Komm herunter

Lukas 19, 1 – 10

Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

            Der Weg Jesu geht durch das Jordantal und wird sich dann über die Berge hinauf nach Jerusalem wenden. Jetzt geht es durch die uralte Stadt Jericho. Eine Durchgangsstation, mehr nicht. Man kann den Eindruck haben: er ist fast schon durch die Stadt durch.

 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

             Aus allen Einwohnern Jerichos wird einer herausgegriffen: Zachäus. „Zachäus ist Oberzöllner; er dürfte also Generalpächter der Zölle von Jericho gewesen sein.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.359) Klein, reich, erfolgreich, unbeliebt. Zöllner und als solcher verhasst, weil er mit den Römern zusammen arbeitet und weil er den Menschen das Geld aus der Tasche nimmt. Zöllner – das ist ein anderer Ausdruck für Sünder, für raffgierig, für übergriffig. Einer, der sich alles leisten kann, aber keine Freunde hat, weil man sich keine Freunde kaufen kann. Einer, der in Jericho wohnt, aber irgendwie nicht dazu gehört.

Von ihm heißt es: Er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre. Das ist mehr als ein „es wäre nett.“ ζήτειν  ist „suchen“, „sich bemühen“, „wollen“, und eben „begehren“. Es ist Leidenschaft und nicht Gleichgültigkeit. Es steckt schon etwas von  Hingabe in diesem Wort. Zachäus liegt viel daran, Jesus zu sehen. Dabei geht es wohl um mehr als um die Frage: Wie sieht der aus? Es geht um die Frage: Wer ist der? Τίς εστιν. Das ist nach der Meinung des Evangelisten die zentrale Frage – und sie wird ja wieder und wieder im Evangelium gestellt.

Um diese Frage beantwortet zu bekommen, macht sich Zachäus auf den Weg, läuft durch die Stadt, steigt auf einen Baum. Er droht mit seinem Ansinnen zu scheitern – an der Mengen, die ihn hindert. Vielleicht nicht nur, weil er zu klein ist. „Sein Verlangen, Jesus zu sehen,  ist aber größer als der ihm entgegengesetzte Widerstand.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S.213 ) Er lässt sich seine Sehnsucht nach einer Antwort Mühe kosten.  Er scheut auch nicht das Kopfschütteln der Menge über sein seltsames Verhalten.

  5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

            Das Begehren des Zachäus ist das eine, das Sehen Jesu das andere. Die Leidenschaft des Zachäus wäre ins Leere gelaufen, wenn Jesus nicht stehen geblieben wäre, nicht von all denen am Straßenrand, von der Menge weg geschaut hätte, hin zu ihm, dem Mann im Baum. Das ist sein Glück, dass Jesus aufschaut und ihn sieht. Darum kann er herunter kommen vom hohen Baum und ihn aufnehmen. Er kann seine Such-Höhe verlassen, weil er gesehen, gefunden worden ist.

Welche schwindelerregenden Höhen ersteigen wir mit unserem suchenden Geist, um das Geheimnis der Welt zu begreifen, um dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen, um Gott zu erkennen. Wie hoch schwingt sich unser Geist oft auf, um den Überblick, den Durchblick zu gewinnen. Wie viele Mühe machen wir uns – gedanklich, diskutierend, suchend, fragend, zweifelnd – und alles wird davon überholt, dass Jesus da steht und sagt: Ich habe dich gesehen. Ich will zu dir kommen.

Es ist das göttliche „muss“ – δεϊ, das der Geschichte die Wende gibt. Es ist Gottes Notwendigkeit, bei Zachäus einzukehren. Nicht ich will – ich muss. Damit deine Sehnsucht erfüllt wird, muss ich zu dir kommen, in dein Haus, in dein Leben. Mehr sagt Jesus hier nicht – muss er wohl auch nicht. Denn sein Stehen-Bleiben, Sehen und diesen Menschen vom Baum herunter holen – damit ist genug gesagt.

