Ein Jubeljahr

  1. Mose 25, 1 – 13

1 Und der Herr sprach zu Mose auf dem Berge Sinai:

             Es ist auffällig: diesmal wird der Ort des Redens Gottes mit Mose  anders angegeben. Nicht mehr die Stiftshütte, sondern auf dem Berg Sinai. Mir scheint, dass diese Ortsangabe dem nachfolgenden Text ein besonderes Gewicht gibt, wird er doch so in die Nähe des Bundesschlußes am Sinai gerückt. Das gilt auch dann noch, wenn man statt auf dem Berg Sinai „im Gebirge Sinai“ liest. Mich überzeugt der Versuch nicht, aus dieser Leseweise abzuleiten: „Mose empfängt also das Gesetz über das Sabbatjahr nicht auf der Spitze des Berges, sondern in der Stiftshütte, die am Fuß des Sinaimassives steht.“ (G. Maier, Das Dritte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT, AT2; Wuppertal 1994, S,424)  So gelesen ginge es nur um korrekte Lokalisierung. Das ist mir zu wenig.

  2 Rede mit den Israeliten und sprich zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch geben werde, so soll das Land dem Herrn einen Sabbat feiern. 3 Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre deinen Weinberg beschneiden und die Früchte einsammeln, 4 aber im siebenten Jahr soll das Land dem Herrn einen feierlichen Sabbat halten; da sollst du dein Feld nicht besäen noch deinen Weinberg beschneiden.

             Es ist eine Art „Grundsatzerklärung“, eingekleidet in eine Anrede an das Volk, an die Israeliten. Es geht um eine Ausweitung der Sabbat-Bestimmungen. Sie ist nicht mehr auf jeden siebten Tag beschränkt, sondern zielt weit darüber hinaus auf jedes siebte Jahr.

            Im Land, das ihnen verheißen ist und das gewissermaßen schon auf sie wartet, gilt eine weitreichende Regel: Das Land soll dem Herrn einen Sabbat feiern. Nicht widerwillig, nicht gezwungen, sondern es soll ein feierlicher Sabbat sein. „šabbat šabbaton, großer, feierlicher, heiliger Sabbat.“ (E.S. Gerstenberger, Das 3. Buch Mose Leviticus, ATD 6, Göttingen 1993, S. 342) Ein Fest für Gott und ein Fest für das Land.

             Es ist uraltes Wissen: Auch das Land braucht Ruhepausen. Nicht nur die Menschen, nicht nur das Vieh. Wer die Erde ausbeutet, ihr Wunden über Wunden schlägt, der zerstört die Grundlagen der eigenen Existenz. Die Ausdehnung der Sabbat-Regelung über den wöchentlichen Sabbat-Tag hinaus auf ein Sabbatjahr alle sieben Jahre liegt quer zu unseren Gedanken über Effektivität. Sie ist auch nicht nur ökologischer Vernunft geschuldet. Sondern im Kern steht dahinter die Grundüberzeugung: Das Land gehört Gott. Oder, wie es der Psalm sagt:

„Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist,                                                                    der Erdkreis und die darauf wohnen.“               Psalm 24,1 

          Das Land, in dem wir leben, die Erde, auf der wir leben, ist nicht unser, trotz Eintrag ins Grundbuchamt. Es ist uns geliehen, anvertraut, auf Zeit übergeben, aber eben nicht: für immer.

„Ich bin ein Gast auf Erden, versuch mich dann und wann                                          als Hausherr zu gebärden, der alles machen kann.                                                            Dann sterben Wälder, Meere, dann bleibt kein Lüftchen rein.                                Dann gehen ganze Heere von andern Gästen ein.“                                                                                                                      G. Schöne, CD Ich bin ein Gast auf Erden 1991

             Anvertrautes Land – zum Nießbrauch übergeben. dein Feld besäen, deinen Weinberg beschneiden, die Früchte einsammeln – das alles gilt für sechs Jahre. Das ist Arbeit genug und Ertrag genug. Dann kommt das siebte Jahr – ohne Arbeit, ohne die zielgerichtete Mühe, die auf Ertragssteigerung aus ist.

 5 Was von selber nach deiner Ernte wächst, sollst du nicht ernten, und die Trauben, die ohne deine Arbeit wachsen, sollst du nicht lesen; ein Sabbatjahr des Landes soll es sein. 6 Was das Land während seines Sabbats trägt, davon sollt ihr essen, du und dein Knecht und deine Magd, dein Tagelöhner und dein Beisasse, die bei dir weilen, 7 dein Vieh und das Wild in deinem Lande; all sein Ertrag soll zur Nahrung dienen.

