Heilig sein ist konkret

  1. Mose 19, 1 – 18

1 Und der Herr redete mit Mose und sprach: 2 Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott.

             Die Unterweisung der Gemeinde durch den Mund des Mose wird fortgesetzt. Auch hier ist Mose wieder „nur“ das Sprachrohr Gottes. Er bekommt vorgesagt, was er zu sagen hat. Man darf über den Text hinaus überlegen, ob sich in diesen Sprechanweisungen schon zeigt, was Jesus seinen Jüngern zusagen wird: „Wenn sie euch hinführen und überantworten werden, so sorgt euch nicht vorher, was ihr reden sollt; sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet. Denn ihr seid’s nicht, die da reden, sondern der Heilige Geist.“(Markus 13, 11) So ist es auch hier: Der HERR sagt Mose, was er zu sagen hat.

            Der Satz: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott. „steht wie eine Hauptüberschrift über der ganzen Sammlung von Normen.“ (E.S. Gerstenberger, Das 3. Buch Mose Leviticus, ATD 6, Göttingen 1993, S. 238) Er macht aus dem folgenden Text eine Einweisung in das Leben, das Gott entspricht. Eine Art Katechismus für die angeredete ganze Gemeinde der Israeliten. Man wird es mitzuhören haben: Wenn sie so leben, dann sind sie „wahre Israeliten“. Dieser Gedanke schwingt in der Zeit nach dem Exil immer mit, wenn von der ganzen Gemeinde die Rede ist. Sie ist auch das wahre Israel.

            Wieder über den Text hinaus gelesen: „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ (Matthäus 5,48)  Es geht Jesus wie dem Buch Leviticus um die Entsprechung zu Gott: Im Leben derer, die Jesus folgen, die er in der Bergpredigt anspricht und in eine ihm entsprechend Lebenspraxis einweist, soll sich die Qualität Gottes spiegeln. Man kann nicht zu Gott gehören wollen und „unheilig“ sein wollen. Hat doch das Wort heilig geradezu darin seinen Inhalt, dass es heißt: Von Gott beschlagnahmt, zu Gott gehörig. Nur: was Jesus sozusagen den Einzelnen mit auf den Weg gibt, das wird hier zur Grundlage des Zusammenlebens der ganzen Gemeinde Israel – es ist, wenn man so will, ethische Rechtssetzung. 

3 Ein jeder fürchte seine Mutter und seinen Vater. Haltet meine Feiertage; ich bin der Herr, euer Gott. 4 Ihr sollt euch nicht zu den Götzen wenden und sollt euch keine gegossenen Götter machen; ich bin der Herr, euer Gott.

             Das heilige Leben zeigt sich im Alltagsverhalten. Zuvörderst im ehrenden Umgang mit Mutter und Vater. Die Mutter an erster Stelle genannt – das ist in biblischen Texten ungewöhnlich. „Aber bei der religiösen Sozialisation des Kindes spielt die Mutter die entscheidende Rolle.“(E.S. Gerstenberger, aaO.;S. 242) Sollte diese Einsicht, die mir wie eine aus den Erfahrungen unserer Zeit eingetragene Sicht vorkommt, die Reihenfolge beeinflusst haben? Sie wird im Übrigen in der griechischen Übersetzung der Stelle in der Septuaginta auch prompt wieder umgekehrt. Vielleicht müssen wir uns auch einfach eingestehen: wir wissen nicht, was  hinter dieser ungewohnten Reihenfolge steht.

          Aber wahr ist über alle Zeiten hinweg: „Ohne die Ehrung der Eltern löst sich jede Kultur in einen profitorientierten pietätlosen Individualismus auf.“ (G. Maier, Das Dritte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT, AT2; Wuppertal 1994, S,337) Übrig bleibt dann in so einer ehrfurchtslosen, aber pragmatischen Sicht nur das Problem, dass die nachfolgenden Generationen durch ihre Rentenbeiträge das Altersleben der Eltern zu sichern haben, ob sie wollen oder nicht.

