Fallensteller

Lukas 20, 20 – 26

 20 Und sie belauerten ihn und sandten Leute aus, die sich stellen sollten, als wären sie fromm; die sollten ihn fangen in seinen Worten, damit man ihn überantworten könnte der Obrigkeit und Gewalt des Statthalters.

               Wer solche Geschichten erzählt wie die von den rebellierenden Weingärtnern, muss sich nicht wundern, dass seine Loyalität befragt wird. Das klingt doch – trotz des Schlusses – sehr nach Sympathie mit denen, die ihr Recht auf einen eigenen Weg den jüdischen Obrigkeiten gegenüber behaupten. Und damit wird man zum Fall für die Sicherheitsbehörden. Fast versteckt kommen hier die Staatsorgane ins Spiel, die Obrigkeit und der Statthalter. Ihre Gesprächsversuche folgen dem „Wunsch, Jesus in Konflikt mit Pilatus zu bringen und ihn dadurch zu erledigen.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.226)

Es finden sich immer Menschen, die in solchen Situationen als Materialsammler unterwegs sind. Sie geben sich einen seriösen Anstrich, stellen sich , als wären sie fromm;  interessiert, aufgeschlossen, gesprächsbereit. Sie sind am Diskurs interessiert. Sie wollen Meinungen erkunden. Sie treten als religiöse Fachleute auf, als spirituell Interessierte, als ehrliche Suchende. Aber in Wahrheit suchen sie nach Beweismitteln, zitierfähigen Sätzen, Material als gerichtsverwendbare Beweise.

Heutzutage finden sich solche Leute gerne im großen Heer der Journalisten, Meinungsmacher, öffentlichen Kommentatoren. Sie treten auf in den sozialen Netzwerken und entfesseln gerne auch einmal einen Aufschrei der Betroffenheit. Sie sind weit entfernt, der Justiz Beweise zu liefern. Aber sie füttern das Tier “öffentliche Aufmerksamkeit” und den Pranger, an den alle kommen, die sich eine abweichende Meinung erlauben, die nicht so denken, wie es die politische Korrektheit einiger selbsternannten Moraljuroren verlangt.

Das Ergebnis ist aber dort wie hier gleich: es ist die Denunziation von Leuten, die nicht sagen, was sie nch dem Willen der Mächtigen sagen sollten. Und  diese Denunziation wird Folgen haben, weil sie gerne Worte verdreht, bis sie justiziabel und verwertbar sind in rechtlichen und pseudo-rechtlichen Prozessen.    

21 Und sie fragten ihn und sprachen: Meister, wir wissen, dass du aufrichtig redest und lehrst und achtest nicht das Ansehen der Menschen, sondern du lehrst den Weg Gottes recht.

               Ist es ein vergiftetes Lob? Ist es der Versuch, Jesus mit dem Lob zu unbedachten Äußerungen zu verleiten? Es ist ja – davon ist Lukas überzeugt – die Wahrheit: Jesus redet aufrecht und lehrt recht. Er redet niemand nach dem Mund und gibt keine Gefälligkeits-Sätze von sich. Er ist einzig und allein dem Weg Gottes verpflichtet. Wörtlich heißt das: Du lehrst in Wahrheit den Weg Gottes. Der „König der Wahrheit“ (Johannes 19,37) lehrt in Wahrheit, επ αληθείας. So gesehen sind die Worte dieser Leute eine wunderbare Zusammenfassung des Handelns Jesu. Darum verstehe ich die Frage: „Gibt es eine vollkommenere Definition von Jesu Sendung?“ (F. Bovon, EKK III/4, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 19,28 – 24,53, Neukirchen 2009, s. 98) 

             Gerade das aber macht die Worte auch so ernst: Man kann richtig sehen, was Jesus sagt und tut und doch auf Abstand bleiben. Man kann ihn als Lehrer schätzen und muss ihm doch nicht folgen. Gehe ich zu weit, wenn ich sage, dass sich hier zeigt: Rechtgläubigkeit ist kein Ersatz für die Nachfolge. Jesus als Lehrer zu verstehen und zu achten ist kein Ersatz dafür, ihm das eigene Leben anzuvertrauen.

22 Ist’s recht, dass wir dem Kaiser Steuern zahlen, oder nicht?

                   Nach dem langen Anlauf und der tiefen Verbeugung – captatio benevolentiae – kommen sie zur Sache: Wie sollen wir es mit den Steuern halten? Oder eigentlich: Wie hältst Du es mit der Steuer? Es ist eine Entscheidung, die der Einzelne treffen muss, weil das Gesetz nichts dazu sagt: Ist’s recht – darin wird nach dem Gesetz gefragt. Das aber schweigt.

Gerade weil es um eine Ermessensfrage geht, ist das Thema in Israel seinerzeit eine hoch brisante Streitfrage. Man hat die Wahl zwischen Steuerverweigerung, die politisch gefährlich ist und Steuerzahlung, die als Akt der Unterwerfung und Kollaboration gilt. Je nachdem Jesus antwortet – die eine Antwort macht ihn für die Obrigkeit zum  potentiell verdächtigen Aufrührer, die andere wird ihn von der Basis des Volkes, das die Römer und das Steuerzahlen an sie hasst, entfremden. Es ist also eine richtige Falle, die hier vor Jesus aufgebaut wird.

