In ihm leben sie alle

Lukas 20, 27 – 40

 27 Da traten zu ihm einige der Sadduzäer, die lehren, es gebe keine Auferstehung, und fragten ihn und sprachen: 28 Meister, Mose hat uns vorgeschrieben (5.Mose 25,5-6): »Wenn jemand stirbt, der eine Frau hat, aber keine Kinder, so soll sein Bruder sie zur Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen erwecken.«

Der Tempel als Ort der Diskussion – das setzt sich in der folgenden Szene fort. Diesmal sind es keine geschickten Denunzianten. Diesmal sind es die Skeptiker, die Aufgeklärten, die  Anti-Traditionalisten. Es sind die, die die Lust an der Debatte zum Selbstzweck erhoben haben und die nur die eigene Vernunft als Maßstab gelten lassen möchten. Die Sadduzäer sind keine Hinterwäldler. Sie sind erfolgreich, Aufsteiger in der Gesellschaft und allem religiösen Fanatismus abhold. „In ihrem Glauben stellen sie sich einen selten in die Geschichte eingreifenden Gott und voll verantwortliche Menschen vor.“ (F. Bovon, EKK III/4, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 19,28 – 24,53, Neukirchen 2009, S.111) Sie suchen gerne nach den logischen Schwachpunkten in den frommen Vorstellungen von Gott und der Welt.

Der Ansatzpunkt für ihr Fragen ist eine Bestimmung des mosaischen Gesetzes: „Wenn Brüder beieinander wohnen und einer stirbt ohne Söhne, so soll seine Witwe nicht die Frau eines Mannes aus einer andern Sippe werden, sondern ihr Schwager soll zu ihr gehen und sie zur Frau nehmen und mit ihr die Schwagerehe schließen. Und der erste Sohn, den sie gebiert, soll gelten als der Sohn seines verstorbenen Bruders, damit dessen Name nicht ausgetilgt werde aus Israel.“ (5. Mose 25, 5-6) Levirats-Ehe nennt man das und es geht um den Fortbestand der Sippe. Zu Seiten, in denen die Sippe das soziale Sicherheitsnetz war, hatte diese Bestimmung ihren Sinn.

Das ist die Regel, die die Sadduzäer im Blick haben. Um das Gespräch über diese Regel nicht nur als „intellektuellen Schulstreit“ (F. Bovon, aaO. S.112) führen zu müssen, fügen sie ein Beispiel an. So können sie sicher sein, dass auch die unbedarften Zuhörer des Gespräches verstehen, was verhandelt wird.

29 Nun waren sieben Brüder. Der erste nahm eine Frau und starb kinderlos. 30 Und der zweite nahm sie 31 und der dritte; desgleichen alle sieben, sie hinterließen keine Kinder und starben. 32 Zuletzt starb auch die Frau. 33 Nun in der Auferstehung: wessen Frau wird sie sein unter ihnen? Denn alle sieben haben sie zur Frau gehabt.

               Aber, was irgendwann einmal Sinn hatte, wirkt in anderen Zeiten wie ein seltsames Relikt. Und genauso wirkt ja auch diese durchaus künstliche und konstruierte Geschichte. Aus einer Regelung für die Erde wird in der Erzählung der Sadduzäer ein Problem für den Himmel. Ihre Geschichte folgt der Logik: Der Himmel ist die Abbildung der Erde, obwohl die Logik frommer Gemüter ja eher umgekehrt ist: Die Erde soll den Himmel abbilden.

Man muss nicht allzu viel Phantasie haben, um sie bei dieser Erzählung spöttisch lächeln zu sehen. Wie wird er sich jetzt aus der Affäre zu retten suchen – er, der doch so fest an die Auferstehung glaubt? Es ist ein Spiel, das gerne gespielt wird: Sich scheinbar auf die Welt des anderen einzulassen, um sie dabei ab adsurdum zu führen. Nach dem Motto: Kann der allmächtige Gott einen Stein machen, der so schwer ist, dass er ihn nicht heben kann? Diese Frage dient nur einem Zweck: die Allmacht Gottes, die ohnehin nicht geglaubt wird, als Unsinn erscheinen zu lassen.

