Eine harte Erzählung

Lukas 19, 11 – 27

11 Als sie nun zuhörten, sagte er ein weiteres Gleichnis; denn er war nahe bei Jerusalem und sie meinten, das Reich Gottes werde sogleich offenbar werden.

                    Das klingt nach Gesprächen auf dem Weg. Jericho bleibt im Tal zurück. Jerusalem wird in den Blick genommen. Und mit jedem Schritt auf dem Weg steigen die Spannung und die Aufmerksamkeit. Deshalb hören „sie“ nun zu. Wer sind die „sie“? Die Jünger? Die Zwölf? Mitwandernde? Oder sind es die Christen, die zur Zeit des Lukas immer noch darauf warten: Jetzt! Jedenfalls, sie rechnen damit, dass jetzt Entscheidendes passieren wird:  Das Reich Gottes werde sogleich offenbar werden

Mir scheint, dass die Geschichte, die Jesus im Folgenden erzählt, auch einen Antwort auf diese Erwartung ist, auf das sogleich. Und zwar eine Antwort, die die Erwartung korrigiert. Die übersteigerte Erwartungen und Hoffnungen abwehrt. Daran liegt Lukas: „Im Lauf seines Evangeliums hat sich Lukas, der an das Reich Gottes glaubt, immer wieder gegen jede ungeordnete enthusiastische Erwartung eines bevorstehenden Einbruchs der letzten Dinge gewehrt.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S. 292) So sind die Worte Jesu eine Antwort, die die Erwartungsvollen befremden muss, so wie mich diese ganze Geschichte befremdet.

Ich habe nachgeschaut. Es gibt kaum eine Passage im Lukas-Evangelium, die in meiner Bibel so ohne Kommentar ist wie diese Geschichte.  Am Rand von V. 27 habe ich notiert: hart? – sonst nichts. Und es ist wahr: diese Parabel Jesu macht mich ratlos.   

12 Und er sprach: Ein Fürst zog in ein fernes Land, um ein Königtum zu erlangen und dann zurückzukommen. 13 Der ließ zehn seiner Knechte rufen und gab ihnen zehn Pfund und sprach zu ihnen: Handelt damit, bis ich wiederkomme! 14 Seine Bürger aber waren ihm Feind und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche.

                    Es ist eine Situation, wie sie die Zeitgenossen Jesu kennen. Die kleinen Fürsten müssen nach Rom, um sich ihr Fürstentum bestätigen zu lassen. So auch die jüdischen Könige und Herrscher. Vielleicht „knüpft die Erzählung hier an ein zeitgeschichtliches Ereignis an. Herodes Sohn Archelaus war nach Rom gereist, um dort die Anerkennung des Kaisers für sich als Nachfolger seines königlichen Vaters zu erreichen.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.215) Die Zeiten solcher Abwesenheit sind sensible Zeiten. Man muss sich auf seine Gefolgsleute verlassen können, um gegen böse Überraschungen gesichert zu sein. Mancher ist als König weggegangen und als er zurückkam, war sein Thron nicht mehr.  Und auch das war Erfahrung, dass es Teile der Bürgerschaften gab, die diese Bestätigungen zu unterlaufen suchten durch parallele Gesandtschaften nach Rom.

Aber man kann diese Sätze auch lesen als eine Deutung des Weges Jesu: er geht weg, in die Himmel, um die Herrschaft zur Rechten Gottes anzutreten. „Der noble Prinz, im Begriff zu gehen, ist kein anderer als Jesus, dessen Himmelfahrt den Zugang zur Königswürde kennzeichnen wird.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.293f.) In der Zwischenzeit sollen seine Jünger handeln. Sie sollen handeln in einer Welt, die seine Herrschaft nicht will. Das ist ja die Erfahrung der Christenheit. Ihre Botschaft vom in den Himmel aufgenommen Jesus Christus ist nicht überall erwünscht. Es gibt die Stimmen, die seine Herrschaft nicht wollen. Er aber hat seinen Jüngern seine Botschaft anvertraut, damit sie sie ausrichten.