             Man kann es sich gut vorstellen: solch ein Sabbatjahr löst Ängste aus. Wird es denn wirklich reichen und wie soll das gehen – eine Brache, die das ganze Land umfasst und nicht nur sukzessive einzelne Felder? Eine sukzessive Brache ist „in vielen Kulturen (einschließlich der germanischen) üblich.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.; S. 343) Von der Vernunft geboten. Es wird vermutlich zahlreiche Skeptiker, vernünftige Leute, gegenüber solch einer Regelung der landesweiten Brache gegeben haben. Es ist schon eine große Zumutung, ein Jahr lang von der Hand in den Mund zu leben, ganz ohne Vorrats-Sammlung und Vorsorge. Es ist als würde der Lebensstil Obdachloser – ich leben von dem, was ich heute finde und morgen ist ein neuer Tag -für ein Jahr lang zur Richtschnur für ein ganzes Volk erhoben. Vernünftig im Sinn unserer planenden und vorsorgenden Vernunft ist das jedenfalls bestimmt nicht.

            Da müssen sich einfach warnende Stimmen nachdrücklich Gehör verschaffen, um einen religiösen Überschwang einzufangen. Im weiteren Textverlauf kommen sie auch wirklich zu Wort mit ihren Fragen: Was sollen wir essen im siebenten Jahr? Denn wenn wir nicht säen, so sammeln wir auch keinen Ertrag ein!“ (25,20)

            Die erste Antwort wird aber schon hier gegeben: Was das Land während seines Sabbats trägt, davon sollt ihr essen. Es ist nicht so, dass das Land gar keine Erträge hätte, wenn es nicht bestellt wird. Es wächst immer etwas, wenn ach nicht kultiviert, sondern wild. „Anscheinend soll der Wildwuchs von essbaren Pflanzen auf dem nichtkultivierten Naturboden ausreichen, um Mensch und Tier zu ernähren.“ (E.S. Gerstenberger, ebda.)

            Die andere Antwort wird wieder später gegeben: „Ich will meinem Segen über euch im sechsten Jahr gebieten, dass er Ertrag schaffen soll für drei Jahre, dass ihr sät im achten Jahr und von dem alten Ertrag esst bis in das neunte Jahr, sodass ihr vom alten esst, bis wieder neuer Ertrag kommt.“(25,21-22) Es ist ein Versprechen, das an die Erfahrung der Israeliten beim Manna-Sammeln anknüpft. Da reicht auch, was am Tag vor dem Sabbat gesammelt wird, für den Sabbat.

            Und noch einmal weiter zurück gegriffen: „Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise.“ (1. Mose 1, 29) Der hier das Sabbatjahr ordnet, schenkt, das ist doch der gleiche Gott, der von Anfang an dafür gesorgt hat, dass es Speise gibt. Und wie nahe liegt es, auch an die Worte Jesu zu erinnern: „Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?“(Matthäus 6, 25-28) Das ist die Vernunft, die sich schon hier zu Wort meldet, schon in dieser Ordnung des Saat-Jahres. Eine Vernunft, die auf Gott und seine lebenserhaltende Fülle setzt und die rationale Planung für zweitrangig erklärt. Gott gibt genug, am Sabbat-Tag, im Sabbatjahr. Es ist seine Güte, die die Frucht der Erde schenkt. Darum können wir dem Land, den Menschen, Knechten und Mägden, den Tieren, uns selbst Zeit zum Aufatmen gönnen. Zeit aus der Zeit Gottes.

            Hinter dieser so weitreichenden Sabbatordnung steht also schlicht Gottvertrauen. Ein kostbares Gut. Eines, das unserer Zeit irgendwie abhanden gekommen scheint. Es wird ersetzt durch den Glauben an die Machbarkeit eines Himmels auf Erden. Wenn nur genügend produziert wird. Diese Lebenshaltung kann sich selbst und allen anderen keinen wöchentlichen Sabbat leisten, schon gar kein Sabbat-Jahr.

8 Und du sollst zählen sieben Sabbatjahre, siebenmal sieben Jahre, dass die Zeit der sieben Sabbatjahre neunundvierzig Jahre mache. 9 Da sollst du die Posaune blasen lassen durch euer ganzes Land am zehnten Tage des siebenten Monats, am Versöhnungstag. 10 Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin wohnen; es soll ein Erlassjahr für euch sein. Da soll ein jeder bei euch wieder zu seinem Besitz und zu seiner Sippe kommen.

              Als wäre das noch nicht genug: nach siebenmal sieben Jahre soll ein weiteres Sabbatjahr folgen. Eines, in dem die Besitzverhältnisse revidiert werden. In dem alle in Israel wieder frei kommen aus Schuldenlasten und zurückkommen zum Familieneigentum. Diese Revision der sozialen Entwicklungen zugunsten derer, die ihr Land verloren haben, ist der Kern des Versöhnungstages. Er ist ein Tag der Freilassung, nicht nur aus moralischen Vergehen, also ein Tag der Sündentilgung. Sondern er ist auch und vor allem ein Tag der Freilassung aus der sozialen Verschuldung.  Erlassjahr meint ebentatsächlich Schuldenerlass.