             Die Zuwendung Jesu bei Zachäus löst Freude aus. Ist doch sein Wunsch, der ihn so auf den Baum hat steigen lassen, überraschend erfüllt. „Die Gegenwart Gottes kann das menschliche Herz nur erfreuen.“ (F. Bovon, EKK III/3, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 15,1 – 19,27, Neukirchen 2001, S.275) 

 7 Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

             Die Menge dagegen ist irritiert. „Wäre er eine Prophet…“ (7,39) dann wüsste er, wer das ist. Halten sie Jesus sein Unwissen zugute? Oder sehen sie ihn  wieder einmal provokativ auf Abwegen? Man kennt das ja von ihm – er brüskiert gerne. Jedenfalls: Die Menge ist nicht erfreut darüber, dass sie dastehen lässt und er sich „diesem da“ zuwendet. „Sage mir, mit wem du dich einlässt und ich sage dir, wer du bist.“ Solche Sätze waren wohl auch damals schon im Repertoire vieler vorhanden. Was für ein Kontrast – die murrende Menge und der Zachäus voller Freude.

Es ist wie eine Warnung an alle späteren LeserInnen und Hörer dieser Geschichte: Sieh zu, wo Du bei den Wegen Jesu bist – ob Du über seine Wege zu den Verlorenen murrst oder ob Du dich freust, dass er die sucht, die sonst keiner mehr sucht. Weißt Du, ob Du nicht auch einmal zu den Verlorenen gehörst?

 8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.

                    Das ist der Gegensatz zum diffusen Murren und Gemurmel. Zachäus spricht Klartext, legt sich fest. Es sind Worte, die ihn viel kosten werden. Wenn er wahr macht, was er hier sagt, dann ist es vorbei mit dem hemmungslosen Reichtum. Dann muss Frau Zachäus in Zukunft rechnen lernen und kann nicht mehr mit vollen Händen ausgeben und konsumieren. Es ist ein gigantisches Wiedergutmachungs-Programm, das Zachäus sich vornimmt. Zugleich ist es ein Umgehen mit dem schnöden Mammon, das dem Rat des Herrn folgt, den er schon früher gegeben hat: „Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“ (16, 8 – 9)

Ausgelöst aber wird dieser Wandel in der Haltung zum Geld nicht durch eine Ansprache Jesu, nicht durch einen Appell Jesu, nicht durch eine Gardinenpredigt – sondern ausgelöst ist er durch die Begegnung. „Es ist die Begegnung mit Jesus, die den ethischen Entscheid in dem verwandelten Zachäus bewirkte.“ (F. Bovon, ebda.) Ausgelöst dadurch, dass Zachäus beim Namen gerufen wird und angesehen. Er ist gewürdigt, Gastgeber Jesu zu sein, ihn aufzunehmen in sein Haus, sein Leben – wie sollte ihn das nicht verändern.

Das Wort Jesu stellt dann nur noch fest, was da im Verborgen geschehen ist. Zachäus ist seiner Würde wieder ansichtig geworden. Was er vielleicht Zeit seines Lebens nie als seine Würde erkannt hatte, dass er „Abrahams Sohn“ ist, dass er zum Volk Gottes gezählt ist, dass die Verheißung auch auf ihm liegt: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1. Mose 12, 3) das wird ihm jetzt zugesprochen und als der tragende Grund seines Lebens sichtbar gemacht. Und im Hingeben seines Geldes wird dieser Segen handgreiflich.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Der Schluss-Satz hebt das ganze Geschehen über den Einzelfall hinaus. Er hat geradezu den Charakter einer „Quintessenz des gesamten Evangeliums.“ (F. Bovon, aaO. s.277)  Es ist also nicht nur eine schöne Episode, die sich hier in Jericho abspielt. Zachäus ist nicht nur einer, der Glück gehabt hat. Sondern das ist grundsätzlich – und Gott gewollt – der Weg des Menschensohnes, dass er sucht, um zu finden, dass er der Sehnsucht der Menschen begegnet mit seinem Suchen, dass er sich nicht abfindet mit dem verrannten Leben, sondern den Heimweg der Verlorenen will. Darum sucht er sie heim. Gott sei Dank.

 

Komm herunter! sagst Du, Jesus. Du willst mich herausholen aus meinem nach oben Wollen, dem Kampf um die besten Plätze, dem Suchen nach Ehrenzeichen, dem Jagen nach Anerkennung

Du willst mir Mut machen auf den Boden zu kommen, mich aufrichten, wo ich zu Boden gegangen bin, hart auf dem Boden der Tatsachen gelandet bin.

Komm herunter sagst Du, Jesus, zu mir. Komm herunter, wenn du bei mir sein willst. Ich bin unten, im Schmerz, im Leid, in der Trauer, in der Enttäuschung über dich selbst.

Unten, da bist Du mir ganz nah, komme ich Dir nah. Wo ich mich das traue, so nach unten, bricht die Freude sich Bahn, in der Tiefe Deiner Nähe. Amen