Gott ist gefährlich!

  1. Mose 10, 1 – 11

1 Und Aarons Söhne Nadab und Abihu nahmen ein jeder seine Pfanne und taten Feuer hinein und legten Räucherwerk darauf und brachten so ein fremdes Feuer vor den Herrn, das er ihnen nicht geboten hatte. 2 Da fuhr ein Feuer aus von dem Herrn und verzehrte sie, dass sie starben vor dem Herrn.

             Aarons Söhne gehören zu denen, die eine besondere Geschichte mit Gott haben. „Und zu Mose sprach er: Steig herauf zum Herrn, du und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels, und betet an von ferne. Aber Mose allein nahe sich zum Herrn und lasse jene sich nicht nahen, und das Volk komme auch nicht mit ihm herauf….Da stiegen Mose und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels hinauf und sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist. Und er reckte seine Hand nicht aus wider die Edlen der Israeliten. Und als sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie.  (2.Mose 24, 1-2.9.11) Ob sie daraus ihre Freiheit abgeleitet haben? Jedenfalls: sie setzen auf eigene Faust und nach eigenem Gutdünken den Gottesdienst fort. Sie nehmen ihre eigenen Kultgeräte – Pfannen – und bringen ein fremdes Feuer vor den Herrn.

          Was sich dahinter verbirgt? Ein Materialfehler? Oder nur die falsche Auswahl des Räucherwerkes? Mir liegt näher: Es geht darum, dass sie nicht tun wie der Herr es Mose geboten hatte. Nur, auch hier gilt: „Der Verstoß gegen eine der strengen Ritualvorschriften kann nicht der eigentliche Grund sein.“ (E.S. Gerstenberger, Das 3. Buch Mose Leviticus, ATD 6, Göttingen 1993, S. 107) Nicht der Regel-Verstoß im Detail ist strafbar, sondern die Aneignung des Rituals. Ihre Eigenmächtigkeit. Der Anspruch, es selbst übernehmen zu können.

             Es könnte sein, im Hintergrund schwingt mit, dass es rivalisierende Gruppen unter den Priestern gegeben hat, von Anfang an. Und dass sich hier so etwas wie ein „Gottesurteil“ abgespielt hat. „Jahwe entscheidet sich für den amtierenden (Hohen)Priester, im Ernstfall auch gegen dessen eigene Söhne.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.; S.108) Vorstellbar ist das, aber ich weiß nicht, ob der Text das wirklich trägt. Mir leuchtet eher die Skepsis ein, die sich hier zu Wort meldet: Es gibt im Handeln von Menschen in Sachen Glauben und Gottesverehrung, auch im Blick auf den Gottesdienst, Gutgemeintes, das keine Bestätigung findet. Auch nicht von Gott her.

  3 Da sprach Mose zu Aaron: Das ist’s, was der Herr gesagt hat: Ich erzeige mich heilig an denen, die mir nahe sind, und vor allem Volk erweise ich mich herrlich. Und Aaron schwieg.

            Was passiert ist,  ist ein „sprechendes Geschehen“ und deshalb ist die Suche der Ausleger nach dem Gotteswort, das Mose zitiert, überflüssig. In diesem Geschehen an Nadab und Abihu  erweist sich Gott als heilig und vor dem Volk als herrlich. Man wird sagen müssen: Es ist kein Schmusegott, der hier erkennbar wird. Kein harmloser lieber Gott. sondern einer zum Erschrecken. Einer, vor dem wir auch verstummen. Vor dem es uns die Sprache verschlägt.

            Es ist nur zu gut zu verstehen: Und Aaron schwieg. Was soll er auch sagen? Es trifft ihn als Vater doch ins Herz, wenn die Söhne so sterben. Vielleicht trifft es das: „Aaron erkannte mit tiefsten Erschrecken und tiefster Ehrfurcht das Handeln Gottes.“ (G. Maier, Das Dritte Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT, AT2; Wuppertal 1994, S.183) Auch mit einem unendlichen Schmerz im Herzen. Er sieht, aber versteht Gott in seiner Härte dennoch wohl nicht. Dieses Handeln Gottes ist ihm in seiner Strenge fremd.

„Ich bin verstummt und still und schweige fern der Freude                                             und muss mein Leid in mich fressen.                                                                                   Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun;                                                          denn du hast es getan.“                     Psalm 39, 3.10

            Es ist ein verwundetes Schweigen, nicht zuletzt, weil Mose seinen Schmerz zu scheinbar ungerührt theologisch deutet. Da ist nichts von Empathie und Mitgefühl in den Worten Mose´s zu spüren. Mich schauert es vor dieser „Kälte“, die nicht betroffen schweigt, mitleidet, sondern gleich eine Erklärung parat hat.

4 Mose aber rief Mischaël und Elizafan, die Söhne Usiëls, des Oheims Aarons, und sprach zu ihnen: Tretet hinzu und tragt eure Brüder von dem Heiligtum hinaus vor das Lager. 5 Und sie traten hinzu und trugen sie hinaus mit ihren leinenen Gewändern vor das Lager, wie Mose gesagt hatte. 6 Da sprach Mose zu Aaron und seinen Söhnen Eleasar und Itamar: Ihr sollt euer Haupthaar nicht frei hängen lassen und eure Kleider nicht zerreißen, dass ihr nicht sterbt und der Zorn über die ganze Gemeinde komme. Lasst aber eure Brüder, das ganze Haus Israel, weinen über diesen Brand, den der Herr angerichtet hat.