So ist es auch mit der Frage der Sadduzäer nach der Auferstehung. Sie wissen schon vorher, dass sie das nicht glauben. Sie wollen nur eine Bestätigung ihrer Sicht. Was die Sadduzäer beabsichtigen in ihrer intellektuell blasierten Überlegenheit, ist eine Hoffnung lächerlich zu machen. Das ist unfair der Hoffnung gegenüber und noch unfairer den Menschen gegenüber, die an dieser Hoffnung hängen. Wer einem Menschen seine Hoffnung lächerlich macht, der ist böse.

Man darf Menschen ihre Hoffnungen nicht nehmen. Wer das tut, beschädigt sie in ihrer seelischen Gesundheit.  Darum habe ich oft ein zorniges Gefühl, wenn ich selbstsichere, kämpferische Atheisten erlebe, die mit lächelnder Überlegenheit anderen beweisen wollen, wie töricht ihr Glaube an Gott ist. Genauso betrübt es mich aber auch, selbstsichere Christen zu erleben, die überhaupt nicht fähig und willens sind, denen aufmerksam und zugewandt zuzuhen, die es mit Gott und dem Glauben schwer haben, die daran scheitern. Es stößt mich ab, weil und wenn ich empfinde, dass die Achtung vor dem Glauben des anderen fehlt. Und der letzte Grund für den Widerspruch Jesu gegen die Sadduzäer sehe ich genau darin: Er will ihnen nicht erlauben, Hoffnungen zu zerstören.

34 Und Jesus sprach zu ihnen: Die Kinder dieser Welt heiraten und lassen sich heiraten; 35 welche aber gewürdigt werden, jene Welt zu erlangen und die Auferstehung von den Toten, die werden weder heiraten noch sich heiraten lassen. 36 Denn sie können hinfort auch nicht sterben; denn sie sind den Engeln gleich und Gottes Kinder, weil sie Kinder der Auferstehung sind.

Es ist erstaunlich, wie geduldig Jesus sich auf dieses Spielchen einlässt. Es fehlt hier bei Lukas auch der harsche und kritische Satz an die Adresse der so spöttisch Überlegenen: „Ihr irrt, weil ihr weder die Schrift kennt noch die Kraft Gottes.“ (Matthäus 22,29 Er nimmt sie ernst und zerstört zugleich mit einem Satz ihre Gleichung. Die Wirklichkeit der Welt und die Wirklichkeit der Auferstehung sind kategorial verschieden. Zur Weltzeit gehört heiraten und sich heiraten lassen. Zur Weltzeit gehört auch sterben. Zur Wirklichkeit der Auferstehung gehört das nicht mehr. Es ist eine Wirklichkeit, in der unsere Regeln und Erfahrungen nicht mehr gelten – nicht die Ehe und nicht das Sterben.

Aber damit nicht genug. Jesus beschreibt nicht nur die Differenz. Er deutet auch die Wirklichkeit der Ewigkeit als ein neues Sein. Sie sind den Engeln gleich und Gottes Kinder, weil sie Kinder der Auferstehung sind. Das ist die große Wende: Ewigkeit ist ein neues Sein, auch im Blick auf jeden Einzelnen. σγγελος – engelsgleich. „Ohne mit den Engeln identisch zu werden (Gleichheit bedeutet nicht Identischsein) sind sie ihnen zumindest in zweierlei Beziehung gleich geworden: sie unterscheiden sich nicht mehr als Männer und Frauen und sie unterliegen nicht mehr den Schicksal des Todes.“ (F. Bovon, aaO. S.119) Sie sind Gottes Kinder, Söhne und Töchter Gottes – so wie er Sohn Gottes ist. Das ist für mich der Zielpunkt der Argumentation: Auferstehung macht uns teilhaftig an seinem Wesen, das er, Jesus Christus, von Ewigkeit her hat.

Hier geht es um das, was im Himmel sein wird. Mir scheint, dass Paulus gedanklich vorwegnimmt und herunter auf die Erde holt, in die Wirklichkeit der Zeit, was hier verhandelt wird, wenn er schreibt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.“ (Galater 3,28-29) Die Aufhebung der so unverbrüchlichen, ewigen Differenzen fängt in der Gegenwart, in der oft so kümmerlichen Gemeinde an!

