Leben, was ich verstanden habe

  1. Mose 19, 31 – 37

31 Ihr sollt euch nicht den Totenbeschwörern und Wahrsagern zuwenden, dass ihr nicht durch sie unrein werdet; ich bin der Herr, euer Gott.

             Es verträgt sich nicht miteinander, zum Volk des lebendigen Gottes zu gehören und sich den Totenbeschwörern und Wahrsagern zuzuwenden.  „Jede Art vom Wahrsagerei ist in der Spätzeit Israels verpönt: Sie widerspricht dem nun geltenden  strengen Glauben an den einen, ausschließlichen und eifersüchtigen Gott.“ (E.S. Gerstenberger, Das 3. Buch Mose Leviticus, ATD 6, Göttingen 1993, S. 251) Solche Beschwörungspraktiken sind auch verboten, weil auch das Reich der Toten in den Herrschaftsbereich Gottes gehört und nicht durch irgendwelche Praktiken „zugänglich“ gemacht werden kann. Und natürlich auch, weil der Umgang mit Toten und Totem unrein macht.

            Auf dem Hintergrund dieses Verbotes wird der Tabu-Bruch des Saul erst recht verständlich: „Als aber Saul das Heer der Philister sah, fürchtete er sich, und sein Herz verzagte sehr. Und er befragte den Herrn; aber der Herr antwortete ihm nicht, weder durch Träume noch durch das Los »Licht« noch durch Propheten. Da sprach Saul zu seinen Knechten: Sucht mir eine Frau, die Tote beschwören kann, dass ich zu ihr gehe und sie befrage. Seine Männer sprachen zu ihm: Siehe, in En-Dor ist eine Frau, die kann Tote beschwören. 8 Und Saul machte sich unkenntlich und zog andere Kleider an und ging hin und zwei Männer mit ihm, und sie kamen bei Nacht zu der Frau. Und Saul sprach: Wahrsage mir doch durch einen Totengeist, und hole mir herauf, wen ich dir nenne. Die Frau sprach zu ihm: Siehe, du weißt doch, was Saul getan hat, dass er die Totenbeschwörer und Wahrsager ausgerottet hat im Lande; warum willst du mir denn eine Falle stellen, dass ich getötet werde?“ (1. Samuel 28, 5- 9) Ein Verhalten, das seinen Untergang nur beschleunigt.

            Diese Verbote sind weit entfernt von dem, wie heute mit Wahrsagerei und Spiritismus umgegangen wird. Sie markieren eine Grenze, die Christen strikt bindet, in einer Gesellschaft, die solche Praktiken entweder für harmlose Spinnerei hält oder für eine, wenn auch etwas obskure Möglichkeit des Kontaktes mit dem Jenseits. Getreu dem Motto: „Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“ (W. Shakespeare Hamlet, 1. Akt, 5. Szene)

             Vielleicht steht hinter dem so strikten Verbot ja auch die Erfahrung, dass solche Versuche der Zukunftserkundung und des Kontakte in das Jenseits hinein unfrei machen können, Leben zerstören und in der Regel mehr Angst als Freiheit herauf beschwören. Dann wären sie wie nebenbei auch ein Rat zu einer Art Seelenhygiene. Zum Ruf in die anstrengende und anspruchsvolle Freiheit der eigenen Entscheidungen. Diese Freiheit wird ja da preisgegeben, wo wir unsere Entscheidungen delegieren, sie binden an Worte und Weisungen  von wem auch immer – ob Meinungsbildner, Umfragen, facebook, Twitter oder Totenbeschwörer und Wahrsager.   

32 Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der Herr.

