Keine Sündenböcke mehr

  1. Mose 16, 1 – 22

1 Und der Herr redete mit Mose, nachdem die zwei Söhne Aarons gestorben waren, als sie vor den Herrn traten, 2 und sprach: Sage deinem Bruder Aaron, dass er nicht zu jeder Zeit in das Heiligtum gehe hinter den Vorhang vor den Gnadenstuhl, der auf der Lade ist, damit er nicht sterbe; denn ich erscheine in der Wolke über dem Gnadenstuhl.

             Auch nach der Katastrophe mit den Söhnen Aarons redet der HERR weiter mit Mose. Bemerkenswert der Nebensatz, der den Zusammenhang noch einmal ins Gedächtnis ruft. Die Söhne waren gestorben, als sie vor den Herrn traten. Es ist also gefährlich, vor den HERRN zu treten. Die Nähe Gottes ist nichts Harmloses. Daraus erklärt sich auch die Warnung an Aaron. Er kann nicht zu jeder Zeit in das Heiligtum gehen hinter den Vorhang vor den Gnadenstuhl.  Es gilt, sich an die Zeiten zu halten, in denen Zutritt erlaubt ist, damit er nicht sterbe. Deutlich erkennbar in den Ortsangaben: hier ist schon der Tempel in Jerusalem mit seinen Vorhöfen, Höfen, dem Gnadenstuhl und dem Allerheiligsten im Blick.

 3 Aaron soll hineingehen in das Heiligtum mit einem jungen Stier zum Sündopfer und mit einem Widder zum Brandopfer 4 und soll das heilige leinene Gewand anlegen, und leinene Beinkleider sollen seine Blöße bedecken, und er soll sich mit einem leinenen Gürtel gürten und den leinenen Kopfbund umbinden, denn das sind die heiligen Kleider; er soll seinen Leib mit Wasser abwaschen und sie dann anlegen. 5 Und er soll von der Gemeinde der Israeliten zwei Ziegenböcke entgegennehmen zum Sündopfer und einen Widder zum Brandopfer. 6 Und Aaron soll einen jungen Stier, sein Sündopfer, darbringen, dass er für sich und sein Haus Sühne schaffe, 7 und danach zwei Böcke nehmen und vor den Herrn stellen an den Eingang der Stiftshütte 8 und soll das Los werfen über die zwei Böcke: ein Los dem Herrn und das andere dem Asasel, 9 und soll den Bock, auf welchen das Los für den Herrn fällt, opfern zum Sündopfer.

             Es wirkt umständlich, wohl deshalb, weil verschiedene Situationen ineinander geschoben werden. Einmal geht es um die Ankleidung Aarons – es gibt eine feststehende Kleiderordnung für den Dienst im Heiligtum. Dazu kommen die unterschiedlichen Opfertiere –  zwei Ziegenböcke, ein Widder, ein junger Stier. Das ist „Material“ für Brandopfer und Sündopfer.

            Aber darüberhinaus werden zwei weitere Böcke benötigt. Über ihnen wird das Los geworfen.  „Der Loswurf setzt die Lose Urim und Tummim voraus, die ( 2. Mose 28,30; 3. Mose 8,8) in der Brusttasche des Hohenpriesters sind.“ (G. Maier, Das Dritte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT, AT2; Wuppertal 1994, S, 286) Der Bock, auf den das Los für Jahwe fällt, wird als Sündopfer geopfert.

 10 Aber der Bock, auf welchen das Los für Asasel fällt, soll lebendig vor den Herrn gestellt werden, auf dass über ihm Sühne vollzogen und er zu Asasel in die Wüste geschickt werde.

             Der andere Bock aber hat einen anderen Weg. Er wird nicht im Heiligtum geopfert, er soll in die Wüste geschickt werden. Daraus ist Redensart geworden: einen in die Wüste schicken, weil er es verbockt hat – was auch immer.

