Augen, die die Angst durchschauen

Lukas 21, 20 – 28

 20 Wenn ihr aber sehen werdet, dass Jerusalem von einem Heer belagert wird, dann erkennt, dass seine Verwüstung nahe herbeigekommen ist. 21 Alsdann, wer in Judäa ist, der fliehe ins Gebirge, und wer in der Stadt ist, gehe hinaus, und wer auf dem Lande ist, komme nicht herein. 22 Denn das sind die Tage der Vergeltung, dass erfüllt werde alles, was geschrieben ist.

Hier ist deutlich die Belagerung Jerusalems im Jahr 70 im Blick. Dafür spricht die detaillierte Schilderung der Nöte und Vorgänge. Ob das auch gleich heißen muss, dass diese Worte nachträglich Jesus in den Mund gelegt werden, weiß ich nicht. Ich kann durchaus auch denken, dass ein wacher Beobachter der Zeit, der Jesus zweifellos gewesen ist,  sich ausmalen kann, was es heißen wird, wenn eine Stadt sich Rom in den Weg stellt oder gegen Rom aufständisch wird. Es geht in diesen Worten um Geschehen im Horizont der Geschichte

Was ich nicht richtig verstehe ist der Ausdruck Tage der Vergeltung und die Anspielung auf die Erfüllung alter Prophetien. Wofür wird da Vergeltung geübt – für den Unglauben der Jerusalemer, die Jesus nicht gewollt haben? Oder für den Aufstand gegen die Staatsmacht? Oder für das ganze aufrührerische Wesen, das sich nie einfügen konnte? Jerusalem, und ganz Israel galten ja in Rom immer als eine schwierige Provinz.

Es wird sich wiederholen, was zuvor schon an Jerusalem geschehen ist: „Da führte er gegen sie heran den König der Chaldäer und ließ ihre junge Mannschaft mit dem Schwert erschlagen im Hause ihres Heiligtums und verschonte weder die Jünglinge noch die Jungfrauen, weder die Alten noch die Greise; alle gab er sie in seine Hand. Und alle Geräte im Hause Gottes, große und kleine, die Schätze im Hause des HERRN und die Schätze des Königs und seiner Oberen, alles ließ er nach Babel führen. Und sie verbrannten das Haus Gottes und rissen die Mauer Jerusalems ein und alle ihre Burgtürme brannten sie mit Feuer aus, sodass alle ihre kostbaren Geräte zunichte wurden.“ (2. Chronik 36, 17-19) Das ist wohl das eigentlich Unheimliche: Dass Gott auch hier auf dem Plan ist, auch in diesem erneuten Untergang. Was kommt, ist Gericht.

Es gibt Zeiten, in denen nur noch Flucht angesagt ist. Es gibt Zeiten, in denen auch der heilige Ort Jerusalem keinen Schutz mehr bietet. Die Zeit der Belagerung ist so eine Zeit und Jerusalenm in der Belagerung ist so ein Ort.  Flucht wäre in solchen Zeiten dann so etwas wie eine Beugung unter das Gericht Gottes. Wer es fassen kann, der fasse es.

Mir gehen die Erzählungen durch den Kopf, Bilder, Geschichten, historische Fakten, die ich von der letzten Phase des zweiten Weltkrieges kenne. Da gab es auch die, die den heroischen Kampf bis zum Untergang proklamierten. Und es gab die anderen, die sahen, dass nur noch Flucht angesagt war. Und es gab hier und da Leute, die sagten: Wir ernten, was wir gesät haben. Jetzt sind die Tage der Vergeltung.

23 Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Denn es wird große Not auf Erden sein und Zorn über dies Volk kommen, 24 und sie werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und gefangen weggeführt unter alle Völker, und Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis die Zeiten der Heiden erfüllt sind.

Es ist keine unbeteiligte Sicht auf das, was geschehen wird. „Die Schwere des Gerichtes wird an dem Wehe über die Schwangeren und Stillenden sichtbar.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.383) Schmerz und Mitgefühl liegen in diesen Worten. Es sind ja fast immer die Frauen und Kinder, die Alten und Schwachen, die von den Kriegen besonders getroffen werden. Sie verlieren alles, auch die Heimat. Sie geraten in Not, in die Fremde.