            Es folgen zwei weitere Weisungen, die wieder ihr Vorbild auch im Gebot vom Sinai haben: Die Feiertage halten. Die Götzen meiden, keine gegossenen Götter machen. Auf den ersten Blick scheint das nur religiöse Vorschrift. Aber in Wahrheit greift das tief in den Alltag hinein, durch den Rhythmus der Woche und durch das Verbot, das von der umwohnenden Kultur mit den fremden Göttern abgrenzt.

5 Und wenn ihr dem Herrn ein Dankopfer bringen wollt, sollt ihr es so opfern, dass es euch wohlgefällig macht. 6 Es soll an dem Tag gegessen werden, an dem ihr’s opfert, und am nächsten Tage. Was aber bis zum dritten Tag übrig bleibt, soll man mit Feuer verbrennen. 7 Wird aber am dritten Tage davon gegessen, so ist es untauglich und wird nicht wohlgefällig sein; 8 und wer davon isst, muss seine Schuld tragen, weil er das Heilige des Herrn entheiligt hat, und ein solcher Mensch wird ausgerottet werden aus seinem Volk.

            Das ist offenkundig Regelungsbedarf, den wir nicht mehr kennen: wie geht man mit den Opfern ordentlich um? Mit dem, was als Speisopfer ja auch dem Verzehr dient. Wo wir sagen würden: Nach drei Tagen wird das Essen ungenießbar, da wird hier überhöht: Es widerspricht Gott, wenn das Speiseopfer wieder und wieder „aufgewärmt“ wird.  Das ist, so denke ich vielleicht allzu vernünftig, vorsorgliche Hygiene im Gewand eines göttlichen Gebotes. In einer Kultur ohne Kühlschrank ist es sicher nicht allzu empfehlenswert, Essen über mehrere Tage hin aufzubewahren. Ob die Strafandrohung für den, der sich nicht an diese Regel hält – ein solcher Mensch wird ausgerottet werden – angemessen ist, mag ich nicht entscheiden. Mir kommt sie hart vor.

9 Wenn du dein Land aberntest, sollst du nicht alles bis an die Ecken deines Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten. 10 Auch sollst du in deinem Weinberg nicht Nachlese halten noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen; ich bin der Herr, euer Gott.

            Das ist jetzt wie ein Kontrastprogramm. Neben das harte Verbot tritt die fürsorgliche Ordnung. Die ja denen zugutekommt, die Habenichtse sind, keine eigenen Felder haben, keinen eigenen Weinberg. Es ist „Sozialgesetzgebung“ im besten Sinn. Es kennzeichnet die Ordnungen Israels, dass sie ein besonderes Augenmerk auf die richten, die in der sozialen Rangordnung unten stehen, hier für  den Armen und den Fremdling. Ob jemand heilig ist zeigt sich daran, wie er es mit ihnen hält. Unterstrichen durch die Selbstvorstellungsformel ich bin der Herr, euer Gott, die diese Regel direkt auf den Willen Gottes zurückführt.

            „Dass bewusst der Rest der Ernte auf dem Feld oder am Weinstock gelassen werden muss, stammt aus dem vorisraelitischen Brauchtum.“(E.S. Gerstenberger, aaO.;S. 243) Umso bemerkenswerter: es wird in die Ordnungen Israels übernommen und mit höchster „Weihe“ versehen. Es ist eben nicht nur humane soziale Regel, die notfalls auch bei Eigeninteresse außer Kraft gesetzt werden kann oder mit Obergrenzen eingeschränkt, durch strenge Bedürftigkeitsprüfungen unzugänglich für viele gemacht werden kann. Sie gilt absolut, weil sie dem Willen Gottes entspricht und entspringt.

            Die Qualität einer humanen Gesellschaft misst sich an der Art, wie sie mit den Schwachen umgeht. Die Qualität der Gemeinde Gottes misst sich gleichfalls daran, wie sie mit den Armen und Fremden umgeht – und eben nicht nur und schon gar nicht zuerst an der ästhetischen Qualität ihrer Gottesdienste.

