovon, aaO. S.242) Die gemeinsame Feier des Passahs Israels bedeutet ihm die Erfüllung eines Herzenswunsches. Das wirft am letzten Abend noch einmal ein neues Licht auf die Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern. Das ist mehr als ein Lehrer-Schüler-Verhältnis. Das ist mehr als die symbolische Abbildung der endzeitlichen Sammlung des  Gottesvolkes. Das alles sind seine Jünger ihm ja auch – Repräsentanten des Israels, das er erwählt.

Aber sie sind auch Menschen, Männer, mit denen er seinen Weg geteilt hat. Er hat mit ihnen zusammen gesessen, ihnen zugehört, ihre Gesichter angesehen, ihre Träume wahr genommen, ihre Hoffnungen mit seinen Worten genährt. Er hat ihre Fragen beantwortet und manchmal ihr Unverständnis ausgehalten. Er hat mit ihnen gelacht und wohl auch mit ihnen geweint. Er hat mit ihnen am Feuer gesessen und gegessen und getrunken. Und all das, die Jahre der Wanderschaft stehen vor ihm, und er weiß ihr Ende in dieser Nacht. Und darum verlangt es ihn, jetzt noch einmal mit ihnen zusammen zu sein, zu essen, zu trinken, ihre Freundschaft zu spüren und sie seine Freundschaft spüren zu lassen. Es ist eine tiefe Menschlichkeit, die ihn so reden lässt.

Das ist ja eines der Geheimnisse auch des Abendmahls. Es verbindet Menschen. Es gibt Mahlfeiern, die ich nie vergessen werde – nicht nur in Tabgha oder Latroun, in Jerusalem oder in der Krypta des Petersdoms, mit Studierenden aus München auf den Bergen hoch über dem Inntal oder im Heidenheimer Münster (Heidenheim im Hahnenkamm in Mittelfranken), in der Schlitzer oder der Friedberger Stadtkirche, im großen Kreis oder in der kleinen Gruppe, mit Menschen, die mir unbekannt waren und geblieben sind und mit Menschen, die ich kannte und die mir so doch noch einmal näher kamen. Immer ist im Mahl eine Gemeinschaft gewesen, die von dieser Sehnsucht des Meister lebt: Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide.

Und jetzt nicht mehr. Jesus weiß, dass er kein weiteres Passah mehr auf Erden feiern wird. Erst in der Ewigkeit Gottes, im Reich Gottes wird er wieder zu Tisch sitzen und mit dem Volk Gottes essen und trinken und die Verschonung feiern, die der Kern des Passah ist. Es ist auch ein Wort der Sehnsucht Jesu über diese kommende Zeit hinweg. Jede unserer Mahlfeiern ist ein Vorgriff auf dieses kommende Mahl und ein Schritt auf dem Weg zur Erfüllung der Sehnsucht Jesu nach der neuen Feier des Mahles.

  17 Und er nahm den Kelch, dankte und sprach: Nehmt ihn und teilt ihn unter euch; 18 denn ich sage euch: Ich werde von nun an nicht trinken von dem Gewächs des Weinstocks, bis das Reich Gottes kommt.

„Die Übergabe des Bechers, über dem der Tischsegen gesprochen worden ist, bedeutet Übermittlung des Segens.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978. S.394) Wieder taucht Beides auf – das Geschenk der Gemeinschaft und der Hinweis auf die Zeit, die jetzt kommen wird und die für Jesus, nicht nur für die Jünger, eine Zeit des Wartens auf die Erfüllung sein wird. Es ist wie ein Hinweis des Lukas: Über jeder Mahlfeier wird diese Sehnsucht liegen: Komm, Herr Jesus, komm so, dass wir Dich sehen können mit unseren Augen, Dich anfassen können mit unseren Händen, Dich leibhaftig bei uns haben.

Es wird in der exegetischen Literatur viel darüber gerätselt, wie das liturgisch ist mit dem ersten Kelch, dem zweiten Kelch und… Die Überlegungen führen fast immer dazu, dass alles eingezeichnet wird in die Liturgie des Seder-Mahles. Wenn ich das lese – Jesu Wort über das Brot und den Wein und dann die nachfolgenden Worte – die lukanische Form der Einsetzungsworte – dann frage ich: Ist das nicht die sehr zarte Kennzeichnung dafür, dass hier etwas Neues entsteht? Aus dem Passah-Mahl wird das Abendmahl. Es ist eine sensible Wandlung. An die Stelle der Erinnerung an die große Heilstat Gottes in Ägypten tritt die Heilstat Gottes jetzt, in der Hingabe, der Selbsthingabe. Deshalb sind die folgenden Einsetzungsworte folgerichtig. Und es ist richtig: das ist der neue Bund. 

Zugleich: die Orientierung des Mahles liegt nicht in Richtung auf die Vergangenheit, sondern in die Zukunft hinein. Auf das kommende Reich hin. Man kann deshalb Abendmahl nicht „nur“ als Gedächtnismahl feiern, als eine Erinnerung an damals in Jerusalem. Wer es „sachgemäß“, also der Person und dem Weg Jesu entsprechend feiern will, der muss sich auf die Zukunft ausrichten lassen, auf das Reich Gottes, auf das ewige Freudenmahl. Das Abendmahl zieht uns nach vorne, über die engen Horizonte der Gegenwart hinaus, in das kommende Reich Gottes.