             Vom Verbot geht es weiter zum Gebot. Man wird überlegen müssen: bezieht sich das Gebot, die Alten zu ehren nur auf den Familienkreis? Oder ist es da nicht, in einer achtsamen Kultur, selbstverständlich? Das graue Haupt – das kann zutreffend Männer und Frauen beschreiben. Selbst wenn in der patriarchalischen Ordnung Israels sicher eher die Männer im Blick waren. „Die Ehrfurcht vor dem ergrauten Mann ist ein Grundgebot einer größeren Sekundärgesellschaft…. Die älteren Männer einer israelitischen Großfamilie nahmen ganz selbstverständlich die obersten Plätze der Rangordnung ein. Großvater, Vater und eventuell die Brüder des Vaters hatten die Macht in der Hand.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.; S. 254) 

              Wenn das alles so stimmt, dann zielt dieses Gebot eben nicht auf die innerfamiliäre Praxis sondern auf das Volk, wir würden sagen: auf die Gesellschaft. Dann geht es hier um die Verantwortung der Gesellschaft für Altersarmut: Dann ist das ein Widerspruch gegen eine Abwertung der Alten als derer, die nicht mehr produktiv sind. Dann wird hier in Frage gestellt, ob man sich der Alten so einfach entlegen darf, sei es durch Abschieben in Altenheime, sei es durch Mundtotmachen mit dem Argument: Ihr passt nicht mehr in die neue Zeit. Ihr seid von gestern.

             Ich stimme zu: „Es ist für moderne Ohren schon erstaunlich, wie eng die Bibel die Ehrfurcht vor Gott und die Ehrfurcht vor alten Menschen miteinander verknüpft. Aber die kulturelle Erfahrung gibt ihr Recht: Nur solche Gesellschaften, die sich selbst zerstören, verachten das Alter.“ (G. Maier, Das Dritte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT, AT2; Wuppertal 1994, S,355) Jugendwahn ist keine sonderlich schlaue Geisteshaltung.

33 Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. 34 Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der Herr, euer Gott.

             Es ist eine Frage, die sich wieder und wieder stellt, auch in Israel: wie gehen wir mit den Fremden um? Mit denen, die nicht von Geburt her zu uns gehören. Man kann es ja leicht vergessen: auch in der Auszugsgruppe aus Ägypten waren Fremde dabei:  „Also zogen die Israeliten aus von Ramses nach Sukkot, sechshunderttausend Mann zu Fuß ohne die Frauen und Kinder. Und es zog auch mit ihnen viel fremdes Volk, dazu Schafe und Rinder, sehr viel Vieh.“(2. Mose 12, 37-38) Von Anfang an also hat Israel Fremde in seiner Mitte, nicht erst am Ziel, in Palästina und auch nicht erst nach langer Zeit im Land. Damit ist es immer neu zu verhandeln. „welche Stellung der ansässige Fremde in der Gemeinde habe und wie weit ihn, der möglicherweise nicht Anhänger Jahwes ist, die Gebote des Gottes Israels betreffen.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.; S. 255) 

                Eine erste Antwort geben die Schutzbestimmungen: „Einen Fremdling sollst du nicht bedrücken und bedrängen; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen.“(2. Mose 22,20) Die Weisung hier aber geht weiter: nicht nur Duldung, nicht nur Verzicht auf Gewalt oder Ausbeutung –  sie sollen behandelt werden wie Einheimische. Mehr noch: du sollst ihn lieben wie dich selbst. „Lieben“ ist noch mehr als „achten“ oder „rechtlich gleichstellen“. Es verpflichtet dazu, das Beste des Fremden zu suchen. (G. Maier, aaO.; S,256)

                    Das ist Herausforderung an Israel. Erst recht, wenn die Texte des 3. Buches Mose, wie manche Ausleger meinen, erst in der Zeit nach dem Exil in Babylon ihre Endfassung gefunden haben. In einer Zeit, in der führende Kreise in Israel auf Abschottung gesetzt haben, auf die scharfe Trennung von den Fremden, auf ihre Ausgrenzung bis hin zur Auflösung von Ehen mit fremden Frauen. (Esra 10; Nehemia 13) Hier meldet sich der Widerspruch gegen diese Praxis, doppelt begründet – in der Erfahrung der eigenen Fremdheit in Ägypten und begründet mit dem lapidaren Hinweis: Ich bin der Herr, euer Gott.