11 Ihr sollt nicht stehlen noch lügen noch betrügerisch handeln einer mit dem andern. 12 Ihr sollt nicht falsch schwören bei meinem Namen und den Namen eures Gottes nicht entheiligen; ich bin der Herr. 13 Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben. Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen.

             Ist das nicht überflüssig: bei der Wahrheit bleiben. Keinen über den Tisch ziehen. Kein Meineid. Schon gar nicht: so wahr mir Gott helfe. Gott nicht vor den Karren der eigenen Interessen spannen. Und schließlich: Ordentlich mit dem Nächsten umgehen. So sorgfältig ist die Weisung Gottes an die Gemeinde, dass sie sogar die verzögerte Lohnzahlung kritisiert.

            Man kann sich das gut vorstellen: da sitzt die Gemeinde und hört diese Worte. Aus dem Mund des Mose. Oder später aus dem Mund eines Priesters, eines Schriftgelehrten, der die Schrift lehrt und auslegt. Wie wirken solche Worte? Fühlen sich manche in ihrem Tun ertappt?

               Ich mag mir kaum vorstellen, wie die Reaktionen heute ausfallen: Ihr sollt die Lohnauszahlung nicht verschleppen. Ihr sollt Sozialpläne aufstellen, die wirklich sozial sind und vor der Armutsfalle schützen. Ihr sollt den Dispo-Zins euren eigenen Kosten angleichen, den Zinsen, die ihr selbst zahlen müsst. Ihr sollt keine Abgas-Werte verfälschen. Ihr sollt keine Verträge abschließen, die durch das Kleingedruckte den unbedarften Partner aufs Kreuz legen. Ich höre die Stimmen, die sagen: Das hat doch alles nichts mit Gott zu tun. Gott aber, der HERR sagt: Gerade das hat mit mir zu tun.

14 Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten; ich bin der Herr.

             Keine Spielchen mit denen, die gehandicapt sind. Macht euch keinen Spaß aus Stolpersteinen für Blinde und aus losen Sprüchen vor tauben Ohren. Wer so eine Behinderung zu tragen hat, verdient Fürsorge und nicht Hohn und Häme. Überflüssig, so etwas zu fordern, weil doch alle guten Menschen das eh nicht machen? „Taube sind geplagte Menschen, fühlen sich als Behinderte ausgegrenzt…. Blind sein und Bettler sein war im Orient oft identisch.“ (G. Maier, aaO.; S,342) Auch hier geht es als um den Schutz derer, die sich selbst nicht schützen können.

             Wir vergessen leicht: Der barrierefreie Zugang ist auch heute an vielen Stellen alles andere als selbstverständlich. Und so mancher „Gesunde“ regt sich auf über die Forderungen derer, die mit einer Behinderung zu leben haben.

 15 Du sollst nicht unrecht handeln im Gericht: Du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen, sondern du sollst deinen Nächsten recht richten. 16 Du sollst nicht als Verleumder umhergehen unter deinem Volk. Du sollst auch nicht auftreten gegen deines Nächsten Leben; ich bin der Herr.

             Mitten in den Alltag führen die Fragen nach dem Umgang mit dem Recht. Urteilen ohne Ansehen der Person. Keinen benachteiligen, weil er prominent ist und keinen bevorzugen, weil er arm ist. Aber eben auch: Keinem einen Promi-Bonus oder Armen-Malus verpassen. Wieder sind alle im Volk angesprochen. Daraus kann man schließen: „Weil nicht besondere Funktionäre, sondern alle Gemeindeglieder angesprochen sind, sollte man annehmen, dass die Urteilsfindung in Zivil- und Strafsachen Aufgabe der erwachsenen männlichen Bürger war.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.;S. 245) Und weil der Zeuge an der Urteilsfindung und Urteilsvollstreckung beteiligt ist, ist es umso wichtiger, dass keiner als Verleumder unterwegs ist. Überparteilich sollen Richter und Zeugen sein, nur der Wahrheit und dem Leben verpflichtet.