15 Und es begab sich, als er wiederkam, nachdem er das Königtum erlangt hatte, da ließ er die Knechte rufen, denen er das Geld gegeben hatte, um zu erfahren, was ein jeder erhandelt hätte. 16 Da trat der erste herzu und sprach: Herr, dein Pfund hat zehn Pfund eingebracht. 17 Und er sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger Knecht; weil du im Geringsten treu gewesen bist, sollst du Macht haben über zehn Städte. 18 Der zweite kam auch und sprach: Herr, dein Pfund hat fünf Pfund erbracht. 19 Zu dem sprach er auch: Und du sollst über fünf Städte sein.

Es ist Tag der Rechenschaft, wenn der Fürst zurückkommt. Es ist Tag der Rechenschaft, wenn der Herr des Himmels wieder kommt. Das sehr irdische Bild ist durchsichtig auf das große Thema der Rechenschaft vor dem wiederkommenden Herrn, der dann nicht mehr in der Knechtsgestalt, sondern als der Herr aller Herren erscheint, der „kommen wird auf den Wolken des Himmels“(Matthäus 26,64). Und es mag durchaus sein, dass dieses Bild genau die zwiespältigen Gefühle auslöst, die ein wiederkommenden Herr auslöst, der nach dem fragt, was seine Leute mit seiner Habe gemacht haben.

Solange es gut geht, solange es erfolgreiche Arbeitsnachweise gibt, ist ja gar nichts zu sagen. Wer sich Mühe gegeben hat, muss sich nicht fürchten. Wer sich nichts vorzuwerfen hat, braucht sich keine Gedanken zu machen. „Ich habe nichts gegen Vorratsdaten-Speicherung – bei mir ist alles o.k.“ heißt das heutzutage. „Meinen PC kann jeder ausspionieren – da ist nichts Illegales.“  So sagt das gute Gewissen.

Aber warum berührt uns dieses Reden von dem kommenden Tag der Rechenschaft trotzdem merkwürdig? Liegt es daran, dass wir uns schwer damit tun, uns das vorzustellen: da wird nach Erfolg gefragt, Bilanz gezogen. Es gibt Lohn für gute Arbeit und weniger Lohn für weniger Ertrag. Da wird sehr genau hingeschaut, was der Einzelne aus seinen anvertrauten Gaben gemacht hat. Liegt es daran, dass wir das Bild der Rechenschaft allem Glaubensbekenntnis zum Trotz erfolgreich aus unserem Bild von Gott eliminiert haben? „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“ Jeden Sonntag sagen wir das und doch: Der richtende Gott  ist bei uns, bei mir auch, nicht mehr vorgesehen. Ist es das?

 20 Und der dritte kam und sprach: Herr, siehe, hier ist dein Pfund, das ich in einem Tuch verwahrt habe; 21 denn ich fürchtete mich vor dir, weil du ein harter Mann bist; du nimmst, was du nicht angelegt hast, und erntest, was du nicht gesät hast. 22 Er sprach zu ihm: Mit deinen eigenen Worten richte ich dich, du böser Knecht. Wusstest du, dass ich ein harter Mann bin, nehme, was ich nicht angelegt habe, und ernte, was ich nicht gesät habe: 23 warum hast du c dann mein Geld nicht zur Bank gebracht? Und wenn ich zurückgekommen wäre, hätte ich’s mit Zinsen eingefordert.

             Es lässt sich viel zur Verteidigung des dritten Knechtes sagen und es greift doch alles nicht. Er hat das Risiko gescheut. Er wollte nichts vertun. Er hat doch bewahrt, was ihm anvertraut war – mehr kann man nicht erwarten. Aber seine Worte richten ihn. „In einem gewissen Sinn hat jeder den Gott, den er verdient oder den er zu haben beschließt.“ (F. Bovon, aaO. S. 298) So ähnlich sagt es auch Luther: „Dein Glaube macht deinen Gott – glaubst du den Richter, so hast du den Richter, glaubst du den gnädigen Gott, so hat du seine Gnade.“ Weil er nur die Härte des Fürsten sieht, bekommt er sie zu spüren. Weil er sich verweigert hat, weil er das Vertrauen verweigert hat, hat er nicht mit dem anvertrauten Gut gehandelt, es nicht riskiert und es nicht vermehrt, vertieft.