11 Und Aaron soll den jungen Stier seines Sündopfers herzubringen und sich und sein Haus entsühnen und soll ihn schlachten 12 und soll eine Pfanne voll glühender Kohlen vom Altar nehmen, der vor dem Herrn steht, und beide Hände voll wohlriechenden, zerstoßenen Räucherwerks und es hinein hinter den Vorhang bringen 13 und das Räucherwerk aufs Feuer tun vor dem Herrn, dass die Wolke vom Räucherwerk den Gnadenstuhl bedecke, der auf der Lade des Zeugnisses ist, damit er nicht sterbe. 14 Und soll etwas vom Blut des jungen Stieres nehmen und es mit seinem Finger gegen den Gnadenstuhl sprengen; vor den Gnadenstuhl aber soll er siebenmal mit seinem Finger von dem Blut sprengen. 15 Danach soll er den Bock, das Sündopfer des Volks, schlachten und sein Blut hineinbringen hinter den Vorhang und soll mit seinem Blut tun, wie er mit dem Blut des jungen Stieres getan hat, und etwas davon auch sprengen gegen den Gnadenstuhl und vor den Gnadenstuhl 16 und soll so das Heiligtum entsühnen wegen der Verunreinigungen der Israeliten und wegen ihrer Übertretungen, mit denen sie sich versündigt haben. So soll er tun der Stiftshütte, die bei ihnen ist inmitten ihrer Unreinheit. 17 Kein Mensch soll in der Stiftshütte sein, wenn er hineingeht, Sühne zu schaffen im Heiligtum, bis er herauskommt. So soll er Sühne schaffen für sich und sein Haus und die ganze Gemeinde Israel. 18 Und er soll hinausgehen zum Altar, der vor dem Herrn steht, und ihn entsühnen und soll vom Blut des jungen Stieres und vom Blut des Bockes nehmen und es ringsum an die Hörner des Altars streichen 19 und soll mit seinem Finger vom Blut darauf sprengen siebenmal und ihn reinigen und heiligen von den Verunreinigungen der Israeliten.

             Das ist eine ausführliche, wenn auch ein wenig verwirrende Schilderung der Opfer, die im Anschluss an dieses Losverfahren stattfinden. Ein wichtiger Hinweis, noch einmal wiederholt und damit in seiner Bedeutung unterstrichen durch die Wendung damit er nicht sterbe: Auch auch hier ist die Sphäre des Heiligen lebensgefährlich. Man kann und darf, auch als Priester, nicht einfach so im Heiligtum agieren.

            Der andere Hinweis: der zentrale Ort des Geschehens ist vor dem Gnadenstuhl.  Er steht sozusagen im Zentrum allen Opfers. Es handelt sich um eine Deckplatte, die mit, oder besser: von Cheruben  besetzt ist. Dort trifft Jahwe Mose. Es handelt sich eventuell um „den Kasten, der die Gebotstafeln enthielt und mit einer „Deckplatte“ abgeschlossen wurde – in welcher Weise bleibt ungesagt. Nun ist der Name der Deckplatte verräterisch. Sie heißt „kapporæt“ und diese Bezeichnung leitet sich eindeutig von dem Verbum her, das nach späten priesterliche Kreisen die Haupttätigkeit der Priester ausdrückt: Entsühnung bewirken.“ (E.S. Gerstenberger, Das 3. Buch Mose Leviticus, ATD 6, Göttingen 1993, S.199)  – Darum also Gnadenstuhl.

            Was so im Tempel geschieht – auch wenn der Text in seiner erzählten Zeit die Wüste und die Stiftshütte voraussetzt – ist der Vorgang einer Entsühnung. Für Aaron selbst, für sein Haus und für die ganze Gemeinde Israels. Dahinter steht ein Wissen um den Zustand Israels, das uns fremd ist: „Zelt und Tempel stehen mitten in ihrer Unreinheit, sie können ihr ja nicht ausweichen. Gott will von dieser Ansteckungsgefahr auch nicht flüchten, aber er verlangt von seinen Dienern – so die priesterlichen Theologien damals – jährlich ein großes Reinmachen für sein Haus.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.;S. 200) Was hier ein wenig salopp formuliert ist, ist doch von grundlegender Bedeutung bis heute: Gott zieht sich vor der Schuld und Sünde seiner Leute nicht zurück. Es gibt keinen Rückzug Gottes aus der Welt, kein sich Abwenden in den Himmel. Er hält die Tür offen und er bleibt erreichbar. Nah.

        Was aber in diesen Worten auch sichtbar wird, ist der illusionslose Blick auf das Volk Gottes, auf die Priester. Priester sind keine besseren Menschen, bloß weil sie Priester sind. Und das Volk Gottes ist nicht schon rein, weil es Volk Gottes ist. Die Stiftshütte steht inmitten ihrer Unreinheit. Ich übertrage: Kirche ist nicht jenseits der Welt. Sie ist auf Entsühnung, Vergebung, Barmherzigkeit angewiesen so wie alle Welt. Die Unreinheit der Welt schwappt wie eine Flutwelle in das Haus Gottes hinein, in das Volk Gottes hinein – mit mir, mit jedem und jeder, der dazu gehört und hinzutritt. Deshalb muss auch die Reinigung am Haus Gottes anfangen, immer bei mir, immer wieder. Das macht dieser Text eindringlich bewusst.