Ob die Auskunft Jesu alle frommen Leute seiner Zeit befriedigt hat? Ob sie uns heute befriedigt? Es gibt nicht wenige fromme Leute, die sich die Ewigkeit Gottes als die Fortsetzung der Erde vorstellen, alle ethischen irdischen Ordnungsprinzipien inklusive – also Ehe, Oben und Unten, Befehl und Gehorsam, arm und reich. Aber die neue Welt Gottes wird nicht den Regeln der alten Welt folgen und ihnen Ewigkeitsdauer verleihen. „Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21, 5) Die Gleichung der Sadduzäer geht nicht auf.

37 Dass aber die Toten auferstehen, darauf hat auch Mose gedeutet beim Dornbusch, wo er den Herrn nennt Gott Abrahams und Gott Isaaks und Gott Jakobs (2.Mose 3,6). 38 Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn ihm leben sie alle.

               Damit nicht genug, geht Jesus noch Schritt um Schritt weiter. Es ist der Glaube Israels, der grundlegend ist, der seit Mose – der Autorität, die auch die Sadduzäer anerkennen – das Denken Israels leitet. Weil Mose es so gedeutet hat – man könnte auch durchaus übersetzen: „offenbart.“ Μηνύω heißt meistens schlicht „anzeigen“. Hier aber „drängt sich die im Griechischen auch mögliche Bedeutung „offenbaren“ auf.“ (F. Bovon, aaO. S.122) So beruft sich Jesus in seinem Antwort auf die Offenbarung des Mose und damit auf den, den die Sadduzäer als ihre alleinige Autorität anzuerkennen behaupten.

            Der Gottesname ist ein Hinweis auf die Auferstehung – denn der Name Gott Abrahams und Gott Isaaks und Gott Jakobs ist nicht fromme Erinnerung an die Erzväter, sondern er benennt die, die jetzt vor Gott und in ihm geborgen sind. Und dann, ins ganz Grundsätzliche erweitert: Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn ihm leben sie alle. Das ist die Vorstellung Jesu: die Verstorbenen sind nicht in der Scheol „geparkt“ oder „entsorgt“ – sie sind in Gott geborgen.

Es ist ein starkes Gottesbild: Gott schenkt das Leben, nicht nur für ein paar Jahre, nicht nur für die Zeit der Erde. Er schenkt das Leben, um es nie mehr los zu lassen. Es ist Gabe, die kein Ende hat, die auch durch den Tod hindurch nicht verloren geht. Der Schöpfer lässt sein Geschöpf nie mehr los. Der Gedanke Gottes, den er einmal in die Wirklichkeit gesetzt hat, geht nie mehr verloren. Er wird nur noch verwandelt, transformiert, so dass er auch in die neue Schöpfung „passt“. Fast könnte man, ein wenig spielerisch und ironisch sagen: Das ist die jesuanische Variante des Satzes von der Erhaltung der Materie. Oder, um es biblisch weniger anstößig zu sagen – Jesus setzt hier nur in Kraft, was er früher seinen Jüngern gesagt hat: „Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ (10,20)

 39 Da antworteten einige der Schriftgelehrten und sprachen: Meister, du hast recht geredet.

             Es ist ungewöhnlich und merk-würdig, aber hier stimmen ihm die Schriftgelehrten einmal zu. Sie fühlen sich von ihm vertreten. Was für ein seltenes Ereignis in der Erzählung des Evangeliums. Καλός  Schön gesprochen! Es ist gut, dass Jesus sich in dieser Auseinandersetzung auf unsere Seite schlägt, mögen sie denken. Es ist nur zu ahnen, wie sehr denen, die an der Schrift hängen, die  spöttische Haltung dieser Auferstehungsleugner zu schaffen gemacht hat. Und wie gut tut es, wenn einer sich nicht fürchtet, sondern auch argumentativ standhalten kann.

Das ist sicherlich ja auch die Sehnsucht der Christen in den Gemeinden gewesen – Argumente zu finden, mit denen man standhalten kann, die in der öffentlichen Diskussion nicht einfach der Lächerlichkeit preis gegeben werden können. Und es ist hier noch zu spüren, wie die Leugnung der Auferstehung an den Nerv des Glaubens rührt – und wie gut es ist, dass ihr Argumente aus der Mitte der Schrift, aus der Mitte des Gottesbildes entgegengestellt werden können.