23 Er aber merkte ihre List und sprach zu ihnen: 24 Zeigt mir einen Silbergroschen! Wessen Bild und Aufschrift hat er? Sie sprachen: Des Kaisers. 25 Er aber sprach zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!

                   Jesus spürt die Falle. Er ist ja der Herzenskenner –  so hat Lukas ihn schon oft gezeigt. Und er hat – das mag im Hintergrund stehen – eine merkwürdige Freiheit in diesen irdischen Dingen. Das zeigt sich schon in seiner Aufforderung:  Zeigt mir einen Silbergroschen! Er selbst hat so etwas nicht – nur die Fragenden tragen offensichtlich das Geld des Kaisers mit sich herum. Und die Münze gibt deutlich Auskunft. Es sind kaiserliche Münzen aus der römischen Prägung. Steuern sind in römischer Münze zu entrichten – die Münze ist kaiserlich, also gehört sie auch dem Kaiser.

Das ist der erste Teil der Antwort. Mit dem zweiten Teil geht Jesus noch einen Schritt weiter: „Gebt Gott, was Gottes ist.“ Es ist alte Auslegung, hier an die Prägung des Menschen als „imago dei“ zu denken, als Ebenbild Gottes. „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (1. Mose 1,21) Wer das Bild Gottes ist, der gehört Gott und ist ihm sein Leben schuldig.

Auch daran lassen die alten Auslegungen keinen Zweifel: Dies, dass wir Bild Gottes sind, ist der schlechthin kritische Einspruch gegen alle Forderung des Staates, die sein Recht überschreitet, die einen Totalanspruch auf den Menschen erhebt. Wenn der Kaiser in Konkurrenz tritt zum Anspruch Gottes auf das Leben, dann gilt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29) So hat die Antwort Jesu die  Christen herausgefordert zu Klärungen und ihnen geholfen, die Grenze zu ziehen gegenüber allem staatlichen Machtanspruch. Es war und ist mühsam genug, diese Grenzziehung in jeder zeit neu mit Leben zu füllen.

In diesem Satz liegt auch begründet, dass dieses Gespräch nicht einfach nur vorführt, wie Jesus sich geschickt einer Falle entzieht. Sondern dass er sehr grundsätzlich klärt, wie wir mit den unterschiedlichen Loyalitäten umzugehen haben, die es im Leben gibt. Ja, der Staat hat ein Recht auf unsere Loyalität – deshalb zahlen wir Steuern, halten uns an die Gesetze, wählen du – beten für die Regierenden, die Obrigkeiten. Meine Sippe, mein Umfeld hat gleichfalls ein Recht auf meine Loyalität, deshalb bin ich – hoffentlich – zuverlässig, gehe mit der Wahrheit ordentlich um und greife fürsorglich mit an, wo es nötig ist. Und Gott hat Anspruch auf meine Loyalität. Ihm danke ich mein Leben, ihm danke ich meine Tage, meine Kraft, meine Hoffnung. Er ist Grund und Ziel. wenn ich die Loyalität ihm gegenüber aufkündige, so entziehe ich mir selbst meinen Lebensgrund. Darum:

Vater unser im Himmel, Dir gehört unser Leben. Wir loben Dich.                         Jesus Christ, unser Retter, Dir gehört unser Leben. Wir loben Dich.                  Heil´ger Geist, unser Tröster, Dir gehört unser Leben. Wir loben Dich.“                                      G. Röckle 1977, EGHN 558   

Das ist Bekenntnis, das bindet und gerade darin, in dieser Selbstbindung stabil werden lässt. Es ist Bekenntnis, dass die Freiheit allen totalitären Ansprüchen gegenüber begründet. Eindrucksvoll unter Beweis gestellt von Menschen wie den Geschwistern Scholl, Hellmuth Graf von Moltke, Elisabeth von Thadden, Paul Schneider und so vielen anderen, bis auf den Tag heute.

26 Und sie konnten ihn in seinen Worten nicht fangen vor dem Volk und wunderten sich über seine Antwort und schwiegen still.

                    Am Ende herrscht Schweigen. Es ist nicht gelungen, Jesus in seinen Worten zu fangen. Es wird sich auch später zeigen, im Prozess gegen ihn, dass das nicht gelingt. Die Zeugen sind nicht so, dass es reicht. Ihre Beweismittel haben keine Beweiskraft. Das Erstaunliche ist: Jesus redet sich nicht irgendwie heraus – er lehrt richtig über Gott. Er lehrt den Weg Gottes recht. Kein taktisches Zugeständnis – nur die Wahrheit Gottes ist sein Weg.

 

Jesus, Du bist der Mensch nach Gottes Willen. Du lebst seinen Willen, verkündigst seinen Willen, sagst seinen Willen. Das macht Dich frei gegenüber allen Ansprüchen, gegen alle Furcht, gegen alle Versuche, Dich zu vereinnahmen.

An Dir sehe ich, wie es um meine Freiheit und um meine Gefangenschaften steht. An Dir sehe ich, wie oft ich Kompromisse eingehe ohne wirklich überzeugt zu sein.

Hilf mir, die Einfalt des Herzens zu gewinnen, in der ich mich ganz Gott  lassen kann. Amen