            Auch hier wieder: Das alles ist keine Sache beliebiger Verabredung, die auch leicht wieder zu ändern wäre. Hinter dem Recht steht: Ich bin der Herr. JAHWE.

17 Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst. 18 Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr.

            Das ist ein vorläufiger Abschluss, vielleicht auch der Höhepunkt der ganzen Regelfolge. Denn jetzt wird kein neues Feld eröffnet, kein Fall mehr konstruiert. Sondern jetzt tritt an die Stelle von Handlungsnormen der Blick auf die Gesinnung. Es geht um das Herz. Es geht um den Zorn. Und schließlich: es geht um die Liebe. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Lieben statt Hass. Sich dem anderen zuwenden statt sich ihm zu entziehen. Auch: sich selbst die Wohltat zu lieben gönnen. Weil es einem selbst gut tut, anderen liebevoll zu begegnen. Es ist dieses Gebot, das Jesus neben das andere Gebot der Gottesliebe als das höchste Gebot stellt. Nicht zuletzt, weil seine Bedeutung auch hier unterstrichen wird: ich bin der Herr.

             „Das Wort „lieben“ darf sicher nicht romantisch oder karitativ missverstanden werden. Es ist im nahöstlichen Altertum durchaus ein gemeinschaftsbezogener und darum „politischer“,  nicht aber ein individualistischer Begriff. Er benennt auf dem Hintergrund der Familiensolidarität die  Zusammengehörigkeit und gegenseitige Verantwortung von Menschen, die in einer Glaubensgemeinschaft leben.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.; S. 248) Ich würde einen Schritt weitergehen: diese Solidarität gilt auch denen, die anderen Glaubens sind und nimmt sie so in Verantwortung für eine gemeinsame Zukunft.

            Es ist wichtig, sich für das Verständnis des ganzen Abschnittes daran zu erinnern, wie er anfängt: Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten. Wir haben hier nicht Anweisungen für eine Individualethik vor Augen, sondern, steil gesagt: Staatsrecht. Es geht um Regelung im Volk Israel, um, modern gesprochen Sozialgesetzgebung. Das lässt sich besonders deutlich daran zeigen, dass viele der Regelungen auf den Schutz der Armen, Schwachen, Fremden, mit Behinderungen Lebenden, also der besonders Schutzbedürftigen zielen. Israel ist gefordert, um Gottes Willen – ich bin der Herr  – eine humane Rechtsordnung zu leben.

           Ohne darauf weiter einzugehen: Diese Worte machen sichtbar, wie unglaublich töricht und verblendet eine Sichtweise auf das Alte Testament, die Hebräische Bibel ist, die gebetsmühlenartig vom rachsüchtigen und zornigen Gott des Alten Testamentes redet. Es ist der Vater Jesu Christi, der hier die Liebe gebietet und sich hinter diese Liebe stellt. Jesus kennt keinen anderen Gott als den, der hier das Wort hat. Es wäre gut, wenn die „Lehrer“ in den christlichen Gemeinden endlich diesem latenten und oftmals offensichtlichen Antijudaismus und Antisemitismus in den Bildern vom „alttestamentlichen Rachegott“ deutlich widersprechen  und durch ordentliches Lehren auch den Boden entziehen würden. In den Köpfen und in den Herzen – und damit auch den Händen.

 

Himmlischer Vater. Du willst ein heiliges Volk, das Dir entspricht, das Dein Wesen abbildet in seinem Tun, das gerecht ist wie Du, barmherzig wie Du, ein Liebhaber des Lebens wie Du, Zuflucht für die Armen wie du

Du willst, dass wir so sind, wie wir es von Dir glauben. Erfülle uns mir Deinem Geist, dass wir anfangen zu werden wie es Dir entspricht. Amen