             Es ist wohl so: wer den Glauben vergräbt, begräbt ihn. Nur wer aus Vertrauen handelt, erfährt, dass das Vertrauen trägt, dass er im Vertrauen für den eigenen Glauben Tiefe gewinnt. Nur wer sich Gott vertraut, erfährt, dass er auch in der Tiefe hält und dass die Härte Gottes in der Tiefe dennoch Liebe ist, die festhält.

Wenn ich das so bedenke, komme ich auf die merkwürdige Idee: Unser Glaube ist Gottes Gewinn. Unser Glaube ist das, was Gott sucht  als das Seine. Unser Glaube ist sein Ertrag, an dem er reich wird.

 24 Und er sprach zu denen, die dabeistanden: Nehmt das Pfund von ihm und gebt’s dem, der zehn Pfund hat. 25 Und sie sprachen zu ihm: Herr, er hat doch schon zehn Pfund. 26 Ich sage euch aber: Wer da hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat.

                Das unterscheidet Lukas – und auch die anderen Evangelisten von uns. Wir haben ein gebrochenes Verhältnis zum Lohn. Ob Glaube sich lohnt – darüber wollen wir nicht nachdenken. Lukas lässt Jesus sehr wohl so erzählen: Er belohnt den, der erfolgreich war. Das klingt nach dem ungeliebten kapitalistischen System: Wer viel hat, bekommt immer noch mehr.

Am Ende steht der Eine mit leeren Händen da und der Andere ist überhäuft mit Gutem. So geht es in der Welt zu. Und wir trauen es uns nicht, das zu sagen. Aber der Eine wandert von Glaubenserfahrung zu Glaubenserfahrung und der Andere erlebt nichts. Die Eine erlebt in jedem Gottesdienst, dass der ihr gut tut und der Andere denkt: wenn es doch nur schon vorbei wäre. Die Eine kann sich nicht satt hören an den Worten Gottes und die Andere hört nur altes, verstaubtes Zeug.

Die harte Wahrheit, die dahinter steht, verschweigen wir allzu oft. Wer nicht mit dem Wort Gottes lebt, umgeht, dem sagt es nichts. Wer es in ein Tuch weg packt, wer es im Buch Buchstaben sein lässt, wer es nicht anwendet, dem wird es nicht zum Trost. So werde ich gemahnt, mit dem Wort umzugehen, es zu gebrauchen, es in mein Leben hinein zu investieren und mein Leben in das Wort hinein

27 Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde, bringt her und macht sie vor mir nieder.

                   Da steht am Rand meiner Bibel: Hart. Was soll da auch sonst stehen? Ich hätte auch schreiben können: Ich will das nicht. Oder: fremd. Der kluge Kommentar nennt das einen „allegorischen Ausrutscher“ und fährt fort: Dieser Vers atmet in seiner Wortwahl und aufgrund der Weise, wie sich der christliche Triumphalismus seiner bediente, die Luft der Vergeltung und Unterdrückung.“ (F. Bovon, aaO. S. 299)

                        Ich frage vorsichtig: Kann es sein, dass sich hier wieder eine christliche Wertung des Untergangs Jerusalems im Jahr 70 zu Wort meldet, die diese Katastrophe der Verwerfung Christi anlastet? Auch wenn es so ist – einfacher macht es das nicht, das Wort stehen zu lassen.

 

 Jesus, Du hast uns viel anvertraut: Dein Wort, Deine Kraft, Deine Liebe. Du willst, dass wir sie leben, weitergeben, ausprobieren, ihre Kraft testen, erfahren  und im Leben bewähren.

Du weißt, wie oft wir kleinmütig beigeben, uns nicht trauen, Dir nicht trauen, Deine Gaben vergraben

Sieh uns Kleingläubige gnädig an. Verwirf uns nicht, auch wenn wir nur leere Hände haben und ein verzagtes Herz. Amen