Es ist gut, Gott zu loben

Lukas 19, 28 – 40

 28 Und als er das gesagt hatte, ging er voran und zog hinauf nach Jerusalem.

            Nur ein Übergangsvers? Oder jetzt doch die endgültige Eröffnung der letzten Wegetappe? Jesus geht voran, seine Jünger folgen, obwohl das nicht ausdrücklich gesagt wird.  Es geht hinauf über die Berge nach Jerusalem. Es gilt, den letzten Berg des Weges zu überwinden.

 29 Und es begab sich, als er nahe von Betfage und Betanien an den Berg kam, der Ölberg heißt, da sandte er zwei Jünger 30 und sprach: Geht hin in das Dorf, das vor uns liegt. Und wenn ihr hineinkommt, werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat; bindet es los und bringt’s her! 31 Und wenn euch jemand fragt: Warum bindet ihr es los?, dann sagt: Der Herr bedarf seiner.

Einmal mehr:  Κα γνετοund es begab sich. Wie zu Beginn der Geburtserzählung.  Was geschieht, folgt der „Regie“ des Himmels, nicht irgendwelchen Zufällgkeiten.

Vom Ölberg her wird er sich der Stadt nähern. Darum geht es jetzt an die Dörfer heran, die am Ölberg liegen – Betfage und Betanien. Wo Betfage genau zu suchen ist, ist unsicher.  Betanien liegt „östlich von Jerusalem an den östlichen Hängen des Ölbergs.“ (F. Bovon, EKK III/4, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 19,28 – 24,53, Neukirchen 2009, S.31)Wie schon so oft, sendet Jesus zwei seiner Jünger – diesmal nicht mit dem Auftrag, die Botschaft auszubreiten, sondern den Weg zu bereiten. Es ist sein geheimnisvolles Vorwissen, das ihnen den Weg zeigt. Das ist bei Lukas ein durchgehender Zug: Jesus kennt die Gedanken, kennt die Herzen und er kennt auch die Zukunft. Zumindest so, dass er mit ihr umgehen kann. Hier: Er weiß um das Reittier, den noch nie gerittenen Esel.

Er weiß es, weil er die Prophetie kennt: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ (Sacharja 9,9) Es mag sein, im Hintergrund spielt der Segen Jakobs für Juda eine Rolle: „Er wird seinen Esel an den Weinstock binden und seiner Eselin Füllen an die edle Rebe.“ (1.Mose 49,11)

Dieses Vorwissen verbindet sich mit einer lapidaren Begründung: Der Herr bedarf seiner. Das muss denen reichen, die nachfragen. Der Herr – das ist hier genauso hoheitlich zu verstehen, wie es in unseren Ohren klingt. Es ist aus dem Mund Jesu eine ziemlich seltene Selbstbezeichnung. Er redet von sich sonst so nicht. Aber hier, wohl, weil es nötig ist, weil er so in der Erfüllung der Prophetie in die Stadt kommen will.   

32 Und die er gesandt hatte, gingen hin und fanden’s, wie er ihnen gesagt hatte. 33 Als sie aber das Füllen losbanden, sprachen seine Herren zu ihnen: Warum bindet ihr das Füllen los? 34 Sie aber sprachen: Der Herr bedarf seiner.

                 Die Jünger gehorchen und es kommt alles so, wie es Jesus gesagt hat. Die ganze Szene entwickelt sich wie nach dem Drehbuch. So sollen wir es wohl auch lesen. Was jetzt geschieht, läuft nach einem vorgegeben Plan ab – der Autor dieses Planes ist Gott im Himmel. Es ist sein Wille, der hier geschieht – und das gilt nicht nur für das bereitgestellte Reittier, sondern für den Weg, der mit diesem Tag beginnt. Und weil das so ist, können die Fragen der Menschen den Ablauf auch nicht mehr aufhalten, sondern sie erhalten nur noch die Auskunft, die alles ins rechte Licht rückt:  Der Herr bedarf seiner. Auch der Esel muss dem Willen Gottes dienen. Und sein Besitzer lässt es geschehen, gibt sich mit der Jüngerantwort zufrieden.

35 Und sie brachten’s zu Jesus und warfen ihre Kleider auf das Füllen und setzten Jesus darauf. 36 Als er nun hinzog, breiteten sie ihre Kleider auf den Weg. 37 Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, 38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

Es ist ein Akt der Huldigung, den die Jünger hier vollziehen. Sie feiern ihn. Ob es eine Königshuldigung ist, wird dennoch hier nicht so ganz klar. Was dafür spricht ist die Tatsache, dass das Psalmzitat, das sie singen ausdrücklich um der König erweitert wird. Im Psalm 118 heißt es: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! (Psalm 118, 26) Dazu passt: „Die Jünger setzen Jesus auf das Reittier; dabei wird der gleiche Ausdruck πεβιβάζειν verwendet wie LXX (Septuaginta) 1. Könige 1,33 beim Zug Salomos zur Krönung.“ (W. Grundmann, aaO.; S.366)  Es ist eine symbolische Geste, die die Hoheit Jesu unterstreicht. Dennoch bleibe ich dabei: diese Huldigung hat keinen politischen Anstrich. Es ist keine politische Demonstration, die hier stattfindet.