              Es sind Sätze, die in keiner anderen Rechtsordnung des Altertums zu finden sind. Nur beschämt kann der Zeitgenosse heute, angesichts solcher Worte feststellen: „Wie weit bleiben die Nationalstaaten von heute in der Regel hinter einer solchen Grundsatzerklärung zurück.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.; S. 255) Und weiter, nicht weniger beschämend: Wie unendlich weit ist so manche veröffentliche Meinung und lautstarke Stimme, die sich als Alternative wähnt, von dieser  humanen Haltung entfernt.

35 Ihr sollt nicht unrecht handeln im Gericht, mit der Elle, mit Gewicht, mit Maß. 36 Rechte Waage, rechtes Gewicht, rechter Scheffel und rechtes Maß sollen bei euch sein; ich bin der Herr, euer Gott, der euch aus Ägyptenland geführt hat, 37 dass ihr alle meine Satzungen und alle meine Rechte haltet und tut; ich bin der Herr.

            Die Regelungen machen nicht vor der „Wirtschaftsordnung“ halt. Es kennzeichnet das Denken in Israel, dass es keinen Bereich gibt, der durch angebliche Sachzwänge eine Sonderethik erfordert und somit von den Regeln ausgeschlossen ist, die sich aus der Bindung an den HERRN ergeben Weil Gott ist, muss es auch im wirtschaftlichen und kaufmännischen Handeln gerecht zugehen, fair und transparent würden wir vielleicht sagen. Schön gesagt: „Gott hat sie nicht aus Ägypten geführt,  damit sie im eigenen Land zu Betrügern werden.“ (G. Maier, ebda.)

          Nicht auszudenken, wenn man diese Sätze anwendet auf Bankgeschäfte, auf die Verbrauchsangaben von Schadstoffen, auf die Risiken, die mit manchen Pestiziden verbunden sind. Aber auch auf die Ehrlichkeit, die nicht mit schönen Worten üble Tatbestände und Fehlverhalten verschleiert.

           Es fällt mir auf, wie und was hier zusammengestellt ist: Die Abwehr abergläubiger Praxis, die Achtung und Ehrfurcht vor den Alten, der Schutz der Fremden, die Forderung na h fairen Prozessen und fairem Handel. Alles begründet in dem: Ich bin der Herr. Es ist die Heiligkeit Gottes, die von seinem Volk verlangt, Leben heilig zu halten – eigenes und fremdes, produktives und unnützes. Man kann nicht Gott heilig halten und gleichzeitig Leben erniedrigen. Man darf sich auch nichts widerstandlos damit abfinden: Leben wird immer auf Kosten anderen Lebens gelebt. Sondern es gilt: Wenn mir und weil mir Gott heilig ist, ist mir auch das andere Leben heilig. Die Heiligkeit Gottes wird geglaubt, wo das Leben heilig gehalten wird. alles Leben.

            Der Unterschied zwischen damals und heute: Was damals als Grundlage des Gottesvolkes Israel und damit des ganzen Sozialsystems formuliert wird, kann heute nur noch Forderung an die Gemeinschaft der Christen sein, einzulösen durch viele einzelne. Die säkulare Gesellschaft ist allenfalls noch indirekt  -durch die Lebenspraxis der Christen – Adressat dieser Worte.

 

Heiliger Gott. Ich will mich binden an Dein Wort. Ich will mein Tun ausrichten an dem, was ich von Dir lerne, an Deiner Liebe und Deinem Erbarmen, an der Art Deiner Gerechtigkeit, die sich tief nach unten beugt

Ich will mich leiten lassen von Dir. Darum brauche ich Deinen Geist, der mich verstehen lässt und dann auch tun und leben, was ich verstanden habe. Amen