  19 Und er nahm das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. 20 Desgleichen auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird!

               Mein Leib – für euch. Mein Blut – für euch. Das ist Selbsthingabe. Das ist das Zentrum des Glaubens der Christen. Jesus schenkt sich hin, gibt sich hin – für uns. Er verschenkt sich an uns und gibt sich für uns. Es ist das Geheimnis des Glaubens, das ich nie fassen kann und von dem ich doch lebe. Es ist das Geschenk, das mich am Glauben hält, weil es mir angesichts des Todes zusagt: Ich bin für dich. Ich bin für euch. Und nichts und niemand kann daran etwas ändern.

Es ist eine in meinen Augen geistlose Theologie, die hier herum mäkelt, die sagt, dass dieses für euch als Sündenvergebung Menschen herab würdigt. Das Wort Sündenvergebung taucht hier ja auch gar nicht auf. Aber was gemeint ist, ist doch eine unbedingte, unbegründete, grundlose Hingabe, die Gemeinschaft begründet, die nie mehr zerstört werden kann. Durch nichts, was in meinem Leben gegen mich spricht. Durch nichts, was mich auf Distanz zu Christus  bringen will. Und genau das meint auch das Wort von der Vergebung der Sünden, das sich nur bei Matthäus in seiner Überlieferung der Einsetzungsworte findet: „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ (Matthäus 26,28) 

            Aber das ist ein Nebenschauplatz. Was wirklich wichtig ist: Der neue Bund wird hier begründet, jetzt, angesichts des Todes, in der Stunde, von der Jesus weiß, dass seine Zeit gekommen ist. Jetzt begründet er den Bund mit dem neuen Gottesvolk – für Zeit und Ewigkeit. Und in jedem Abendmahl gründen wir unser Leben in diesen Bund seiner Hingabe, die uns den Himmel erschließt und uns dem Himmel – heaven, nicht sky – öffnet. Und nichts und niemand kann ihn mehr zuschließen!

Zu meinem Gedächtnis- ες τν μν νμνησιν. Unser Wort „Anamnese“ steckt in dieser Formel. Erinnerung. Aber so wie es in der Anamnese nie nur um bloße Erinnerung geht, sondern um Ermöglichung vernünftiger, zukunftseröffnender Therapie, so geht es auch hier nicht um ein bloßes „Erinnerungsmahl“, sondern um Zukunft: „Die Jünger, die das Mahl halten und dabei ihren Herrn bekennen, repräsentieren das begonnene Heilswerk vor Gott und erflehen seine Vollendung.“ (W. Grundmann, aaO. S.398) Das Mahl, jedes Abendmahl ruft es Gott ins Gedächtnis: die Vollendung steht noch aus!

Wenn man so will – das Mahl, das wir feiern, übernimmt die Aufgabe, die beim Propheten so beschrieben ist:  O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!“ (Jesaja 62, 6-7) Abendmahl feiern ist also: Gott erinnern an das Ausstehen seiner Verheißungen und Erfüllungen.

21 Doch siehe, die Hand meines Verräters ist mit mir am Tisch. 22 Denn der Menschensohn geht zwar dahin, wie es beschlossen ist; doch weh dem Menschen, durch den er verraten wird! 23 Und sie fingen an, untereinander zu fragen, wer es wohl wäre unter ihnen, der das tun würde.

Als würde Lukas das unterstreichen wollen, dass die Welt noch nicht heil und geheilt, noch nicht gerettet ist, kommt die Erinnerung: Mit am Tisch sitzt der Verräter. Er hat seine Rolle in diesem Geschehen. Er muss mit seinem Tun dem Weg des Menschensohnes dienen. Das hebt seine Verantwortung für sein Tun nicht auf. Er wird schwer daran zu tragen haben – Lukas weiß: schwerer als dass er es ertragen könnte.

Kein Abendmahl lebt von der Heiligkeit derer, die es feiern. Auch dieses erste nicht. Es hat seine Kraft in ihm, in Jesus, in seiner Hingabe. Es ist gut, dass die Jünger anfangen zu fragen, wer es wohl wäre unter ihnen, weil es ja jeder sein könnte. Sie alle sind von der Art des Judas. Judas ist nicht das außerirdische Monster. Er ist einer von ihnen, in seiner Frömmigkeit, in seinem Vertrauen auf Jesus. Etwas von diesem Judas, der sich einen Jesus nach seinem Bild erträumt und deshalb den wirklichen Jesus preisgibt, steckt in jedem von ihnen – und wohl auch in jedem von uns, bis heute. Es ist die Frage, die uns in der Gemeinde Jesu bis heute nicht erspart bleibt, die wir uns nicht ersparen dürfen.

 

Jesus, Du feierst das Fest der Verschonung, das Fest des Anfangs, den Gott setzt und dem er treu bleibt.  Du hast Verlangen nach Deinem Fest mit Deinen Jüngerinnen und Jüngern durch alle Zeiten hinweg, in dem Du Dich schenkst, Deine Treue, Deine Liebe, Dein Ich bin für euch.

Jesus, ich danke Dir, dass wir in jedem Mahl gewiss sein dürfen: Du bist unter uns. Du gibst Dich uns. Du öffnest uns den Weg zum Fest ohne Ende. Amen

 

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