Es gibt später eine Zeit, in der Juden das Betreten der Trümmer Jerusalems verboten worden ist. „Hadrian verbot nach dem Bar-Kochba-Aufstand Juden unter Androhung der Todesstrafe den Zutritt zur Stadt und benannte sie in (Colonia) Aelia Capitolina um, wobei Aelius Hadrians Mittelname war und Capitolina sich auf den römischen Kapitolhügel bezog, das Zentrum der Verehrung des römischen Hauptgottes Jupiter. Auf dem Tempelberg wurde denn auch ein Jupitertempel errichtet.“ (wikipedia, Artikel: Jerusalem) So wird ihre Stadt zertreten. Das ist die tiefste Demütigung Jerusalems. Es verliert seinen Namen. Es ist nicht mehr der Zufluchtsort der Rettung, sondern Rettung gibt es nur in der Flucht aus Jerusalem.

 25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

Neben die geschichtliche Katastrophe der Belagerung und Zerstörung Jerusalems werden die kosmischen Katastrophen gestellt – die Elemente geraten aus dem Gleichgewicht, die Erde löst sich auf. Die Gestirne verlieren ihre zuverlässige Bahn. Übrig bleibt Zukunft, die  nur noch Schrecken erwarten lässt. Für Hoffnung ist kein Raum mehr.

                Was auf der Erde geschieht, hat sein Gegenbild – oder muss man sagen: seine Entsprechung im Himmel, an den Himmelskörpern. Dabei ist der erneute Ausdruck Zeichen, σημει̃α, Hinweis darauf, dass hier nicht einfach Geschichte ihren Lauf nimmt. Es geht um ein Handeln Gottes. „Und ich will Wunderzeichen geben am Himmel und auf Erden: Blut, Feuer und Rauchdampf. Die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe denn der große und schreckliche Tag des HERRN kommt.“ (Joel 3, 3-4) Das versetzt die Völker ε̕ν α̕πορία, löst Aporien aus, das Gefühl des Ausgeliefert Seins. „Die Schöpfung als Ganzes gerät in Unordnung.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 237) So wird lähmende Furcht das bestimmende Merkmal für den Blick der Menschen. Sie sehen keinen Zukunft mehr, sondern nur noch Katastrophen.  Es macht sich ein Lebensgefühl breit und greift nach den Herzen, das keine Hoffnung mehr kennt.

Wieder ein Sprung in die Gegenwart. Die großen Katastrophenfilme unserer Tage – Apokalypse now, The day after tomorrow, Armageddon spielen genau diese Ängste vor dem Untergang durch – und sie beziehen das ein, dass es die „Naturgewalten“ sind, denen die Menschen hilflos und hoffnungslos ausgeliefert sind.

27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

                 Genau da hinein, in die Angst, in die Hoffnungslosigkeit wird der Menschensohn kommen. Diesmal nicht ohnmächtig, als Kind in der Krippe, ohne Macht, sondern dieses Mal kommt er in der Herrlichkeit des Himmels. „Damit ist endlich die Frage nach dem „Zeichen“ beantwortet. Das Zeichen ist er selbst.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, ebda.) Es ist die gemein-christliche Erwartung der Evangelisten, des Paulus, der Offenbarung des Johannes, die sich hier auch bei Lukas wieder findet. Mit diesen Bildern und diesen Aussagen wird der Schritt über den Horizont der Geschichte hinausgegangen. Unser Denken in den Kategorien der Immanenz wird aufgebrochen. Der Horizont wird ins Ewige geweitet

Das ist Erwartung über den „normalen Gang der Geschichte“ hinaus.Hinter allem Schrecken kommt es zur Erlösung. Das Ziel der Welt ist nicht ihr Untergang. Das Ziel Gottes mit seiner Welt ist Erlösung. Befreiung.  Leben in Fülle. Weil sie das wissen, können Christen ihr Haupt erheben, können sie über den Tag hinaus schauen, können sie der Zukunft entgegen sehen. Sie mag undurchdringlich sein, aber aus dieser Zukunft kommt der Erlöser. Dem darf man aufrecht entgegen schauen, weil er ja der ist, der Menschen nicht hinrichtet, sondern aufrichtet. Das haben seine Jünger ja gesehen, als er  die gekrümmte Frau aufrichtete: Als aber Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Frau, sei frei von deiner Krankheit! Und legte die Hände auf sie; und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott. (13, 12-13) Das ist die Zukunft, der wir entgegen gehen.

 

Jesus, Du weißt, wie viel Angst vor der Zukunft in den Herzen ist. Du weißt, wie oft sich diese Angst als nur zu berechtigt erwiesen hat. Weil wir so viel Gewalt sehen, weil die Geschichte so oft eine Spur von Blut und Krieg und Tränen ist, darum ist die Angst so stark

Verleihe Du uns Augen, die die Angst durchschauen können, die ihr ihre Macht streitig machen können, weil sie weiter sehen als nur bis zu dem, was uns ängstet.

Gib Du, dass wir Dich als den kommenden Erlöser glauben und Dich einmal so schauen werden von Angesicht zu Angesicht. Amen