            „Der Ausdruck deror, „Freilassung“, ist ein Lehnwort aus dem Akkadischen; er wird im AT sowohl für die Landrückgabe wie für die Befreiung von Schuldsklaven verwendet.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.; S. 345) Wir würden heute sagen: Amnestie und Herstellung neuer Start-Chancen in einem. Für alle, ob sie es nun verdient haben oder nicht. So weit geht diese Ordnung, dass sie wirklich auch die Heimkehr ermöglicht: „Die räumliche Trennung des Schuldners von den Seinen wird rückgängig gemacht; er kehrt von der Arbeitsstelle auf dem Gut des Gläubigers in den Heimatort zurück.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.;  S. 346) Für ein Jahr gilt: Die Wohncontainer stehen leer, die Autobahnen werden nicht mehr von den Wochenend-Heimfahrern in Staus verwandelt.

 11 Als Erlassjahr soll das fünfzigste Jahr euch gelten. Ihr sollt nicht säen und, was von selber wächst, nicht ernten, auch, was ohne Arbeit wächst, im Weinberg nicht lesen; 12 denn das Erlassjahr soll euch heilig sein; vom Felde weg dürft ihr essen, was es trägt. 13 Das ist das Erlassjahr, da jedermann wieder zu seinem Besitz kommen soll.

            Und wieder: auch in diesem Erlassjahr  – hebräisch: jobel, von daher unser Wort: Jubeljahr ruht die Arbeit an der Ernte-Produktion. Es wird genug da sein. Und es wird zur Neuverteilung kommen,  zur Revision entstandener Ungleichheiten, wenn  jedermann wieder zu seinem Besitz kommen soll.

             Diese Ordnung des Erlassjahres ist radikaler als alles, was heutzutage von Sozialreformern gedacht und gesagt wird. Und vermutlich durchaus geeignet, sich den Vorwurf der Weltfremdheit einzuhandeln. Ein Vorwurf, der auch Jesus trifft, weil er ja genau an dieses Erlassjahr, Gnadenjahr,  anknüpft in seiner „Antrittspredigt“ in Nazareth:  „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.« Und als er das Buch zutat, gab er’s dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ (Lukas 4, 18 – 21)

            Es gibt die Behauptung: so ein Erlassjahr ist in Israel nie Wirklichkeit geworden. Immerhin, einmal hat es doch, ohne Berufung auf diese Bestimmungen, zum Schuldenerlass gereicht. Als nach dem Exil die Schuldknechtschaft überhandnimmt, da schaltet sich der persische Statthalter Nehemia mit einem dramatischen Appell an die Vornehmen und Reichen ein: „Wir haben unsere jüdischen Brüder losgekauft, die den Heiden verkauft waren, soweit es uns möglich war; ihr aber wollt eure Brüder verkaufen, damit wir sie wieder zurückkaufen müssen? Da schwiegen sie und fanden nichts zu antworten. Und ich sprach: Es ist nicht gut, was ihr tut. Solltet ihr nicht in der Furcht Gottes wandeln um des Hohnes der Heiden willen, die ja unsere Feinde sind? Ich und meine Brüder und meine Leute haben unsern Brüdern auch Geld geliehen und Getreide. Erlassen wir ihnen doch diese Schuld! Gebt ihnen noch heute ihre Äcker, Weinberge, Ölgärten und Häuser zurück und erlasst ihnen die Schuld an Geld, Getreide, Wein und Öl, die ihr von ihnen zu fordern habt. Da sprachen sie: Wir wollen es zurückgeben und wollen nichts von ihnen fordern und wollen tun, wie du gesagt hast.“(Nehemia 5, 8-12) Sonst geht, auch in Israel, alles seinen gewohnten Gang. Es gibt Sieger und Verlierer im Wettlauf um den Wohlstand und die Sieger sind immer in der Minderheit, einige Wenige. Verlierer in diesem Wettlauf gibt es immer mehr.

 

Heiliger Gott, ich lese mit staunenden Augen, mit Sehnsucht im Herzen: Wie schön könnte es sein, wenn alle einen neuen Anfang machen könnten, wenn das Rennen nach Erfolg einmal unterbrochen wird

Aber ich spüre auch in mir die Angst vor einer solchen Ordnung, weil ich nicht weiß, was ich abgeben müsste, ob sie mich nicht Dinge verlieren lässt, die mir lieb sind.

Lehre Du mich verstehen, dass ich nicht ärmer werde, wenn ich meinen Besitz nicht für immer behalten kann, dass hinter diesem Ärmer Werden ein Reich der Freiheit wartet, in dem Du alles bist. Amen