40 Und sie wagten nicht mehr, ihn etwas zu fragen.

             Hat Jesus das Gespräch gewonnen? Hat er die Sadduzäer erfolgreich zum Schweigen gebracht? War das sein Ziel, dieses Gespräch zu gewinnen? Oder ist diese Kategorie – Sieg und Niederlage – nicht für Gespräche über den Glauben völlig ungeeignet? Die ihn jetzt nicht mehr zu fragen wagen, hören ja nicht auf, gegen ihn zu sein, Argumente zu sammeln, sich in ihrer Feindschaft zu formieren, zu suchen, wie sie ihn zum Schweigen bringen können.

Dieser Satz berührt sich – so denke ich – damit, dass oftmals nach den Wundern Jesu so etwas wie ein staunendes Schweigen entsteht, ein Fragen nach ihm, Irritation auch, ein Ahnen, dass es mit Worten jetzt nicht mehr getan ist. Es ist nicht sein Siegeswille im Streitgespräch, der das Verstummen bewirkt. Es ist die Autorität Jesu, die hier aufleuchtet  und die nach anderen Antworten als schnellen Worten verlangt.

Wäre die Antwort Jesu anders ausgefallen, wenn die Sadduzäer nicht als intellektuelle Spieler und Spötter aufgetreten wären? Wenn an ihrer Stelle einer gefragt hätte, aus der Betroffenheit der Trauer und dem Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen? So wie o viele fragen: Werde ich denn die wiedersehen, die ich lieb gehabt habe, die mich lieb gehabt  haben. Sind sie mit dem Tod unerreichbar geworden und dann auch für alle Zeit unerkennbar? Was ist das für eine Ewigkeit, in der ich nur noch auf mich selbst reduziert bin?

“Would you know my name if I saw you in heaven?
Would it be the same if I saw you in heaven?
I must be strong and carry on
‘Cause I know I don’t belong here in heaven
Would you hold my hand if I saw you in heaven?
Would you help me stand if I saw you in heaven?
I’ll find my way Through night and day
‘Cause I know I just can’t stay here in heaven.”                                                                           E. Clapton, Tears in Heaven 1992

             Was ich höre in den Worten Jesu und was mir auch hilft: Die Wirklichkeit Gottes jenseits der Welt, jenseits des Todes ist nicht einfach die Fortsetzung des Jetzt in eine Zeitlosigkeit hinein. Sie folgt anderen, eigenen Regeln. Darum ist die Sadduzäer-Frage unangemessen, in Inhalt und Tonfall. Darum gibt es aber auch auf die echte, existentielle Frage der trauernden keine Antwort. Höchstens die Antwort, die das eigene Herz erhofft. Der deshalb aber auch keine Objektivität eignet.

Was bleibt, ist die subjektive Hoffnung. Ich hoffe auf Bestehen und Wiedererkennen der Liebe und der Geliebten, auch durch den Tod hindurch. Aber, wenn es denn so sein wird, wird es doch völlig anders sein. Wie es die alten Mönche lehren: totaliter aliter.

 

Zwei Mönchen malten sich das Paradies in ihrer Phantasie in den glühendsten Farben aus und versprachen sich dann gegenseitig, dass der, welcher zuerst sterben würde, dem anderen im Traum erscheinen und ihm nur ein einziges Wort sagen solle. Entweder „taliter“ – es ist so, wie wir uns das vorgestellt haben, oder „aliter“ – es ist anders, als wir es uns vorgestellt haben. Nachdem der erste gestorben war, erschien er dem anderen im Traum, aber er sagt sogar zwei Worte: „Totaliter aliter!“ – Es ist vollkommen anders als in unserer Vorstellung!(Mittelalterliche Erzählung

 

Jesus, weil Du den Vater kennst, seinen Willen für das Leben, seine Schöpferkraft, seine Treue, darum sagst Du: In ihm leben sie alle. Darum gibst Du keinen verloren, darum glaubst Du für jeden, dass für ihn, für sie noch Zukunft ist, Zukunft über den Tod hinaus.

In ihm leben sie alle. Lass mich das glauben, wenn der Tod mich ratlos macht, wenn ich nicht mehr weiß, wie es weiter geht, wenn mit die Worte fehlen.

Lass es mich auch dann glauben, wenn ich mich nicht traue, es mitten in der Traurigkeit laut zu sagen. Amen