             Die Leichen werden von den Vettern weggeschafft. An Aaron und seine ihm verbliebenen Söhne Eleasar und Itamar aber ergeht ein strenges Trauer-Verbot. „Wenn der heilige Gott seine Ehre wieder herstellt – wie es durch die Bestrafung Nadabs und Abihus geschah – dürfen seine Priester nicht trauern. Ihre Trauer müsste als innere Distanz oder gar als Zweifel an Gottes Handeln verstanden werden.“(G. Maier, aaO.; S,184) Aus unserer Perspektive ist das unmenschlich.

            Mich erinnert dieses Trauerverbot an die Sophokles-Tragödie Antigone. Da ist es der König Kreon, der die Trauer  um Polyneikes, den Bruder der Antigone verboten hat. Sie aber übertritt dieses Verbot.  Hier wie dort ist die Frage danach zu stellen, wem ich in der Trauer verpflichtet bin – der familiären Bindung oder dem höheren Recht der Gottheit, des Staates. Und wir fragen – nicht ganz zu Unrecht: gibt es denn ein höheres Recht als die familiäre Bindung?

            Immerhin: Dem Volk, das Zeuge des ganzen Geschehens geworden ist, werden das Erschrecken und die Trauer nicht verboten. Sie dürfen über diesen Brand weinen. Meines Erachtens spricht dieser Satz auch gegen die Überlegung, hinter der ganzen Geschichte den Machtkampf zwischen zwei Priestergruppen zu sehen. In so einer Konstellation würden die Sieger niemals die Trauer um die Verlierer erlauben.

7 Ihr sollt auch nicht hinweggehen von dem Eingang der Stiftshütte, ihr würdet sonst sterben; denn das Salböl des Herrn ist auf euch. Und sie taten, wie Mose sagte. 8 Der Herr aber redete mit Aaron und sprach: 9 Du und deine Söhne, ihr sollt weder Wein noch Bier trinken, wenn ihr in die Stiftshütte geht, damit ihr nicht sterbt. Das sei eine ewige Ordnung für alle eure Nachkommen. 10 Ihr sollt unterscheiden, was heilig und unheilig, was unrein und rein ist, 11 und Israel lehren alle Ordnungen, die der Herr ihnen durch Mose verkündet hat.

            Es ist schlüssig, dass sich an die schlimmen Folgen des Fehlverhaltens eine deutliche Mahnung zu richtigem Verhalten anschließt, auch in Form von Verboten.  Immer geht es um das Verhalten, das in der Ausübung des Priesteramtes zu beachten ist, , wenn ihr in die Stiftshütte geht. Nicht in der priesterlichen Freizeit. Es sind rudimentäre Erinnerungen an diese Anweisungen, wenn sich mancherorts Pfarrerinnen und Pfarrer vor einem Abendmahls-Gottesdienst in Sachen Speisen freiwillig Zurückhaltung bis hin zu Kurzzeit-Fasten auferlegen.

          Aber auch Priester in Israel sind nicht immer im Dienst. „Außerhalb des Dienstes ist das Gläschen Wein demnach erlaubt.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.;  S. 113) Wenn sie aber im Dienst sind, dann gelten diese Verbote. „Bleibt nüchtern, damit ihr vernünftig unterrichten könnt!“ (E.S. Gerstenberger ebda.)

            Es wird wohl so sein: Ein betrunkener Priester macht nicht nur sich selbst zum Gespött, sondern auch seine Botschaft wird in den Spott gezogen. So gesehen ist es ein zwiespältiges Kompliment: Nichts Menschliches ist ihm fremd.

            Um der Botschaft willen müssen Priester unterscheiden können und unterscheiden lehren: heilig und unheilig, unrein und rein.  Das ist eine Grundaufgabe ihres Dienstes, in der sie teilhaben am Schöpfungshandeln Gottes. „Das Wort „trennen“ (hibdil) ist in einigen Texten des ATs ein Leitmotiv. So in der priesterlichen Schöpfungsgeschichte, in der die Lebenszonen voneinander geschieden werden müssen und zwar so, dass die Unheilsmächte (Chaoswasser, Dunkelheit, Nacht) klar auf eine Seite gehören.“ (E.S. Gerstenberger, aaO.; S. 115)

             Unterscheiden gilt also nicht nur im Blick auf das eigene Verhalten, sondern es ist auch ihre Lehraufgabe gegenüber dem Volk. Diese Unterscheidungsaufgabe von Priestern, Pfarrerinnen und Pfarrern und geistlichen Leitungspersönlichkeiten ist nicht widerrufen bis zu uns heute. Vieles, was heute für heilig erklärt wird, mag Priorität im Leben vieler haben – heilig ist es deshalb noch nicht. Und vieles, was heute nebensächlich erscheint, ist gleichwohl heilig, weil es auf Gott hinweist und von ihm herkommt.  

 

Barmherziger und heiliger Gott. Gib mir die Gabe der Unterscheidung, dass ich lerne, auch die Einfälle des eigenen Herzens zu prüfen. Gib mir die Gabe der Unterscheidung, dass ich nicht alles, was ich tue, schon deshalb für gut und richtig halte, weil ich es tue.

Gib mir die Gabe der Unterscheidung, dass ich die Ehrfurcht vor Dir lerne, aber der Furcht keine Macht über mich lasse, dass ich Deine Heiligkeit achte, dass ich in ihr aber immer zuerst sehe, dass die Mitte Deiner Heiligkeit Erbarmen ist. Amen