         Das Haus Gottes inmitten der Zeit ist nicht wie von selbst ein Ort der Reinheit, der Heiligkeit. Es muss immer neu gereinigt werden. Das meint auch die Formel: Ekklesia semper reformanda. Die Kirche ist immer auf Erneuerung angewiesen. Nicht auf Strukturreformen, die verstehen sich gewissermaßen von selbst. Auf Erneuerung. Die erwächst aus der Entsühnung und der Versöhnung. Die Botschaft dieser uns so fremden Opfervorgänge heißt: Ich, Gott, bleibe für euch zugänglich.

20 Und wenn er die Entsühnung des Heiligtums vollbracht hat, der Stiftshütte und des Altars, so soll er den lebendigen Bock herzubringen. 21 Dann soll Aaron seine beiden Hände auf dessen Kopf legen und über ihm bekennen alle Missetat der Israeliten und alle ihre Übertretungen, mit denen sie sich versündigt haben, und soll sie dem Bock auf den Kopf legen und ihn durch einen Mann, der bereitsteht, in die Wüste bringen lassen, 22 dass also der Bock alle ihre Missetat auf sich nehme und in die Wildnis trage; und man schicke ihn in die Wüste.

            Es folgt die Schilderung, was mit dem zweiten, dem lebendigen Bock geschehen soll, dem, auf den das Los für Asael gefallen ist. „Die Schuld Israels wird feierlich auf das Tier übertragen.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.; S. 202) Mit beiden Händen, also nicht so nebenbei. Und ausdrücklich in Worte gefasst. Es ist kein stummer Ritus, der hier vollzogen wird. Alle Missetat der Israeliten kommt zur Sprache, wird benannt. „Am Versöhnungstag muss der Hohepriester „alle Sünden der Israeliten“ aussprechen. Die verwendete Formel ist allumfassend, sie enthält die drei gängigsten Worte für „Verschuldung, Verbrechen, Verfehlung“, die es im alten Hebräisch gibt.“ (E.S. Gerstenberger, ebda.) ‘awonSünde, SchuldaUntat, Verbrechen;  haṭṭa’t Fehltritt, Sünde.

            Der so beladene Bock wird in die Wüste geschickt. Zu Asael. Er trägt also die Sünde Israels hinaus. Weg aus dem Heiligtum.

                 Wer aber ist dieser Asael, zu dem der Bock in die Wüste geschickt wird?  Ein Wüstendämon? Näher liegt, was der Name andeuten könnte: „Vielleicht steht sein Name in Verbindung mit dem hebräischen Wortfeld asas = „stark, gewaltig, zornig, schamlos sein“ und ´el = Gott. „Asael könnte dann bedeuten: „einer, der trotzig oder schamlos vorgibt, Gott zu sein.“ (G. Maier, Das Dritte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT, AT2; Wuppertal 1994, S, 296) Eine Nachäffung Gottes.

              Es liegt für den Leser aus der Sicht des Christen nahe, hinter diesem Ritus eine Vorabschattung zu sehen, hin auf Jesus: Der Hebräerbrief bezieht sich in seiner Sicht auf Jesus Christus wiederholt zurück auf das was hier sichtbar ist: „Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der Güter bei Gott durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht ist, das ist: das nicht von dieser Schöpfung ist. Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt. Denn wenn schon das Blut von Böcken und Stieren und die Asche von der Kuh durch Besprengung die Unreinen heiligt, sodass sie leiblich rein sind, um wie viel mehr wird dann das Blut Christi, der sich selbst als Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott!“ (Hebräer 9, 11 – 14)  Ganz eindeutig aber ist die Sicht des vierten Evangeliums: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das die Sünde der Welt trägt.“ (Johannes 1, 29)

 

Heiliger Gott, danke dafür, dass Du uns zeigst: Wir brauchen keine Sündenböcke mehr, weil Du selbst die Sünden der Welt weggetragen hast, ans Kreuz geheftet hast, in den Tod gegeben.

Gib Du es doch, dass wir keinen Menschen mehr für alles Unheil verantwortlich machen, das wir im Leben erfahren. Gib Du doch, dass wir kein Volk dieser Erde mehr zum Sündenbock machen, keine Rasse, keine Religion.

Gib uns, dass wir es erkennen: In Dir ist die Versöhnung, die alle Schuld überwindet, wirklich alle. Amen