Es ist, als würden sie eine Summe ziehen, als sie beginnen, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten. Ein Rückblick, der sie mit Staunen erfüllt. Ein Rückblick auf ihren Weg mit Jesus, der sie mit Dankbarkeit erfüllt. Ein Rückblick, auf dem sie sehen, was Gott Großes getan hat:

Lobe den HERRN, meine Seele,                                                                                            und was in mir ist, seinen heiligen Namen!                                                                   Lobe den HERRN, meine Seele,                                                                                            und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:                    Psalm 103, 1 – 2

Das will der Evangelist wohl, dass jetzt an mir als Leser die Bilder vorüberziehen, die großen Taten Gottes – das Töchterlein des Jairus, der Jüngling von Nain, der Knecht des Hauptmanns von Kapernaum, der geheilte Gerasener, der blind Gewesene an der Straße von Jericho, der in Ordnung gebrachte Zachäus…. Und weil diese Bilder vor Augen sind, können die Jünger nicht anders als die Güte Gottes zu loben. Und wie sollte ich in dieses Lob nicht mit einstimmen?

Diesmal sind es die Menschen, die das Lob anstimmen. Es ist sicher kein Zufall, dass das Lob der Menge hier an das Lob der Engel in der Geburts-Nacht erinnert:  Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (2,14)  und jetzt: Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! So ist es wohl auch gedacht – das Lob der Engel auf dem Hirtenfeld soll übergehen in das Lob der  Menschen auf den Straßen der Erde. Die Engel sind nur die Vorsänger gewesen – das Ziel ist, dass die Menschen  weiter singen und das Lob zum Himmel steigt.

Erst im zweiten Hinsehen bemerke ich: es ist nach Lukas nur die ganze Menge der Jünger, die das Lob anstimmt. Die dem Eselsreiter huldigt. Matthäus und Johannes erzählen anders. Da ist es das Volk (Matthäus 21,9; Johannes 12, 12), da sind es die Vielen – χλοι -die den Einzug in Jerusalem zu einem Ereignis der ganzen Stadt machen. Hier bei Lukas fällt das ganze Unternehmen bescheidener aus. Die Menge der Jünger – das sind mehr als die Zwölf, vielleicht sogar die „siebzig“(10,1), aber es ist nicht die Bevölkerung aus Jerusalem. Es kann sein, Lukas unterstellt, dass nur die Jünger wirklich wissen können, dass Jesus nicht aus eigener Macht, sondern im Namen des Herrn kommt. Nur aus ihrem Mund ist das Lob der großen Taten Gottes und die Huldigung an Jesus stimmig.

39 Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! 40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

               Es müssen harte Herzen, verstockte Gemüter sein, die sehen, was die Jünger gesehen haben und nicht mit-loben, mit-singen, sich mit freuen. Vielleicht aber ist den Pharisäern dieser Überschwang auch nur einfach peinlich. Weil sie diese überbordende Frömmigkeit völlig deplatziert finden. Das ist mir gut nachvollziehbar, weil ich diesen Pharisäer-Reflex an mir selbst kenne. Mein verhaltenes, zurückhaltendes und oft abwehrendes Reagieren auf eine fromme Sprache, die in meinen Augen das Maß vermissen lässt. Ich mag den Überschwang, den unkontrollierten Jubel nicht. Ob dahinter ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Emotionalität stehen mag, lasse ich einfach dahin gestellt sein. Ich muss die Pharisäer und mich nicht so analysieren.

Unabhängig von diesen Überlegungen ist es einmal mehr so, als würden sich Worte Jesu erfüllen Er hatte zu den Schriftgelehrten gesagt: „Ihr selbst seid nicht hineingegangen und habt auch denen gewehrt, die hineinwollten.“ (11, 51) Und hier sind es die Pharisäer, die nicht nur selbst nicht mit-loben wollen, sondern die auch das Lob der anderen zum Schweigen bringen wollen. Was für eine verrückte Situation: das Lob der großen Taten Gottes in Israel zum Schweigen bringen wollen – das ist nichts anderes als die Existenz Israels ans Ende zu bringen.

Darum auch die Antwort Jesu: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. Selbst der Trümmerhaufen des Tempels lobt Gott noch. Selbst die Steine, die durcheinander geworfen sind, sind noch Zeugnis von der Größe Gottes. Es kann sein, dass ein Prophetenwort hier mitschwingt: „Denn auch die Steine in der Mauer werden schreien, und die Sparren am Gebälk werden ihnen antworten.“ (Habakuk 2,11) Steine und Sparren bezeugen Gottes Wahrheit. Wie sollte diese Wahrheit Gottes, dieses Lob in Israel, aus dem Munde Israels, jemals zum Schweigen gebracht werden?

In meinen Augen ist das eine Korrektur  auch des harschen Schlussverses aus der Parabel, die unmittelbar vorher bei Lukas zu lesen ist. Selbst wenn die Steine gebrochen werden, selbst wenn die Bewohner der Stadt niedergehauen werden (19,27) – das Lob Gottes wird nicht zum Schweigen gebracht werden.

 

Jesus, König der Armen, Heil der Heillosen, Herr der Herrenlosen, Deine großen Taten zeigen die Güte Gottes, die Liebe, die sich tief nach unten beugt, den Frieden, der die Erde sucht.

Deine Hoheit ist einfach – ein paar Kleider, erfüllte Herzen, Augenblicke der Freude, das Glück Deiner Nähe .

Und wer Dich sieht, spürt, dass Gott gut ist und dass es gut tut Gott zu loben, Dich, Du Bild Gottes. Amen